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8.554252 - Italian Harp Music
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Italienische Harfenmusik

Clementi • Donizetti • Pollini • Rossini • Viotti

Die Harfe, eines der ältesten Musikinstrumente, hat im Lauf der Jahrhunderte verschiedene bau- und spieltechnische Änderungen erfahren. Eine bemerkenswerte Entwicklung fand vor allem im ausgehenden 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts statt, als der in London ansässige französische Instrumentenbauer Sébastien Erard die Doppelpedalharfe konstruierte, mit der — in perfektionierter Form — alle Tonarten erreicht werden konnten. Die bis dahin existierende Pedalharfe mit ihren begrenzten modulatorischen Möglichkeiten hatte sich bereits als elegant-elitäres Instrument des häuslichen Musizierens etabliert, und zwar mit einem Repertoire aus Sonaten und Variationswerken, die — gespielt von modebewußten Damen wie z.B. Jane Austens Mary Crawford — genau dem Zeitgeschmack entsprachen. Gleichzeitig entstand ein technisch anspruchsvolles Repertoire für Virtuosen wie etwa die Komponisten Krumpholtz und Dussek, für Spohrs Frau Dorette oder, im späteren 19. Jahrhundert, Parish Alvars.

Muzio Clementi, geboren 1752 in Rom als Sohn eines Silberschmieds und bereits als neunjähriger Knabe angestellter Organist, wurde seinem Vater von einem wohlhabenden Engländer namens Peter Beckford abgekauft, wie dieser behauptete, und im Alter von dreizehn Jahren nach England gebracht, wo er die ersten sieben Jahre auf Beckfords Landgut in Dorset verbrachte, bevor er 1774 nach London ging, um seine Laufbahn als Berufspianist zu beginnen. Schon bald verbreitete sich sein Ruf über London hinaus: so spielte er 1780 am Hof von Königin Marie-Antoinette und zwei Jahre darauf in Wien für deren Bruder, Kaiser Joseph II. Bei dieser Gelegenheit trat er zusammen mit Mozart auf, der zwar Clementis technische Fähigkeiten lobte, aber nichts Gutes über dessen musikalischen Ausdruck zu berichten wußte. Zurück in England setzte Clementi seine Karriere als erfolgreicher Pianist und Lehrer fort, bevor er sich in den 1790er Jahren in verschiedenen Partnerschaften dem Instrumentenbau und dem Musikverlagsgeschäft zu widmen begann. Seine Klavierkompositionen behaupten bis heute ihren Platz im Repertoire, wie auch seine Unterrichtswerke nach wie vor zum pädagogischen Standardpensum gehören. Clementi starb 1832 in Evesham und wurde in der Westminster-Abtei beigesetzt. Charakteristisch für seinen Stil ist das liebenswürdige Andante con variazioni.

Geboren 1755 in Piedmont als Sohn eines Schmieds und Amateurhornisten, verdankte Giovanni Battista Viotti seine musikalische Erziehung der Marchesa di Voghera, die den Knaben nach Turin mitnahm, wo er später bei Gaetano Pugnini Violine studierte. Pugnini war selbst Schüler von Somis gewesen, von dem wiederum eine direkte Linie zu Corelli und möglicherweise auch zu Vivaldi führt. Viotti folgte seinem Lehrer als Mitglied des Turiner Hoforchesters; zunächst begleitete er ihn auf verschiedenen Auslandsreisen und trat 1774 dann in den Dienst von Königin Marie-Antoinette. Unter der Schirmherrschaft des jüngeren Bruders des Königs, des Comte de Provence, gründete er zusammen mit dem Perückenmeister der Königin vier Jahre später in den Tuilerien das Théâtre de Monsieur. Die Revolution führte 1792 schließlich zu seiner Abreise nach London, wo er seine Karriere als Violinist und Komponist in einer Stadt fortsetzte, in der seine Werke bereits aufgeführt wurden. Später ließ er sich als Weinhändler nieder, musste diese Tätigkeit jedoch unterbrechen, als er wegen angeblicher Verbindungen zu französischen Revolutionären vorübergehend aus England verbannt wurde. Nach dem endgültigen Scheitern seines Handelsunternehmens kehrte Viotti 1818 nach Paris zurück, wo inzwischen die Monarchie wiederhergestellt worden war und sein früherer Gönner, der Comte de Provence, als Ludwig XVIII. den Thron bestiegen hatte. Zunächst wurde Viotti zum Direktor der Pariser Opéra und später, nachdem er von diesem Posten zurücktreten musste, zum Leiter des Théâtre Italien ernannt. 1823 kehrte er noch einmal nach London zurück, wo er im folgenden Jahr offenbar in Armut verstarb. In der Geschichte des Violinspiels nimmt Viotti einen bedeutenden Platz ein, und seine ingesamt neunzehn Violinkonzerte gehören noch heute zum unentbehrlichen Unterrichtsrepertoire. Einige dieser Werke existieren in zeitgenössischen Bearbeitungen auch als Klavierkonzerte und für andere Soloinstrumente. Gleichermaßen erschienen auch seine Sonaten in verschiedenen Instrumentationsformen. Die melodiöse Harfensonate mit ihren drei charakteristischen Sätzen eignet sich hervorragend für dieses Instrument.

Der heute so gut wie vergessene italienische Pianist, Geiger, Sänger und Komponist Francesco Pollini wurde 1762 in Laibach geboren. Später studierte er in Wien bei Mozart und wurde wesentlich von den Vorbildern eines Clementi und Hummel beeinflußt. Seine Karriere fand hauptsächlich in Italien statt, wo er ab 1786 zunächst als Pianist und Violinist auftrat und wo er sich später auch einen Ruf als Sänger erwarb. 1809 begann er eine Lehrtätigkeit im Fach Klavier am Mailänder Konservatorium; er gilt als Begründer der von Thalberg benutzten Klaviertechnik des Dreiliniensystems, in der die Melodie auf beide Hände verteilt in einer zentalen Stimme vorgestellt und in Ober- und Unterstimme umspielt wird. Wie sehr Pollini von seinen Zeitgenossen geschätzt wurde, ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass Bellini ihm seine Oper

La Sonnambula widmete. Zu seinen Instrumentalkompositionen gehört eine Reihe von Werken für die Harfe, von denen zwei hier eingespielt sind, Capriccio ed aria con variazioni und Tema e variazioni, Variationszyklen, die den Geschmack der Zeit treffen.

Gioachino Rossini, einer der erfolgreichsten und beliebtesten Opernkomponisten, wurde 1792 in Pesaro als Sohn eines Hornisten und einer Sängerin geboren. Bereits 1810 erlangte er Berühmtheit mit seiner Oper La cambiale di matrimonio, das erste einer Reihe von erfolgreichen Werken im Buffa- bzw. Seria-Stil. 1823 zog es Rossini nach Paris, wo man bis zur Thronbesteigung von Louis-Philippe im Jahre 1830 Opern für das Théâtre Italien in Auftrag gab. Von 1836 bis 1855 war Rossini wieder in Italien, gesundheitlich angegriffen und als Komponist weitgehend schweigsam. 1855 kehrte er noch einmal nach Paris zurück, wo man ihn seit seinen frühen Erfolgen verehrte. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Rossini erneut der Komposition und schrieb hauptsächlich kurze Instrumentalstücke, die er als "Alterssünden" zu bezeichnen pflegte. Dass die Oper in Rossinis Musik nie weit entfernt ist, beweist das kurze Allegretto, das er Rita Perozzi, einer Schülerin von Marianna Creti De Rocchis, widmete sowie die ebenfalls kurze Sonata. Das Andante con variazioni für Violine und Harfe ist um 1820 entstanden, ein Werk, in dem das zweite Instrument eine weitgehend begleitende Rolle übernimmt.

Gaetano Donizetti war in dem kurzen Zeitraum zwischen Rossinis frühem Abschied von der Oper, Bellinis Tod im Jahre 1835 und Verdis erstem großen Erfolg mit Nabucco im Jahre 1842 der führende italienische Opernkomponist. Er wurde 1797 in Bergamo geboren, wo er auch seine erste musikalische Ausbildung erhielt. Seinen internationalen Ruf begründete er 1830 mit Anna Bolena an der Mailänder Scala, wo er zwei Jahre später auch mit seiner komischen Oper L’elisir d’amore reüssierte. Später komponierte er Werke für Neapel und nahm eine Einladung Rossinis nach Paris an, wo die französische ‘grand opéra’ seinen Stil beeinflußte. Doch ein ungeheurer, selbstauferlegter Arbeitsdruck nach Rossinischem Vorbild, der sich bereits im Alter von 38 Jahren von der Oper zurückziehen konnte, führte schließlich, verstärkt durch eine syphilitische Erkrankung, zum Zusammenbruch. Nach einem Aufenthalt in einer nahe Paris gelegenen Heilanstalt kehrte Donizetti schließlich nach Bergamo zurück, wo er 1848 starb. Er hinterließ nicht weniger als 74 Opern. Seine vermutlich in den 1820er Jahren entstandene, erst 1970 veröffentlichte Sonate für Violine und Harfe in g-Moll besteht aus den Sätzen Larghetto und Allegro.

Der französische Komponist und Harfenist Nicolas Charles Bochsa machte sich zunächst in Paris einen Namen, doch seine einträglichen Nebenaktivitäten als Händler von Fälschungen führten dazu, dass er nach London ins Exil gehen mußte. Ähnliche geschäftliche Aktivitäten zogen dort seine Entlassung aus der Royal Academy nach sich, an der er unterrichtet hatte; seinen Posten als Direktor des King’s Theatre durfte er jedoch weiter ausüben. Zusammen mit Henry und Anna Bishop unternahm er mehrere Konzertreisen, bevor er mit letzterer durchbrannte. Er starb 1855 in Sydney. Bochsa spielte nicht nur eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Harfentechnik, sondern bereicherte auch das Spielrepertoire für sein Instrument mit einer Vielzahl von Werken wie z.B. der hier vorgestellten Fantasie über Bellinis ‘I Capuleti e Montecchi’.

Den Abschluß bildet eine weitere Bellini-Fantasie, und zwar über die berühmte Arie ‘Casta diva’ aus seiner Oper Norma, eine technisch brillante Komposition der italienischen Harfenistin Marianna Creti De Rocchis.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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