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8.554489 - VILLA-LOBOS, H.: Piano Music, Vol. 1 (Rubinsky) - A Prole do Bebe, No. 1 / Cirandas
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Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Klavierwerke Folge 1

"Schillernder Urwaldvogel aus dem Amazonas"– so bezeichnete sich der bedentendste Komponist Brasiliens selbst: Heitor Villa-Lobos. Schon im Alter von zwölf Jahren hatte er den literarisch und musikalisch gebildeten Vater verloren und erlebte in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro eine abwechslungsreiche aber auch entbehrungsreiche Jugend. Bändigen konnte die Mutter den jungen Heitor nicht: auf regelmäßige Arbeit war er nicht versessen, zog es vor, sich mit seinen Freunden rumzutreiben und sich selbst das Gitarrenspiel beizubringen. Die bohemehafte Atomsphäre in Rio de Janeiro zieht ihn magisch an. Es ergeben sich Kontakte zu bekannten Musikern und er entwickelt ein ausgeprägtes Gespür für Improvisation. Um die Jahrhundertwende verdingt er sich als Cellist in kleinen Theatern und Kaffees, beginnt zu komponieren.

Villa-Lobos findet seinen Kompositionstil nicht durch systematischen Unterricht sondern indem er sich mit den unterschiedlichsten Musikstilen, Komponisten und Formen auseinandersetzt und als Autodidakt in eigenen Arbeiten aufgreift. Beeintlußt wird er vor allem durch drei Strömungen: durch Reisen machte er sich mit dem Reichtum der Volklore seiner Heimat vertraut, mit ihrer Synthese von afrikanischen, indianischen und portugiesischen Elementen. Hinzu kamen die Lieder der Straßenmusikanten in Rio de Janeiro und anderen brasilianischen Großstädten, mit ihren Tangos, Mazurken und Chôros und schließlich die europäische Moderne anfangs dieses Jahrhunderts. Das Resultat dieses großzügig-unakademischen und spontanen Umgangs mit all diesen Einflüssen sperrt sich gegen standardisierte Schubladen, führte zu einem sehr freien Verfügen über musikalische Formen und einer ganz eigenen Verarbeitung des melodischen Materials.

Sein Ziel als Komponist wurde ihm im Laufe der Zeit immer klarer: eine Art brasilianische Nationalmusik. Entsprechende Anregungen erhält er auf seinen Reisen durch Brasilien: er sammelt Volkslieder, notiert Tänze und Lieder, die er thematisch in seinen Kompositionen aufgreift, als Ausgangspunkt für rhythmisches und harmonisches Experimentieren. Zu diesen natiunalistischen Wurzeln kamen noch weitere Einflüsse hinzu: 1923-1930 geht Villa-Lobos ins Mekka der damaligen Kunstwelt: nach Paris. Ermöglicht hat ihm dies vor allem Arthur Rubinstein. Die beiden trafen sich 1918 in Rio. Rubinstein ist begeistert, besorgt die nötigen finanziellen Mittel und sorgt für die Verbreitung der ersten gültigen Klavierminiaturen. In Paris angekommen feiert Villa-Lobos dort große Erfolge mit seinen Konzerten, in denen er vor allem eigene Kompositionen spielt. Dies entspricht seiner ursprünglichen Motivation, sich und seine Errungenschaften zu präsentieren. Selbstbewußt erklärte er: "Ich bin nicht gekommen, um bei Ihnen zu Studieren. Vielmehr bin ich gekommen, um Ihnen zu zeigen, was ich getan habe!"

Zurück in Brasilien engagiert sich Villa­-Lobos stark als Musikpädagoge und -erzieher. Er wird 1930 Direktor der Academia Brasileira de musica und gründet 1942 das Conservatorio Nacional de Canto Orfeonico. Villa-Lobos starb 1959, als er mit seiner Musik bereits ein breites Publikum erobert hatte, ausgezeichnet mit einer stattlichen Reihe unterschiedlichster Titel kultureller und politischer Einrichtungen. Sein Gesamtwerk umfaßt mehr als tausend Kompositionen: von kleinen etüdenhaften Klavierstücken bis hin zu großen Orchesterwerken.

Villa-Lobos war kein virtuoser Konzertpianist. Das Instrument auf dem er sich eigentlich zu hause fühlte, war das Cello. Dennoch schrieb er ein fünftel seines Gesamtwerkes für das Klavier, also immerhin zweihundert Kompositionen. Darunter drei Suiten mit dem Titel Prole do Bebê. Jede davon widmete er einem unterschiedlichen Aspekt kindlicher Vorstellungsgabe. Die erste aus dem Jahr 1918 porträtiert unterschiedliche Charaktere und Eigenschaften von Kinderpuppen, die zweite von 1921 ist Tieren gewidmet und die dritte von 1916 veranschaulicht Kinderspiele. Die Suite Nr. 1 ist bei weitem die bekannteste von allen und war zugleich Villa-Lobos' erster großer Erfolg. Dies hatte er nicht zuletzt Arthur Rubinstein zu verdanken: er spielte das Werk auf Platte ein und etablierte es fest im Repertoire. Auch wenn die Volksliedmelodien in A Prole do Bebê Nr. 1 leicht auszumachen sind, bisweilen sogar vollständig zitiert werden, wie z.B. im Mittelteil von Polichinelo – der Einfluß folkloristischer Elemente ist hier wesentlich weniger offensichtlich als etwa in den Cirandas. Die Suite besticht vor allem durch eines: durch die treffsichere, psychologisch-dichte musikalische Charakterisierung der Puppen.

Die Ciranda ist ursprünglich eine Art Reigen, ein portugiesischer Tanz für Erwachsene, der sich in Brasilien jedoch zunehmend zum Tanz für Kinder entwickelte. Die Sammlung mit sechs Cirandas aus dem Jahr 1926 ist nun innerhalb von Villa-Lobos' Gesamtwerk eines der besten Beispiele für Musik, die durch Kindern angeregt wurde und unterschiedlichste Stimmungslagen aufgreift: rhythmische Kraft und Lebensfreude, Zorn und Schmerz bis hin zu ironisch-humoristischen Untertönen. Auch wenn sich die kleinen Tänze im einzelnen nicht in ein starres Formschema pressen lassen, so entsprechen sie doch in der groben Anlage dem Schema A-B-A. Der Einleitungsteil A besteht dabei meist aus neukomponiertem Material und bereitet den "Auftritt" der originalen Volksmelodien in Abschnitt B vor: diese erklingen dann mit vielfältigen Auszierungen und bisweilen in scharfem Kontrast zu den beiden A-Teilen.

Die Hommage à Chopin aus dem Jahre 1949 entstand als Auftragswerk der UNESCO, um Chopins (1810-1849) hundertstem Todestag zu gedenken. In diesem Stück läßt Villa-Lobos seinem Gespür für romantisch-lyrische Zwischentöne freien Lauf und eröffnet mit einem klagevollen Noturno, basierend auf einer etwas matten melodischen Figur in der linken Hand. Das ganze wird zunehmend energiegeladener, voller Leidenschaft und unruhiger Anspannung und erreicht schließlich einen Höhepunkt, angekündigt durch fallende Terzklänge in der rechten Hand. Der anschließende Mittelteil ist durchdrungen von eher dunklen Gefühlslagen, wie man sie aus Rachmaninows Musik kennt, ehe schließlich das Thema des Anfangsteils wieder aufgegriffen wird.

A la Balada spielt thematisch auf den Beginn von Chopins cis-moll Walzer op. 64, Nr. 2 an. Die weitere Verarbeitung löst sich freilich vom Vorbild und entspricht wieder ganz Villa-Lobos' eigenem Idiom mit einer gleitenden chromatischen Figur in der rechten Hand, vermischt mit Sext und Quintklängen. Das Stück schöpft die klanglichen Eigenheiten des Klaviers ganz aus, erfreut sich an dessen spezifischen Möglichkeiten – und wird damit dem Gedenken an einen Komponisten gerecht, der sich fast ausschließlich dem Klavier widmete.

Bearbeitung: Martin Schramm


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