About this Recording
8.554127 - HUME: Captain Humes Poeticall Musicke, Vol. 2
English  French  German 

Tobias Hume (ca. 1575?-1645)
Captain Humes Poeticall Musicke (1607), 2. Teil

Über Tobias Humes Leben ist relativ wenig bekannt. Von seiner Einweisung als Rentner in das Charterhouse im Jahre 1629, welches ein Mindestalter von 60 Jahren für die Aufnahme erforderte, wurde sein Geburtsjahr abgeleitet. Allerdings läßt dieser Rückschluß einige Fragen offen. Er veröffentlichte zwei Werksammlungen, die sowohl Stücke für Violen als auch Lieder enthalten: The First Part of Ayres im Jahre 1605 und Captain Humes Poeticall Musicke zwei Jahre spatter. Die erste Sammlung enthält eine Widmung an mehrere Adlige seiner Zeit, aus welcher hervorgeht, daß Hume Soldat gewesen war und sich in seiner Freizeit mit Hingabe der Musik zuwandte. Die zweite Sammlung widmete er Königin Anna von Dänemark in einem offensichtlich verzweifelten Versuch, ihre Gunst zu erwerben. Zwar hatte Hume im Graf von Pembroke einen Gönner gefunden, doch von Pembroke, der zuweilen mit Mr. W.H., dem Widmungsträger von Shakespeares Sonetten gleichgesetzt wurde, scheint dem Captain Hume nicht immer aus der Not geholfen zu haben.

In der Widmungschrift von 1607 bietet Hume der Königin die 'letzte Hoffnung seiner Mühen' mit der flehenden Bitte an, sie möge die Lieder nicht als unmusikalisch bewerten, nur weil sein Schicksal derzeit 'verstimmt' sei. Doch auch diese Widmung scheint erfolglos gewesen zu sein, da die Königin sie offenbar unbeachtet ließ. Hume war offensichtlich ein erfahrener Berufssoldat. Darauf deuten verschiedene Quellen hin, wie etwa ein Gesuch aus dem Jahre 1611, in dem er König Kar I um Erlaubnis bittet, an einem Feldzug unter dem König von Schweden teilnehmen zu dürfen. Die Bitte wurde abgelehnt, doch es scheint, als hätte Hume bereits zuvor unter dem schwedischen König gedient Den nächsten Hinweis über Humes Leben liefert eine Eintragung in den Urkunden des Londoner Charterhouse, um dessen Aufnahme als 'armer Bruder' Hume 1629 bat. Im Jahre 1642 veröffentlichte der fast 70-­jährige eine Bittschrift an das Oberhaus, in der er sich als Oberst ausgab und in der Hoffnung, dem Kampf gegen die irischen Rebellen beizutreten, um Geld bat. Das verworrene Schriftstück, das Hume drei Jahre vor seinem Tod verfaßte, führte einerseits zu der Annahme, daß Hume senil oder gar geistesgestört war. Andererseits mag die Ableitung seines Geburtsjahres von seiner Aufnahme in das Charterhouse auch fehlerhaft sein, was bedeutet, daß Hume zum Zeitpunkt der Bittschrift jünger gewesen sein könnte. Gegen diese Vermutung spricht zwar die Tatsache, daß Hume im Jahre 1605 bereits Erfahrung als Soldat im Ausland hatte, allerdings könnte er zu dieser Zeit seinen Militärdienst schon in jungen Jahren angetreten haben. Das Charterhouse war nicht nur ein Altenheim, sondern bot auch militärische  Ausbildung für jüngere Soldaten an, bei der Hume als erfahrener Offizier möglicherweise mitwirkte. Seine Aufnahmebedingungen in das Charterhouse sprechen zwar dagegen, doch diese könnten in gewissen Fällen auch aufgehoben worden sein.

Hume betonte mehrfach, daß all seine Kompositionen aus seiner eigenen Feder stammen. Fast als stünden Zweifel darüber im Raum, beteuert er im Vorwort zu seiner ersten Sammlung, daß er 'nicht die Erfindungen Anderer stehle, keine italienischen Noten zu englischen Weisen setze und keine Liedfragmente stibitze, um seinen Band aufzubauschen'. In derselben Vorrede, wie auch in der zum zweiten Band, lobt Hume die Vorzüge der Viole gegenüber der damals beliebten Laute als Begleitinstrument für seine Lieder. Er rühmt die Klangschönheit dieses 'stattlichen Instruments', das der Laute im polyphonen Spiel und im innigen Ausdruck weit überlegen sei. Damit forderte er unweigerlich den Protest des Komponisten John Dowland heraus, der als berühmtester Lautenvirtuose seiner Zeit promt konterte. Es handelt sich bei Humes Lieblingsinstrument um die sogenannte Lyraviole oder – von dem Titel eines späteren Werkes zu schließen – um die Baßviole, die 'nach Art der Lyra' gespielt werden soll. Die Lyraviole scheint eine kleinere Version der Baßviole gewesen zu sein, der gewisse Änderungen zugefügt wurden und die auf vielerlei Weisen gestimmt werden konnte. Dieses Instrument und die ihm eigene Spielweise – denn Musik für die Lyraviole konnte auch auf der Baßviole gespielt werden – war in England während des 17. Jahrhunderts äußerst beliebt. Der Versuch, ihr Saiten zuzufügen, war von kurzer Dauer. Die Lyra konnte auch gezupft werden, und beliebt war das Zupfen einer leeren Saite mit der linken Hand, während die Rechte gleichzeitig mit dem Bogen strich. Neben dem Zupfen der Saiten stellt Humes Sammlung von 1605 eine der frühesten Quellen für die Spielanweisung col legno dar, welche das Streichen mit dem Holz des Bogens vorsieht.

Auf dem Deckblatt von Captain Humes Poeticall Musicke befindet sich eine Inhaltsangabe der Sammlung. Sie besagt, daß die Stücke in erster Linie für zwei Baßviolen bestimmt, doch mit Leichtigkeit auch auf acht verschiedene Weisen mit unterschiedlichen Instrumenten gespielt werden können: Mehrstimmig auf einer Baßviole; auf zwei Baßviolen; auf drei Baßviolen; auf zwei Tenorviolen und einem Baß; auf zwei Lauten und einer Baßviole; auf zwei Orpharien (einer Art Laute) und einer Baßviole; mit einer Singstimme und drei Baßviolen oder Stimme mit zwei Orpharien und einer Baßviole und als letzte Möglichkeit alle Instrumente zusammen entweder mit Spinetten oder mit Blasinstrumenten und Singstimme. Der Großteil dieser Musik ist in Tabulaturform veröffentlicht. Dieses alte Notationssystem beruht auf sechs von den Lyrasaiten abgeleiteten Notenlinien und setzt Buchstaben ein, die den niederzudrückenden Bund angeben. Die erste Sammlung besteht aus 117 Stücken – 104 davon für Soloviole, und die Zweite enthält 25 Stücke, deren vielseitige Auswahl an möglichen Instrumenten auf der Titelseite aufgelistet ist.

Tobias Hume setzt seine Poeticall Masicke mit einer Reihe von Stücken fort, deren Titel geradezu aus einem Lehrbuch über die höfische Gesellschaft seiner Zeit stammen könnten. The state of Gambo, The Earle of Worcesters favoret, Nummer sechzehn der aus 25 Stücken bestehenden Sammlung, ist ein vornehmlich melancholisches Duett für zwei Violen. Es ist dem Graf von Worcester, Edward Somerset gewidmet. The virgins muse, The Lady Arbellaes favoret, das hier durch Lauten und Viole vorgetragen wird, ist ein Tribut an Lady Arbella Stuart, die die Tochter des Grafen von Lennox war. Sweet ayre, The Earle of Aruudels favoret spielt in seinem Titel auf den zweiten Grafen von Arundel und Surrey an, der zu seiner Zeit ein bedeutender Förderer der Künste war. Mit seiner abfallenden Melodie spiegelt dieses Stück die Tonsprache Dowlands wider, dessen Lachrymae tonangebend für die Lautenmusik der Zeit war. Das heitere Musicke, delight, The Earle of Southamptons favoret bezieht sich auf den jungen Adligen Henry Wriothesley, zweiter Graf von Southampton, den auch Shakespeare als Widmungsträger für seine Sonette in Betracht zog. Der Tanzsatz The Earle of Pembrookes Galiard trägt den Namen des Grafen von Pembroke, William Herbert, dem Hume seine erste Werksammlung widmete. A Spanish humor, The Lord Hayes favoret ist ein Tribut an Lord Hay, der ein Schwiegersohn des Grafen von Northumberland und Günstling Jakob' I war. The Spirit of Gambo, The Lord Dewys favoret wird von zwei Baßviolen gespielt und deutet bereits mit seinem Titel Humes Treue zu diesem Instrument an. The Pashion of Musicke, Sir Christopher Hattons choice ist nach dem Gönner von Byrds erster veröffentlichter Madrigalsammlung benannt, der auch Orlando Gibbons Mäzen war. Das nächste Stück, The King of Denmarkes health, ist der Gesundheit des dänischen Königs bedacht, dem Bruder Annes, der diese Sammlung gewidmet ist.

Humes Sammlung schließt mit The Hunting Song ab, das die alte Tradition der Jagdlieder fortsetzt. Das den Verlauf der Jagd anschaulich schildernde Lied endet mit den Worten 'Hier endet das Lied, das in Gegenwart zweier Könige zu Ehren aller mutiger Jäger gesungen wurde'. Falls Humes Lied jemals in Gegenwart zweier Könige gesungen wurde, so handelte es sich vermutlich um die Könige von England und Dänemark, die neben anderen fröhlichen Zusammenkünften im Jahre 1606 bei Lord Salisbury in Theobalds zu Gast waren. Über jenes feucht-fröhliche Gelage hinterließ Sir John Harington eine lebhafte Beschreibung, derzufolge nicht nur die Künstler kräftig zur Flasche griffen, sondern auch die durchaus trinkfesten Könige gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen mußten. Angeblich stürzte der dänische König beim Tanz zu Boden und mußte bald darauf zu Bett getragen werden. Das Fest ging weiter, und man feierte zu Ehren des Königs, der sich der Weisheit Solomons rühmte und dafür bekannt war, seine Untergebenen in Grund und Boden zu trinken. Ob Humes Lied wirklich am Hof gesungen wurde ist nicht bekannt, doch steht fest, daß er weder vom englischen Königspaar noch vom dänischen König, der einige englische Musiker an seinem Hof unterhielt, jemals begünstigt wurde. Das Gefolge der englischen Königin war schicklicher als das ihres Gatten. Auf der Anreise aus Schottland zu dessen Thronbesteigung war sie Gast bei Sir Robert Spencers in Althorp. Dieser verdiente sich den Titel 'Lord Spencer' mit einem großzügigen Geschenk an die Königin, einer Maske von Ben Jonson, und begründete damit den Trend zu extravagant großzügigen Gesten künstlerischen Mäzenatentums, die in London gang und gäbe wurden, in deren Genuß Tobias Hume jedoch niemals kam.

Übersetzung: Eva Grant.


Close the window