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8.553378 - DVORAK, A.: String Quartets, Vol. 8 (Vlach Quartet) - No. 3
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Antonín Dvořák (1841–1904): Streichquartette, Folge 8
Streichquartett Nr. 3 in D-Dur, B. 18

 

Nicht immer muss die Landschaft, in die ein schöpferischer Mensch hineingeboren wird, für ihn bestimmend werden. Im Falle Antonín Dvořák aber war es so. Er kam im Städtchen mit dem schwer aussprechlichen Namen Nelahozeves zur Welt, etliche Kilometer von Prag entfernt: allseits flaches Land, gelbe Felder mit Weizen und Korn, manches Wäldchen und Obstgärtchen, und eine Moldau, die träge dahinfließt; keine aufregende, keine heroische Landschaft, aber eine sehr warmherzige und seit alters her eine sehr fruchtbare und dörfisch dicht besiedelte. Dvořák liebte sie.

Seit Generationen waren die Dvořáks dieser Gegend Gastwirte und Fleischer gewesen, und auch Antonín sollte dieser Familientradition folgen. Doch den Ältesten von neun Kindern zog es zur Musik. Er spielte die Lieblingsinstrumente der Tschechen, die Klarinette, die Geige, den Dudelsack, wenig später auch die Orgel. In der Kirche wurde im Chor gesungen, in den Wirtshäusern zum Tanz aufgespielt, Dvořák ging „bei den Vögeln, den Blumen, bei Gott und bei sich selbst“ in die Lehre. Die Familie gab klein bei: Wenn schon Musiker, dann sollte er etwas Praktisches Solides werden: Organist. Auf dem Heuwagen eines Bauern—das kam billiger als die Eisenbahn—fuhren Vater und Sohn im Sommer 1857 in die Kilometer entfernte Hauptstadt Prag, wo Antonín in die Orgelschule eintrat. Äußerlich waren diese Jahre von bitterer Armut geprägt, innerlich aber eine Zeit des Sturm und Drang. Ein Freund besorgte ihm eine Arbeit als Bratschist in einem kleinen Privat-Orchester. Hier lernte er die Wiener Klassiker kennen, die ihm zum Idol wurden; hier aber erwachte auch seine große Liebe für Schubert, der er nie mehr abschwor. Bald lernte er auch die Musik Wagners und Brahms kennen, die ihm einen tiefen Eindruck machte.

In den folgenden Jahren brachte es Dvořák zu einem eher kärglichen Dasein als Musiklehrer und Orchesterleiter am Theater zu Prag. Wirtschaftliche Sorgen plagten ihn, wenngleich ihn das nicht hinderte, hunderte von Partiturseiten mit seiner penibel sauberen Notenschrift zu füllen. Werk auf Werk entstand, Kompositionen, die nur ein paar Freunde kannten. Unter ihnen fünf Symphonien, einige Opern sowie eine Menge Kammermusik. Dazu gehört auch das vermutlich um 1869 komponierte Streichquartett Nr. 3 in D-Dur. Von ihm sind nur die Stimmen überliefert, die Dvořák dem Geiger Antonín Bennewitz hinterließ; die Partitur indes hat er vernichtet. Gedruckt wurde das Quartett erst 1964. Ihr charakteristisches Gepräge erhält das Werk durch die starke Wirkung Wagners und die nationale Aufbruchstimmung Ende der 1860er Jahre. Womöglich wollte Dvořák sein Werk als ein musikalisches Manifest der slawischen Volksbewegung, als eine Huldigung an die tschechische Nation und ihren Freiheitskampf verstanden wissen. Dafür spricht nicht nur die ungewöhnliche Häufung in allen vier Sätzen von punktierten (“Mazurka”)-Rhythmen, sondern auch, dass Dvořák seinen dritten Satz aus einem Kampflied („Hej, Slované”) der tschechischen Nationalbewegung heraus entfaltete.

Mit etwa siebzig Minuten Aufführungsdauer dürfte Dvořáks Streichquartett wohl das längste Streichquartett der Welt sein; allein der erste Satz (Allegro con brio) benötigt etwa fünfundzwanzig Minuten. Bestimmt wird er von drei Elementen: einem energischen Hauptthema, einem zweiten, marschähnlichen aber dynamisch zurückgehaltenen Seitenthema und einem liedhaft schlichten Thema. Dazwischen schalten sich mehrere stets sehr lange Abschnitte ein, die in ebenso dramatischer wie kunstvoller Form sich mit den musikalischen Elementen auseinandersetzen. Das ständige Variieren und Fortspinnen der Motive und die wie Wellen sich ausbreitenden Momente der Verdichtung und Entspannung lassen Wagnerschen Einfluss erkennen.

Und auch im zweiten Satz (Andantino) ist die Wirkung Wagners nicht zu überhören. Die ständig extrem hohe Lage dieser unendlichen Melodie (erste Violine) und die fluktuierende rhythmisch unruhige Begleitung gemahnen an die schwebende entrückte Stimmung in Wagners Lohengrin. Der dritte Satz, Allegro energico, ist ein typisches Scherzo über das Kampflied „Hej, Slované”. Das Lied wird wörtlich zitiert und durch abgeleitete Passagen erweitert. Nachdruck verleiht ihm ein etwas statisches harmonisches Gewand. Ein tänzerisches Finale, ein Allegretto mit mächtiger Fortissimo-Coda, beschließt das Werk. Der Satz steigert sich in seinem Verlauf, sowohl dynamisch als auch rhythmisch.


Teresa Pieschacón Raphael


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