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8.554837 - Carmina Burana
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Carmina Burana

Carmina Burana bedeutet "Gedichte/Lieder aus Beuren", dem ehemaligen Kloster Benediktbeuren. Die Handschrift wurde aber vermutlich nicht dort verfaßt, denn einige Dialektwendungen in den mittelhochdeutschen Strophen sowie deren Schreibweise deuten darauf hin, daß sie eher im süddeutschen Sprachgebiet um 1230 erstellt wurde.. Einer paläographischen Untersuchung zufolge könnte die Handschrift entweder in Seckau (Steiermark) oder in Kärnten von mindestens drei verschiedenen Schreibern zusammengestellt worden sein.

Die Pergamenthandschrift wurde Anfang des 19. Jhdt.. von Benediktbeuren nach München (Codex Latinus Monacensis clm 4660/4660a) gebracht und erhielt ihren heutigen Namen erst 1847 vom Münchner Bibliothekar Johann Andreas Schmeller, als er sie zum ersten Mal in Druck gab. Einige Teile des Codex wurden im Lauf seiner Geschichte beschädigt oder auch umgestellt. So wurde z.B. die Miniatur mit dem Glücksrad erst später als Frontispiz verwendet. Neben einigen wenigen Strophen in Mittelhochdeutsch sind die meisten Texte der Carmina Burana in Latein niedergeschrieben.

Nur mehr bei wenigen Texten ist die Niederschrift von Melodien in Neumen erhalten. Diese linienlose Notenschrift legt zwar die Zahl der auf eine Silbe kommenden Töne fest, gibt aber weder genaue Tonhöhen noch Rhythmen an sondern zeichnet nur den ungefähren Melodieverlauf nach. Durch den Vergleich mit anderen Handschriften notiert in Quadratnotation lassen sich viele der Melodien exakter rekonstruieren. Um nun Melodien für die verbleibenden Texte zu finden bedient man sich der Verwendung von Parallelhandschriften. Die schon im Mittelalter weit verbreitete Praxis der Unterlegung eines vorhandenen Textes mit einer Melodie oder der Neudichtung eines Textes für eine bekannte Melodie nennt man Kontrafaktur. Mittelalterliche Musiker waren wahre Meister auf diesem Gebiet, sodass man kaum zwei gleiche Fassungen ein und desselben Liedes findet, - weder Text noch Melodie betreffend. Da es noch keine einheitliche Sprache und Schrift gab, schrieb man die Texte in phonetischer Weise nieder

Ein Großteil der Texte aus dem 11. Und 12. Jhdt.. ist französischen Ursprungs, Die Autoren sind meist anonym, gesichert sind aber Walther von Chatillon, Petrus von Blois, Philipp der Kanzler, Walter von der Vogelweide, der Archipoeta, Gottfried von St. Viktor und der Marner, der als einziger in einer Überschrift der Sammlung namentlich genannt wird.

Walther von Chatillon wurde 1135 in Lille geboren und war ein angesehener Gelehrter und Kleriker. Er studierte in Paris, stand in Kontakt mit Heinrich II. von England und arbeitete in Rom, Bologna und Reims. In seinen Dichtungen verurteilt er die Korruption kirchlicher und weltlicher Fürsten und prangert die Habgier der Geistlichkeit an. (z.B. Ecce torpet probitas, Fas et nefas)

Petrus von Blois studierte in Tours und Bologna und war bis 1168 Lehrer von Friedrich II. in Palermo. Wegen einer Intrige verließ er Italien um am englischen Hof Heinrich II. zu arbeiten. Nach dessen Tod blieb er in den Diensten von Heinrichs Gemahlin, Eleonore von Aquitanien. Er verfasste ein politisches Lied, um einen Teil des Lösegeldes für den eingekerkerten Richard Löwenherz aufzubringen. Walther von Chatillon beschrieb Petrus als einen der vier führenden lateinischen Dichter seiner Zeit. (siehe Vite perdite)

Über 200 Texte wurden in der Carmina Burana in unterschiedliche Themengruppen geordnet:

1. moralische-satirische Dichtungen

(carmina moralia)

2. Frühlings- und Liebeslieder

(carmina veris et amoris)

3. Trink- und Spiellieder

(carmina lusorum et potatorum)

4. geistliche Dramen

(carmina divina)

Die rhetorischen Figuren und Bilder der mittellateinischen Dichtung haben ihre Vorbilder in der klassischen Literatur der Antike und der lateinischen Bibelübersetzung (Vulgata). Latein war im 11. Und 12. Jhdt. nicht nur die Sprache der Kirche, der Wissenschaften und des Rechtswesens, sondern bildete neben den nationalen Volkssprachen die europäische Universalsprache der Gelehrten.

Michael Posch


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