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8.554784 - Music for Saxophone and Orchestra
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Musik für Saxophon und Orchester

Das Saxophon wurde in den 1840er Jahren in Paris von Adolphe Sax entwickelt. Sax entstammte einer Familie von Instrumenten­-bauern, die sich in Brüssel niedergelassen hatte. Das Saxophon besitzt ein Mundstück mit einem einfachen Rohrblatt ähnlich der Klarinette, zählt also zu den Holzblasinstrumenten. Dieses damals neuartige Instrument fand bei französischen Komponisten besonderen Anklang. Zunächst in französischen Militärkapellen eingesetzt, hielt es zunehmend Einzug in die französische Oper, um besondere Klangfarben im Orchester zu erzeugen. In Amerika erprobte Sousa das Saxophon in den 1890er Jahren, bevor es zu einem der wichtigsten Instrumente in Jazz und Swing wurde.

Darius Milhaud, ein erstaunlich fruchtbarer Komponist, wurde 1892 in Aix-en-Provence in eine wohlhabende jüdische Familie hinein-­geboren. Er wurde Schüler von Leroux, Gédalge, Dukas und Widor am Conservatoire Paris. Er war mit vielen Malern und Dichtem eng befreundet, unter den letzteren gewann Paul Claudel besondere Bedeutung für sein Leben: Als er 1916 zum französischen Botschafter in Brasilien ernannt wurde, nahm er Milhaud als Sekretär mit. Milhaud hatte schon erste Bühnenmusiken zu Theaterstücken von Claudel geschrieben, nun brachte die Verbindung zwischen beiden einen neuen Einfluß in die Kompositionen Milhauds: die Musik Brasiliens. Sein Leben lang war Milhaud auf Reisen, während der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen fand er zeitweilig Zuflucht in den USA. 1947 konnte er nach Hause zurückkehren, blieb aber durch seine Lehrtätigkeit Amerika weiter verbunden, trotz seines chronischen Rheumatismus, an dem er schon seit Jahren litt und der ihn zunehmend lähmte.

Eine der populärsten Kompositionen Milhauds ist die Suite, die unter dem Namen Scaramouche bekannt geworden ist. Sie besteht aus Teilen einer 1937 entstandenen Bühnenmusik zu einem Theaterstück für Kinder von Vildrac nach einer Vorlage von Molière. Scaramouche, eine Figur der traditionellen italienischen Komödie, erscheint bei Molière als Sganarelle in Gestalt eines angeblichen Arztes, der, in dieser Eigenschaft absolut unfähig, seinem Herrn bei seinen Liebschaften behilflich ist. Die Neufassung wurde im Mai 1937 am Theatre Scaramouche in Paris aufgeführt. Milhauds geistreiche, witzige Musik beginnt mit einem lebhaften Satz, dessen Melodie an das englische Kinderlied „Ten green bottles, hanging on the wall“ (Zehn grüne Flaschen hängen an der Wand) erinnert, das textlich mit dem deutschen „Zehn kleine Negerlein“ vieles gemeinsam hat, allerdings nicht mit dessen Melodie. Der zweite Satz mehr romantischen Charakters führt zum abschließenden musikalischen Ausflug nach Südamerika.

Glasunow war Schüler von Rimski-Korsakow, mit dem er auch bei der Vollendung nachgelassener Werke von Borodin zusammen-­arbeitete. Er gewann frühzeitig die Zuneigung Balakirews, des selbsternannten Mentors der russischen Nationalkomponisten. Der Einfluß Balakirews mußte aber bald dem Einfluß Beljajews weichen. Nach den politischen Unruhen von 1905 in St. Petersburg wurde Glasunow zum Direktor des Konservatoriums dieser Stadt gewählt und behielt diese Stellung noch über das Jahr 1928 hinaus, als er nach Paris übersiedelte. Als Komponist verband Glasunow nationale Inspirationen mit den spieltechnischen Leistungen von russischen Berufsmusikern seiner Zeit. Seine außerordentliche Kunst der Instrumentation wird in seinem Saxophonkonzert besonders deutlich. Dieses Werk, das in der klassischen Literatur für Saxophon einen bedeutenden Stellenwert einnimmt, nutzt die Möglichkeiten dieses Instruments auf geschickte Weise aus. Es zeigt keine Spur von nachlassender Leichtigkeit der musikalischen Erfindung, obwohl es zwei Jahre vor dem Tod Glasunows entstanden ist.

Mit großem Widerwillen nahm Debussy den Auftrag an, ein Werk für Saxophon zu schreiben. Die amerikanische Saxophonistin Mrs. Richard J. Hall war aber äußerst hartnäckig. Sie hatte das Werk 1895 bestellt, Debussy hat es aber erst 1908 fertiggestellt, in einer Fassung für Altsaxophon und Klavier. Eine Orchesterfassung hatte Debussy nur skizziert, sie wurde 19 19 von Roger-Ducasse vollendet. Mrs. Hall hatte aus Spaß begonnen, Saxophon zu spielen und hatte verschiedene Werke bei französischen Komponisten in Auftrag gegeben, um sich mit einem entsprechenden Repertoire zu versehen. 1904 spielte sie den Choral varié (‘Choral mit Variationen’), den Vincent d'Indy für sie geschrieben hatte; Debussy fand es ziemlich lächerlich, wie eine Frau im rosa Kleid ein solch unförmiges Instrument spielte. In einem Brief an seinen Freund, den Schriftsteller Pierre Louÿs, entschuldigte er sich für so manche Verspätung und erklärte, daß er über einer Komposition brüte, die er Fantaisie nannte, und für die er schon vor einem guten Jahr bezahlt worden war. Das Geld war natürlich längst aufgebraucht. „Seit einigen Tagen“, schrieb er, „...bin ich Der-Mann-der-gerade-über-einer-Fantasie-in-Es-für-Altsaxophon-sitzt - sage das mal ohne Luft zu holen.“ „Das Saxophon“, fährt er fort, „ist so eine Art Holztier, von dem ich wenig verstehe: Hat es nun die romantische Süße einer Klarinette oder hat es die leicht herbe Ironie eines Sarrusophons, eines Kontrafagotts ...?“ Schließlich nannte er das Stück, das melancholische Phrasen mit Trommelwirbeln verknüpft, Rapsodie arabe (Arabische Rhapsodie) und belohnte die Geduld von Mrs. Hall mit einem Stück, das unverkennbare Züge eines Debussy auf dem Gipfel seiner Ausdruckskraft trägt.

Der französische Komponist Jacques Ibert, ein Meister der Holzblasinstrumente, verwendet das Saxophon in vielen seiner Kompositionen für Theater und Konzertsaal. Sein Concertino da camera entstand 1935, zwei Jahre vor seiner Berufung zum Direktor der Académie de France in Rom, eine Stellung, die er bis 1960 innehatte. Das Kammerkonzert für Saxophon und Orchester zeigt seine meisterhafte Beherrschung der Instrumentation. Hinter der Leichtigkeit des Stils verbirgt sich eine Tiefe der Empfindung, die besonders im langsamen Satz zum Vorschein kommt. Die ergreifende Wehmut löst sich aber wundervoll in einem abschließenden schnellen jeu d'esprit auf.

Maurice Ravels Orchesterfassung der ursprünglich für Klavier geschriebenen Bilder einer Ausstellung des russischen Komponisten Mussorgsky versieht das Saxophon mit einem der schönsten Soli der modernen Orchester-literatur. In dem vorliegenden Satz spielt das Saxophon eine antike, melancholische Serenade vor den Mauern eines alten Schlosses. Sohre Rahbari fügt dem eine Improvisation für Saxophon im japanischen Stil hinzu. Die Spieltechniken, die sie anwendet, sind in der japanischen Musik längst geläufig, stellen aber für westliche Verhältnisse eine ziemliche Neuheit dar.

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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