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8.554544 - LISZT: Organ Works, Vol. 1
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Franz Liszt (1811-1886)

Orgelmusik, Folge 1

Franz Liszt, geboren 1811 im ungarischen Raiding als Sohn eines Verwalters in Diensten der Fürsten von Esterházy, ging 1822 mit Unterstützung ungarischer Adliger nach Wien, um bei Czerny zu studieren, und von dort aus nach Paris. Als Ausländer durfte er nicht am Conservatoire studieren, erregte aber mit seinen Konzerten Aufsehen, fand Eingang in die Pariser Salons und traf hier mit großen Künstlern zusammen, unterrichtete, las und komponierte, von Paganinis Auftritt inspiriert, eine Reihe virtuoser Klavierstücke. Sein Verhältnis zu der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult zwang ihn zur Abreise, er ging auf Konzertreise in die Schweiz, zurück nach Paris, nach Italien, Wien und Ungarn. 1844 trennte er sich von der Mutter seiner drei Kinder, 1847 endeten auch seine Tourneen, er lernte Carolyne zu Sayn-Wittgenstein kennen, die polnische Frau eines russischen Fürsten, von dem sie getrennt lebte. 1848 zog Liszt mit ihr nach Weimar und wandte sich vor allem der sinfonischen Dichtung zu. 1861 folgte er Carolyne nach Rom, eine Heirat kam aber nicht zustande, Liszt empfing die niederen Weihen und lebte fortan teils als Lehrer in Weimar, teils als Geistlicher in Rom und teils als „Nationalheld" in Pest. Er starb 1886 während der Bayreuther Festspiele.

Liszt war wohl der größte Pianist seiner Zeit, seine Fertigkeiten auf der Orgel waren dagegen vergleichsweise begrenzt, es fehlte ihm an entsprechender Geläufigkeit beim Gebrauch der Pedale. Das Instrument interessierte ihn dennoch sehr, Anregung und Unterstützung fand er vor allem in Weimar: Bei dem zwanzig Jahre älteren Johann Gottlob Töpfer, der seit 1830 Organist in Weimar und ein deutschlandweit anerkannter Fachmann auf dem Gebiet des Orgelbaus war, und bei zwei Schülern Töpfers, zum einen bei dem späteren Weimarer Hoforganisten Alexander Wilhelm Gottschalg, der Liszt die Orgeln in der Weimarer Umgebung zeigte, zum anderen bei Alexander Winterberger, der im Jahre 1855 Liszts Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam" zur Einweihung der Ladegast-Orgel am Dom zu Merseburg spielte. Die romantische Orgel des Weißenfelser Orgelbaumeisters Friedrich Ladegast war zu dieser Zeit die größte in Deutschland, mit 81 Registern und vier Manualen. Die vielfältigen und neuartigen Klangfarben reizten Liszt, sein Präludium und Fuge über den Namen BACH entstand unmittelbar unter dem Eindruck dieses Instruments und wurde ebenfalls von Winterberger in Merseburg uraufgeführt. In Ungarn hatte Liszt Zugang zu zwei kleineren Instrumenten, die dem Grafen Széchényi in Nagycenk gehörten, für seinen eigenen Gebrauch in Pest besaß er ein Klavier-Harmonium mit zwei Manualen, eines mit Klaviermechanik und eines mit einer teilbaren Harmoniumtastatur, die verschiedene Registrierungen und Lautstärken in der linken und rechten Hand zuließ.

Präludium und Fuge über den Namen BACH entstand im Jahre 1855 (revidiert 1870), Liszt schrieb auch mehrere Klavierfassungen dieses gewaltigen Werkes. Offenbar sollte dieses Werk zur Einweihung der neuen Orgel in Merseburg erklingen, es wurde aber dort erst ein Jahr später uraufgeführt. Liszt widmete es Alexander Winterberger. Präludium und Fuge basieren auf den Tönen B-A-C-H, einem Motiv ausgeprägt chromatischer Natur. Zu Beginn erscheint es wieder und wieder auf verschiedenen Tonstufen, eingebettet in vielfältige Figurationen und Harmonisierungen. In der Fuge, die von freien Abschnitten umrahmt wird, bildet es den Kern des Themas. Das Werk hat, wie man zuweilen gegen Liszts Bezeichnung Präludium und Fuge einwendet, eher den Charakter einer Fantasie, in der eine Fuge enthalten ist.

Die Evokation an der Sixtinischen Kapelle entstand im Jahre 1862, nachdem Liszt nach Rom gegangen war. Vermutlich war sie für Klavier gedacht, zeitgleich entstanden die Fassungen für Orgel und für Orchester. Liszt bearbeitete das Werk außerdem für Klavier zu vier Händen. Die Evokation („Heraufbeschwörung") ist eine Art Fantasie über zwei geistliche Chorwerke vergangener Epochen: Liszt verarbeitet zunächst Gregorio Allegris Miserere, das für lange Zeit alleiniges Eigentum des Chores der Sixtinischen Kapelle war, bis es Mozart als Kind in Rom hörte und anschließend aus dem Gedächtnis niederschrieb. Mozarts Ave verum, das er in seinem Todesjahr komponiert hatte, bildet den Kontrast im zweiten Abschnitt. Nachdem das Miserere weiter verarbeitet worden ist, läßt Liszt sein Werk mit Mozarts Ave verum enden. „Die Not und Sorgen weinten im Miserere", erklärt Liszt, „und Gottes unendliches Erbarmen, Gottes gewährende Gnade antworteten im Ave verum corpus."

Liszts Consolations („Tröstungen"), eine Folge von sechs Klavierstücken, sind im Jahre 1850 erschienen. Mindestens zwei davon hat er selbst für Orgel bearbeitet, die Consolation Des-Dur und die zweite der beiden hier aufgenommen Consolations E-Dur. Die erste in E-Dur, im Original das abschließende Allegretto, soll von fremder Hand übertragen worden sein, ebenso die anderen Stücke der Sammlung. Die drei vorliegenden Transkriptionen sind gefällige und verhältnismäßig anspruchslose Beiträge zum Orgelrepertoire.

Im Jahre 1863 verließ Liszt Rom. Schwer getroffen vom Tod seiner Tochter Blandine (1859 hatte er bereits seinen Sohn Daniel verloren) zog er sich in das Mönchskloster Madonna del Rosario auf dem Monte Mario zurück, etwa eine Stunde von Rom entfernt. Die nächsten Jahre wird er hauptsächlich hier verbringen, in sehr einfachen Verhältnissen. Im Juli besuchte ihn Papst Pius IX., Liszt spielte ihm auf dem teilweise defekten Klavier des Klosters die erste seiner beiden Franziskus-Legenden vor, Der heilige Franziskus spricht zu den Vögeln. Liszt war den Franziskanern schon seit längerem zugetan, sein Vater hatte einige Zeit im Novizenhaus der Franziskaner verbracht, und Liszt wurde von den Ordensbrüdern immer sehr warmherzig empfangen, wenn er nach Ungarn zurückkehrte. Liszt wird auch nach seinem Abschied vom Kloster im Gewand eines Abbé auftreten. 1862 hatte er den Sonnenhymnus des heiligen Franziskus von Assisi für Chor und Orchester komponiert, ein Thema daraus fand Eingang in das neue Werk. Den Hymnus selbst hat Liszt auch für Orgel bearbeitet, allerdings erst 1880. In der vorliegenden Legende steht der heilige Franziskus auf einem Feld und spricht zu den Vögeln, die bei seiner feierlichen Predigt verstummen und gebannt seinen Worten lauschen. Liszts Vogelstimmen auf der Orgel weisen auf Messiaen voraus.

Die Variationen Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen sind auf dem Basso continuo des ersten Satzes der gleichnamigen Kantate J.S. Bachs aufgebaut, die gleiche Baßlinie verwendete Bach auch im Crucifixus seiner H-Moll-Messe. Liszts Variationen, eine Ausarbeitung seines Präludiums über dieselbe Baßfigur (1859), könnte man als Antwort des Komponisten auf den Tod seiner Tochter Blandine im September 1862 sehen (sie starb nach der Geburt ihres Kindes). Liszt hatte das Werk ursprünglich für Klavier komponiert und Anton Rubinstein gewidmet, er bearbeitete es 1863 für Orgel. Das schmerzvolle, chromatisch absteigende Baßthema ist in allen Variationen gegenwärtig. Das Werk endet, sich gleichsam in den Willen Gottes ergebend, mit dem Choral Was Gott tut, das ist wohlgetan.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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