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8.554240 - RAWSTHORNE: Violin Concertos Nos. 1 and 2 / Corteges
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Alan Rawsthorne (1905-1971)
Fantasie Ouverture: Cortèges
Erster und Zweiter Violinkonzerte

Alan Rawsthorne ist wohl mit einer der eigenwilligsten Komponisten, die Großbritannien je hervorgebracht hat. Sein Markenzeichen: brillanter Stil, ausgeprägt-differenzierte Musiksprache, nicht weitschweifig, sondern prägnant im Ausdruck. Rawsthorne hinterließ ein umfangreiches instrumentales Werk, darunter vier Symphonien und zahlreiche Konzerte.

Wie viele britische Komponisten seiner Generation, zeigte Rawsthorne vergleichsweise wenig Interesse an der in England traditionell sehr bedeutenden Choraltradition – ebenso greift er kaum auf volksliedhafte Elemente zurück, vermeidet zugleich jeden Anklang an die grandiose Monumentalität Edward Elgars. Dennoch – von Anfang an fand Rawsthorne zu einer unverkennbar eigenen Tonsprache, geprägt von handwerklich-technischem Können, Reinheit und Klarheit im Ausdruck. Abgesehen von kurzen Momenten expressiv-kraftvoller Ausbrüche, wo dramaturgisch erforderlich, wirkt seine Musik doch eher introvertiert und zurückgezogen. Auch an humorvollen, spannungsvoll-energiegeladenen Stellen tritt diese grüblerisch-melancholische Grundstimmung nie völlig in den Hintergrund. In der Harmonik bleibt Rawsthorne konsequent: die Tonalität ist fließend – die logische, stufenweise Fortschreitung jedoch nie in Frage gestellt.

Man könnte nun vennuten, daß in einer Musikkultur, in der der Neoklassizismus eine wesentliche Strömung blieb, die Faktur der Instrumentalmusik wenig überraschend und daher berechenbar wäre – sie ist es aber nicht – auch nicht bei so traditionellen Formen wie etwa Thema mit Variationen. Intuition und Inspiration sind hier bei weitem wichtiger, als eine präzise Planung. Dies entspricht dem Ratschlag Rawsthornes an einen Schüler: er ermutigte ihn, so instinktiv an das Komponieren heranzugehen, wie nur möglich. In ein starres Regelwerk solle er sich nur in Zweifelsfällen flüchten. Wo Konventionen abgestreift und Grenzen überschritten werden, entwickeln sich musikalische Formen organisch weiter oder entstehen neu: so etwa bei Haydn und Chopin – beides Komponisten, die Rawsthorne übrigens besonders schätzte.

Mitte der dreißiger Jahre erringt Rawsthorne zunehmend öffentliche Anerkennung. Dokumentiert ist dies durch zahlreiche Radiosendungen, Schallplattenaufnahmen und Aufführungen seiner Musik auch außerhalb Großbritanniens. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg: zahlreiche Autographen gehen 1940 bei einem Bombenangriff verloren, unter anderem auch die Skizzen zum ersten Violinkonzert. Entmutigen läßt sich Rawsthorne dadurch jedoch nicht Auch während des Militärdienstes setzt er seine kompositorische Arbeit fort. 1942 überarbeitet er sein erstes Klavierkonzert und leitet selbst die Uraufführung während der Londoner "Proms" – einer inzwischen legendären Konzertreihe, die auch heute noch in London stattfindet. 1944 vollendet Rawsthorne die Street Corner Overture. Ein Jahr später folgen die Fantasy Overture: Cortèges zusammen mit einer Rekonstruktion und überarbeitung des ersten Violinkonzertes.

Cortèges ist ein Auftragswerk der BBC. Die Uraufführung fand 1945 mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Basil Cameron ebenfalls im Rahmen der Londoner "Proms" statt. Cortèges, Prozessionen – davon gibt es in dieser Fantasie-Ouvertüre dann gleich zwei: eine langsame und eine schnelle: Das Adagio erinnert in seiner feierlichen Getragenheit an einen Trauerzug, ist in der Grundstimmung aber dennoch eher sehnsüchtig expressive als verzweifelt, während das Allegro molto vivace stilistisch an eine italienische Tarantella oder eine schnelle Gigue im 12/8-Takt erinnert.

In den folgenden Jahren festigt Rawsthorne seinen Ruf und Status als britischer Komponist. 1947 dirigiert er die Uraufführung seines Oboenkonzcrtes beim Cheltenham Festival, und ein Jahr später, beim gleichen Festival, wird sein erstes Violinkonzert einer breiteren öffentlichkeit vorgestellt: in einer Aufführung mit Theo Olof und dem Hallé Orchestra unter Barbirolli. In seiner endgültigen Gestalt erinnert bei diesem Konzert nichts mehr an die bewegte Entstehungsgeschichte während der Kriegsjahre. Rawsthorne widmet das Konzert dem ihm freundschaftlich verbundenen William Walton (1902-83). Sowohl der eher langsamere erste Satz als auch der schnellere zweite gliedern sich in kleinere Einheiten, kontrastiert in Metrum und Tempo. Aber ebenso wie bei Cortèges, bleibt die thematische Einheit erhalten. Das musikalische Geschehen bleibt für den Hörer transparent und nachvollziehbar. Die Kadenz für Solo-Violine kommt überraschend früh: in der Mitte des ersten Satzes. Es bleibt genügend Raum um das musikalische Material nochmals aufzugreifen und weiter zu entfalten. Ohne Unterbrechung folgt der zweite Satz.

Weniger produktiv war Rawsthorne in der Zeit zwischen dem zweiten Klavierkonzert 1951 und der späten Schaffensphase in den sechziger Jahren – sich der eigenen Grenzen wohl bewußt suchte er dennoch nach neuen Lösungen. Zu Rawsthornes bedeutendsten Werken der fünfziger Jahre zählt sicher das zweite Violinkonzert. Es ist ebenfalls ein Auftragswerk der BBC und wurde 1956 in London uraufgeführt. Rawsthorne greift hier auf eine klassische, dreisätzige Anlage zurück: schnell-langsam-schnell. Der erste Satz legt mehr Wert auf solide symphonisch-thematische Arbeit als auf virtuose Zurschaustellung. Im langsamen zweiten Satz vermittelt der Solist versöhnend zwischen zwei Extremen – den bohrenden Blechbläscr-Rhythmen einerseits und den geheimnisvoll-gehauchten Phrasen im restlichen Orchester andererseils. Ein Thema mit Variationen präsentiert schließlich das Finale: logisch-stringent beleuchten die einzelnen Variationen verschiedene Aspekle des Themas.

Martin Schram


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