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8.554257 - Music of the Troubadours (Ensemble Unicorn)
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Musik der Troubadours

Die Gedichte und Lieder der Troubadours stellen eine Sammlung früher europäischer weltlicher Gesänge dar. Es ist üblich, die Dichter und Musiker der Okzitanischen Tradition des südlichen Frankreich von denjenigen zu unterscheiden, die ihre Blütezeit wenig später im Norden hatten; die ersteren bezeichnet als Troubadours, die zweiteren als Trouvères. Im allgemeinen waren die Troubadours in den 12. und 13. Jahrhunderten weniger die fahrenden Sänger, wie man sie sich im 19. Jahrhundert vorstellte, als vielmehr Personen von hoher gesellschaftlicher Stellung; sie waren Könige, Prinzen oder Fürsten, wenn auch mit meist bescheideneren Besitztümern. Unter den Dichtem sind auch solche von niederem sozialen Rang zu finden, Söhne von Händlern und Handwerkern. Sie waren jedoch alle gleichermaßen beeinflußt von Traditionen und Konventionen des Hofes und von den höfischen Vorstellungen der idealisierten Liebe, ihren Freuden und Leiden. Auch alle möglichen anderen Themen kommen vor: Politik, Satire, Streitfragen oder auch Derb-Realistisches. Die Sprache der Troubadours, die langue d'oc, ist provenzalisch mit eng verwandten Varianten, die später von den Trouvères stark abgewandelt wurden. Eine große Anzahl an Gedichten der Troubadours ist erhalten geblieben, ebenso ein recht bedeutender Schatz an monodischer Musik. Diese Musik ist von einer einstimmigen Melodielinie gekennzeichnet, die in Rhythmus und Struktur dem Aufbau der Verse und Strophen folgt.

Die vorliegende Auswahl von Musik und Dichtung der Troubadours beginnt mit Tant m'abelis (So sehr ich liebe) von Berenguier de Palou, der im frühen 12. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. Sein Geburtsort scheint Palol in der Nähe von Eine gewesen zu sein, im Gebiet von Roussillon an der heutigen französisch-­spanischen Grenze. Der Sohn eines verarmten Ritters ist einer der frühesten katalanischen Troubadours. Tant m'abelis besteht aus fünf Strophen zu sieben Versen, jeder Vers enthält zehn Silben. Diese zehnsilbigen Verse sind im Schema ABBACDD gereimt, jede Strophe behält diesen Reim bei. Ein weiteres Beispiel aus seinem Werk ist Ai tal domna (Solch eine Frau), einstrophig gebaut mit acht Versen zu sieben Silben im Reim ABABCCDD. Als zweiter Titel folgt eine Instrumentalversion von Domna, pos vos ay chausida (Hohe Frau, für Euch), anonym aus dem 12. Jahrhundert.

No puesc sofrir (Ich kann unter Qualen nicht verhindern) ist das Werk des Troubadours Giraut de Bornelh, dessen Estampie Reis glorios (Glorreicher König) ebenfalls vertreten ist. Das letztgenannte ist eine Alba (Taglied), eine Komposition, die den Abschied eines Paares bei Tagesanbruch (alba) nach einer gemeinsamen Nacht gestaltet, möglicherweise beobachtet von einer dritten Partei, einem Wächter. Die Musik von Giraut ist eines von nur zwei erhalten gebliebenen musikalischen Exemplaren, während es neun textliche Überlieferungen gibt. Giraut wurde in Excideuilh bei Périgueux um das Jahr 1140 geboren und starb um die Jahrhundertwende. Von verhältnismäßig einfacher Herkunft, brachte er es zu hohem Ansehen als Meister der Troubadours, Zitate aus seinem Werk sind, gemeinsam mit denen anderer Dichter-Troubadours, in Dantes De vulgari eloquentia enthalten – ein Zeugnis seiner Stellung in dieser Zeit. Von seinen 79 erhalten gebliebenen Dichtungen sind vier mit Musik überliefert. No puesc sofrir besteht aus zehn achtsilbigen Versen im Reim ABABCDDCDD. Die Kontrafaktur, eine verbreitete Praxis der textlichen Nachbildung, folgt diesem Aufbau unter Verwendung desselben Reimschemas und derselben Reimsilben in der Folge von fünf Strophen (coblas) mit einem abschließenden Abgesang (tornada) in drei Versen. Diese Kontrafaktur stammt von dem Dichter Peire Cardenal, der wahrscheinlich um das Jahr 1180 in Le Puy-en-Velay in der Haute-Loire geboren wurde. Drei seiner neunzig Gedichte sind mit Musik überliefert, zwei davon sind Kontrafakturen. Peire Cardenal hatte ein bemerkenswert langes Leben. Man geht davon aus, daß er in einem Alter von fast einhundert Jahren in Montpellier gestorben ist, in dem Ort, wo Jaques I., König von Aragon, bis zu seinem Tode im Jahre 1276 seine Residenz hatte. Die sprachlichen Feinheiten des genannten Gedichts sind von besonderem Interesse mit seinen Stabreimen in jedem Vers der letzten Strophe.

An eine Dudelsack-Improvisation, gespielt auf dem Bujo aus dem Mittelalter, schließt sich Bel m'es qu'ieu chant (Es ist wundervoll zu singen) von Raimon de Miraval an. Dieser provenzalische Troubadour hatte seine Blütezeit zwischen 1180 und 1215. Durch seinen Namen ist er leicht mit seinem Vater zu verwechseln, deshalb ist es schwierig, sein Geburtsdatum exakt festzustellen. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern besaß er ein Schloß in Miraval im Norden von Carcassonne. 1209 oder 1211 wurde es von den Albigensischen Kreuzrittern besetzt; im vorliegenden Gedicht freut er sich auf dessen Rückeroberung. Zu Raimon de Miravals Gönnern zählte Graf Raimon VI. von Toulouse, der vom Kreuzritter Simon de Montfort im Jahre 1213 geschlagen wurde. Neben seinem Gönner erscheinen auch Raimon-Rogier von Béziers und andere Angehörige des Hochadels unter Pseudonym in seinen Gedichten. 48 Chansons sind erhalten geblieben, davon 22 mit Musik – eine außergewöhnlich große Zahl. Die vier Strophen in Bel m'es qu'ieu chant bestehen aus neun Versen zu sieben Silben, deren strophig wiederkehrendes Reimschema ABBACDDCC in der Musik wiedergegeben wird.

Cantaben els ocells (Die Vögel haben gesungen) ist das Werk von Ramon Llull (Raymond Lull), ein hochrangiger katalanischer Philosoph, Theologe, Dichter und Mystiker. Er wurde um das Jahr 1232 geboren und starb 1315. Er war ein sehr produktiver Autor und hinterließ mindestens 243 Werke in Latein und in Katalanisch, der zweitgenannten Sprache widmete er auch wissenschaftliche Beachtung. Seine vielfältigen Bemerkungen zur Musik hatten weitreichende Auswirkungen auf die damalige Praxis. Er stammt aus einer Familie von Grundbesitzern aus Barcelona und wurde wahrscheinlich irn Jahre 1235 in Palma de Mallorca geboren. Im Alter von dreißig Jahren wendete er sich von der weltlichen Dichtung ab, um auf dem Gebiet der Religion wirksam zu werden und die Gründung von Instituten zum Studium anderer Religionen voranzutreiben Ramon Llull, eine Gestalt von größter Bedeutung im katholischen Europa, widmete den Großteil seines Lebens bis zu seinem Tode 1316 der Missionarstätigkeit. Sein kurzes Gedicht wird zu einer charakteristischen musikalischen Begleitung vorgetragen.

Ara lausatz, lausat, lausat (Preiset nun, preiset, preiset) ist ein anonymes Werk mit derben Anspielungen aus dem Kloster Sant Joan de les Abadesses in Katalonien. Dessen Klosterkirche wurde im Jahre 887 von Graf Wilfred dem Haarigen (el Velloso) gegründet, dessen Tochter dort die erste Äbtissin war.

Giraut Riquier, geboren um das Jahr 1230 in Narbonne, wird als der letzte der Troubadours angesehen. Seine 89 erhaltenen Gedichte werden oft erwähnt und fallen in die Jahre zwischen 1254 und 1292. Er stand in Diensten bei Amalrich IV., Graf von Narbonne, und danach bei Alfonso X. von Castile. 1279 trat er in Dienst bei Henry II., Graf von Rodez, und starb um die Jahrhundertwende. 48 seiner Gedichte sind mit Musik überliefert, eine ungewöhnlich große Zahl. Humils, forfaitz, repres e penedens (Demütig, sündhaft, angeklagt und reuig) besteht aus zwei Strophen zu acht Versen mit einem abschließenden Abgesang aus drei Versen. Das Reimschema ist ABBACCD, die letzten drei Verse werden im Abgesang wiederholt. Die Musik paßt sich dem an und wiederholt die entsprechende Melodieformel in verzierter Form.

Bernart de Ventadorn wurde auf Schloß Ventadorn in Limousin etwa zwischen 1130 und 1140 geboren. Er war beeinflußt von Eble II. und den ihm nachfolgenden Grafen von Ventadorn, die Anhänger der traditionellen höfischen Troubadourdichtung waren. Wenn man verschiedentlichen Erwähnungen und der in vielen Fällen überlieferten Vida, einer ausschmückenden und manchmal ziemlich phantastischen biographischen Schilderung der Lebenswege der Troubadours, Glauben schenken kann, war er der Sohn entweder eines Bäckers oder eines Infanteriesoldaten. Woher er auch immer stammte, er verließ Ventadorn, um in die Dienste von Eleanor von Aquitaine zu treten, die den zukünftigen Henry II. von England heiratete. Nach dem Tod seines späteren Dienstherrn Raimon V., Graf von Toulouse, im Jahre 1194 soll er in ein Mönchskloster in der Dordogne eingetreten sein, wo er im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts starb. 45 Gedichte sind überliefert mit der Musik zu achtzehn von ihnen. Quan vei la lauzeta mover (in Deutschland unter dem Titel Lerchenlied bekannt) ist nicht nur das berühmteste Lied von Bernart de Ventadorn, sondern auch eines der bekanntesten Troubadourlieder überhaupt. Es wurde mehrfach nachgeahmt und ist einer der möglichen Einflüsse, die von den Troubadours auf das Repertoire der nordfranzösischen Trouvéres ausgingen. Das Gedicht besteht aus sieben Strophen zu acht Versen, jeder Vers achtsilbig und im Schema ABABCDCD gereimt. Die letzten vier Zeilen bilden einen Abgesang.

Jaufre Rudel, der in der Mitte des 12. Jahrhunderts seine Blütezeit hatte, ist besonders bekannt geworden durch seine Gedichte an seine ferne Liebe. Er nahm selbst am zweiten Kreuzzug von 1]47 teil. Es deutet alles darauf hin, daß seine ferne Liebe die Gräfin von Tripolis war, oder aber, im übertragenen Sinne interpretiert, Jerusalem als solches. Die nachgestaltete und phantastische Vida gibt die Geschichte von Rudel so wieder, daß er als Prinz von Blaye unsterblich in die Gräfin verliebt war, obwohl er scheinbar nur von ihr gehört hat. In Gestalt eines Pilgers soll er sich aufgemacht haben, sie zu sehen, erkrankte aber auf einer Schiffsüberfahrt und erreichte Tripolis, um in ihren Armen zu sterben – die Gräfin ging daraufhin ins Kloster. Von sieben Gedichten, die Rudel zugeschrieben werden, sind vier mit ihrer Musik überliefert. Lanquan li jorn (Wenn die Tage lang sind im Mai) ist von besonderem Interesse, weil der deutsche Minnesänger Walther von der Vogelweide dieses Lied in seinem Palästinalied (Naxos 8.553442) nachgebildet hat. Das Gedicht selbst besteht aus sieben Strophen zu sieben achtsilbigen Versen, gefolgt von einem Abgesang in drei Versen. Das Reimschema ist ABABCCD, mit dem Wort loing (fern) enden die zweiten und vierten Verse in jeder Strophe.

Übersetzung: Tilo Kittel

Zur Interpretation

Musik und Sprache der Troubadours samt ihren Inhalten haben durch die Jahrhunderte hindurch keineswegs an Bedeutung verloren. Noch in unserer Zeit können, vor allem im Bereich traditioneller Volksmusik, ihre Auswirkungen in der musikalisch-poetischen Kultur Südfrankreichs sowie Kataloniens beobachtet werden. Auf der Suche nach dem für uns idealen Interpreten, der das richtige Verständnis für dieses Repertoire aufbringen konnte, haben wir uns für Maria Laffitte entschieden. Sie ist eine der bedeutendsten Stimmen der "Cansó Catalana" und vereinigt jahrelange Erfahrungen in Ensembles für Alte Musik mit den Ergebnissen intensiver Forschungen im Bereich mittelalterlicher romanischer Sprachen sowie einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Deutung ihrer poetischen Ausdrucksweise. Aus der Überzeugung heraus, durch den Umgang mit dieser Musik Teil einer lebendigen Tradition zu sein, entwickelte sich eine Interpretationweise, in der Elemente aus dem Bereich der Alten Musik mit denen der heute noch erhaltenen traditionellen Musik der Mittelmeerländer ineinanderfließen und auf synergetische Art und Weise koexistieren. Die Zusammenarbeit des Ensemble Unicorn mit dem Ensemble Oni Wytars, als Vertreter dieser beiden stilistischen Richtungen, hat sich, wie schon bei der Einspielung von "On the Way to Bethlehem", Naxos 8.553132, bestens bewährt: Fundiertes musik-­historisches Wissen und großzügige Freiräume für Improvisationen gepaart mit der Verwendung eines vielfältigen Instrumentariums sowie strikt textbezogenen Arrangements bieten bei dieser Einspielung einen erfrischenden Farbreichtum und zugleich poetischen Tiefgang.


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