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8.554263 - GRAINGER: Power of Love (The)
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Percy Grainger (1882–1961)
The Power of Love

 

Percy Grainger gehört sicherlich zu den interessantesten musikalischen Persönlichkeiten der neueren Musikgeschichte. Er begann seine Karriere als Konzertpianist; als schöpferischer Musiker entwickelte er eine ungeheure Neugier für die Musik verschiedenster Völker, für den Jazz, für die Musik längst vergangener Zeiten und gleichzeitig für die allemeuesten Strömungen der Moderne.

Grainger kam am 8. Juli 1882 im australischen Melbourne zur Welt, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Seine Mutter Rose wurde seine erste Klavierlehrerin, und das Talent des jungen Musikers trug erste Früchte, als er mit 10 Jahren sein erstes öffentliches Konzert spielte. Mitte der 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gingen Mutter und Sohn Grainger nach Europa, wo Percy Grainger seine Klavierstudien fortsetzte: Er besuchte das Hoch‘sche Konservatorium in Frankfurt und wurde sogar zeitweise Schüler von Ferruccio Busoni. 1901 ließ sich Grainger in London nieder, von wo aus er eine typische Solistenkarriere begann, die ihn unter anderem nach Skandinavien, Neuseeland und Südafrika führte.

1905 trat Grainger der English Folk Song Society bei, und spätestens von diesem Moment an brach sich sein Interesse an der Volksmusik Bahn. Ähnlich wie sein Kollege Béla Bartók in Ungarn bediente sich Grainger eines zu seiner Zeit hochmodernen technischen Geräts zur Aufzeichnung folkloristischer Gesänge: Er benutzte den gerade erfundenden Phonographen von Edison, mit dem er innerhalb der nächsten vier Jahre etwa 500 Tondokumente festhielt—die Grundlage für seine British Folk-Music Settings. Diese Sammlung wurde das erste bedeutende Werk Percy Graingers, der zuvor eher höchst experimentelle Kompositionen für riesiges Orchester oder sehr ungewöhnliche Instrumentenzusammenstellungen zu Papier gebracht hatte.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, ging Grainger mit seiner Mutter nach New York, wo der Komponist 1961 auch sterben sollte. Zwei Jahre verbrachte Grainger in den Diensten der US-Army. Dort pflegte er sein musikalisches Talent weiter: Er spielte in einer Militärkapelle. Während dieser Zeit schrieb er sein heute vor allem in England immer noch populärstes Stück, dessen Erfolg alles spätere unberechtigterweise überschatten sollte: Country Gardens—ein Werk, das nur gute zwei Minuten dauert, brachte Grainger ein nie mehr versiegendes Einkommen aus Tantiemen. Country Gardens war ursprünglich eine Klavierimprovisation, die Grainger später niederschrieb und veröffentlichte. Die hier zu hörende Orchesterfassung stammt von Adolf Schmidt.

Die Liebe zu den Volksmusikschätzen führte Grainger über seine neue Anglo-Amerikanische Heimat hinaus. Bereits während seiner Konzertreisen hatte er Skandinavien kennengelernt und hierbei enge Freundschaft mit anderen Musikern geschlossen, die den besonderen Reiz ursprünglicher Melodien und Rhythmen in ihre Werke mit einfließen ließen. So gehörte beispielsweise der norwegische Romantiker Edvard Grieg zum engeren Bekanntenkreis Graingers; außerdem der heute nicht mehr bekannte, zur damaligen Zeit jedoch sehr bedeutende dänische Volkskundler Evald Tan Kristiansen, den Grainger auf einer Expedition nach Jütland begleitete. Auf dieser und anderen Reisen sammelte Grainger in den 20er Jahren rund 200 dänische Volksmelodien, die ebenfalls zur Inspirationsquelle für Kompositionen wurden—in diesem Fall für die viersätzige Danish Folk-Song Suite.

Der erste Satz, The Power of Love, handelt von einem jungen Mädchen, deren heimlicher Geliebter die sieben Brüder des Mädchens umbringt. Als er zu dem Mädchen zurückkommt und es fragt, ob es ihn noch liebe, erklärt es: “Auch wenn du meinen Vater umgebracht hättest, würde ich dir folgen”. Der zweite Satz, Lord Peter’s Stable-Boy, erzählt in der Art eines Tanzliedes die Geschichte von der kleinen Kirsten, die gerne am königlichen Hof als Stalljunge arbeiten möchte und sich dafür als Mann verkleidet. Die Täuschung gelingt, doch man ist bei Hofe sehr verwundert darüber, daß der “Stalljunge” einige Jahre später Zwillinge zur Welt bringt! Im dritten Satz, The Nightingale and the Two Sisters, hat Grainger zwei Volkslieder verarbeitet: The Nightingale (Die Nachtigall) handelt von einem Mädchen, das durch einen Zauberspruch in den nachts wunderschön singenden Vogel verwandelt wurde und durch einen Prinzen von dem Bann erlöst wird. In der düsteren Geschichte The Two Sisters (Die zwei Schwestern) ermordet die älter Schwester die jüngere, um den Mann zu heiraten, dem die jüngere Schwester versprochen war. Zwei Fiedler finden die Tote und machen Fiedelsaiten aus ihrem wunderschönen Haar. Wie es der Zufall will, musizieren die beiden auf der Hochzeit der älteren Schwester. Durch den “Gesang” der Fiedel kommt das Verbrechen ans Licht; die Mörderin wird lebendig verbrannt. Auch der Schlußssatz der Suite aus dänischen Volksliedern, Jutish Medley, basiert auf mehreren Vorlagen. So finden sich hier Choosing the Bride (ein Lied, in dem sich ein junger Mann zwischen einer reichen und einer armen Braut entscheiden muß), Dragoon’s Farewell (ein Abschiedslied), The Shoemaker from Jerusalem (ein archaisches religiöses Lied) und Hubby and Wife (ein Lied, in dem eine Frau ihren aufsässigen Ehemann zur Vernunft bringt).

Der reiselustige Percy Grainger kehrte in den 20er Jahren auch in seine australische Heimat zurück; außerdem unterrichtete er am Chicago Musical College Klavier. 1928 heiratete Grainger die schwedische Dichterin und Künstlerin Ella Viola Ström. In der darauffolgenden Zeit nahm er wichtige Positionen im Musikleben ein: So war er Vorsitzender der musikalischen Abteilung der New York University. An der Universität seiner Geburtsstadt Melbourne bereite er ein Museum vor, das seinen Namen führen und neben seiner dokumentatorischen Bedeutung hinaus ein Zentrum für musikalisch-völkerkundliche Themen sein sollte. Während des Zweiten Weltkriegs und den darauffolgenden Jahren versuchte Grainger Geld für das Projekt aufzutreiben, das zu einer finanziellen Last für den Rest seines Lebens wurde. Grainger gab das Komponieren auf und widmete sich den Skizzen früherer Stücke, die er mitunter erst viele Jahre nach der ersten Niederschrift vollendete Eine genaue Datierung vieler seiner Werke ist daher schwierig.

Daß Grainger nicht nur Volksmusikmelodien sammelte und bearbeitete, sondern auch irn Geiste der Traditionen Neues zu schaffen verstand, beweist der Colonial Song, in dem sich Grainger an dem Vorbild amerikanischer Volkslieder orientierte. Irish Tune from County Derry ist dagegen eine traditionelle, heute auch unter dem Titel Danny Boy bekannte irische Weise, die im Original von Grainger für unbegleiteten Chor geschrieben wurde. Die Orchesterfassung—ebenfalls aus der Feder des Komponisten—ist allerdings populärer geworden. In Green Bushes kombiniert Grainger eine alte Melodie mit der klassischen Entwicklungsform der Passacaglia. Die Weise erklingt in konstanter Wiederholung, während sich die orchestrale Textur verändet. Auch Ye Banks and Braes O Bonnie Doon, ein schottisches Lied, wurde ebenfalls zunächst von Grainger für Chor geschrieben, dann für Orchester bearbeitet. Charakteristisch ist das Pfeifen, das ursprünglich im Chorpart integriert war, hier jedoch von den hohen Violinen nachgeahmt wird. In Shepherd’s Hey! gelingt Grainger ein kompositorisches Meisterstück: Er leitet die Gegenstimmen zu der englischen Weise aus der Melodie selbst ab. Ein altes englisches Lied, jedoch kein Volkslied, verbirgt sich auch hinter dem Titel My Robin is to the Greenwood Gone. Die Originalvorlage dieses Stückes ist nur noch fragmentarisch erhalten; Grainger hat die Bruchteile der Melodie weiterentwicklet und sie mit üppiger Chromatik angereichert. Über die Komposition To a Nordic Princess wissen wir zeitlich gut Bescheid: Sie wurde im August 1928 in der Hollywood Bowl von 126 Musikern uraufgeführt—dem größten Orchester, das je an diesem Platz musiziert hatte. Grainger hat mit der “Nordischen Prinzessin” seine Braut Ella Viola Ström gemeint. Ihr ist das ausgedehnte expressive Werk gewidmet.


Oliver Buslau


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