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8.554428 - RYBA: Czech Christmas Mass / Missa Pastoralis
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Jakub Jan Ryba (1765-1815)
Böhmische Weinachtsmessen

Die Böhmische Weihnachtsmesse (Hej, mistře!) zählt nicht nur zu Jakub Jan Rybas (1765-1815) bekanntesten Werken sondern wurde auch fester Bestandteil des böhmischen Musikrepertoires. Klar und prägnant im Stil besticht Rybas Musik vor allem durch ihre unverstellte Direktheit und ihren schwung- und kraftvollen Grundduktus. Ziel dieser Aufnahme war es daher auch, sich Rybas ursprünglichen Intentionen so weit als möglich anzunähern und unverfälscht wiederzugeben. Ergänzend zur Böhmischen Weih­nachtsmesse liegt Rybas Missa pastoralis mit dieser CD in einer Ersteinspielung vor.

In den eher ländlich geprägten Regionen Böhmens waren die Lehrer abgesehen von ihren allgemeinen schulischen Verpflichtungen zugleich immer auch Musiker und Musiklehrer. Der Musikunterricht an den Volks- und Grundschulen erfüllte eine wichtige erzieherische und soziale Aufgabe: begabte Schüler hatten so die Möglichkeit durch weltliche und kirchliche Stipendien (z.B. für Chorsänger) in den Genuß einer Ausbildung an weiterführenden Schulen zu kommen.

Genau hier setzt auch das Engagement der Förderer des neu erwachenden böhmischen Nationalbewußtseins an: bei Musik und schulischer Bildung. Jakub Jan Ryba – Lehrer, Schriftsteller, Dichter und Komponist – leistete dabei durch seine fruchtbare und vielseitige Arbeit einen großen Beitrag. Geboren wurde Jakub Jan Ryba arn 26. Oktober 1765 in Přeštice. Sein Vater war Lehrer, Kantor, Organist und Komponist. Rybas Farnilie zog wenige Jahre später nach Nepomuk. Dort erhielt er ab dem siebten Lebensjahr auch den ersten Schulunterricht. Sein Vater unterwies ihn im Geigen-, Klavier- und Orgelspiel. Rybas erste Kompositions-versuche aus dieser Zeit sind leider nicht erhalten.

Ryba erhielt eine humanistische Ausbildung, erwarb Grundkenntnisse in Latein und Griechisch. Der Vater versuchte seinem talentierten Sohn eine höhere Ausbildung zu ermöglichen und bemühte sich um ein Stipendium, blieb jedoch erfolglos. Finanzielle Unterstützung karn schließlich von Rybas Onkel Jan Vaniček. Er nahm ihn 1780 mit nach Prag, um ihm dort den Besuch am Piaristen-Gymnasium zu ermöglichen. Neben der Schule verbrachte Ryba fortan viel Zeit mit Musik, lernte Cello, spielte im St. Wenzels Seminar und sang in Kirchenchören. In St. Salvator hatte er Gelegenheit zum Orgelspiel. Durch das Cello- und Orgelspiel sicherte er sich ein festes Einkommen. Hinzu kamen Einkünfte aus dem Verkauf eigener Kompo­sitionen. Dadurch konnte er sich Opernbesuche leisten und es eröffnete sich ihm eine neue Welt: er wurde vertraut mit der Musik anderer Komponisten, vor allem den italienischen Opernkomponisten und der Musik Mozarts. Später sollte er selbst Mozarts Hochzeit des Figaro in Prag dirigieren.

1784 erfuhr Ryba von einer gerade frei gewordenen Lehrstelle in Nepomuk. Er beendete seine Studien und begrub zugleich auch seine Ambitionen, sich im Prager MusikLeben einen Namen zu machen. Die Situation war angespannt: viele der Stipendien wurden gekürzt oder ganz gestrichen. Daher war es höchst unsicher, ob Ryba sich unter diesen veränderten Bedingungen seine Ausbildung selbst finanzieren hätte können. Ryba bewarb sich daher um die freie Stelle in Nepomuk und erhielt schließlich eine Anstellung als Hilfslehrer mit der Auflage, seine Qualifikation als Lehrer nachzuweisen. Durch eine Lehrerausbildung erwarb er dann die Berechtigung an Gemeindeschulen zu unterrichten und verbrachte eine kurze Zeit an der Schule in Nepomuk. 1786 ging er nach Mníšek, wo er neben seiner Unterrichtstätigkeit auch verstärkt komponierte. Es entstanden Werke wie die Festmesse in D-Dur, drei

weitere Messen sowie der Hymnus Iste Confessor. 1788 zog Ryba nach Rožmitál. Dort verbringt er den Großteil seines Lebens und gründet eine Familie. Hier entstehen auch seine wichtigsten und erfolgreichsten Werke. 1788 komponiert er die Missa pastoralis in D-Dur, basierend auf lateinischen und böhmischen Texten. Der Autograph dieser Messe ist nicht erhalten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß man die Pastoralmesse mit ihren lateinischen Texten für die gewöhnlichen Kirchenbesucher dadurch etwas vertrauter machte, indem man bekannte Weihnachts- und Volkslieder heranzog. Durch Verwendung böhmischer Texte erreichte man schließlich eine noch größere Nähe zum Volk. Durch Hirtenspiele wurde außerdem der liturgischen Ablauf etwas aufgelockert.

Rybas Weihnachtsmesse (Hej, mistře!) entstand 1796. Der programmatische Ablauf folgt im Grunde dem Handlungsablauf, wie er auch in den volkstümlichen Weinachtsspielen üblich war. Ryba demonstriert hier seine Fähigkeit, beim Zuhörer eine dramaturgische Spannung aufzubauen. Erst im Gloria, dem zweiten Teil der Messe, verkünden die Engelsstimmen die Geburt des Erlösers. Im Kyrie debattieren die Hirten noch über die möglichen Ursachen für die außergewöhnlichen Naturereignisse, die sie am nächtlichen Himmel beobachten. Im Graduale und Credo bereiten sich die Hirten schließlich für ihren Weg nach Bethlehem vor. Das Offertorium huldigt dem Neugeborenen. Sanctus, Benedictus und Agnus Dei fungieren als feierliche Lobgesänge an der Krippe. Obwohl dieses Werk alle Charakteristika einer Messe aufweist, erinnert sie insgesamt durch die Texte und die musikalische Satzanlage eher an eine Weihnachtskantate. Eine Eigenheit der beiden ein­gespielten Messen ist sicher die freudig-fröhliche Grundstimmung, die von jeder einzelnen Note ausgeht. Mit diesen Werken verwirklichte Ryba eines seiner Grundanliegen: die Herzen der Menschen unkompliziert und direkt anzusprechen.

Deutsche Fassung: Martin Schramm


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