About this Recording
8.555010 - BEATLES GO BAROQUE
English  French  German 

Beatles Go Baroque
Peter Breiner und sein Kammerorchester

 

Unsere Reaktion auf Musik wird nur allzu oft von nostalgischen Stimmungen beeinflußt, oder—wie in diesem besonderen Fall—in Analogie zum englischen Wort mood, von einem modus. Egal, ob man zu seinen Fans gehört oder nicht: es läßt sich kaum leugnen, daß Lennon und McCartneys Musik von einer modalen (und häufig mollgefärbten) Schlichtheit und einer wehmütigen, geradezu altmodischen Klarheit ist. Von der Fachwelt—und gelegentlich sogar von John Lennon—kritisiert, ist diese Musik jedoch überraschenderweise immun gegen die Art klinischer Behandlung, die eine “Barocktherapie” mit sich bringt. Und während unangenehme Wahrheiten über unsere Jugendhelden illusionstötend wirken mögen, so kommt man doch nicht umhin zuzugeben, daß diese bekannten Songs keineswegs leiden, wenn man sie à la Bach oder à la Vivaldi aufbereitet. In klassischer Verpackung klingen sie womöglich noch nostalgischer, gewissermaßen verschönert durch einen “altbekannten” chemischen Prozeß. Es ist wie mit Mozart: man kann diese Musik noch so umfrisieren, sie bleibt unverwüstlich und behält—auch ohne den dazugehörigen Text—die Kraft, uns “over the hills and far away”, über die Hügel und weit fort zu tragen.

Beatles Go Baroque ist eine “Magical Mystery Tour”, eine anachronistische Entdeckungsreise durch die vielstrapazierten Seiten des Lennon- und McCartney-Songbooks. Das Concerto Grosso Nr. 1 im Stil von Georg Friedrich Händel findet seine voraussagbare, wenngleich passend gewählte Ouvertüre (Track 1) in She Loves You. Von den Beatles im Juli 1963 aufgenommen, wurde die A-Seite ihrer vierten Single schon bald zur stolzen Hymne der Swinging Sixties Pop-Art, zum entschieden gewaltlosen Kriegsgeschrei einer Generation, die von Flowerpower-Spontaneität und psychedelischem Rausch, von Acid und Yeah-Yeah-Musik lebte. Das Alternieren von verschiedenen individuellen Instrumenten im Konzert mit vollem Ensemble rechtfertigt den Untertitel dieses und der anderen Concerti Grossi.

Lady Madonna (Track 2), die letzte Parlophone-Single der Pilzköpfe (aufgenommen am 3. und 6. Februar 1968), kommt im barocken Gewand daher und fährt in selbiger concertante-Manier fort, unmittelbar gefolgt vom kontrastierenden Fool on the Hill (Track 3), einer sanglichen Threnodie für Streicher mit Solocello, und zwar in entschieden langsamerem Tempo als das Original, welches zusammen mit dem keck-autobiographischen Penny Lane (Track 5) erstmals 1967 in den USA (1976 in Großbritannien) auf der Magical Mystery Tour Doppel-EP erschien. Track 4, Honey Pie (aus dem Beatles-Doppelalbum vom November 1968) beginnt ebenfalls allegro concertante und stellt 1. und 2. Violine in den Vordergrund.

Mit noch größerem Effekt kommt die Solovioline im Concerto Grosso Nr. 2 (im Stil von Antonio Vivaldi) zum Einsatz—einem Stück, in dem Geigen dominieren. Die Solovioline stellt die Themen in Girl (Track 7—einer vielbewunderten Nummer aus Rubber Soul, erschienen 1965 in Großbritannien und 1987 in den USA) und I Love Her (Track 8 ) vor—einer Art Barkarole, die gleichsam wie eine entspannende Ruhepause nach dem harten Thema von A Hard Day’s Night (Juli 1964) wirkt, dessen bearbeiteter Titelsong zur Ouvertüre wird (Track 6). Indirekt inspiriert von den den Quasi-Autobiographien der beiden Johns, In His Own Write und Spaniard in the Works,—sowie mit Paul als Co-Autor der Lyrics—ist Paperback Writer (Track 9) ein Klassiker sowohl der Single, als auch der LP Past Masters 2 (März 1968). Lennons selbstironische Geringschätzung seines eigenen Sprachtalents reflektierend, wird der Humor durch den unterlegten Barockrhythmus noch gesteigert. Das Concerto endet mit Help (Track 10—dem Titel des im August 1965 erschienenen LP-Albums der Beatles).

Geschrieben im traditionellen Stil von kontrastierenden, von Satz zu Satz verschiedenen Instrumentalbesetzungen, sind die Nummern 1, 2 und 5 von J.S. Bachs 1721 entstandenen Brandenburgischen Konzerten die berühmtesten Concerti Grossi. Das Beatles Concerto Grosso Nr. 3 folgt einem ähnlichen Muster, wobei die Soloflöte im Vordergrund einer Reihe von altehrwürdigen, aus der barocken Suite bekannten Tänzen steht. Mit seinem schreitenden Tempo und dem langsamen, fugierten tutti für Streicherensemble bildet The Long and Winding Road (1970; Track 11) eine durchaus passende, ernsthafte Ouvertüre, während Eight Days a Week (Track 12—aus Beatles For Sale, Dezember 1964), hier Rondo überschrieben, einen lustigen Kontrast zum ergreifenden She’s Leaving Home bildet (Track 13—aus Sgt. Pepper, Juni 1967, hier im Stil einer Sarabande, eines alten spanischen Tanzes, gespielt.) We Can Work it Out (Track 14) stammt aus Past Masters 2 vom März 1968 und wird hier im Zeitmaß einer Gavotte gespielt); Hey Jude (Track 15) wird zu einem Air mit Variationen im Polonaisenstil (ursprünglich ein Albumtitel vom Mai 1979, der zuvor bereits in Beatles Past Masters 2 erschienen war); Yellow Submarine schließlich ist der spielerisch-psychedelische Song aus Revolver (August 1966), neu gestylt als Badinerie.

Wenn der Arrangeur einen bestimmten alten Meister im Sinn hatte, so ist das Concerto Grosso Nr. 4 wahrscheinlich dem Stil von Arcangelo Corelli (1653–1713) nachempfunden. Wie im Concerto Grosso Nr. 1 dominiert auch hier das Solocello, das jeweils von anderen Instrumenten umspielt wird. Das Muster, nämlich das Alternieren einiger weniger Instrumente mit dem vollständigen Ensemble, wird bereits von der Ouvertüre Here Comes the Sun vorgegeben (Abbey Road, 1969—die einzige darin enthaltene Kreation von George Harrison) und fortgesetzt mit Michelle (Rubber Soul, Dezember 1965, beginnend und endend als resolutes, fugiertes tutti für Streicher) und Goodnight (ursprünglich die Schlußnummer der Doppel-LP The Beatles vom November 1968—höchst effektvoll die nachdenkliche Solopassage für Violine)—, bis wir mit Carry That Weight (1969) zu Abbey Road zurückkehren—“where it all began”, wo alles anfing.



Peter Dempsey
Übersetzung: Bernd Delfs


Close the window