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8.554739 - SCHUBERT, F.: Lied Edition 12 - Mayrhofer, Vol. 2
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Franz Peter Schubert (1797-1828)
Mayrhofer Lieder II

 

Neben Goethe und Schiller nimmt der von seinen Zeitgenossen, aber auch der späteren Literatur-geschichte als Dichter kaum wahrgenommene Johann Mayrhofer innerhalb von Schuberts umfangreichem Liedschaffen eine herausragende Position ein. Nicht allein, daß Schubert im Laufe von elf Jahren nicht weniger als 47 seiner Gedichte in Musik setzte — hinzu kommen auch noch das Gesangsquartett Gondelfahrer (D809), die Fragment gebliebene Oper Adrast (D137) sowie das vollendete zweiaktige Singspiel Die Freunde von Salamanka (D326). Auch Mayrhofers umfassende literarische Bildung wird einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf Schubert ausgeübt haben.

Bekanntgemacht wurden Schubert und Mayrhofer durch den gemeinsamen Freund Joseph von Spaun, der Anfang Dezember 1814 die Vertonung des Gedichts Am See (D124) anregte. Ab September 1816 entfaltete sich für vier Jahre eine umfangreiche Zusammenarbeit, die man durchaus als künstlerische Symbiose bezeichnen kann: Schubert wurde von Mayrhofers Gedichten zu seinen Gesängen angeregt, diese wiederum waren Mayrhofer Inspiration. Und als Schubert von seinem ersten Sommeraufenthalt aus Zseliz (als Lehrer der Töchter des Grafen Esterházy) im November 1818 nach Wien zurückkehrte, verließ er endgültig sein Elternhaus und zog zu Mayrhofer in dessen spärliche Kammer: „Haus und Zimmer haben die Macht der Zeit gefühlt: die Decke ziemlich gesenkt, das Licht von einem großen gegenüber stehenden Gebäude beschränkt, ein überspieltes Klavier, eine schmale Bücherstelle; so war der Raum beschaffen, welcher mit den darin zugebrachten Stunden meiner Erinnerung nicht entschwinden werden" (schreibt Mayrhofer in seinen Erinnerungen an Franz Schubert). Die damals gar nicht so unübliche (Wohn-) Gemeinschaft hielt nahezu zwei Jahre. Doch während Mayrhofer dem aufgeklärten Gedankengut verpflichtet blieb, wandte sich Schubert der neueren Dichtung der verklärenden Romantik zu; für ihn bedeuteten diese Jahre um 1820 in seiner kompositorischen Entwicklung ohnehin eine Phase der schöpferischen Krise und Neuorientierung, in der kaum ein größeres Werk abgeschlossen wurde und vieles Fragment blieb. Die zunehmende Entfremdung von Mayrhofer drückt sich am augenscheinlichsten darin aus, daß Schubert in dieser Zeit lediglich acht Lieder auf Gedichte des Freundes schuf. Ist dem Abendstern (D806) schon eine gewisse Distanz eigen — dem Menschen (in Moll charakterisiert) steht der Stern (Dur) gegenüber: „Ich bin der Liebe treuer Stern, sie halten sich von Liebe fern" —, wendet er in der im März 1824 vertonten Auflösung (D807) die Worte gewissermaßen programmatisch gegen den Dichter selbst („...flüchte dich, und laß mich allein") Mayrhofer hingegen berichtet von der Abkühlung in seinen Erinnerungen (Februar 1829): „Der Strom der Verhältnisse und der Gesellschaft, Krankheit und geänderte Anschauung des Lebens hatten uns später auseinander gehalten; aber was einmal war, ließ sich sein Recht nicht mehr nehmen."

Die außerordentliche Begabung und das literarische Interesse des am 3. November 1787 in Steyr/Oberösterreich geborenen Johann Mayrhofer zeigte sich schon zu dessen Schulzeit. Er sei „immer der Erste unter seinen Mitschülern" gewesen und zeichnete sich „besonders durch seine genaueste Kenntnis des Lateins und des Griechischen aus sowie der Klassiker" (Joseph von Spaun). Durch den frühen Tod des Vaters mittellos, trat Mayrhofer 1806 in das Augustiner-Chorherrenstift St. Florian zu Linz ein (das später durch Anton Bruckner zum Begriff werden sollte), verließ es aber nach vier Jahren kurz vor dem Ablegen der Gelübde. Mayrhofer wandte sich nach Wien, um dort unter Entbehrungen ein Jurastudium zu absolvieren. Aufgrund seiner hohen literarischen Bildung fand er rasch eine Anstellung als Zensor im k. k. (kaiserlich-königlichen) Bücherrevisionsamt und wurde schon bald von Autoren und Buchhändlern wegen seiner Strenge gefürchtet. Denn nur zu gut wußte er um jene freiheitlichen Bestrebungen, von denen sich der gerade in seinen konservativen Strukturen restituierte Staat bedroht fühlte — war Mayrhofer doch selbst ein glühender Anhänger der aufblühenden liberalen und demokratischen Ideen. In verschiedenen Nekrologen als sensibler Geist beschrieben, muß er unter der damit verbundenen inneren Belastung immer stärker gelitten haben. Mit einer strengen Pflichterfüllung im Amt versuchte Mayrhofer offensichtlich diesem nur unter Gefährdung der eigenen Existenz auflösbaren Konflikt zu begegnen, ohne ihm freilich entfliehen zu können. Gegenüber Joseph von Spaun soll er fast euphemistisch geäußert haben: „Etwas anderes ist meine Meinung, etwas anderes ist meine Pflicht." Euphorisch beobachtete er 1830 den Aufstand in Polen; der Fall Warschaus löste dann aber eine tiefe Depression aus: Mayrhofer versuchte, sich in der Donau zu ertränken. Seine Sensibilität und zunehmende Hypochondrie führten schließlich sechs Jahre später dazu, daß er sich am 5. Februar 1836, durch eine zum Wahn gesteigerte Furcht vor der (wieder einmal) in Wien grassierenden Cholera getrieben, aus dem dritten Stock des Amtsgebäudes zu Tode stürzte.

Wie sehr Mayrhofer seine wahren Ansichten vor der Zensur mehr oder weniger auffällig verbarg, zeigen etwa jene antikes Gedankengut oder Begriffe aufnehmenden Verse, die er 1824 auf Drängen der Freunde in kleiner Auflage gedruckt veröffentlichte — ihm selbst waren ja die geeignetsten Möglichkeiten hinlänglich bekannt. Das Bändchen erschien höchstwahrscheinlich im Frühherbst des Jahres; Mayrhofer selbst schickte Goethe am 20. Oktober die Ausgabe mit einem ergebenen Anschreiben. Somit dürfte sich auch klären, warum Schubert (entgegen dem übrigen Freundeskreis) nicht zu den Subskribenten gehörte: er weilte seit Ende Mai abermals in Zselitz und kehrte am 17. Oktober 1824 wieder nach Wien zurück (möglicherweise war für ihn das zweite von Moritz von Schwind vorbestellte Exemplar bestimmt). Dennoch muß es erstaunen, daß im Druck einige der Gedichte fehlen, die bereits vertont waren. Es scheint gar so, als habe Mayrhofer manche Verse für die Drucklegung nicht immer vorteilhaft revidiert; Schuberts Lieder geben demnach aller Wahrscheinlichkeit nach die ursprüngliche Fassung des jeweiligen Textes wieder. Doch hielt Mayrhofer wohl auch einige Texte zurück, die ihm zu brisant erschienen: Bereits wenige Tage nach seinem Tod äußerte Ernst Freiherr von Feuchtersleben, der sich der unpublizierten Dichtungen annehmen wollte, gegenüber Franz von Schober Bedenken, daß Teile des poetischen Nachlasses „unter den Händen der Polizei verschwinden" könnten.

Mayrhofers Dichtungen (ausgenommen die Trink- und Geselligkeitslieder sowie die Naturstimmungen) weisen einen ungewöhnlichen Stil mit dunklen Formulierungen auf, hinter denen sich das Gemeinte eher verbirgt als unmittelbar mitteilt. Neben den humanistischen Idealen und dem ausgeprägten patriotischen Sinn sind es auch die (Selbst-)Reflexionen, verbunden mit einer geradezu modern erscheinenden Ich-Perspektive, aus denen sich so manches biographische und geistesgeschichtliche Detail herausdestillieren ließe. In diese Richtung zielt auch das scharfe Urteil Franz Grillparzers gegenüber den gedruckten Gedichten: „Sie erklären den Verfasser und der Verfasser erklärt sie; Freunde mochten ihnen im Manuskript vielseitiges Interesse abgewinnen: aber für den Fremden sind sie Räthsel, schwer zu lösen, und nach der Lösung oft kaum der Mühe wert, die es gekostet."

Dies gilt heute sicherlich auch für eine Gruppe von Liedern, die auf die griechische Mythologie Bezug nehmen. Sie dokumentieren eine im Wien des frühen 19. Jahrhunderts lebendige Rezeption der klassischen Antike, hinter der sich aber auch freiheitlich-romantisches Gedankengut trefflich verbergen konnte. Der balladeske Ton, vor allem jedoch der mitunter bühnenwirksame Gestus, die Schuberts Vertonungen auch als „Rollenlieder" auszeichnen, dürfte auf entsprechende Hörerfahrungen zurückgehen (erinnert sei an die Opern Christoph Willibald Glucks). Gleichwohl fühlte man sich in manchen Details nicht an die ohnehin oftmals in sich widersprüchliche Überlieferung der alten Legenden gebunden. So wird Mayrhofer bei seiner Iphigenia (D573) vornehmlich Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris mitgedacht haben. Er setzt entsprechend einen kundigen Hörer voraus und formt die Klage zu einem eher romantisch verklärten Wunsch nach Rettung und Erlösung um, der einer augenblicklichen Gefühlsregung zu entspringen scheint. Schubert geht in seiner Komposition noch weiter: zum einen faßt er Mayrhofers Ortsangaben „Hellas" und „liebliche Gefilde" viel deutlicher und spricht vom „teuren Vaterlande" und „seligen Gefilden", zum anderen klingt in den letzten Takten zumindest die ideelle Verwirklichung der Utopie an — aus der Ferne kündigen Pauken und Trompeten von nahender Hilfe (dargestellt durch punktierte Rhythmen und straffe Dominant-Tonika-Kadenzierungen).

Durch ein Zitat beschreibt Schubert hingegen einen einsamen Ort, an dem Atys (D585), der sich von Cybeles Eifersucht in den Wahnsinn getrieben selbst entmannte, voller Erwartung zum Himmel blickt — um wenigstens als Eunuch in ihrem Tempel dienen zu können: das Klaviervorspiel gibt den Beginn des Quartetts Die Einsiedelei (D337) wieder („Es rieselt klar und wehend ein Quell im Eichenwald"). Wie beliebt in Schuberts Freundeskreis die antike Welt gewesen ist, belegt nicht nur seine launische Bezeichnung des Sängers Johann Michael Vogl als den „griechischen Vogl" (Brief vom 8. September 1818), dessen „Lieblingsgesänge" (so heißt es in einer Anzeige) er als sein Opus 6 zusammenstellte (darunter Mayrhofers Memnon sowie Antigone und Oedip). Geradezu beispielhaft dürfte die Ballade Uraniens Flucht (D554) sein, von der sich Moritz von Schwind während einer Italienreise zu einem Teil seiner „Dekoration eines Zimmers, in dem Schubertsche Lieder gesungen werden" inspirieren ließ. Hierzu heißt es in einem Brief vom 25. Juli 1835 an Eduard von Bauernfeld: „Die ªWand des Mayrhofer´ ist ziemlich in Ordnung und kann nächstes Frühjahr zur Ausstellung wandern, nebst der des Goethe; […] ªUrania´ und ªEinsamkeit´ als Arabesken sind in Farben fertig, ich will aber in Pompeji noch nachschauen." Der Titel des Liedes gibt indes mit Blick auf die Mythologie einen falschen Fingerzeig, denn nicht Urania, einer der Musen floh vor den Menschen auf den Olymp, sondern Aphrodite, die Göttin der himmlischen Liebe. Überraschend tritt sie erhabenen Schrittes in die Szene eines von Zeus gefeierten Festes ein (ab Takt 121ff.). Zeus, der Urania/Aphrodite zuerst nicht erkennt („Du bist es nicht"), zeigt sich von der Schmach, die Urania erlitt („Der Mensch verwirrt das Gute mit dem Schlechten, ihn hält gefangen Sinnlichkeit und Wahn") so erregt, daß er schon die Welt mit seinem Blitz verderben will, als ein „liebend Paar" entdeckt wird, das den Segen Uranias/Aphrodites erfleht.

Die klassische Antike, mit der man auch die — in der Realität der Restauration beschnittene — geistige Freiheit verband, war freilich ein bereits vergangenes Ideal. Und so erwartete man das Wahre, Gute und Schöne in metaphysischer Verklärung wenigstens im Jenseits, fernab aktueller politischer Enttäuschungen. So geht es in dem Lied Sehnsucht (D516; op. 8/2) auch nicht um das Verlangen nach einer Liebsten, sondern um die Sehnsucht nach vergangenen Idealen, die bereits Friedrich Schiller in Die Ideale (1796) für „erloschen" und „zerronnen" hielt. Am Ende der Wanderung steht die Hoffung auf ein „milder Land", von Schubert auch im Nachspiel musikalisch durch die Auflösung in einen hellen G-Dur-Akkord angezeigt; gleichzeitig bezeugt das Auseinanderstreben der rechten und linken Klavierhand die Unmöglichkeit, dieses Utopia — zumindest im Diesseits — zu erreichen. Die Lautmalereien zu Beginn der Komposition wirken nur vordergründig sorgenlos, der eigentümliche Bruch am Beginn des zweiten Teils („Nur du, oh sturmbewegte Seele...") läßt sich mit einem Seitenblick auf August Wilhelm Schlegels Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteratur (1808) auflösen, die gleichermaßen den geistesgeschichtlichen wie ästhetischen Hintergrund für die Poesie der Sehnsucht liefern: „Und wenn nun die Seele, gleichsam unter den Trauerweiden der Verbannung ruhend, ihr Verlangen nach der fremd gewordenen Heimat ausatmet, was andres kann der Grundton ihrer Lieder sein als Schwermut?" Sie findet sich auch in der Wendung zum mystischen Naturerlebnis, wie man sie als eine Schicht auch in dem 1817 entstandenen Lied Erlafsee (D586; op. 8/3) erkennen kann. Es erschien zunächst einzeln in Franz Sartoris Mahlerischem Taschenbuch (1818) gemeinsam mit einem Kupferstich; erst das als Opus 8 gedruckte Liederheft rückt die Zeilen Mayrhofers in einen Kontext, dem auch Am Strome (D539; op. 8/4) angehört: „mich drängt’s auch in mildre Lande / finde nicht das Glück auf Erden", heißt es dort.

Zwischen den unterschiedlichen Sphären scheint das Abendlied der Fürstin (D495) zu vermitteln, das der Betrachtung des Abendsterns Hesperus gewidmet ist und pastoral anhebt, dann aber ein veritables Gewitter einblendet, bei dem Schubert nicht allein Blitz und Donner bemüht, sondern auch Ludwig van Beethovens Klaviersonate Pathétique Op. 13 (1. Satz). „Die Wolken segeln gold besäumt / am klaren Firmament, / das Herz, es schwelgt, das Herz, es träumt, / von Erdenqual getrennt."

Michael Kube


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