About this Recording
8.555025 - VINTAGE BROADWAY: Orchestral Selections
English  German 

Vintage Broadway
Cole Porter • Rodgers and Hammerstein II • Jule Styne • Burton Lane

Die Anfänge des Broadway Musicals lassen sich zurückverfolgen bis zur New Yorker Premiere von John Gays Beggar’s Opera im Nassau Theater, Manhattan Island, im Jahre 1751. Schon um 1900 hatte sich dann das kommerziell orientierte moderne Musical entwickelt, und zwar über die amerikanischen Burlesken und Minstrel-Shows mit dem Zusatz europäischer Konventionen, hin zu den melodiöseleganten ‚ur-amerikanisch’ bürgerlichen Operetten von Kerker und Victor Herbert. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden am Broadway mehr als 2000 Produktionen gezeigt, die alle irgendwie den altehrwürdigen Traditionen wie Pantomime, Ballett, Wiener Operette, English Comic-Opera, Vaudeville und Farce verpflichtet waren, auch wenn allenfalls um die 50 dieser Musicals es bei ihrer ersten Produktion auf mehr als 500 Aufführungen brachten, und noch viel weniger wiederum die 1000er Marke überstiegen oder zu Blockbustern wie (um nur die naheliegendsten Beispiele zu nennen) Show Boat (1927 – mit seiner Mischung aus Musik und einer realistischen Handlung das erst wirkliche Musical), Oklahoma! (1947), South Pacific (1949), My Fair Lady (1956), West Side Story und The Music Man (beide 1957), The Sound of Music (1959), oder auch Kiss Me, Kate (1948) und Funny Girl (1964) wurden – zwei weitere Mega-Musicals, die hier neben verschiedenen anderen, weniger bekannten Beispielen Berücksichtigung finden, und die man gleichwohl mittlerweile – 50 Jahre oder älter, wie sie sind –als Klassiker der Unterhaltungsmusik bezeichnen kann.

Mit seiner ebenso kultivierten wie eleganten Grundhaltung war Cole Porter (1891-1964) einer der Protagonisten in Sachen Film und Musical-Bühne im 20. Jahrhundert. Über Jahre hinweg war sein Name nachgerade zum Synonym für den Broadway geworden. Und so ist der peruanisch-stämmige Komponist und Textdichter, der mehr als 20 Shows für die sogenannte ‚Goldene Meile’ (wie man den Broadway auch nennt) schrieb, hier denn auch mit Arrangements aus drei seiner späteren Erfolge repräsentiert. Der dauerhafteste der drei, das monumentale Kiss Me, Kate ging in New York erstmals im Dezember 1948 mit Alfred Drake und Patricia Morison in den Hauptrollen über die Bühne. Nach 1077 Aufführungen der ersten Produktion wurde das Stück mit einem Tony als bestes Musical ausgezeichnet und erhielt darüber hinaus noch zwei lobende Erwähnungen (bestes Buch und beste Originalmusik). Bei dieser zu Porters besten Stücken zählenden, gewitzten Stück-im-Stück-Paraphrase von Shakespeares Taming of the Shrew geht es wie im Vorbild um eine Familienfehde und -aussöhnung. Das Libretto stammt dabei von Sam (1899-1971) und Bella Spewack (1899-1990). Nachdem Jack Hylton das Stück im März 1951 in London inszeniert hatte (501 Aufführungen), wurde es in den nächsten 40 Jahren international auf den unterschiedlichsten Bühnen wiederaufgenommen, bis hin zur denkwürdigen MGMVerfilmung von 1953, mit Howard Keel und Katherine Grayson.

Can-Can, mit einem Libretto von Abe Burrows (alias Borowitz, 1910-1985) und inszeniert vom Dirigenten Cy Feuer und Ernest Martin, lief in New York erstmals im Mai 1953. Mit 892 Aufführungen war dieser typische Pariser Firlefanz mit einigen wohlausgefeilten Nummern nach Kiss Me, Kate das erfolgreichste Stück Porters. Und auch wenn es international nie an dessen Reputation herankommen sollte, kam es 1959, 1962 und 1981 in New York selbst doch immerhin zu recht achtbaren Wiederaufnahmen. In London kam das Stück (ab Oktober 1954) auf 394 Aufführungen. Am bekanntesten aber ist sicherlich die umfangreich bearbeitete Filmfassung von Twentieth Century Fox von 1960, mit Frank Sinatra, Shirley MacLaine, Maurice Chevalier und Louis Jordan, für deren musikalische Leitung Nelson Riddle für einen Oscar nominiert wurde.

Porters letztes Bühnenwerk (Aladdin, das bereits im Ursprung für den Film entstand, nicht mitgerechnet) war als Fortsetzung von Can-Can konzipiert. So ist die Handlung wiederum in Paris angesiedelt, und das Libretto von George Simon Kaufman (1889-1961), Leueen McGrath und Abe Burrows stützt sich auf das Drehbuch von Ninotchka, einen Streifen mit Greta Garbo von 1939, den Ernst Lubitsch für MGM gedreht hatte. Die Show lief ab Februar 1955 am Broadway (478 Aufführungen), und auch wenn sie nie nach London kam, so wurde die von Eugene Loring choreographierte MGM-Filmfassung von 1957 mit Fred Astaire und Cyd Charisse doch äußerst positiv aufgenommen.

Die 15 Jahre währende Zusammenarbeit der New Yorker Bühnengiganten Richard Rodgers (1902-1979) und Oscar Hammerstein II. (1895-1960) begann 1943 mit Oklahoma!. Ihre der Chronologie nach sechste Broadway-Kooperation, das ‚Backstage’-Musical Me And Juliet wurde in New York erstmalig im Mai 1953 gegeben und hielt sich für 358 Aufführungen. Da es aber von Broadway-Erfolgen wie Can-Can, Harold Romes Wish You Were Here oder Bernsteins Wonderful Town in den Schatten gestellt wurde, übersahen es selbst jene Kritiker, die frühere Shows des Autorengespanns, namentlich Carousel und The King And I, noch gefeiert hatten. Und so sollte Me and Juliet denn auch nie nach London kommen und bis auf das Hauptthema, ‚No Other Love’, in Vergessenheit geraten. Dabei handelt es sich bei diesem einen überlebenden Standard um eine Leihgabe aus Rodgers’ 1954er Filmmusik für die Dokumentation Victory at Sea.

Flower Drum Song, nach einem Buch von Hammerstein, der neben Joseph Albert Fields (1885- 1966) auch der Textdichter war, ist die neunte Broadway-Produktion von Rodgers und Hammerstein. Die Adaption eines chinesisch-amerikanischen Romans von Chin Y. Lee wurde von Gene Kelly inszeniert und brachte es ab Dezember 1958 auf 600 Aufführungen. Nachdem es in London 1960 auf die Bühne gekommen war, wurde es im Jahr darauf von United Artists mit den ursprünglichen Stars der Produktion in den Hauptrollen – Miyoshi Emeki, Nancy Kwan und James Shigeta – verfilmt.

Das New Yorker Autorenteam um den Textdichter Edgar ‚Yip’ Harburg (alias Isidore Hochberg, 1898- 1981) und den Komponisten Burton Lane (alias Levy, geb. 1912) konnte ab etwa 1940 einige größere Erfolge auf Leinwand und Bühne verbuchen. Ehe er sich 1929 dem Song-Writing zuwandte, war Harburg leitend im Elektrohandel tätig gewesen, während Lane bis zum selben Jahr als Notenschreiber für den Tin Pan Alley Musikverlag Remick arbeitete. Doch schon ehe beide dann zusammenarbeiteten, hatten sie jeweils reichlich Erfahrung am Broadway und in Hollywood gesammelt. Finian’s Rainbow, das es ab Januar 1947 auf 725 Aufführungen brachte, war bei weitem der größte Erfolg des Duos, auch wenn Emile Littlers Londoner Produktion (ebenfalls 1947) bereits nach 55 Aufführungen wieder abgesetzt wurde. In der Filmfassung (Warner Brothers, 1968) spielten Fred Astaire, Petula Clarke und Tommy Steele.

Jule Styne (alias Jules Kerwin Stein, 1905-1994) wurde zwar in London geboren, wuchs aber in Chicago auf und machte sich zuerst als Konzertpianist und Hollywood-Arrangeur einen Namen, wobei er verschiedentlich mit Sammy Cahn, Frank Loesser, Harburg und Sondheim zusammenarbeitete. Ab 1947 weitete er seinen Tätigkeitsbereich dann auch auf den Broadway aus, wo er als ersten nennenswerten Hit 1949 Gentlemen Prefer Blondes (1953 verfilmt) landete. Funny Girl, mit einem Buch von Isobel Lennart und Texten von Bob Merrill, ging erstmals im März 1964 über die Bühne. Mehr oder weniger basierend auf die legendären Abenteuer der New Yorker East-Side- Komödiantin Fanny Brice, sollte es zum idealen Spielfeld der jungen Barbara Streisand werden. Und auch im später entstandenen Hochglanz-Film (Columbia, 1968), brillierte die Oskar-Gewinnerin Streisand, die übrigens auch im unter weniger glücklichen Sternen stehende Nachfolgefilm Funny Lady von 1975 spielte.

Peter Dempsey
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


Close the window