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8.554269 - BRUCKNER, A.: Symphony No. 7, WAB 107 (Royal Scottish National Orchestra, Tintner)
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Anton Bruckner (1824-1896)
Sinfonie Nr. 7

Bruckner war sechzig Jahre alt, als seine siebte Sinfonie ihre beiden ersten Aufführungen erlebte. Die erste Aufführung bestritt sein Schüler Arthur Nikisch in Leipzig, die andere kurz darauf der gefeierte Dirigent des Parsifal Hermann Levi in München. Die begeisterte Aufnahme der beiden Aufführungen legte den Grundstein für den internationalen Ruhm des Dirigenten. Wie umstritten hingegen seine Stellung in Wien war, wird aus einem Brief an das Wiener Philharmonische Orchester deutlich, das das neue Werk in sein Programm aufnehmen wollte. Bruckner bat sie inständig, die Sinfonie nicht aufzuführen, denn er befürchtete, die dortigen feindlich gesinnten Musikkritiker könnten das Werk ablehnen und damit seine Chancen andernorts gefährden.

Die Sinfonie Nr. 7 (eigentlich seine neunte Sinfonie) ist vielleicht Bruckners schönstes Werk, sicherlich aber sein bekanntestes. Nach einem sanften Tremolo in den Violinen spielen das erste Horn und die Celli (die wohlklingendsten Instrumente im ganzen Orchester) ein aufsteigendes, weit ausschwingendes Arpeggio in E-dur. Im Folgenden übernehmen die Bratschen die Melodie des Horns; diese friedliche Melodie (vom ganzen Orchester wiederholt) führt sanft auf die Dominante, auf der eine zweite, deutlich kontrastierende Melodie einsetzt. Sie hat einen unruhigen Charakter und moduliert unablässig, schrittweise beginnend mit einer Wagnerschen Wendung (wie in Bruckners zweiter Sinfonie und in Wagners Rienzi). Wieder völlig unerwartet setzt eine dritte Melodie ein, die sich sowohl von der ersten als auch der zweiten deutlich unterscheidet und wie ein asketischer rhythmischer Tanz erscheint. Mit diesen drei Bausteinen schenkt uns der Komponist einen der reizvollsten Ersten Sätze in der Musikgeschichte. Ich möchte erwähnen, daß Robert Haas recht hat, wenn er sämtliche Tempo-Änderungen ignoriert, die weniger bedeutende Musiker hinzugefügt (oder zumindest vorgeschlagenen) haben. Sie stören nur den Fluß der Musik.

Bruckners Bewunderung für Richard Wagner (der 11 Jahre älter war) ist allgemein bekannt. Er hatte die Vorahnung, daß sein verehrter "Meister aller Meister" bald sterben könnte. Diese Angst fand ihren Niederschlag im Hauptthema des zweiten Satzes. Der Komponist verwendete hier erstmals vier sogenannte "Wagner-Tuben" (Instrumente, die Wagner speziell für die Verwendung in Der Ring des Nibelungen entwickelt hatte). Ihr Klang ist eine Mischung aus Hörnern und Posaunen. Sie stimmen eine Trauermelodie an, die von den Streichern beantwortet wird. Es folgen großartige Melodien aufeinander, ohne jemals wieder zum Hauptthema zurückzukehren, bis die tiefen Töne in den Blechbläsern zu dem etwas schnelleren und deutlich heiteren zweiten Thema überleiten. (Eine von Bruckners großartigsten Eingebungen). Hier möchte ich mir erlauben auf die formalen Parallelen zum langsamen Satz von Beethovens neunter Sinfonie hinzuweisen. Dort findet sich bereits die langsame Melodie im 4/4 Takt, auf die zweimal eine etwas schnellere Melodie im 3/4 Takt folgt, und dort wird ebenfalls die zweite Melodie im folgenden wesentlichen Teil des Satzes nicht mehr erwähnt. Die erste Melodie kehrt mit durchführungs-ähnlichen Abschnitten zurück, dann wird der reizvolle zweite Abschnitt um einen Ton höher gespielt und mit herrlichen Kontrapunkten ausgeschmückt. Die Hauptmelodie erscheint ein drittes Mal (stark ausgeschmückt) und führt zu Bruckners beeindruckendster Steigerung und einem gewaltigen Höhepunkt. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß Nikisch unseren äußerst unsicheren Meister überredet hat, an dieser überwältigenden Stelle Becken, Triangel und Pauken einzufügen (die in der ursprünglichen Partitur nicht vorgesehen waren). Ich glaube, sie sollten wieder gestrichen werden, nicht zuletzt, weil Bruckner später diese hinzugefügten Stimmen mit gilt nicht gekennzeichnet hat. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß durchaus Zweifel geäußert werden, daß es sich hier um Bruckners eigene Handschrift handelt. (Leider können die sechs ziemlich grotesken Beckenschläge in der achten Sinfonie aus dem Jahr 1887 nicht eliminiert werden, denn sie sind eindentig von Bruckner in der Partitur notiert; was nur beweist, wie nachhaltig und oft negativ der Einfluß sogenannter "Experten" sein kann). Eine herzzerreißende Coda führt zum ersten Thema – diesmal in Dur. Bruckner notiert hier doppelte Notenwerte; jedoch ist es leider unmöglich, diesen Angaben genau zu folgen, da kein Blechbläser in der Lage ist, in einem so langsamen Tempo zu spielen.

Obwohl das Scherzo in Moll steht, erweckt es einen sehr heiteren Eindruck. Ein stampfender Rhythmus: durchzieht das ganze Stück und begleitet die Hauptmelodie, die von der Trompete gespielt wird. Es wird gesagt, daß das Krähen eines Hahns diese glänzende, etwas kecke Melodie inspiriert haben soll. Das elegante Trio (etwas langsamer) bildet einen deutlichen Kontrast. Sein zweiter Teil beruht auf den von Bruckner so beliebten Gegenbewegungen (die auch im ersten Satz ausgiebig Verwendung finden).

Das Finale beginnt mit dem selben, aus zwei Noten bestehenden, Tremolo wie der erste Satz, jedoch um eine Oktave höher und in den zweiten Violinen allein. Das Hauptthema in den ersten Violinen setzt mit den selben fünf Noten ein, die das Horn und die Celli zu Beginn gespielt haben, nur ist der Rhythmus jetzt gänzlich verschieden und sehr lebhaft. Es wird von den Celli und den Blechbläsern auf der Dominante wiederholt. Kurz darauf folgt das zweite choralartige Thema, das ständig moduliert und von Schubertschen Pizzicati begleitet wird. Ziemlich unerwartet wird das erste heitere Thema vom gesamten Orchester in einer eher unstimmigen heroischen Weise gespielt. In einer Art von Durchführung erscheint das erste Thema in zweistimmiger Schreibweise in Gegenbewegung und in Moll. (Für mich hat es hier einen leicht ironischen Charakter). Die heroische Fassung der ersten Melodie kehrt zurück, diesmal weiter entwickelt. Nach einem Höhepunkt und einer Pause erklingt das Choral-Thema erneut. Der zweite Teil der ersten Melodie leitet über zu einer triumphalen Coda. In Bruckners fünfter und achter Sinfonie bilden die Finali den krönenden Abschluß des ganzen Werkes. Nicht so im Fall der siebten Sinfonie. Hier liegt das Hauptgewicht auf dem ersten und dem zweiten Satz. Das reizvolle Finale verhält sich zu der übrigen Sinfonie eher wie das Finale in einer Sinfonie von Haydn.

Georg Tintner
Übersetzung: Peter Noelke


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