About this Recording
8.553784 - MARTINU, B.: String Quartets Nos. 4, 5 and 7 (Martinu Quartet)
English  French  German 

Bohuslav Martinu (1890-1959)

Streichquartette Nr. 4, 5 und 7

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu wurde 1890 in der ostböhmischen Stadt Policka geboren. Sein Vater hatte das Schusterhandwerk gelernt, war zugleich aber auch der Turmwächter von Policka und lebte mit seiner Familie in dem Glockenturm der Kirche

St. Jakob, dem höchsten Aussichtspunkt der Stadt, von wo aus er darüber zu wachen hatte, dass Policka nicht noch einmal einen so verheerenden Brand erlebte wie in früheren Jahren.

Hier erblickte Martinu das Licht der Welt. In seiner Kindheit erhielt er Geigenunterricht bei einem Schneider der Stadt, und 1905 machte er sich einen Namen in der Gegend, als er nämlich in Policka sein erstes öffentliches Konzert gab. Zur selben Zeit widmete er einige Aufmerksamkeit der Komposition, wobei es ihm aber sowohl an der richtigen Anleitung als auch am nötigen Notenpapier fehlte, das er dazu gebraucht hätte. Dank der Großzügigkeit einiger Bürger von Policka konnte er 1906 nach Prag reisen, wo er tatsächlich einen Ausbildungsplatz am Konservatorium bekam und wo seine Drei Reiter für Streichquarett einen vorteilhaften Eindruck hinterließen.

Ihm widerstrebte allerdings die Routine der Geigenausbildung am Konservatorium, denn es zog ihn zu einem weniger eingeengten Musizieren hin. Demzufolge wurde er 1909 in die Orgelabteilung versetzt und dann 1910, nachdem er auch hier nichts Sonderliches geleistet hatte, des Konservatoriums verwiesen. Dessen ungeachtet blieb er in Prag, wo er sich jetzt ganz aufs Komponieren verlegte und es soeben schaffte, sich als Lehrer zu qualifizieren.

Da Martinu aus gesundheitlichen Gründen für den Militärdienst nicht tauglich war, konnte er während der Kriegsjahre in seiner Heimatstadt Geigenstunden geben. 1918 wurde er Mitglied der Tschechischen Philharmonie, und hier verbreiterte sich sein musikalischer Horizont, indessen er weiterhin Werk auf Werk komponierte. Kurze Zeit unterrichtete ihn Josef Suk am Konservatorium, dann versetzte ihn 1923 ein Stipendium in die Lage, bei Albert Roussel in Paris zu studieren.

In den folgenden Jahren wurde Martinus Musik immer häufiger aufgeführt. Dafür sorgten vor allem Václav Talich in der neu gegründeten Tschechoslowakei, Paul Sacher und Ernest Ansermet in der Schweiz, Henry Wood in England, Charles Munch in Frankreich und Serge Koussevitzky in den USA. 1931 hatte sich Martinu in Paris immerhin soweit etabliert, dass er die junge Modistin Charlotte Quennehen ehelichen konnte. Wirklichen Komfort konnte er freilich mit seinen Einkünften nie gewährleisten.

Die deutsche Besetzung und Annexion der Tschechoslowakei im Jahre 1939 waren ein beängstigendes Alarmsignal, das größere Konflikte ankündigte. Im Juni 1940 floh das Ehepaar Martinu schließlich, ganze vier Tage, bevor die Deutschen in Paris einmarschierten. Der Fluchtweg war kompliziert: Er führte zunächst nach Portugal, dann auf die Bermudas und endlich nach New York, wo die Martinus Ende März 1941 eintrafen. In den USA erhielt der Komponist etliche Aufträge. Für die Koussevitzky-Stiftung schrieb er seine erste Sinfonie; der Geiger Mischa Elman bestellte ein Violinkonzert — und im Laufe der Jahre entstanden unter anderem vier weitere Sinfonien.

Nach Kriegsende wollte Martinu eigentlich nach Prag zurückkehren, als ihm die dortige Akademie für Musik und Schauspiel eine Professorenstelle für Komposition anbot. Doch die Europareise musste aufgeschoben werden, nachdem er in Tanglewood, wo er damals Vorträge hielt, schwer gestürzt war. Als 1948 dann die Kommunisten an die Macht kamen, war die Rückkehr in die Heimat vollends unmöglich geworden. Martinu blieb noch fünf Jahre als Professor für Komposition im amerikanischen Princeton und kam 1953 wieder in die Alte Welt. Bis 1955 lebte er in Nizza, dann ging er noch einmal für ein Jahr als Lehrer an das Curtis Institute nach Philadelphia, und endlich übernahm er eine Stelle an der American Academy in Rom. Anschließend lebte er noch einige Zeit in Nizza, bevor er die letzten Lebensjahre in der Schweiz verbrachte, wo er 1959 einem Krebsleiden erlag.

Martinu war ein enorm fleißiger Komponist, der sich anscheinend nicht sonderlich um das Schicksal seiner Kreationen sorgte. Da er oft genug auf die Revision seiner Werke verzichtete, entstand ein qualitativ und stilistisch disparates Œuvre. In den 1930er Jahren wandte er sich allerdings immer deutlicher thematischen Materialien seiner heimatlichen Volksmusik zu, sodass man ihn mehr und mehr als Tschechen erkennen konnte. Während seines siebzehnjährigen Aufenthalts in Paris absorbierte er freilich auch eine Fülle aktueller französischer und internationaler Einflüsse. Seine sieben nummerierten Streichquartette entstanden zwischen 1918 und 1947.

Sein viertes Streichquartett schrieb Martinu im April und Mai 1937 in Paris, nachdem er sich immer deutlicher den böhmischen und mährischen Inspirationsquellen zugewandt und diese in seine Tonsprache integriert hatte. Das Stück entstand im Auftrag eines in Paris lebenden Tschechen und wurde im Juni 1938 bei einem Privatkonzert im Hause des Gönners von dem Quatuor Lejeune uraufgeführt. Danach muss es in Vergessenheit geraten sein, bis es 1956 wieder auftauchte. Der erste Satz ist in Sonatenhauptsatzform gehalten und entwickelt sich tonal von einem vermeintlichen e-Moll bis zum abschließenden B-Dur. Der vierzehntaktige Anfangsabschnitt mit seiner kantigen Melodie erreicht einen gesanglicheren zweiten Teil, der mit einer tiefen Wiederholungsfigur beginnt; anschließend folgt ein kurzer, mit poco largamente bezeichneter dritter Abschnitt. Die Durchführung arbeitet durchweg mit knappen Figuren und endet damit, dass das Violoncello zur Reprise zurückführt, in der die beiden ersten Teile der Exposition wiederholt werden, bevor sich die Coda anschließt. Der zweite Satz ist ein impulsiv vorangetriebenes Scherzo, dessen äußere Abschnitte ein lyrisches Trio umschließen, in dem die Melodie zunächst der ersten Violine und dann dem Violoncello übertragen ist. Scherzo und Trio werden vor der geschäftigen Coda wiederholt. Mit einer klagenden Melodie leitet die Bratsche das Adagio ein. Der Satz stellt sich als verkürztes Rondo dar, dessen Mittelteil mit aufsteigenden Figuren des Violoncellos und der Viola sowie einem aufsteigenden Glissando der zweiten Violine beginnt. Die Bratsche führt dann zur Wiederholung des ersten Abschnitts zurück. Das Quartett endet mit einem ausgewachsenen Rondo, dessen eindeutig tschechisch konturiertes Hauptthema sich aus einer Anfangsfigur entwickelt und sich auf die eine oder andere Weise zwischen den Episoden Gehör verschafft. Das Rondo endet mit einer kraftvollen Coda und einem emphatischen G-Dur-Akkord.

Auch das fünfte Streichquartett, das Martinu im April und Mai 1938 in Paris komponierte, war rund zwanzig Jahre vergessen. Es ist dem belgischen Pro Arte Quartett gewidmet, das es damals aber vor dem bekannten politischen Hintergrund nicht mehr uraufführen konnte. Die Premiere fand schließlich 1958 in Prag statt. Die eigentliche Widmungsträgerin war Vitezslava Kaprálová, eine Tochter des Komponisten Václav Kaprál, die mit Martinu zum Studium nach Paris gegangen war. Die Partitur reflektiert etwas von der Beziehung und den Differenzen, die das Ende bedeuteten. Der erste Satz beginnt mit schroffen, dissonanten und perkussiven Akkorden, die sich in einen eher tschechisch gefärbten Gedanken auflösen, während die thematischen Zellen in einem durchweg düsteren Kontext gehalten sind; nur selten wird das stürmische Voranschreiten der Musik durch einige kurze lyrische Pausen unterbrochen. Am Ende des Satzes führen Bratsche und Violoncello zu einem langsamen Schluss, indessen die erste Violine einen hohen Ton aushält. Die erste Violine intoniert dann auch die traurige Melodie des Adagio, wobei sie von Pizzikato-Einwürfen der Viola und den sordinierten Tönen der zweiten Violine und des Cellos begleitet wird. Das strenge, heftige Scherzo umrahmt ein Trio, an dessen Ende Pizzikati der beiden Violinen stehen. Anschließend wird der Scherzo-Teil wiederholt. Die langsame Einleitung des Finales beginnt mit einer eindringlichen Geigenmelodie, die dann vom Violoncello übernommen wird. Von hier aus führt der Weg zu einem kraftvollen Unisono am Anfang des Allegro-Teils, und diese Struktur tritt an wichtigen Punkten des Satzes immer wieder in Erscheinung. Die Coda erinnert zum Teil an Material aus der Einleitung und anderen Stellen des Satzes. Das Werk endet mit kraftvollen Akkorden.

Das als Concerto da Camera bezeichnete siebte Streichquartett entstand im Juni 1947 in New York und markiert eine neuerliche stilistische Entwicklung des Komponisten, der sich jetzt einer größeren klassischen Einfachheit befleißigte. Das Werk scheint Joseph Haydn verpflichtet und ist demzufolge von äußerst klaren Strukturen geprägt. Am Anfang steht ein Allegro F-Dur in freier Sonatenform. Das Andante mit seinen charakteristischen Tonartenwechseln ist von tschechischem Ausdruck; sein erstes Thema wird von der ersten Violine vorgestellt und führt später zu einer Schlusspassage, in der sich Violoncello und Bratsche melodisch überlappen. Das Finale mit seinem wohlgemuten Hauptthema ist wieder in freier Sonatenform gehalten.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window