About this Recording
8.554727 - MOMPOU, F.: Piano Music, Vol. 4 (Maso) - Musica Callada / El Pont / Muntaya
English  French  German 

Frederic Mompou (1893-1987)
Klaviermusik, Folge 4
Musica Callada
El pont
Muntanya (Dansa)

Der Titel von Mompous Meisterwerk Música Callada bezieht sich auf das Gedicht Cántica Espiritual des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz (1542 ­1591), in dem der Ausdruck Música Callada (schweigende Musik) durch den Begriff Soledad Sonara (klingende Einsamkeit) ergänzt wird. Der Dichter erläutert, „dass Musik ohne Klang ist, sofern natürliche Sinne und Fähigkeiten betroffen sind“; jedoch „Einsamkeit durch spirituelle Fähigkeiten laut herausschallt“. Trotz der scheinbaren Deutlichkeit der Metapher war es für Mompou nicht leicht, ihren Sinn in einer anderen Sprache als Spanisch zu erklären. Über das allgemeine Verständnis hinaus scheinen diese Worte für den Komponisten eine sehr persönliche Bedeutung gehabt zu haben, die sich allein durch seine Musik erschließt. Obwohl jedes der 28 Stücke von jener Knappheit geprägt ist, die Mompous musikalischer Sprache eigen ist, repräsentiert das Werk als Ganzes seine größte und kühnste Errungenschaft. Vier Folgen erschienen zwischen 1959 und 1967. In diesen Jahren hatte Mompou seine größte Reife erreicht und durch die Heirat mit Carrnen Bravo seine emotionale und private Sicherheit gefunden. Zudem genoss er in dieser Zeit die Unterstützung eines engen Freundeskreises, zu dem Montsalvatge, Turull und Valls gehörten, mit denen er die Sorgen jener Jahre in Barcelona teilen konnte. Mompou galt als „lebender Klassiker“ und sein Ansehen als Komponist stieg stetig Música Callada stellt eine Zusammenfassung der persönlichen Elemente seiner musikalischen Sprache dar und stößt bis in das Herz der „Mysterien der Natur“ vor, ohne jedoch ganz auf Anklänge an populäre Musik zu verzichten. Vor dem Hintergrund einer immer stärker an Einfluss gewinnenden Avantgarde unterstreicht Música Callada Mompous Position als „rückwärtsgewandt“. Er gab die Idee des permanenten Fortschritts in der Kunst auf und vertrat die Ansicht, dass es „beim Erklimmen dieser zerklüfteten Gipfel nötig wäre, von Zeit zu Zeit eine Pause einzulegen“. Gleichzeitig erreicht seine Musik hier ein Höchstmaß an harmonischer Komplexität und möglicher Abstraktion, ohne dabei jedoch ihre Individualität zu verlieren.

Das erste der vier Hefte, die in neun, sieben, fünf und nochmals sieben Stücke gegliedert sind, wurde 1959 veröffentlicht und legt bereits zu Beginn das Muster der Stücke fest. Der Charakter des ersten Stücks wird durch den Titel Angelica angegeben. Die Melodie schwankt zwischen den Polen ,populär' und ,religiös', während die Begleitung aus äußerst einfachen Akkorden besteht, die einen Glockenklang nachahmen. Das zweite Stück, Lent, entwickelt über dissonanten Akkorden ein einziges Motiv, das von charakteristischer Melancholie erfüllt ist. Die Schlichtheit der fast populären Melodie des folgenden Stückes, Placide, offenbart eine bemerkenswerte Beherrschung der Harmonie und verwendet ein instrumentales Register, das mit einer Melodie, die als Sendezeichen eines der großen spanischen Rundfunksenders bekannt ist, ein Glockenspiel andeutet. Das vierte Stück, Afflitta e penosa (wehmütig und leidend), kehrt zu der Welt des zweiten Stücks zurück. Die herben, gequälten Harmonien führen zu einer abschließenden Auflösung in e-Moll, die nach der tonal verschwommenen Eröffnung unerwartet erscheint. Das folgende Stück trägt keine Tempoangabe, die Vortragsbezeichnung jedoch, Legato metallico, ist für Mompou von großer Bedeutung; er hatte den ersten Akkord, den er sich ausgedacht hat, „metallischen Akkord“ genannt. Wie in Chopins Preludes Nr. 6 und Nr. 15 wird die Struktur von Tonwiederholungen dominiert. Im sechsten Stück kehrt Mompou zu der typischen Traurigkeit zurück, die Schmerz mit fast aristokratischer Vornehmheit verbindet. Dieser Dualismus kommt vor allem in den Wechseln von Melodie und begleitenden Dissonanzen zum Ausdruck.

Das siebte Stück, ebenfalls Lento überschrieben, reiht Passagen aneinander, die auf einer Melodie beruhen, die im Kern einen doppeldeutigen, populären Charakter hat. Das vorletzte Stück, Semplice, ist eine präzise Miniatur und nimmt ebenfalls Zuflucht zur Stimmung des traditionellen Liedes. Der erste Band endet mit einem Stück, Lento, das wiederum den eher abstrakten Charakter einiger der früheren Stücke einfangt und von einem überdurchschnittlich intensiven Einsatz polyphoner und harmonischer Dissonanzen gekennzeichnet ist.

Der sieben Stücke umfassende zweite Band erschien 1962. Das erste Stück, Lento - cantabile, knüpft stilistisch an das letzte Stück des ersten Bandes an. Das zweite, Allegretto, das elfte der gesamten Sammlung, übernimmt Mompous beliebte Art in der Abfolge von schnellen Tanzpassagen und nachdenklichen Melodien. Das zwölfte Stück, Lento, überzeugt mit jenen kraftvollen Dissonanzen, die die eher abstrakten Stücke der Sammlung kennzeichnen.

Das nächste Stück beginnt mit einer Melodie in einem populären Stil und führt zu einem kurzen Mittelteil, der mit seiner Heftigkeit fast an Bartók erinnert .Das folgende Stück, das vierzehnte, verfügt über große tonale Komplexität und kreist um die Tonart c-Moll, die Hannonie hingegen ist fast atonal. Das Lento - plaintif des fünfzehnten Stücks erreicht durch ein Motiv, das die einfachen Synkopen der Begleitung wiederholt überlagert, einen raffinierten rhythmischen Schwung. Das Stück, das die zweite Folge beschließt, Calme, beginnt und endet mit einem impressionistischen Ostinato, das eine klar umrissene kontrastierende Melodie im Mittelteil umrahmt.

Der dritte Band, der lediglich fünf Stücke umfasst, wurde 1965 erstmals veröffentlicht. Das erste Stück, Lento, das siebzehnte der gesamten Sammlung, scheint an einen Trauermarsch zu gemahnen. Das zweite, das trotz der Überschrift Luminoso, die sich auf das erste Motiv bezieht, zu einer bittereren Stimmung führt, gibt einem bedeutenden Element des dritten Stückes des ersten Bandes weitere Ausprägung. Das neunzehnte Stück, Tranquillo, ist eine traurige Meditation über ein einziges Motiv, das mit ruhiger Gleichfönnigkeit den Ton beibehält, der auch im folgenden Stück fortgesetzt wird. Dieses Calme betitelte Stück verfügt über einen Mittelteil, der zeitweise einen schrofferen Charakter annimmt, dann aber bald zu der Trostlosigkeit des Anfangs zurückkehrt. Das letzte Stück des dritten Bandes, Lento, ist insgesamt das düsterste der ganzen Sammlung und bietet eine ganze Skala „metallischer“ Klänge, die wie Glocken klingen, die unterschiedliche Größe haben und aus verschiedenen Entfernungen zu hören sind.

Der vierte Band wurde erstmals 1972 von der spanischen Pianistin Alicia de Larrocha beim Festival in Cadaqués aufgeführt. Das erste Stück, Molto lento e tranquillo, enthält mehrere Melodien in verschiedenen Registern, in die der Klang von Glocken, den Mompou so liebte, hineingewoben ist Das folgende Stück, Calme, avec clarté, scheint ein populäres Lied aus der Vergangenheit wieder wachzurufen. Im nächsten Stück, Moderato, erklingt eine sich umständlich entwickelnde Passage im Wechsel mit einem Abschnitt voller schillemder Gefühle. Die Kargheit des Satzes im ersten Abschnitt des folgenden Stückes, das keine Tempoangabe trägt, wird durch die Klarheit der Linie des ernsten Mittelteils ersetzt, bevor die Stimmung des ersten Teils zurückkehrt. Auf den verzögerten, ernsthaften Diskurs des 26. Stücks, Lento, folgt das Lento malto des nächsten Stücks, das den abstrakten Charakter verschiedener früherer Stücke wieder aufgreift; gegen Ende erscheint jedoch eine Melodie in klarem b-Moll und bildet somit einen lebhaften Gegensatz zu den grellen Dissonanzen des übrigen Stücks. Das letzte Stück, Lento, beginnt mit einer Hymne, gefolgt van einer Passage mit wechselndem Charakter, die immer greller im Ausdruck wird. Die Rückkehr zur Feierlichkeit des eröffnenden Hymnus beendet ein Werk von äußerster Schlichtheit, das es verdient, als Mompous musikalisches Testament bezeichnet zu werden. In den Worten des Komponisten: „Diese Musik hat weder Luft noch Licht. Sie ist ein sanftes Pochen des Herzens. Sie strebt nicht danach, über einige Minuten des Alls hinauszureichen, aber sie versucht, in die großen Tiefen unserer Seele und in die geheimsten Regionen unseres Geistes vorzudringen“.

Einen interessanten Kontrast bildet das unveröffentlichte Beispiel einer der frühesten Kompositionen Mompous. Muntanya (Berg/Gebirge) entstand um 1915, als Mompou erst einige der lmpressians intime, und einen Teil der Scènes d'enfant geschrieben hatte. Das Werk, das bislang unbekannt war, gehört vom Charakter her zu den Cançons i danses und ähnlichen Werken. Sie demonstrieren, wie sich Mompou von Anfang an bemühte, sein Ideal in einem Klang zu suchen, den er in den Werken seiner Reifezeit gefunden hatte. El pont (Die Brücke) reflektiert, nach Mompous eigenen Angaben, die Eindrücke während seiner Wanderungen durch den Montjuïs in Barcelona. Das Stück wurde 1941 geschrieben und stammt aus einer Zeit, in der er über die Berechtigung seiner musikalischen Sprache besorgt war. Später dachte er darüber nach, das Stück für ein geplantes Klavierkonzert zu verwenden. Als das Spanische Bildungsministerium verschiedene spanische Komponisten bat, Werke für Cello und Klavier zu komponieren, die 1977 zu Ehren von Pau Casals veröffentlicht werden sollten, griff Mompou auf einen Teil von El pont zurück, um unter Beibehaltung des Titels sein einziges Werk für diese Besetzung zu schreiben Die vergessene Klavierfassung ermöglicht ein tieferes Verständnis des Charakters des Komponisten und seiner Sorgen über die Bedeutung seiner eigenen Stimme in der Zeit der Avantgarde. Seine Antwort hieß Musica Callada.

Victor Estapé
Gekürzte deutsche Fassung: Peter Noelke


Close the window