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8.555030 - PROKOFIEV: Piano Sonatas Nos. 5, 6 and 9
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Sergej Prokofjew (1891-1953)

Sergej Prokofjew (1891-1953)

Klaviersonaten Nr. 5, 6 und 9

Das Klavier war Prokofjews wichtigstes Instrument,

es beschäftigte ihn während seiner gesamten schöpferischen Tätigkeit. Die Entstehung seines aus neun Werken bestehenden Sonatenzyklus erstreckte sich mit mehreren Unterbrechungen über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten. Drei der ersten fünf Sonaten gingen auf Material von sechs in seinen Studienjahren entstandenen Stücken zurück, die nächsten drei erschienen in regelmäßigen Abständen vor und während des Zweiten Weltkriegs, während die letzte Sonate eines der schönsten Beispiele des schlichteren musikalischen Weges darstellt, den der Komponist in seinen letzten Lebensjahren, die von zunehmenden Gesundheitsproblemen begleitet waren, eingeschlagen hatte.

Die Fünfte Klaviersonate, entstanden im Laufe des Jahres 1923, ist ein Spiegelbild des faszinierenden kulturellen Schmelztiegels, der Paris in jenen Jahren war. In ihr vermeidet Prokofjew die Rhetorik und Virtuosität seiner früheren Sonaten und lässt den Einfluss Strawinskys und der „Groupe des Six" in äußerlich klassischen Linien und formaler Klarheit durchscheinen, obwohl die harmonische Sprache weit von der damals propagierten neobarocken Ästhetik entfernt ist. Vielleicht war die merkwürdige, wenngleich keineswegs demonstrative Kombination von Alt und Neu der Grund für die kühle Aufnahme bei der Pariser Uraufführung im März 1924. In den Jahren 1952-53 unterzog der Komponist das Werk, hauptsächlich den Finalsatz, einer Revision; es sollte die einzige von noch mehreren geplanten Kompositionen und Revisionen vor seinem Tod bleiben.

Das Allegro tranquillo beginnt mit einem ruhig fließenden Thema, in dem Melodie und Begleitung eng miteinander verzahnt sind. Ein harmonisch spekulativeres Seitenthema bildet dazu den Kontrast. Die Durchführung gibt sich überraschend lebhaft. Das erste Thema kehrt auf dem Höhepunkt zurück und fährt dann wie zuvor fort, während das zweite Thema mit seinem ungeduldigeren Gestus zu einer kurzen, lakonischen Coda führt. Das Andantino ist ein scheinbar unbeschwertes Intermezzo, dessen harmonische Dissonanz von der schreitenden Basslinie gemildert wird. Im Zentralabschnitt ändert sich die Stimmung kaum, und der Satz endet mit einem ironisierenden Halbschluss. Der folgende Satz, Un poco allegretto überschrieben, erinnert zunächst, und zwar in lebhafterer Weise, an den Kopfsatz, besitzt aber eine noch energischere Reprise, während das Hauptthema bei seiner Rückkehr mechanistischer anmutet. Eine abrupte Coda, weitgehend ein Produkt der Revision, beschließt das Werk in unerwartet kecker Manier.

Sechzehn Jahre sollten vergehen, bevor Prokofjew sich zur Komposition einer neuen Klaviersonate entschließen konnte. Als Ergebnis entstanden gleich drei Werke, die ein Kriegssonaten-Triptychon bilden und jeweils 1940, 1942 und 1944 vollendet wurden. Angesichts der durch die drohende Kriegsgefahr ausgelösten allgemeinen Verunsicherung ist die

Sechste Sonate die harmonisch grellste und formal zwiespältigste der Trias. Die Uraufführung, die der Komponist selbst im Moskauer Rundfunk am 8. April 1940 spielte, hatte nur mäßigen Erfolg.

Das Allegro moderato beginnt mit einem drängenden Thema, dessen Beginn eine Mottofunktion für das gesamte Werk übernimmt. Eine dissonante Überleitungspassage und ein sinnendes, in sich gekehrtes Nebenthema bilden dazu einen vollständigen Kontrast. Die energische Bewegung im Bass gewinnt an Impetus, während beide Themen zurückkehren und die Musik zu einem Höhepunkt führen, bevor sie sich in einem Glissando-Gewirr auflöst. Kämpferisch kehrt das Anfangsthema zurück, wonach das sich jetzt selbstbewusster gebende Nebenthema den Satz zu einem zweideutigen Ende führt, das durch die Rückkehr des Motto-Fragments umso provisorischer wirkt. Das anschließende Allegretto beginnt mit einem anmutig tänzelnden Rhythmus, aus dem sich ein spielerischer Dialog zwischcn rechter und linker Hand entspinnt. Ein rhapsodisches Thema bildet dazu den Kontrast, bevor der verschmitzte Gestus des Beginns zurückkehrt. Eine sanft wiegende Melodie mit einem Hauch der Liebesmusik aus dem Ballett Romeo und Julia bestimmt das Tempo di walzer lentissimo. Ein merkwürdig ravel-ähnlicher Zentralabschnitt führt zu einer nachdrücklichen Bestätigung des Hauptthemas, das sich seinen hochemotionalen Weg zur verstummenden, erfüllten Coda bahnt. Fieberhaft beginnt das Vivace mit atemlos vorbeihuschenden Motiven. Unsicher erklingt nach einer stockenden Pause die Motto-Idee, die ein verstohlenes Zwischenspiel auslöst, das die Sonate mit beinahe unheimlichem Geschick zusammenbindet. Es folgt eine hektische Reprise der eigenen Themen des Finales, während das Initialmotto zurückkehrt, um eine beschleunigte Coda zu beherrschen, in der es mit manischem Nachdruck geradezu herausgeschrien wird.

In den Nachkriegsjahren vollendete Prokofjew zwei seiner bedeutendsten Werke, die Erste Violinsonate (Naxos 8.555904) und die Sechste Sinfonie (Naxos 8.553069). Neben der heroischen Tragik dieser Werke scheint es der Neunten Klaviersonate, vollendet im Herbst 1947, an Ehrgeiz zu mangeln, sie wirkt geradezu simplistisch. So dachte zunächst auch Sviatoslav Richter, dem der Komponist das Werk gewidmet hatte; er spielte es öffentlich erst in einem Konzert aus Anlass von Prokofjews 60. Geburtstag am 21. April 1951 in Moskau. Bis dahin hatte der große Pianist jedoch seine Meinung geändert und beschrieb es nun als „glänzend, schlicht und sogar intim". Später haben sich nur wenige Pianisten für dieses Werk eingesetzt, das bis heute

das am meisten vernachlässigte von allen Instrumentalwerken Prokofjews ist.

Der erste Satz, Allegretto, beginnt in absoluter Stille und entfaltet seine Themen in einem Schwebezustand zwischen Intimität und verhaltenem Schmerz. Die Durchführung zieht die Themen in eine ausgearbeitete kontrapunktische Passage, die jedoch die Anfangsstimmung beibehält. Es folgen die Reprise der Themen und eine Coda, die für einen Augenblick vor dem halb-resignativen Satzschluss erscheint. Das folgende Allegro strepitoso ist ein funkelndes Scherzo, dem die Bösartigkeit früherer derartiger Sätze fehlt. Das Andante tranquillo ist von einer herrlichen Schlichtheit; es erhält seinen Tiefgang in den unteren Registern des Instruments, obwohl eine unruhige Bewegung die friedliche Stimmung vorübergehend trübt. In variierter Figuration kehrt nun das Hauptthema zurück, wonach das Nebenthema mit raschen Sechzehntelnoten im Bass für einen kurzen Höhepunkt sorgt. Eine neue rhythmische Idee erscheint in der Coda und kündigt bereits das überschwängliche Hauptthema des abschließenden Allegro con brio, ma non troppo presto an. Es folgt ein ruhiges, aber gleichermaßen robustes Thema sowie ein Zentralabschnitt, der eher der vorherrschenden verhaltenen Stimmung entspricht. Die beiden Themen werden durchgeführt, bevor eine ruhige Coda an den Beginn der Sonate erinnert und die Musik zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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