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8.553955 - VAUGHAN WILLIAMS: Job / The Lark Ascending
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Ralph Vaughan Williams (1872-1958)
Job
The Lark Ascending

 

Ralph Vaughan Williams war der bedeutendste englische Komponist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu einer Zeit, da auch auf der britischen Insel die Vorherrschaft der deutsch-österreichischen Musik noch ungebrochen war, setzte er sich als einer der ersten Komponisten seines Landes für die Rückbesinnung auf eine nationale Musik ein. Dabei schöpfte er ebenso aus den reichen Quellen der englischen Volksmusik wie aus der vielseitigen Chorliteratur des Landes, vor allem der Musik von Thomas Morley, William Byrd und Henry Purcell.

Der am 12. Oktober 1872 geborene Pfarrerssohn aus Gloucestershire erhielt schon im Kindesalter Klavierunterricht und studierte von 1890 bis 1897 am Royal College of Music in London unter anderem bei Hubert Parry, Charles Wood und Charles Villiers Stanford. Von 1892 bis 1894 besuchte er auch das Trinity College in Cambridge, wo er sich neben seinen verschiedenen musikalischen Studien auch den Fächern Geschichte und Philosophie widmete. Kurz nachdem er 1901 in Cambridge den Grad eines Doktors der Musik erworben hatte, trat er der "English Folk Music Society" bei. Ähnlich wie die ungarischen Komponisten Béla Bartók und Zoltan Kodály begann er , gemeinsam mit seinem zwei Jahre jüngeren Freund Gustav Holst, Volkslieder seiner Heimat zu sammeln. Auch in kompositionstechnischer Hinsicht kann eine Parallele zu Bartók gezogen werden, denn in seinen Werken verwendet Vaughan William selten direkt Volksmusikzitate, sondern überträgt den volksliedhaften Gestus der Musik, ihre einfache Struktur und ihr Idiom auf seine Kompositionen. Eine modale Harmonik, markante Rhythmen, transparente Kontrapunktik und zurückgenommene Emotionaltät sind die qualitativen Merkmale, die Vaughan Williams aus den Volksmusikquellen gewonnen hat. Die Verbindung dieser Einflüsse mit seinem eigenen Gespür für Poesie, Mystizismus und Introspektion ist unauflösbar, so daß seine Werke nicht als

Wiedererweckung eines historischen Stils zu verstehen sind, sondern eine eigenständige, zutiefst persönliche Schreibweise hervorbringen.

Das Szenario zu Job, A Masque for Dancing, stammt von Geoffrey Keynes und Gwendolen Raverat, und basiert auf William Blakes Illustrations of the Book of Job. Keynes, ein intimer Kenner der Werke William Blakes, war von den 21 Illustrationen zum Buch Hiob fasziniert. Er verfaßte ein aus neun Szenen und einem Epilog bestehendes Szenario als Vorlage für ein Ballett und trat an Vaughan Williams mit der Bitte heran, die Musik zu seinem Ballett-Szenario zu komponieren. Sowohl Keynes als auch Vaughan Williams erkannten, daß Blakes Zeichnungen im wesentlichen keine Interpretation der biblischen Geschichte waren. Die Illustrationen tragen vielmehr den Charakter eines Dramas, das eine persönliche und letztendlich siegreiche Auseinandersetzung mit dem Schicksal zum Gegenstand hat. Dieses Grundthema wurde in den Plänen zu dem Ballett besonders betont und hervorgehoben. Keynes Versuch, Serge Diaghilev für das Ballett zu interessieren, scheiterte, denn der berühmte künstlerische Direktor des Ballett Russe, der auch schon Strawinskys Ballette auf die Bühne gebracht hatte, hielt die Geschichte für zu 'altmodisch' und zu 'englisch'. Dennoch setzte Vaughan Williams die Arbeit an der Musik fort und versuchte ein Werk zu schaffen, das sich sowohl als Musik für das geplante Ballett eignete, aber auch als eigenständige sinfonische Schöpfung in einer konzertanten Aufführung bestehen konnte. Die Uraufführung der sinfonische Fassung fand 1930 beim Norwich Festival unter der Leitung des Komponisten statt. 1931 wurde in London erstmals eine Bühnenfassung gespielt mit einem Bühnenbild von Ninette de Valois und Kostümen von Gwendolen Raverat, es dirigiert Constant Lambert.

Auch in der sinfonischen Fassung des Balletts läßt sich die Handlung leicht verfolgen, denn die Musik wird von einer Art "Leitmotivik" durchzogen. Drei grundlegende Themen beherrschen den musikalischen Ablauf: Ein pastorales Thema, das abwechselnd Triolen und gerade Viertel verwendet, charakterisiert Hiob; das zweite, Satan zugeordnete Thema, zeichnet sich aus durch Synkopierungen und die unvermittelte Konfrontation von Dur und Moll. Das dritte Thema, eine unregelmäßige, abwärtsgerichtete Phrase, die Schwung mit Autorität verbindet, stellt die Sphäre Gottes dar.

In der ersten Szene – Introduction – Pastoraler Tanz – Satans Gesuch an Gott – Sarabande der Söhne Gottes – beginnt die Musik ruhig und enthält noch keine Anzeichen des drohenden Unheils. Flöten und Violen schildern eine pastorale Szene. Hiob, im Kreise seiner Familie und umgeben von seinen Herden, nimmt die Ehrerbietungen seiner Gefolgsleute entgegen. Nach einem pastoralen Tanz erteilt Hiob seinen Söhnen und Töchtern den Segen. Satans Erscheinen wird musikalisch durch eine stark chromatische Harmonik angekündigt. Der Himmel öffnet sich und gibt den Blick frei auf Gott, der umgeben von seinen Söhnen und der Schar der Engel majestätisch auf seinem Thron sitzt. Von Hiobs Standfestigkeit und unbedingtem Gottvertrauen überzeugt, überläßt Gott Hiob und sein Schicksal den Anfeindungen Satans.

In der zweiten Szene – Satans Triumph – Tanz – dehnt sich die Atmosphäre des triumphierenden Bösen weiter aus. Satan tanzt und kniet heuchlerisch vor dem leeren Thron Gottes, ehe er als Höhepunkt der Szene selbst auf dem Thron Platz nimmt.

Die dritte Szene – Menuett der Söhne Hiobs und ihrer Frauen – beginnt wieder mit einer pastoralen Melodie. Doch plötzlich schwillt die Musik zu einem Wirbelsturm an und explodiert förmlich in dem Satan zugeordneten chromatischen Akkord. Schrille Streicherklänge künden davon, daß Hiob in der Gewalt Satans ist. Der Sturm vernichtet Haus und Hof der Söhne Hiobs und tötet sie und ihre Frauen. Am Ende der Szene geht das Menuett in eine Trauer-Elegie über .

Nach einer ruhigen Einleitung überfallen in der vierten Szene – Hiobs Traum. Tanz von Seuchen, Pest, Hungersnöten und Krieg – Hiob die Visionen der Nacht mit infernalischen Orchesterklängen. Satan, über den schlafenden Hiob gebeugt, beschwört schreckliche Träume von Seuchen, Pest, Hungersnöten und Krieg herauf.

In der fünften Szene – Tanz der Boten – erwacht Hiob und erhält von drei Boten die Nachricht, daß sein ganzer Reichtum zerstört wurde und seine Söhne und Töchter tot sind. Doch noch immer preist Hiob Gott mit den Worten: "Der Herr hat gegeben, der hat genommen."

Das Erscheinen der drei Trösterinnen in der sechsten Szene – Tanz der Trösterinnen Hiobs. Hiobs Fluch. Eine Vision Satans – wurde durch Blakes Illustrationen angeregt. Von Satan gesandt, spielen sie Hiob in ihrem Tanz anfangs Anteilnahme vor, überschütten ihn dann aber mit Zorn und Vorwürfen und treiben Hiob dazu, Gott zu verfluchen. Wie in der ersten Szene öffnet sich der Himmel, doch diesmal werden düster verschleierte Gestalten sichtbar, die Herren der Hölle, und Satan in ihrer Mitte. Auch musikalisch ist die Szene eine Parodie der Sarabande aus der ersten Szene. Während sich Hiob und seine Freunde in Schrecken abwenden, verblaßt die fürchterliche Vision langsam.

Nach einer Violinkadenz markiert die siebte Szene – Elihus Tanz der Jugend und Schönheit. Pavane der Söhne des Morgens – das Ende der Nacht und kündigt einen neuen Morgen an.

Mit einem lauten Fortissimo tritt in der achten Szene – Galliard der Söhne des Morgens. Altar-Tanz und himmlische Pavane – Satan auf, um den Sieg für sich zu beanspruchen. Doch als Hiob und seine Hausangehörigen auf der Erde damit beginnen, einen Altar zu errichten und zu segnen, verbannt Gott mit gebieterischer Würde Satan aus dem Himmel. Der rustikale Charakter der Galliard vermischt sich mit den Klängen der himmlischen Pavane.

Die abschließende neunte Szene – Epilog – kehrt auf höherer Ebene zur Musik der Einleitung zurück. Als alter Mann sitzt Hiob, demütig und zur Einsicht gelangt, im Kreis seiner Familie und segnet sie.

Die Komposition der hinreißenden hinreißende Violinromanze The Lark Ascending wurde 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs begonnen, jedoch erst 1920 vollendet... Der Titel ist dem gleichnamigen Gedicht von George Meredith entnommen, das auszugsweise der Partitur vorangestellt ist. Das technisch anspruchsvolle Stück verbindet einen rhapsodischen Stil und ekstatisch wuchernden Charakter mit pastoraler Unschuld und stellt die geforderte Virtuosität ganz in den Dienst intensiven Ausdrucks. Wie in einer Kadenz erhebt sich zu Beginn die Solovioline über einen Orgelpunkt in den Streichern. Aus kurzen Phrasen, die den Vogelstimmen abgelauscht zu sein scheinen, entwickelt sich nach und nach das Hauptthema, das in schier endlosen Variationen fortgesponnen wird. Dem kurzen lebhaften Mittelteil liegt eine volkliedhafte Melodie zugrunde. Die Uraufführung erfolgte 1920 durch die Geigerin Marie Hall, der die Romanze gewidmet ist.

© 1997 Peter Noelke


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