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8.553785 - BANCHIERI: Il Zabaione Musicale
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Adriano Banchieri (1568-1634) II Zabaione musicale

Adriano Banchieri (1568-1634)

II Zabaione musicale

Festino nella sera dei giovedi grasso avanti cena op. 18

 

Unter den Akademikern seiner Zeit war dieser ebenso eigenartige wie vielseitige und unermüdliche Theoretiker und Komponist als "II Dissonante" bekannt. Doch Adriano Banchieri pflegte sich lieber nach seinem Geburtsort Bologna mit "Adriano di Bologna" zu bezeichnen; hier war er am 3. September 1568 geboren worden, hier verbrachte er die größte Zeit seines Lebens und hier starb er mit sechsundsechzig Jahren an einem Schlaganfall.

 

Vieles weiß man von ihm nicht. Zeitgenossen schildern ihn als einen ungetrübt friedfertigen Charakter, mit einem stets zu Späßen bereiten Geist, der zuweilen zu Bizarrerie neigte. Sein Weltbild war von der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod getragen und somit ganz den Gedanken der (katholischen) Gegenreformation verpflichtet.

 

Das hing wohl auch damit zusammen, daß Banchieri, noch keine zwanzig Jahre alt, in das Olivetanerkloster San Micheie in Bosco (nahe Bologna) eingetreten war und zwei Jahre später die Mönchsweihen erhalten hatte. Aufenthalte in Klöstern außerhalb Bolognas führten ihn nach Siena und nach Lucca, wo er von dem Domorganisten und Adrian Willaert-Schüler Giuseppe Guami Orgelunterricht erhielt. 1596 begann seine Tätigkeit als Organist an San Micheie in Bosco. Fortan sollte er im Musikleben Bolognas eine bedeutende Rolle spielen. 1614 gründete er in seiner Vaterstadt die Accademia de' Floridi, aus der sich später die berühmte Accademia Filarmonica bildete. Er pflegte Kontakte zu den berühmtesten Komponisten seiner Zeit; mit dem gleichaltrigen Claudio Monteverdi verband ihn gar eine innige Freundschaft. Für das Jahr 1620 wird sogar ein offizieller Besuch Monteverdis in der Accademia bezeugt.

 

In späteren Jahren leitete Banchieri in den Räumen seines Klosters eine Musikschule, für deren Zöglinge er vermutlich auch zahlreiche seiner musiktheoretischen und liturgischen Lehrbücher und Traktate schrieb. Sein außerordentlich reichhaltiges Schaffen, das der musikalischen Theorie und Spekulation, aber auch der praktischen Komposition und der Poesie gewidmet ist, weist äußerst verschiedenartige Einflüsse auf. Offenbar wollte er sein gesamtes Werk mit der Zahl 50 beschließen, eine Zahl, die er an anderer Stelle als vollkommen bezeichnete.

 

Auf literarischem Gebiet, als Autor von Novellen, Gedichten und Kurzkomödien, wurde ihm allerdings kein gutes Zeugnis ausgestellt. In seinen Komödien folgte er einem seit dem 16. Jahrhundert bestehendem Schema. Einige Originalität zeigte er lediglich in der Verwendung des Dialekts. Er selbst dürfte von seinen literarischen Fähigkeiten nicht allzuviel gehalten haben, bevorzugte er seine Erzeugnisse doch unter Verwendung skurriler Pseudonyme wie "Camillo Scaliggeri" oder "Attabalippa dal Peru" zu veröffentlichen.

 

In der Musik indes findet sich eine andere Selbsteinschätzung. Hier beruft er sich auf Autoritäten wie Palestrina und Marenzio, deren Werke er auch bearbeitete. ,,10 san musica... Ich bin Musiker", sagte er einst von sich selbst und bekundete damit ein Selbstbewußtsein, das sich auch in seinem Drang zur Inventarisierung niederschlug. Davon zeugen drei Werkverzeichnisse, sowie die ziemlich systematische Verwendung von Opuszahlen.

 

Wenngleich Banchieri den Musiker strikt von dem Dichter Banchieri getrennt wissen wollte, so konnte er letzteren doch nicht verleugnen. Besonders seine Madrigalkomödien stehen seiner literarischen Produktion am nächsten und künden von einer engen Verbindung von Dichtung und Musik; so auch in den beiden fünfstimmigen Madrigalkomödien II Zabaione musicale und Festino nella sera dei giovedi grasso avanti cena op. 18. Erstere wurde in Mailand im Jahre 1604 veröffentlicht und behandelt Themen aus der griechischen Mythologie; letztere basiert auf Motiven der commedia delI' arte (Venedig 1608).

 

II Zabaione musicale ist dreiaktig angelegt; nach einer Introduzione (Einleitung) und dem typisch arkadischen Prolog des L 'Humor Spensierato (Die sorgenfreie Laune) folgt ein Intermedio di felici (Intermezzo der glücklichen Schäfer) für zwei Chöre, eine Lobeshymne auf die Freuden der Liebe. Mit Progne e Filomela (Prokne und Philomele) kippt die übermütige Stimmung in Melancholie über. Banchieri greift hier die Sage um Prokne auf, die ihren Gatten, den thrakischen König Tereus, darum bittet, ihre Schwester Philomele an den Hof holen zu dürfen. Überwältigt von Philomeles Schönheit sperrt Tereus diese in eine Burg und vergewaltigt sie. Damit sie nicht schreien kann, reißt er ihr die Zunge heraus. Seiner Gemahlin versichert er, daß ihre Schwester tot sei. Die stumme Philomele indes beschließt, ihre Leidensgeschichte auf einen Teppich darzustellen, den sie Prokne durch einen Knecht zukommen läßt. Prokne erfährt die Wahrheit und sinnt auf Rache. Sie zerrt ihren Sohn Itys, der ihrem Gatten sehr ähnlich sieht, in einem abgelegenen Raum, erdolcht ihn, zerstückelt die Leiche und setzt sie Tereus als Mahlzeit vor. Als der König erkennt, was er gegessen hat, will er beide Schwestern umbringen; doch diese verwandeln sich in zwei Vögel: Prokne in eine Nachtigall und Philomele, weil sie keine Zunge hat, in eine Schwalbe, die nur zwitschert.

 

Den zweiten Akt eröffnet das Intermedio di pignattari (Intermezzo des Kochtopfverkäufers). Die Textvorlage stammt aus einer Sammlung fünfstimmiger Madrigale, die von Manilio Caputi veröffentlicht wurde. Es schließt sich das Lamento eines Schäfers an nach einem Text von Agostino da Padova. Ihm folgt Tirsi e Clori (Thyrsis und Chloris) und der Dialog zwischen dem Schäfer Amyntas und der Nymphe Daphne, sowie Cupidos Prophezeiung.

 

Für den Beginn des dritten Aktes verarbeitete Banchieri mit der Klage eines Liebenden (Ergasto appassionato) einen eigenen Text. Danach besingen die zwei Schäfer, Silvio und Carino, ihre Angebeteten Amaryllis und Phyllis und messen ihre Kräfte (Gara amorosa dei pastori; Liebeswettbewerb der Schäfer). Nach dem Tanz der Nymphen und Schäfer klingt die Madrigalkomödie mit dem Auftritt von L 'Humor Spensierato aus.

 

Festino nella sera dei giovedi grasso avanti nimmt die Stimmung des übermütigen Improvisationstheaters der commedia deli' arte auf mit ihren typischen Motiven und Charakteren, wie etwa die Figur des Alten (Pantalone). Jedes der Madrigale stellt eine Szene dar, eine besonders amüsante ist jene mit den lustigen Tierlautimitationen (XII. Contrapunto bestiale alla mente). Banchieri erweist sich hier dem Volksleben mehr zugeneigt als den verfeinerten höfischen und gelehrten Kreisen. Banchieris Sicht ist die des Bürgertums, dem er selbst angehörte. Die Tatsache, daß er nie im höfischen Dienste stand, mag einer der Gründe sein, weshalb ihm gerade das Höfische reine Konvention erschien. Sein unmittelbare( und volkstümlicher Realismus, sein geistreiches Dialektgemisch, die zügige Rhythmik, scharfe Charakteristik der Bilder und Inhalte und virtuose Tonmalerei ergeben ein abwechslungsreich gearbeitetes Ganzes, in dem sich altes Volksgut mit der hohen polyphonen Kunst des Madrigals verbindet. Insofern kann er sich mit den Madrigalkomödien Orazio Vecchis messen, wenngleich er dessen stilistische Einheitlichkeit nicht erreichte.

 

@ 1997 Teresa Pieschac6n Raphael

 


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