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8.554055 - MENDELSSOHN: Songs without Words (Selection)
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Mendelssohn: Lieder ohne Worte

Auch andere Epochen als die Klassik haben Wunderkinder wie Wolfgang Amadeus Mozart. Das berühmteste war wohl Felix Mendelssohn-Bartholdy. Wie sein Salzburger Kollege war er ein Musiker, der bereits fertig auf die Welt gekommen zu sein schien, und wie Mozart beherrschte er schon in jungen Jahren "sein" Instrument – das Klavier. Mendelssohns Vater war ein wohlhabender jüdischer Bankier, der seinem 1809 in Hamburg geborenen Sohn eine umfassende Bildung bieten konnte. Mendelssohns Studium fiel in die Zeit, in der die Familie nach Berlin übergesiedelt war. Hier nahm ihn der Goethefreund Carl Friedrich Zelter unter seine Fittiche und stellte in Weimar den jungen begnadeten Musiker dem "Dichterfürsten" vor. 1816 entschloß sich Mendelssohns Vater zusammen mit seiner Familie zur Taufe. Dahinter verbarg sich nicht nur die leider damals notwendige Absicht, der Diskriminierung zu entgehen, sondern auch die Hinwendung zu überkonfessionellen abendländischen Kultur, in deren Geist die Mendelssohn-Kinder – Felix und seine ebenfalls hochbegabte Schwester Fanny – erzogen werden sollten.

Schon als Teenager schrieb der frühvollendete Meister seine ersten vollgültigen Werke – neben Kammermusik zum Beispiel die Ouvertüre zu Shakespeares Sommernachtstraum, die als wichtiges Werk der deutschen Romantik gilt und die der Komponist im Alter von nur 17 Jahren schrieb. Mendelssohn machte nicht nur als Komponist Musikgeschichte, sondern auch als Orchesterleiter und Wiederentdecker früherer Werke: Er war der erste Dirigent im heutigen Sinne.1833 wurde er Kapellmeister in Düsseldorf, zwei Jahre später übernahm er das Gewandhausorchester Leipzig, das noch heute zu den führenden Klangkörpern Europas gehört. Im März 1829 leitete er – 100 Jahre nach der Entstehung des Werkes – die Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion und schuf damit den Grundstein für die bis heute gültige Bach-Pflege. Mendelssohn starb – wieder eine Parallele zu Mozart – relativ früh: Er wurde nur 38 Jahre alt.

Mendelssohns Klaviermusik ist besonders mit dem Begriff des Liedes ohne Worte verbunden – einer Gattung, die Mendelssohn selbst erfunden hat. Wie ein roter Faden begleiteten diese Stücke den Komponisten durch alle Phasen seines Schaffens, und manchmal kann man den Eindruck gewinnen, es bei ihnen mit einer Art "musikalischem Tagebuch" zu tun zu haben. Im Grunde verbirgt sich hinter dem Begriff ein Widerspruch, denn es handelt sich nicht um wirkliche "Lieder", die hier in bearbeiteter instrumentaler Form vorgetragen werden, sondern um Klavierstücke, die von vorne herein als solche konzipiert wurden. Die Lyrik einer gesanglichen Melodie sollte hier auf rein musikalischer Weise den Ausdrucksgehalt der Worte ersetzen, und so besitzen die Stücke auch meist die Form eines gesungenen Liedes.

Typisch ist etwa das erste Stück aus der Sammlung Opus 19, wo eine gesanglich geführte Melodie aus abwärts gerichteten Intervallen über gitarrenartig gebrochenen Akkorden erklingt. Mitunter läßt Mendelssohn auch ein gewisses Lokalkolorit einfließen wie in den venezianisches Gondelliedern (op. 16 Nr. 6, op. 30 Nr. 6 und op. 62 Nr. 5) mit ihrem barcaroleartigen Grundrhythmus; an anderer Stelle besitzen die Lieder typische Ausdrucksidiome wie das Wiegenlied (op. 67 Nr. 6) oder der Trauermarsch (op. 62 Nr. 3). An anderer Stelle hat Mendelssohn in den Liedern ohne Worte kleine Charakterstücke geschaffen (das an ein Perpetuum mobile erinnernde Spinnerlied mit der eingefangenen Bewegung des Spinnrades op. 67 Nr. 4 oder das mit Hornfanfaren ausgestattete Jägerlied op. 19 Nr. 3) oder einfach Stimmungen eingefangen (Frühlingslied op. 62 Nr. 6).

1997 Oliver Buslau


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