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8.553833 - MACHAUT: Messe de Nostre Dame (La) / Le Voir Dit
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Guillaume de Machaut (etwa 1305–1377)

Messe Nostre Dame
Lieder aus Le Voir Dit

 

Verehrte Leser und Hörer: Stellen Sie sich beim Hören der NosIre-Dame-Messe von Guillaume de Machaut vor, Sie säßen in der Kathedrale von Reims, direkt hinter dem Hochaltar, und gegenüber, in westlicher Richtung, stünde der singende Chor. Sie hätten dann das Gefühl, die Musik von überallher zu vernehmen, könnten das Klanggeschehen nicht lokalisieren. Vielleicht folgte llir Blick—auf der Suche nach der Schallquelle—dem geheimnisvollen Licht der farbigen Verglasung, wanderte an Säulen und Pfeilern entlang in unermeßliche Höhen. Spätestens jetzt fühlten Sie sich der profanen Welt weit entrückt, etwas Unirdisch-Körperloses umhüllte Sie, ließe Maßübertragung und Größenempfinden vom eigenen Körper her unmöglich werden.

Solche durch Musik verstärkte mystiscFl-transzendentale Wirkung gotischer Sakralbauten war beabsichtigt und genau kalkuliert—so auch bei der 1211 begonnenen Kathedrale von Reims. Pilaster und Gebälk wurden einer arithmetischen Ordnung unterworfen. Auch die raumakustischen Möglichkeiten wurden erforscht. Man erkannte, daß die reflektierenden Schallwellen der hohen Töne das Klanggeschehen am besten orten ließen. Demzufolge suchte man sie möglichst einzudämmen; die mittleren und tiefen Klanganteile werden durch die Architektur begünstigt. Der Rest oblag nun dem Tonschöpfer, in diesem Falle dem bedeutenden Dichter, Musiker, Kleriker und Diplomaten Guillaume de Machaut. Um 1300 war er in Reims geboren worden, wo er 1377 auch starb, nachdem er etliche auch politisch einflußreiche Positionen bekleidet hatte, unter ihnen die des Sekretärs des Grafen von Luxemburg und Königs von Böhmen. Dieser schätzte ihn sehr und verschaffte ihm verschiedene Benefiziate, wie das Kanonikat an der Kathedrale von Reims 1337.

Reims war damals das blühende Zentrum einer reichen Grafschaft, eine geschäftige Handelsstadt und eine geistliche Hochburg. Nach altem Brauch wurden hier die französischen Könige gekrönt. Eine alte Theorie besagt, Machaut habe die NosIre-Dame- Messe für die Krönung Karls V. im Jahre 1364 geschrieben. Doch nichts ist über die Umstände bekannt, unter denen sie entstanden ist. Der Titel indes läßt darauf schließen, daß Machaut sie zu Ehren der Heiligen Jungfrau schrieb, der die Kathedrale auch gewidmet ist. Machaut setzte die sechs Meßteile vierstimmig, weshalb die Messe als erste vollgültige mehrstimmige Messe der Musikgeschichte gilt. Kyrie, Sanctus, Agnus dei und das mehrtextige Ite missa sind auf liturgischen Formeln aufgebaut und in einem der Motette ähnlichen Stil abgefaßt.

Hier schlägt sich das konstruktivistische und zahlenbewußte Denken Machauts Zeit nieder. Er gestaltet die Meßteile nach dem Prinzip der “isorhythmischen Motette”. Jeder Teil der Messe verwendet einzelne Perioden, die in allen Stimmen rhythmisch gleich gebaut sind. Aufeinanderfolgende Teile der Komposition werden nach einer vorgegebenen, mehrere Takte umfassenden Rhythmusfolge rhythmisch gleich, melodisch jedoch verschieden gestaltet, eine Kompositionstechnik, die in der Musik der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts, der “seriellen Musik” , wiederauflebte. Die textreichen Teile Gloria und Credo sind im Kantilenensatz gesetzt, mit führender Oberstimme und eventueller Verwendung von Instrumenten in den textfreien Takten.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Messe Nostre Dame vertonte Machaut Verse aus Le Voir Dit, seiner Dichtung, die in 9.094 Versen den Briefwechsel mit der womöglich erfundenen jungen Adligen Peronne wiedergibt. rn dem Brief zur Ballade 32, Plourez dames, heißt es im Sommer 1362: “Ich schicke Dir diese Ballade, die meinem Kummer Ausdruck gibt. Ich bitte Dich, das Ued zu lernen, es ist nicht schwer, und die Musik ist wunderbar.”

Die Ballade 33, Nes qu’on porroit (April 1363), ist ähnlich strukturiert, wenngleich der Text im beiliegenden Brief ganz anders lautet: Er, Machaut, habe dieses Stück in glücklicher und freudiger Stimmung komponiert und sei sehr stolz darauf. Dann teilt er einige Vortragsanweisungen mit und den Vorschlag, jemand solle es für Orgel, Dudelsack oder andere Instrumenten bearbeiten.

Den Rundgesang 4, Sans cuer dolens, behauptet Machaut am 12. Mai 1363 komponiert zu haben, nachdem er Peronne zum ersten Mal gesehen habe. Vermutlich handelt es sich um eine älteres Stück, denn es läßt sich in einer Sa1mrIlung von etwa 1350 nachweisen. Longuement me sui, ein zwölf trophen umfassender Lai 13 (ein unstrophisch angelegter, metrisch unterschiedlicher Gesang) behandelt eine allegorische Episode: Machaut zu Besuch bei der Hoffnung, der dieser Gesang gewidmet ist.

Der Rundgesang 18, Puis qu’en oubli, findet sich nicht in den Briefen, in seiner Art entspricht er aber der Beschreibung in einem an Peronne am 29. September 1363 verfaßten Schreiben: “Ich schicke Dir diesen Rundgesang, dessen Text und Vertonung ich vor einiger Zeit machte. Den Tenor und Kontratenor habe ich neu gesetzt; mir erscheint er jetzt viel besser.” Unbeeindruckt antwortete Peronne: “Ich bitte Dich, mir andere Gesänge zu schicken.”

Dix et sept wird in Briefen mehrmals erwähnt; Ende Juli 1363 sandte er den Text mit dem Vermerk, er enthalte—verschlüsselt—die Buchstaben Peronnes. “Es ist eines der besten Dinge, die ich in den letzten sieben fahren gemacht habe.”


©1996 Teresa Pieschacon Raphael


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