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8.554844 - RUSSIAN OPERA ARIAS, Vol. 2
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Vladimir Grishko

Vladimir Grishko

Russische Opernarien, Folge 2

Das neunzehnte Jahrhundert erlebte die Blüte des nationalen Elements in der russischen Kunst, vor allem in der Oper, die es den Komponisten gestattete, sich russischen Stoffen mit einer Musik zu nähern, deren Wurzeln in nationalen Traditionen lagen. Innerhalb der Gruppe von fünf zeitgenössischen Nationalkomponisten, deren Mentor Wladimir Stassow ihr den Namen „Das mächtige Häuflein" gab, erlangte Nikolaj Rimsky-Korsakow eine führende Position, indem er sein Können nicht nur der eigenen Musik nutzbar machte, sondern auch den Revisionen von Werken seiner Kollegen Mussorgsky und Borodin nach deren relativ frühzeitigem Tod.

Rimski-Korsakows sechste Oper, Sadko, wurde 1896 vollendet und zwei Jahre später in Moskau uraufgeführt. Das vom Komponisten selbst verfasste Libretto basiert auf traditionellen Heldenliedern und beginnt in der Stadt Nowgorod. Sadko, ein Guslispieler und Sänger, macht sich mit seiner Idee, er wolle eine eigene Flotte ausrüsten, um die Weltmeere zu befahren, zum Spott der Kaufmannschaft. Er verlässt die Stadt und begibt sich ans Ufer des Ilmensees; dort verwandelt sich eine Schar weißer Schwäne vor seinen Augen in verlockende Wassernixen. Die Prinzessin Wolchowa, Tochter des Meeresfürsten, prophezeit ihm, dass er drei goldene Fische fangen werde, mit deren Hilfe er, nach durchstandenen Abenteuern, reich und glücklich sein werde. Zu diesen Abenteuern zählt der Besuch im Reich des Meeresfürsten und die Heirat mit der Prinzessin, die schließlich in den Fluss Wolchow verwandelt wird, der ihn immer begleiten wird. Sadko kehrt nach langer Trennung als reicher Mann zu seiner Frau zurück.

[1] Die Introduktion beschreibt das Wogen des Meeres. [2] In der zweiten Szene singt Sadko sein Melismatisches Lied, während er am Ufer des Ilmensees wandert, wo die Schwäne von seinem Gesang angelockt werden.

Der Name Pjotr Iljitsch Tschaikowski steht für eine eher kosmopolitische Ausprägung der russischen Nationalmusik. Seine Oper Tscherewitschki (Die Pantöffelchen) wurde 1887 in Moskau uraufgeführt. Sie ist die Bearbeitung seiner 1876 nach Gogols Erzählung Weihnachtsabend entstandenen Oper Kusnez Wakula (Wakula, der Schmied). Die Mutter Wakulas, die Hexe Solocha, hilft dem Teufel beim Raub des Mondes. Ein ehrwürdiger Dorfbewohner nach dem anderen erscheint in Solochas Haus und wird dort in Säcken versteckt, die Wakula bei seiner Heimkehr nach draußen trägt. Seine Geliebte Oxana neckt ihn und verlangt für sich die Schuhe der Zarewna, wenn sie ihn heiraten soll. Wakula will sich das Leben nehmen und ist bereit, sich zu ertränken. [4] Er beklagt sein Los, während er den letzten Sack hinausschleppt, aus dem plötzlich der Teufel hervorkommt, den er nun zwingt, ihm bei seinem Plan zu helfen. [3] Im Palast tanzt eine Gruppe Kosaken, die auf eine Audienz wartet, zur Unterhaltung des Hofes. Wakulas außergewöhnlichem Ansinnen wird entsprochen. Der Teufel begleitet ihn heim, wo er nun Oxana zu heiraten gedenkt.

Aleko, eine auf Alexander Puschkin basierende Handlung, war die Standard-Examensaufgabe für Arenskis Kompositionsschüler am Moskauer Konservatorium im Jahre 1892. Sergej Rachmaninow sicherte sich mit seiner Vertonung die Goldmedaille, die Veröffentlichung des Werks und, 1893, die Aufführung am Bolschoi-Theater. Aleko hat die Gesellschaft verlassen und bei den Zigeunern ein neues Zuhause gefunden. Dort lebt er zusammen mit Zemfira, der Mutter seines Kindes. Ihr alter Vater erzählt die traurige Geschichte vom Verlust seiner eigenen Frau, die mit einem anderen Mann davonlief. [5] Als sich nach einem Tanz der Zigeuner alles zur Ruhe begibt, verabredet sich Zemfira mit einem jungen Burschen, in den sie sich verliebt hat. Doch sie entdeckt Aleko ihre Gefühle, der nun auf Rache sinnt. [6] Der junge Zigeunerbursche, jetzt mit Zemfira vereint, singt von seiner Liebe. Als sie fliehen wollen, werden sie von Aleko überrascht, der beide tötet. Aleko wird aus der Gemeinschaft verstoßen.

Alexander Dargomyshski entwarf das Libretto seines Hauptwerks Rusalka nach einem dramatischen Gedicht von Puschkin. Die Oper, 1856 in St. Petersburg uraufgeführt, erzählt die Geschichte der Müllerstochter Natascha, die — von ihrem Liebhaber, dem jungen Fürsten, verlassen — in den Dnjepr-Fluss geht, um Königin der Wassernixen (rusalki), zu werden. In die Hochzeitsfeier des Fürsten mit seiner neuen Braut mischt sich der Klang einer klagenden Stimme. Zwölf Jahre später: Den Fürsten zieht es immer wieder ans Ufer des Flusses. [7] In seiner Szene und Arie gedenkt er der unbeschwerten Jugendzeit mit Natascha. Trauernd nähert sich ihm der Müller. Der Fürst bedauert ihn, erregt jedoch nur seine Wut. Im letzten Akt der Oper tanzen die rusalki. Natascha lebt in ihrem Wasserschloss mit ihrer Tochter, der sie das Versprechen abnimmt, dem Fürsten am Ufer aufzulauern und ihm ihre Herkunft zu entdecken. In der letzten Szene müssen die Fürstin und ihre Vertraute mit ansehen, wie der Fürst in den Fluss springt, um mit seiner ersten Liebe vereint zu werden. [8] Der Zigeunertanz ist ans dem zweiten Akt.

Der erste der russisch-nationalen Komponisten war Michail Glinka, ein älterer Zeitgenosse Dargomyshskis. Seine Zauberoper Ruslan und Ljudmila, die 1842 in St. Petersburg zur Uraufführung kam, basiert auf Puschkins gleichnamigem Poem. Ljudmila ist die Tochter des Großfürsten von Kiew. Sie hat sich von drei Freiern für Ruslan entschieden. Während die Gäste sie zu ihrer Wahl beglückwünschen, ertönt ein gewaltiger Donnerschlag, und Ljudmila wird von dem Zauberer Tschernomor entführt. Ruslan und die beiden anderen Freier, Farlaw und Ratmir, nehmen die Verfolgung auf. Der Großfürst verspricht, seine Tochter demjenigen zur Frau zu geben, der sie zurückbringt. Schließlich gelingt es Farlaw, Ljudmila zu ergreifen, doch er wird von Ruslan mit der Hilfe Ratmirs überwältigt. In der Zauberhandlung dieser Oper ist die ganze Exotik eingefangen, die zu einem Kennzeichen der russischen Musik werden sollte. [9] Im ersten Akt besingt der Barde Bajan die zukünftigen Prüfungen und die Liebe von Ruslan und Ljudmila.

Glinkas heroische Tragödie Ein Leben für den Zaren, 1836 in St. Petersburg uraufgeführt, bringt erstmals russische Menschen aus den unteren Schichten auf die Bühne. Die Handlung spielt im Jahr 1613 — nach dem mit polnischer Hilfe vom „falschen Dmitri" herbeigeführten Sturz Boris Godunows — und handelt von der Heldentat des Bauern Iwan Sussanin. [10] Im zweiten Akt der Oper gibt der Anführer der Polen, die erneut in Russland eingedrungen sind, ein Fest, bei dem eine Polonaise und ein Krakowiak getanzt werden. Durch eine List gelingt es Sussanin, die polnischen Eindringlinge, die den neuen Zaren Michail Romanow ermorden wollen, in einem verschneiten Walddickicht aufzuhalten, was dem dem jungen Zaren die Flucht ermöglicht. [11] Im vierten Akt führt Sobinin, der Sussanins Tochter heiraten soll, bei Nacht eine Gruppe von Bauern in den Wald. Sussanin gelingt es, dem Zaren das Leben zu retten, kommt dabei aber selbst ums Leben. Der Zar gedenkt seines Heldenmuts, und auch folgende halten die Erinnerung an Sussanin wach.

Rimski-Korsakows Oper Zarskaja Newesta (Die Zarenbraut) wurde 1899, wie zuvor bereits Sadko, von Marmontows privater russischer Operngesellschaft uraufgeführt. Die fiktive Handlung spielt zur Zeit Iwans des Schrecklichen. Die Kaufmannstochter Marfa soll den jungen Bojaren Iwan Sergejewitsch Lykow heiraten, doch die Absichten, die sowohl der Zar als auch der Opritschnik Grjasnoi auf sie haben, führen nach einer Reihe von Verwicklungen und durch Zutun der von Grjasnoi verlassenen Ljubascha zu einem Giftanschlag auf Marfa, die dem Wahnsinn verfällt, sowie zur Exekution Lykows und zur Festnahme Grjasnois. [12] In seinem Arioso aus dem ersten Akt berichtet Lykow bei einer Gesellschaft im Hause Grjasnois von seinen herrlichen Reiseeindrücken aus Deutschland. [13] In seiner (auf Wunsch des Sängers Sekar-Roschanski nach der Premiere für den dritten Akt hinzukomponierten) Arie ist Lykow erleichtert, dass die Wahl des Zaren scheinbar doch nicht auf Marfa gefallen ist; seine Freude ist jedoch von kurzer Dauer, als er erfährt, dass Marfa nach der Einnahme von Grjasnows angeblichem Liebestrank, den die eifersüchtige Ljubascha unbemerkt mit einem Gift vertauscht hat, nun doch zur Zarenbraut erkoren worden ist.

[14] Tschaikowskis Orleanskaja Dewa (Die Jungfrau von Orleans), auf ein Libretto nach Friedrich Schiller und anderen Quellen, wurde 1881 in St. Petersburg uraufgeführt. Die Handlung ist frei erfunden nach der Geschichte der Jeanne d’Arc, wobei ein für die Dramaturgie notwendiges Element menschlicher Schwäche in Johannas flüchtiger Liebe zu dem burgundischen Ritter Lionel hinzugefügt wurde. Doch ihre göttliche Berufung obsiegt, und die Oper endet mit ihrem Tod. Der Entr’acte zwischen dem ersten und zweiten Akt ist ein Echo ihrer Dankbarkeit anläßlich der Nachricht vom Tode des englischen Befehlshabers Salisbury.

Tschaikowskis Oper Iolanta (Jolanthe) wurde zusammen mit seinem neuen Ballett Nussknacker 1892 in St. Petersburg uraufgeführt. Das Libretto, nach einer Erzählung des dänischen Schriftstellers Henrik Hertz, verfasste Tschaikowskis Bruder Modest. Im Mittelpunkt der Handlung steht die blinde Jolanthe, Tochter des Königs René. Sie weiß nichts von ihrer Blindheit, da der König verboten hat, es ihr zu sagen. Ein maurischer Arzt teilt ihm mit, das das Mädchen nur geheilt werden könne, wenn sie von ihrem Geschick wisse. Vaudémont, ein burgundischer Ritter, und Robert, Herzog von Burgund, verirren sich in den königlichen Gärten. Robert will seine Verlobung mit Jolanthe lösen. [15] Vaudémont (in einer für den lyrisch-dramatischen Tenor Nikolai Figner hinzukomponierten Romanze) erklärt seinen Wunsch nach einer Frau von vollkommener Reinheit. Als sie Jolanthe schlafend im Garten gewahren, verliebt sich Vaudémont auf der Stelle in sie. Jolanthe wird von ihrer Blindheit geheilt und glücklich mit Vaudémont vereint.

Ein ausgesprochen exotisches Element kennzeichnet Alexander Borodins unvollendete, von Rimski-Korsakow und dem jungen Glasunow nach dem Tod des Komponisten revidierte und ergänzte Oper Fürst Igor, uraufgeführt 1890 in St. Petersburg. Fürst Igor und sein Sohn Wladimir werden von den heidnischen Polowzern ergriffen, doch von ihrem Anführer, Khan Kontschak, in ehrenvoller Gefangenschaft gehalten. Man einigt sich schließlich darauf, Igor und seinen Sohn freizulassen. [17] Wladimir aber hat sich in die Tochter des Khans verliebt, mit der er sich heimlich trifft. [16] Im dritten Akt kehrt der Polowzer Khan Gsak mit russischen Gefangenen zu den Klängen eines Marschs ins Lager zurück. Als Igor erfährt, dass sein Heimatort geplündert wurde, ergreift er mit seinem Sohn die Flucht. Wladimir wird gefangen genommen, aber Kontschak beweist seine Großmut und gibt dem russischen Fürstensohn seine Tochter zur Frau.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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