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8.554094-95 - MONTEVERDI: Orfeo (L')
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Claudio Monteverdi (1567-1643)
L'Orfeo; Favola in Musica in einem Prolog und fünf Akten

Die Geburtsstunde der Gattung "Oper" schlug in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts in Florenz: Hier hatte sich ein kleiner Adelszirkel von Verehrern des antiken Theaters gebildet, der aus Philosophen, Dichtern und später auch Musikern bestand. Das Ziel dieser sogenannten "Florentiner Camerata": Die Wiederbelebung des antiken Schauspiels, das sich die Beteiligten dieser Runde als rezitativartigen Sologesang auf der Grundlage von begleiteten Akkorden vorstellten – also eine Art von Musik, die völlig von den kontrapunktischen Künsten abwich, die Ende des 16. Jahrhunderts üblich waren. In der Kirchenmusik waren Meister wie Giovanni Pierluigi da Palestrina oder (in Deutschland) Orlando di Lasso maßgebend; auf dem Gebiet der weltlichen Tonkunst pflegte man das ebenfalls das auf kunstvoller Mehrstimmigkeit beruhende Madrigal. So war der neue Stil, den die Florentiner Camerata forderte und auch nach und nach in die Praxis umsetzte, eine echte Revolution, die sich auch bald in einem längeren Werk niederschlug, der ersten Oper La Dafne aus der Feder der Komponisten Jacobo Peri und Jacobo Corsi, die im Jahre 1598 ihre Uraufführung erlebte und von deren Musik heute nur noch Bruchstücke vorhanden sind.

Dieser Versuch einer (freilich von Mißverständnissen geprägten) Wiederbelebung des antiken Dramas wäre sicher als bloße Kuriosität in die Musikgeschichte eingegangen, wäre es nicht einige Jahre später einem wirklichen Meister der Musik gelungen, aus Peris und Corsis Anfängen heraus eine neue Gattung zu schaffen – eine Gattung, die man bald gar nicht mehr mit einer Nachahmung der Kunst früherer Epochen in Verbindung bringen würde. Claudio Monteverdi schuf mit seinem Orfeo die erste Oper, in der die Musik einerseits dem dramatischen Geschehen untergeordnet ist, andererseits jedoch in feiner Differenzierung die gesamte Handlung und die psychologischen Entwicklungen der Personen trägt. Dabei beschränkte sich der Komponist in dieser Favola in Musica (In Musik erzählte Geschichte) nicht wie seine Vorgänger auf die Deklamation des Textes in steifen Rezitativen und Chören, sondern er zog alle Register der Musik, die es um 1600 gab.

Vom Generalbaß gestützt und als einstimmiger, wortgezeugter "monodischer Gesang" ist beispielsweise die berühmte Klage des Orfeo im zweiten Akt gestaltet, die bis dahin musikhistorisch ohne Vorbild ist, später jedoch das stilisische Modell für Opernpassagen bis ins 20. Jahrhundert hinein abgibt: Mit den Worten Tu sei morta (Du bist gestorben) erkennt Orfeo, daß Euridice tot ist. Orfeos Gesang steigert sich harmonisch, rhythmisch und in immer weiträumigerer Melodik zu einem leidenschaftlichen Ausbruch. In diesem musikalisch recht modern gestalteten Moment folgt der Komponist dem Vorbild der Antike, wo in den pathethischsten Stellen ein kommentierender Chor einsetzt: Bei Monteverdi geschieht dies in kunstvoller Fünfstimmigkeit. Völlig neuartig ist die Technik des Komponisten, bestimmte musikalische Motive mit bestimmten Personen oder Handlungsvorgängen zu verknüpfen – wenn man so will ist dies eine Grundlage der Leitmotivtechnik Richard Wagners bereits in einer Zeit, in der die Oper noch in der Wiege lag! Solche strukturellen Elemente verbindet Monteverdi mit einem äußerst farbigen Instrumentarium. Um 1600 existierte noch lange keine fester Besetzungsstandard, kein definiertes "Orchester", und so sind in den Partituren Monteverdis oft keine klaren Hinweise zu den Instrumten zu finden; sie müssen musikwissenschaftlich rekonstruiert werden. Sicher ist, daß der Komponist – wieder in kühner Erweiterung der Techniken seiner florentinischen Vorgänger – ganz bewußt mit Klangfarben gearbeitet hat, wobei er den typischen Mischklang der Renaissancezeit zur Verfügung hatte: Sogenannte Zinken (eine Art der Blechbläser), Trompeten, Blockflöten, Zistern sowie eine Fülle an Streicher und Tasten- bzw. Saiteninstrumenten für das harmonische Fundament, den "Basso continuo" ("Generalbaß"). Besonders markante Beispiele für die Klangfarbenmusik sind etwa ein Posaunenchor, der im fünften Akt die unheimliche Stimmung in der Unterwelt symbolisiert und ein Streicher-Zwischenspiel, das in leisen Klängen den Fährmann Caronte begleitet, der die Toten in seinem Boot in die Unterwelt bringt.

Daß Claudio Monteverdi die künstlerische Potenz für ein solches Unternehmen besaß, liegt daran, daß er eine er vielseitigsten Musiker seiner Zeit war: 1567 in Cremona geboren, studierte er bereits früh neben der Theorie Violine und Orgel. 1583 gab er seinen ersten Band mit Madrigalen heraus. 1590 kam er in die Dienste des Herzogs Gonzaga von Mantua, in dessen Kapelle Monteverdi Viola spielte; außerdem war er auch als Sänger beschäftigt. 1613 wurde der Komponist Kapellmeister an San Marco in Venedig – ein Amt, das ihn zur Produktion geistlicher Werke verpflichtete, Als Monteverdi 1647 starb, galt er als einer der bedeutendsten Komponisten der Welt.

Der Auftrag zur Oper L'Orfeo fällt in die Zeit, als Monteverdi inden Diensten des Herzogs Gonzaga war, Offiziell nur als Musiker und Sänger angestellt, überzeugte Monteverdi seinen Dienstherrn nach und nach auch von seinen kompositorischen Fähigkeiten, die er dann anläßlich des Karnevals am fürstlichen Hof von Mantua unter Beweis stellen konnte: Die Uraufführung des Werkes erfolgte am 24. Februar 1607, und dieses Datum kann man heute mit Fug und Recht als wahren Geburtstag der Oper ansehen.

Daß dieses Werk zudem einen mythologischen Musiker zum Thema hat, dessen Kunst nicht nur Menschen, sondern Tiere, Pflanzen und sogar Felsen bewegt haben soll, besitzt freilich einen starken symbolischen Reiz und hat natürlich auch die Phantasie des Komponisten beflügelt. Der Text der Oper kam ebenfalls aus den Kreisen des Gonzaga-Hofes: Er stammt von Alessandro Striggio, dem Sekretär des Herzog. Dem Anlaß entsprechend, verwandelte Striggio die originale Sage, die bereits in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid in dichterisch gestalteter Form vorliegt, als Geschichte mit "Happy End". Im Original wird Orpheus, der nach dem endgültigen Verlust seiner Eurydike in der Unterwelt in Wehklagen ausbricht und von nun an die Frauen meidet, von eifersüchtigen Bacchantinnen in Stücke gerissen. In der Oper endet die Handlung dagegen versöhnlich.

Die Aufführung des Orfeo war ein Ritual der höfischen Repräsentation und hatte mit den zwar elitären, im Grunde jedoch jedemann unterhaltenden und bildenden Funktion einer heutigen Opernaufführung besitzen wenig zu tun. Das Ereignis fand in geschlossener Gesellschaft statt, und daß die Oper in ein großes höfisches Fest eingebunden war, läßt sich auch an der Musik erkennen: Die einleitende Fanfare, die sogenannte "Toccata" stellt so etwas wie ein musikalisches Wappen der Gonzagas dar und ruft die Gäste zur Opernaufführung zusammen. Am Ende des Werkes steht eine heitere Moresca, ein aus Burgund stammender Tanz, der das Publikum zu weiteren Unterhaltungen des Abends entläßt.

1997 Oliver Buslau

Handlung
Prolog Die Musik ist als allegorische Gestalt vom Parnaß zu den Menschen herabgestiegen. Sie begrüßt das Publikum und erklärt, daß sie mit ihrer Kunst das Gemüt des Publikums bewegen wolle – so zum Beispiel mit der Geschichte von Orfeo (Orpheus), jenem legendären Sänger, dessen Musik nicht nur wilde Tier zu besänftigen vermochte – er konnte sogar die Hölle bezwingen.

1. Akt Orfeo ist glücklich mit seiner Euridice vermählt. Hirten und Nymphen feiern das Glück der beiden mit Liedern und Tänzen. Orfeo dankt den Göttern und begibt sich mit seiner jungen Frau zum Tempel, um ein Dankopfer zu bringen.

2. Akt Orfeo und die Hirten haben im Schatten eines Haines vor der heißen Mittagssonne Zuflucht gesucht. Orfeo stimmt zur Leier ein Lied an, von dem Wälder, Hügel und Wiesen widerhallen. Orfeo stellt darin an die Wälder die Frage, ob sie sich noch an seine Klagelieder erinnern, als seine Liebe zu Euridice von dem Mädchen noch nicht erhört worden war. Und er preist die Wendung seines Geschickes. In diesem Moment stürzt eine Botin mit einer furchtbaren Nachricht herbei: Euridice, die sich zum Blumenpflücken entfernt hatte, wurde von einer Natter gebissen und starb. Orfeo ist verzweifelt und will alles versuchen, um Euridice wiederzugewinnen: Er will sich in die Unterwelt begeben und die Geliebte zurückholen. Sollte sich Plutone (Pluto), der Herr der Unterwelt, seinem Wunsch verweigern, wolle er im Schattenreich bleiben.

3. Akt Orfeo wird von Speranza, der Göttin der Hoffnung, an die Pforte der Unterwelt begleitet. Hier trifft er auf den Fährmann Caronte, der die Toten mit seinem Kahn in das Reich der Schatten bringt. Orfeo gegenüber ist der Fährmann abweisend; schließlich hat noch kein Lebender sein Boot bestiegen. Orfeo versucht, das Herz Carontes mit seinem Gesang zu erweichen – vergeblich. Schließlich wartet er, bis der Fährmann eingeschlafen ist und macht sich mit dem Kahn auf den Weg.

4. Akt Hat die Macht von Orfeos Musik auch Caronte nicht milde stimmen können – bei Proserpina, der Gattin Plutones, erweckt Orfeos Gesang Mitleid. Sie bittet ihren Gemahl um Gnade für Orfeo und Euridice. Plutone willigt ein, stellt jedoch eine Bedingung: Orfeo darf mit Euridice die Unterwelt verlassen, doch er muß vorangehen und darf sich auf dem Weg hinauf nicht zu der Geliebten umdrehen. So machen sich die beiden auf den Weg, als Orfeo in seiner grenzenlose Liebe auch schon Zweifel kommen: Wer sagt ihm, daß Euridice ihm auch wirklich folgt? Und dann hört er plötzlich Furien, die ihm die Geliebte wegzunehmen drohen. Schließlich wendet er sich um – und kann gerade noch sehen, wie sich die Gestalt Euridices in einen Schatten auflöst. Orfeo hat die Gnade Plutones verwirkt und macht sich nun alleine auf den Rückweg.

5. Akt Orfeo klagt sein doppeltes Leid der Natur, wobei seine Umgebung in Form eines Echos in seinen einsamen Gesang einstimmt. Der Sänger schwört, sich völlig von den Frauen abzuwenden. Piötzlich erscheint der Gott Apollo, Orfeos Vater. Er tröstet ihn, indem er ihm die Verheißungen des himmlischen Parnaß vor Augen führt, wo er Euridices Gestalt in Sonne und Sternen wiedererkennen und so mit der Geliebten vereint sein werde. Orfeo folgt Apollo zu den Sternen. Mit Tänzen und Chören preisen die Hirten Orfeos Verklärung.

Anmerkung: Der Librettist Alessandro Striggio veröffentlichte seinen Text zu L'Orfeo zur Zeit der Uraufführung des Werkes in einer Fassung, die in einem entscheidenden Detail von Monteverdis Komposition abwich: Orpheus erleidet dort das gleiche tödliche Schicksal wie in Ovids antiker Vorlage – er wird von den Mänaden getötet. Daß Monteverdi seiner Oper ein glückliches Ende gab, hat die Tradition noch lange Opern-typischen lieto fine (Happy End) geprägt. Es ist unbekannt, ob der Komponist auch die tragische Version komponiert hat. Die vorliegende Aufnahme bietet jedoch beide Schlüsse an und läßt so den Zuhörer von heute selbst entscheiden, wie die Geschichte ausgehen soll.


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