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8.553717 - FORQUERAY: Harpsichord Suites Nos. 2 and 4
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Antoine Forqueray (1672-1745)

Antoine Forqueray (1672-1745)

Cembalosuiten Nr. 2 und 4

Antoine Forqueray erlangte Bekanntheit als einer der bedeutendsten Gambisten seiner Zeit. Er war der Sohn des Tanzmeisters und Violinisten Michel Forqueray und Erbe einer langen Familientradition. Angeblich war die Familie Forqueray schottischen Ursprungs; einer der Vorfahren soll zum Gefolge der Maria Stuart gehört haben, als diese zu ihrer Vermählung mit dem Dauphin Franz II., dem ältesten Sohn aus der Ehe von Heinrich II. und Katharina von Medici, im Jahre 1548 nach Frankreich kam. Antoine Forqueray trat bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Violoncello vor Ludwig XIV. auf. Es war der Beginn seiner Verbindung zum Königshaus, die 1689 — in der Nachfolge des Komponisten und Gambenspielers Gabriel Expilly, zu seiner Anstellung als Musicien ordinaire de la chambre du roy führte. Später wurde er zum Chantre de la chambre du roy ernannt, eine Position, die er bis 1742 inne hatte. 1697 ehelichte er die Cembalistin Henriette-Angélique Houssu, die ihn bei seinen Auftritten begleitete. Ihr erster Sohn, Jean-Baptiste-Antoine, wurde 1699 geboren; die Ehe litt jedoch unter mehreren Trennungen und Versöhnungen und wurde schließlich im Jahre 1710 endgültig gelöst. Entweder aus beruflicher Eifersucht oder aus privaten Gründen ließ Antoine Forqueray seinen Sohn in Bicêtre ins Gefängnis sperren und überredete 1725 den Regenten, ihn aus Frankreich auszuweisen — ein Urteil, das jedoch durch Intervention von Jean-Baptistes einflussreichen Freunden und Anhängern wieder aufgehoben wurde. Antoine Forqueray verließ Paris im Jahre 1731 und ließ sich in Mantes nieder, wo er — ab 1736 als Hofpensionär — den Rest seines Lebens verbrachte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand er dem großen Gambisten der früheren Generation, Marin Marais, nicht nach: er trat mit führenden Musikern seiner Zeit, dem Lautenisten Robert de Visée, dem Cembalisten Jean-Baptiste Buterne und dem Flötisten René-Pignon Descoteaux auf. Zu seinem Schülerkreis zählten der Herzog Philippe von Orléans, Regent nach dem Tode Ludwigs XIV. im Jahre 1715, sowie der im Exil lebende Kurfürst Maximilian II. Emanuel. Forqueray spielte beim Empfang für Maria Lesczinska anlässlich ihrer Heirat mit dem jungen Ludwig XV. und erhielt eine Pension vom Kurfürsten von Köln, Joseph Clemens, der vorübergehend in Frankreich im Exil lebte.

Forqueray repräsentierte eine neue Schule des französischen Gambenspiels, die vom modischen Goût italien beeinflusst war. Hubert Le Blanc beschrieb ihn in seiner Défense de la basse de viole contre les entreprises du violon et les prétentions du violoncel als „quinteux, fantasque et bizarre" (irritant, merkwürdig und bizarr), während er wegen der Versöhnung von französischer Harmonie und italienischer Melodik lobende Erwähnung finde. Zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1745 ließ Jean-Bapiste fünf von dreihundert Antoine Forqueray zugeschriebenen Suiten im Druck erscheinen. Er veröffentlichte sie unter dem Titel Pièces de viole avec la basse continuë composées par Mr. Forqueray le père mises en pièces de clavecin par Mr. Forqueray le fils in zwei Fassungen, für zwei Gamben und für Cembalo. Jean-Baptiste Forqueray hatte es als ausübender Musiker zu vergleichbarer Bekanntheit gebracht: 1726 war er von Quantz an die Pariser Opéra berufen worden, wo er mit Marin Marais’ Sohn Roland-Pierre zusammenarbeitete, und 1737 brachte er mit Michel Blavet, Giovanni Battista Marella und Joseph-Barnabé l’Abbé Quartette von Telemann während dessen achtmonatigen Pariser Aufenthalts zur Uraufführung. 1732 heiratete er Jeanne Nolson, die Tante der Cembalistin Marie-Rose Du Bois, die vermutlich an den 1747 veröffentlichten Cembalo-Bearbeitungen beteiligt war. Im Jahre 1742 folgte er seinem Vater als Chantre de la chapelle du roy nach und 1761 trat er in die Dienste von Louis François I, des Prinzen von Conti. Wie sein Vater konnte auch er sich namhafter Schüler wie Henriette-Anne, Tochter Ludwigs XV., und Ludwig von Orléans, dem Sohn des Regenten, rühmen. Mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm unterhielt er ab 1766 einen Briefwechsel, der ein interessantes Licht auf die zeitgenössiche Art des Gambenspiels wirft.

Die fünf für Tasteninstrument transkribierten Suiten bewahren den ursprünglichen Tonumfang der Gamben und beschränken sich auf das mittlere und untere Register des Cembalos. Der Part der Sologambe erscheint in der Oberstimme, während die begleitende, leicht verzierte Bass-Stimme von der linken Hand gespielt wird. Die Harmonien werden erweitert, während die Hinzufügungen im wesentlichen solche waren, die ein Continuospieler normalerweise beim Lesen des bezifferten Basses verwenden würde. Die Titel der einzelnen Stücke scheinen eher von Jean-Baptiste als von seinem Vater zu stammen, beziehen sie sich doch häufig auf Zeitgenossen des Sohnes.

Die Suite Nr. 2 beginnt lebhaft mit La Bouron, der sich La Mandoline, ein mit „point trop vite et d’aplomb" (nicht zu schnell und gleichmäßig) überschriebenes Rondeau anschließt. Die sieben Couplets, teilweise mit ungewöhnlichen harmonischen Wendungen, werden durch variierte Formen des Hauptthemas, das schließlich in arpeggierter Gestalt erscheint, voneinander getrennt. La Du Breuil ist eine Loure, ein Tanz, der einer langsamen Gigue ähnelt. Mit dem Titel würdigt der junge Forqueray den Maître de clavecin und Theoretiker Jean Dubreuil. Das intrikate Le Leclair bezieht sich auf den berühmten Violinisten und Komponisten Jean-Marie Leclair, der ebenfalls als Musicien ordinaire de la musique du roy am Hofe Ludwigs XV. diente. Es folgt eine Chaconne mit dem Titel La Buisson, der vermutlich auf René du Buisson anspielt, einen in Paris ansässigen Cembalisten. Das Stück folgt der barocken Variationsform über einem wiederholten Bass und verbindet dies mit der Form des Rondeau mit einer Couplet-Folge, die von einem wiederkehrenden Hauptthema eingerahmt wird.

Die Suite Nr. 4 beginnt mit La Marella, einem Stück mit punktierten Rhythmen. Mit dem Titel würdigt Forqueray seinen Musikerkollegen Giovanni Battista Marella, mit dem zusammen er 1737 die Telemann-Quartette aufführte. Es folgt La Clément mit der Bezeichnung „noblement et détaché" (erhaben und abgesetzt) für Charles-François Clément, der 1743 seine eigenen Triosonaten Forqueray und dessen Frau gewidmet hatte. Einige Jahre später sollte sich Cléments Hochzeit mit seiner Schülerin Rosa Giovanna Balletti, der Tochter der als Sylvia bekannten Tänzerin, zerschlagen, nachdem Casanova auf der Bildfläche erschienen war. Clément komponierte Werke für die Bühne und veröffentlichte Sammlungen von Cembalo-Stücken. Die Sarabande La D’Aubonne soll „avec beaucoup de goût et sentiment" (mit viel Geschmack und Gefühl) gespielt werden; ihre feierliche Stimmung leitet zu einem schnelleren Stück über: La Bournonville, dessen Titel sich auf den Cembalisten Jacques de Bournonville aus Antoine Forquerays Generation bezieht, der Rameau als zumindest ebenbürtig galt.

La Sainscy ist ein Rondeau mit vier Couplets. Die Suite endet mit Le Carillon de Passy, einem weiteren Rondeau, welches das lebhaftere La Latour einrahmt. Der Titel bezieht sich vermutlich auf das Schloss Passy, das 1747 von Rameaus Gönner La Pouplinière erworben wurde, sowie auf den Pastell- und Porträtmaler Quentin de La Tour, der zum selben Pariser Kreis gehörte — vielleicht aber auch auf den Sänger La Tour.

Die anderen hier aufgenommenen Stücke vervollständigen die in einer früheren Naxos-Einspielung (8.553407) vorgestellten Suiten. Die Allemande La Laborde verdankt ihren Titel einem der bedeutendsten französischen Musikschriftsteller jener Zeit, dem auch als Komponist und Violinist bekannten Jean-Benjamin de La Borde, der später eine wichtige Position am Hof als Vertrauter des Königs bekleidete. Er war ein Schüler Rameaus, und seine Freundschaft mit Voltaire und Beaumarchais spricht für die vielseitigen Interessen dieses Musikers. Sein vierbändiger Essai sur la musique ancienne et moderne ist ein gigantisches Wissensdokument der Epoche. Weiterhin entwickelte er eine chromatische Tastatur mit 21 Noten innerhalb der Oktave für ein von Germain gebautes Instrument. La Borde war ein Opfer der Revolution und wurde 1794 hingerichtet.

La Morangis ou la Plissay, deren Titel sich wahrscheinlich auf die südlich von Paris gelegene Stadt bezieht, ist eine Chaconne von Jean-Baptiste Forqueray und beendet die dritte veröffentlichte Suite. La Rameau, eine Hommage an einen der berühmtesten französischen Komponisten der Zeit — mit der Vortragsbezeichnung „majestueusement" — leitet die fünfte Suite ein. Dort folgt ihr das lebhafte Stück La Guignon, dessen Titel auf den italienischen Violinisten Jean-Pierre Guignon (Ghignone) anspielt, der ebenso wie Leclair in Turin Schüler von Somis war. Guignon war mit Jean-Baptiste 1727 in Rennes aufgetreten, trat in den Dienst des Prinzen von Carignan und wirkte zwischen 1733 und 1762 als Musicien ordinaire de la musique du roy. Er gehörte ebenfalls 1737-38 zu der o.e. Telemann-Quartettbesetzung. Die Sarabande La Léon mit der Vortragsbezeichnung „tendrement" erscheint mit der Anmerkung, dass die Oberstimme fast nie direkt mit dem Bass gespielt wird und entsprechend notiert ist.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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