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8.554472 - KRAUS: Symphonies, Vol. 2
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Joseph Martin Kraus (1756-1792): Sinfonien, Folge 2

Joseph Martin Kraus kann man zu deu begabtesten und außergewöhnlichsten Komponisten des 18. Jahrhunderts zählen. Er wurde in Miltenburg am Main geboren und erhielt seine früheste schulische Ausbildung in der Nähe von Buchen. In Mannheim besuchte er das Jeswten – ­Gymnasium und das Musikseminar, wo er deutsche Literatur und Musik studierte. Danach studierte er Jura an den Universitäten Mainz und Erfurt, verbrachte aber die Jahre 1775-1776 zuhause in Buchen, wo sein Vater des Amtsmißbrauchs beschuldigt wurde, eine Anklage, die man später wieder fallenließ. Im Jahre 1776 setzte er sein Jurastudium an der Universität Göttingen fort, unter dem Einfluß der übriggebliebenen Mitglieder des Göttinger Hainbundes (ein Künstlerkreis des Sturm und Drangs) begann er aber, eine musikalische Laufbahn ins Auge zu fassen. Im Jahre 1778 veröffentlichte er seine Abhandlung „Etwas von und über Musik”, eines der wenigen aktuellen theoretischen Werke, die sich mit der Übertragung von literarischen und philosophischen Anschauungen des Sturm und Drang auf das Gebiet der Musik befaßten.

Ermuntert durch seinen Kommilitonen Carl Stridsberg beschloß Kraus 1778, sein Leben ganz der Musik zu widmen und suchte eine Anstellung am Hofe Gustavs III. in Schweden. Obwohl er eine Stelle in Aussicht hatte, war es mit Schwierigkeiten verbunden, Eingang in das kulturelle Leben Stockholms zu finden. In den nächsten beiden Jahren versuchte er, die politischen Hindernisse auf seinem Weg zu überwinden und mußte sich dabei mit sehr schlechten finanziellen Verhältnissen abfinden. Seine Oper Azire wurde von der Königlichen Musikakademie abgelehnt, allerdings wurde er 1780 beauftragt, ein Probewerk zu komponieren. Die Idee zum Text dieser Oper, Proserpin genannt, stammte vom König selbst. Die private Aufführung des Werkes in Ulriksdal 1781 war ein großer Erfolg und brachte die Anstellung des Komponisten als Zweiter Kapellmeister mit sich. Weiterhin finanzierte König Gustav im Jahre 1782 eine große Europareise zu dem Zweck, einen Überblick über die neuesten Trends in Musik und Theater zu gewinnen. Die Reise führte ihn durch ganz Deutschland, durch Wien, Italien, England und Frankreich, wo er große Persönlichkeiten dieser Zeit, wie Gluck und Haydn, kennenlernte.

Kraus kehrte im Jahre 1787 nach Stockholm zurück und wurde im folgenden Jahr zum Ersten Kapellmeister und zum Ausbildungsdirektor der Königlichen Musikakademie ernannt. In den nächsten Jahren gelangte er in Stockholm zu hohem Ansehen; sein diszipliniertes Dirigat, seine kompositorischen Aktivitäten und seine strengen pädagogischen Maßstäbe wurden allgemein geschätzt. Er wurde Mitglied im Palmstedt-Literaturkreis und trug viel dazu bei, Stockholm zu einem führenden Kulturzentrum in Europa zu entwickeln. Kurz nach dem Attentat auf Gustav III. im Jahre 1792 erlag Kraus einer Tuberkulose, er starb im Alter von 36 Jahren.

Als Komponist kann Kraus als einer der innovativsten im gesamten Jahrhundert angesehen werden. In seiner frühen Ausbildung machte er sich den italienischen Stil der Mannheimer Komponisten, die kontrapunktische Strenge eines Franz Xaver Richter und eines J.S. Bach sowie den dramatischen Stil von C.P.E. Bach, Gluck und Grétry zu eigen. Vielseitig begabt, war der Komponist ebenso Theoretiker, Pädagoge und Schriftsteller (ein Buch über Dichtkunst und eine Tragödie). Sein Kompositionsstil ist vom Unerwarteten und Dramatischen gekennzeichnet, daher ist es auch kein Wunder, daß bei Kraus fortschrittliche stilistische Züge zu fmden sind, die die Musik des nächsten Jahrhunderts schon vorausnehmen.

Kraus begann schon in seiner Jugend, Sinfonien zu komponieren und vollendete seine letzten nur wenige Monate vor seinem Tod. Insgesamt sind vierzehn Werke dieses Genres überliefert, alles deutet jedoch darauf hin, daß diese nur ein Bruchteil des Gesamtschaffens sind. Zum Beispiel sind sechs Sinfonien, die er in Göttingen komponiert und in seinen Briefen erwähnt hat, verschollen, ebenso ganze Werkgruppen aus Buchen, Mannheim und Paris. Die erhalten gebliebenen Werke sind von einem stark dramatischen Element erfüllt und wirken somit theatralischer als die massenhaft produzierten konzertanten Werke. Der Trend hin zu dramatischen Gelegenheitskompositionen verstärkt sich im Laufe seiner letzten Lebensjahre, als die Sinfonien im Musikleben Stockholms gegenüber der Bühne nur noch eine untergeordnete Rolle spielten.

Die Sinfonie A-Dur (VB 128) ist eine der frühesten erhalten gebliebenen Sinfonien Kraus'. Stilistische Anhaltspunkte sprechen dafür, das Werk in seine Mannheimer Studienjahre 1768-1772 einzuordnen, als er unter den Einfluß der berühmten Mannheimer Kapelle geriet. Schon in diesem Jugendwerk ist Kraus­’ besonderes Interesse an dramatischen Ausgangspunkten ausgeprägt. Der erste Satz ist von kraftvollen Unisoni, blitzartig aufleuchtenden motivischen Figuren und breit ausgearbeiteten kontrastierenden Themen geprägt, während der zweite Satz von eindringlicher Lyrik erfüllt ist. Diese Sinfonie ist eine von nur zweien mit einem Menuett an dritter Stelle. Dieses wird mehr von strukturellen Gegensätzen und zierlichen tänzerischen Rhythmen charakterisiert, weniger vom üblichen gesetzt wirkenden Dreiertakt. Der Finalsatz ist eine dramatische Glanzleistung, er beinhaltet in einem Zentralabschnitt die musikalische Darstellung einer Jagd, komplett mit authentischen Hornsignalen. In der Originalquelle des Werkes fehlt die Bratschenstimme über weite Strecken, ein Ergebnis mangelhaften Quellenmaterials. Für die vorliegende Aufnahme wurden die fehlenden Bratschenpassagen durch die Oktavierung der Baßstimme ergänzt. Das stellt eine mögliche Fassung des Werkes dar, auch wenn die Originalstimme wohl mehr Unabhängigkeit besitzt, wie aus den vorhandenen Abschnitten im zweiten und vierten Satz hervorgeht.

Die Sinfonia buffa in F-Dur (VB 129) wurde höchstwahrscheinlich ebenso während der frühen Mannheimer Jahre komponiert. Im Gegensatz zum vorausgegangenen Werk ist sie eine dreisätzige Sinfonie im italienischen Gestus mit einem Titel, der die dramatische Grundhaltung der gesamten Komposition ausweist. Die Sinfonie ist eine Miniatur-Pantomime, deren Eröffnungssatz rasch zwischen kontrastierenden Szenen wechselt, von plötzlichen Ausbrüchen melodramatischer Emotion zu Melodien, die sich in schwebender Ungewißheit und Stille verlieren. Das ungewöhnliche Drama hat seinen Höhepunkt am Schluß, wo ein aufsteigender Dreiklang eine musikalische Frage formuliert. Der zweite Satz verstärkt den dramatischen Gehalt des Werkes mit seinem einstimmigen Gesang zu Beginn und seinen plötzlichen Wechseln zwischen Dur und Moll. Das Finale ist von ständiger Bewegung und Unrast getrieben, mit ausgedehnten virtuosen Passagen besonders für die Flöten. Es enthält einen avantgardistisch anmutenden Streicherabschnitt, der Verdi vorauszunehmen scheint, und eine Passage mit einem variierten Gregorianischen Choral, so als ob ein bettelnder Mönch durch die musikalische Landschaft dieses Dramas ohne Bühne wandern würde.

Die Sinfonie F-Dur (VB 130) ist für kleines Orchester geschrieben, bestehend aus zwei Hörnern und Streichinstrumenten, und entstand im Jahre 1776 während Kraus' zwangsweisen Aufenthalt in Buchen. In drei Sätzen widerspiegelt das Werk die fortschreitende Entwicklung Kraus' als Komponist und seine Fähigkeit, das Werk den beschränkten Möglichkeiten des Buchener Orchesters anzupassen. Der erste Satz ist handwerklich solide komponiert, mit besonderem Augenmerk auf den formalen Aufbau. Die Verwendung der sogenannten Mannheimer Manieren weist auf die Vollendung seiner Studien hin, das marschartige Nebenthema ist ganz auf den Publikumsgeschmack seiner Zeit zugeschnitten. Der lyrische zweite Satz enthält eine Fülle breit ausströmender Melodien, deren Gestaltung für dynamische Kontraste und Akzente sorgt, ohne dafür besondere Kennzeichungen zu benötigen. Das Finale ist eine stilisierte Jagd im 6/8 – Takt, unbändig und lebhaft, aber ohne die besonderen Anspielungen, die für die Sinfonie A-Dur charakteristisch sind.

Die Sinfonie C-Dur mit obligater Violine (VB 138) stammt aus Kraus' ersten Jahren in Stockholm 1778/79. Ebenfalls in drei Sätzen, läßt dieses Werk die Vorliebe des Komponisten für harmonische Überraschungen erkennbar werden, die in seinen späteren Werken besonders häufig zu finden sind. Das hervorstechendste Merkmal ist die Solovioline, deren virtuoser Stimme kleiner als ein Konzert, aber bedeutender als ein normaler Obligatostimme ist. Es ist ein Gegenstück des 18. Jahrhunderts zu Harold in Italien von Berlioz, in dem der Solist ständig mit dem Orchester korrespondiert, zum einen als Solist, zum anderen als primus inter pares. Darüber hinaus hat Kraus auch kleinere Obligatostimmen für die Flöte und das Violoncello vorgesehen und verleiht dem Werk damit eine ungewöhnliche Klangfärbung. Die langsame Einleitung beginnt in der sonderbaren Tonart e­-Moll, übereinander geschichtete Vorhalte leiten zu einer kurzen Rezitativ-Passage der Solovioline über, die Einleitung schließt mit einem tutti-Abschnitt in g-Moll. Das Hauptthema stellt reine Unisoni dem vollen Orchester gegenüber, diese Kontraste werden zwischen den Soloinstrumenten und dem ripieno weitergeführt, beinahe in der Art eines concerto grosso. Der zweite Satz lebt von ausströmender Lyrik und ständigen Wechseln musikalischer Gestaltungsweisen. Das Finale kontrastiert Zweier- mit Dreierrhythmen in einem verrückten, unaufhaltsam vorwärtsdrängenden Rennen zum Ende der Sinfonie hin.

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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