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8.554561 - ROMANTIC HARP (THE)
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Die romantische Harfe
Grandjany • Pierné • Fauré • de Falla • Salzédo • Rota

Frankreichs Bedeutung für das spätromantische Harfenrepertoire wird aus den Werken dieser Aufnahme ersichtlich. Der Höhepunkt ist die Ballade des großen französischen Harfenisten Carlos Salzédo, der unermüdlich neue Techniken und Klänge herausfand. Vor allem dank des Wirkens französischer Musiker und Lehrer entwickelte sich das Instrument vom Accessoire eleganter Salons zum essentiellen Bestandteil moderner Orchester mit einem unabhängigen und charakteristischen eigenen Repertoire.

Der 1891 in Paris geborene Harfenist Marcel Grandjany erhielt frühen Musikunterricht bei Juliette Georges Grandjany, einer Verwandten. Im Alter von acht Jahren gewann er ein Stipendium, welches ihm ermöglichte, bei Henriette Renié Harfe zu studieren. Ein Jahr später begann er am Konservatorium – wo er dann von 1902 bis 1910 Schüler von Alphonse Hasselmans war – Unterricht in Musiklehre zu nehmen. Sein Pariser Debüt erfolgte 1909 mit dem Orchester der Concerts Lamoureux. Nach kurzem Militärdienst war er von 1915 bis 1918 Organist und Chorleiter an der Basilika Sacré- Coeur. Seine Verbindung zu Amerika kam durch die vierzehnjährige Tätigkeit als Lehrer am Amerikanischen Konservatorium in Fontainebleau und seinen ersten Auftritt in New York zwei Jahre nach dem Londoner Debüt zustande.

Er unternahm Konzertreisen durch ganz Europa und Nordamerika und war Mitbegründer des Quintette Instrumental de Paris, für das Komponisten wie Vincent d’Indy und Albert Roussel Werke schrieben. Seit 1936 lebte er in Amerika und erhielt 1945 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Grandjany lehrte an der Manhattan School und seit 1938 an der Julliard School wie auch einige Zeit in Montreal. Als Musiker und Lehrer hoch angesehen, komponierte er auch der Harfe gleichsam auf den Leib geschriebene Musik – Originalkompositionen und Transkriptionen. Seine Fantasie über ein Thema von Haydn op. 31, bestehend aus Introduktion, Thema und fünf Variationen, erschien 1953.

Marcel Tournier war ebenfalls Schüler von Hasselmanns am Pariser Konservatorium. Als einer von fünf Söhnen eines Pariser Geigenbauers entsprach er wie seine Brüder der Forderung des Vaters, eine Saiteninstrument zu erlernen. So ging er mit sechzehn Jahren ans Konservatorium. Er studierte Harmonie, Kontrapunkt und Komposition bei Lenepvu, Caussade bzw. Widor und gewann 1909 den zweiten Prix de Rome. 1912 trat er Hasselmanns Nachfolge an und verblieb bis 1948 in dieser Position, die Lily Laskine von ihm übernahm. Tournier hatte großen Einfluss als Lehrer, während seine Kompositionen das Harfenrepertoire signifikant erweiterten. Sein impressionistisches Vers la source dans le bois (Zum Brunnen im Wald) entstand 1922.

Als frühreifer Komponist – ein Oratorium von ihm wurde uraufgeführt, als er zwölf Jahre alt war – studierte Nino Rota am Mailänder Konservatorium und nahm danach Privatstunden bei Ildebrando Pizzetti und Alfredo Casella. Seine Laufbahn brachte eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Konservatorium zu Bari, dessen Direktor er 1950 wurde. Als vielseitiger Komponist schrieb er über achtzig Filmmusiken unter anderen für Fellini, Zeffirelli und Visconti sowie den Score für Coppolas The Godfather. Seine Sarabanda e toccata für Harfe, deren neoklassizistische Form der Titel zu erkennen gibt, entstand 1945, drei Jahre vor dem Harfenkonzert. Die Sarabande geht von einem akkordischen Beginn in einen freieren Abschnitt über, während die Toccata an die Musiksprache Poulencs erinnert.

Schüler Jules Massenets und César Francks am Pariser Konservatorium, trat Gabriel Pierné des letzteren Nachfolge als Organist an Ste Clotilde an. Später tat er sich als Dirigent hervor, besonders als Stellvertreter und dann Nachfolger von Edouard Colonne bei den Concerts Colonne. Sein Impromptu-caprice, ein bekanntes Konzertstück für Harfe, datiert von 1887. Es beginnt mit einer Kadenz, bevor eine besonders charmante Melodie eingeführt wird, die am Schluss – nach einem lebhaften Bolero im Zentrum des Werkes wiederkehrt.

Der Spanische Tanz Nr. 1 aus der Oper La vida breve von Manuel de Falla eignete sich für eine ganze Reihe von Bearbeitungen, darunter solche für Violine und Gitarre. Eine Transkription für Harfe ist vielleicht noch wirkungsvoller, da sie ein größeres Spektrum an Klängen hinzufügt. Die Oper selbst, zuletzt in zwei Akte gefasst, wurde 1913 in Nizza erstmals auf die Bühne gebracht, als keine Aussicht auf ein Inszenierung in Spanien bestand. Immerhin hatte sie 1905 in Spanien den ersten Preis in einem Wettbewerb für spanische Opern gewonnen. Der Tanz erklingt im zweiten Akt bei der Hochzeit von Paco und Carmela, nachdem Paco das junge Zigeunermädchen Salud verraten hatte, die in der Schlussszene zu seinen Füßen sterben wird.

Der französische Komponist Gabriel Fauré studierte an der Ecole Niedermeyer in Paris, wo er Camille Saint- Saëns traf, der dort seinerzeit Klavier unterrichtete; später wurde er dessen Stellvertreter als Organist an der Madeleine. Er sicherte sich schließlich eine Position am Pariser Konservatorium, dessen Direktor er 1905 wurde. Faurés Musiksprache schlug eine Brücke zwischen der Romantik des 19. Jahrhunderts und der Musik, die mit dem neuen Jahrhundert aufkam; sie entwickelte sich und formte sich aus, behielt aber ihre grundlegenden Charakteristika. Sein harmonisches Idiom mit den subtilen Veränderungen der Tonalität und sein Gespür für Melodien verbinden sich mit einer ganz eigenständigen Art, zeitgenössische Innovationen anzuwenden. Fauré leistete einen unvergleichlichen Beitrag zum französischen Liedrepertoire; sein Une Châtelaine en sa tour ... op. 110 für Harfe entstand 1918 für die Harfenistin Micheline Kahn und ist der Vertonung eines Gedichts aus Verlaines La bonne chanson entnommen. Das Lied Une Sainte en son aureole (Eine Heilige in ihrer Aureole) geht mit einer zweiten Zeile weiter, die dem Harfenstück den Titel gegeben hat. Der Charakter des Stücks ist in den darauf folgenden Zeilen zusammengefasst: Tout ce que contient la parole / Humaine de grâce et d’amour. Faurés Impromptu op. 86, auch in einer Klavierversion bekannt, wurde ursprünglich 1904 für Harfe geschrieben als ein morceau de concours für das Konservatorium.

Die kanadische Komponistin Kelly-Marie Murphy hat sich hohes Ansehen erworben und mehrere wichtige Preise sowohl im eigenen Land als auch in den Vereinigten Staaten gewonnen. Ihr Harfenkonzert And then at night I paint the stars ..., dessen Titel einem Brief Vincent van Goghs an seinen Bruder entnommen ist, war ein Auftragswerk der Canadian Broadcasting Corporation und des Toronto Symphony Orchestra, um das Ausscheiden der Soloharfenistin Judy Loman zu würdigen, und ist dieser gewidmet. Der dritte Satz, Scintillation – ein schon von Salzédo bekannter Titel –, hat die Form einer Kadenz und kann als eigenständiges Stück gespielt werden. Im ursprünglichen Kontext leitet er zum Finalsatz, Morning Sky, über.

Sergei Prokofjew, ein ungewöhnlich frühreifer Musiker, beendete seine Kompositionsstudien am St. Petersburger Konservatorium im Jahr 1909; danach besuchte er die Klavierklasse von Annette Essipow, Schülerin und frühere Ehefrau von Theodor Leschetitzky. In jenen Jahren – zwischen 1906 und 1913 – schrieb er eine Folge von zehn Klavierstücken, deren sechstes, Prelude, einer Studienkollegin, der Harfenistin Eleanora Damskaya, gewidmet ist. Es lag nahe, das sog. Harfen-Prelude für die Harfe selbst zu transkribieren – mit romantischen Tonkaskaden in einer Musik, der Prokofjews sonstige Schärfe völlig fehlt.

Absolvent des Pariser Konservatoriums in Klavier und Harfe, ging Carlos Salzédo 1909 nach New York, um zunächst als Soloharfenist im Metropolitan Opera Orchestra unter Toscanini zu wirken. Er war ein aktiver Förderer der neuen Musik, etablierte die Harfenabteilung am Curtis Institute und lehrte an der Julliard School. Als Komponist und konzertierender Musiker hatte er starken Einfluss auf das Harfenspiel, indem er die Möglichkeiten des Instruments und seine verschiedenen Timbres erforschte. Seine Ballade, ein virtuoser Standard im modernen Harfenrepertoire, ist eines aus einer Folge von drei 1913 veröffentlichten Stücken. Als relativ frühes Werk spiegelt es das harmonische Vokabular seiner französischen Zeitgenossen; es ist seinem Lehrer Hasselmanns gewidmet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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