About this Recording
8.555042 - BOCCHERINI: String Quartets, Opp. 32 and 39
English  French  German  Spanish 

Der italienische Cellist und Komponist Luigi Boccherini wurde 1743 in Lucca geboren. Sein Vater war Kontrabassist, zur Familie gehörten aber nicht nur Musiker, sondern auch Tänzer und Dichter. Boccherinis älterer Bruder Giovanni Gastone war sowohl Tänzer als auch Dichter. Er schrieb das Libretto zu Haydns Il ritorno di Tobia und zu einigen frühen Bühnenwerken des Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri, später wurde er Hausdichter am Coliseo de los Canos del Peral in Madrid. Für die Konzerte, die in diesem Theater stattfanden, hatte Boccherini selbst Musik komponiert. Seine Schwester Maria Ester war Tänzerin, aus ihrer Ehe mit dem Tänzer und Choreographen Onorato Viganò ging Salvatore Viganò hervor, eine der großen Persönlichkeiten in der Geschichte des Balletts.

Seit seinem dreizehnten Lebensjahr trat Boccherini als Cellist auf. Er spielte, meist in Begleitung seines Vaters, in den bedeutendsten italienischen Musikzentren, zwischenzeitlich auch im Orchester des Théâtre-Allemand in Wien. 1764 erhielt er eine Anstellung als Cellist in der Cappella Palatina in Lucca, daneben gab er weiter Solokonzerte und spielte in einem Streichquartett, das sich vor allem den Werken Haydns widmete. Im Herbst 1767 brach er gemeinsam mit dem Geiger Manfredi, dem Konzertmeister der Cappella Palatina, zu einer Konzertreise auf, ursprünglich mit dem Ziel London. Über Nizza kamen sie nach Paris und blieben für etwa sechs Monate in dieser Stadt. Ihre Konzerte waren überaus erfolgreich, zudem machte Boccherini als Komponist auf sich aufmerksam. Eine erste Sammlung von sechs Streichquartetten sowie mehrere Streichtrios wurden in Paris gedruckt. Im Jahre 1768 gingen sie nach Spanien und traten zunächst am Hofe mit einer italienischen Operntruppe auf. Boccherini konnte sich in Madrid behaupten, er wurde zum Komponisten und Kammervirtuosen des Infanten Don Luis ernannt, des jüngeren Bruders von König Carlos III. Beim König selbst und bei dessen Erben, dem Prinzen von Asturien, hatte er zuvor nur kühle Aufnahme gefunden. Die nächsten rund fünfzehn Jahre verbrachte Boccherini teilweise in Madrid, teilweise auf Schloß Las Arenas in der Provinz Avila. Er komponierte für das Streichquartett am Hof und wirkte selbst bei den Aufführungen seiner Streichquintette mit. Nach dem Tod des Infanten im Jahre 1785 erhielt Boccherini vom König eine Rente und das Versprechen, in die Real Capilla aufgenommen zu werden. Das Versprechen wurde niemals eingelöst, Boccherini fand jedoch eine Anstellung bei der herzoglichen Familie Benavente-Osuna in Madrid. Er leitete das Orchester der Herzogin und komponierte Musik für ihren Salon, in dem hochrangige Persönlichkeiten verkehrten, unter anderem Boccherinis Freund, der Maler Goya. Zur selben Zeit wurde er zum Hofkomponisten des Königs Friedrich Wilhelm II. ernannt, des Neffen und Thronfolgers Friedrichs des Großen. Diese Stellung ähnelte seiner früheren bei Don Luis; er hatte den preußischen König, der selbst Cello spielte, exklusiv mit neuen Kompositionen zu versorgen. Es gibt allerdings keinen Beweis dafür, daß Boccherini jemals in Preußen gewesen war. Als Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1797 überraschend verstarb, verlor Boccherini seine Stellung, sein Gesuch um eine Rente wurde abgelehnt. Im Jahre 1799 zog die Familie Benavente-Osuna nach Paris; Boccherini war nunmehr ohne Anstellung. Er fand Unterstützung bei Lucien Bonaparte, dem französischen Botschafter in Madrid, und blieb bis zu seinem Lebensende produktiv. Besucher berichteten allerdings, Boccherini habe seine letzten Jahre in Armut und Einsamkeit verbracht - sein Gönner Lucien Bonaparte war wieder nach Paris zurück gegangen, Boccherinis zweite Frau und seine Töchter waren verstorben. Luigi Boccherini starb am 28. Mai 1805 in Madrid.

Boccherinis Stil ist charakteristisch für seine Zeit; das heißt für die Zeit eines Haydn, weniger eines Mozart oder Beethoven. Er komponierte mit erstaunlicher Leichtigkeit, sein Werk umfaßt etwa 460 Kompositionen. Ein Großteil seiner Musik ist dem Violoncello gewidmet, er schrieb zahlreiche Konzerte und Sonaten für dieses Instrument. Das Cello spielt aber auch in der Kammermusik Boccherinis eine besondere Rolle; hervorzuheben sind seine Streichquintette, in denen er zwei Violoncelli einsetzt, das erste als konzertierendes Instrument.

Boccherini schrieb sein Streichquartett A-Dur im Jahre 1787, in seinem eigenen Katalog ist es als opera grande und opus 39 aufgeführt. Im Jahre 1798 erschien es erstmals als op.39 Nr.8 bei Pleyel in Paris. Das Quartett fand offensichtlich den Beifall Friedrich Wilhelms II., er schrieb auf seine Kopie des Werkes das Wort bene. Der erste Satz beginnt mit einem ruhig-schlichten Thema, dynamische Kontraste und schnelles Passagenwerk in der ersten Violine leiten zur Durchführung über. Die Reprise behält sich eine direkte Wiederaufnahme des Eingangsthemas bis zum Schluß des Satzes vor. Ein graziöses Menuett mit Trio schließt sich an, bevor die erste Violine den düsteren langsamen Satz in d-Moll einleitet. Die Tragik schlägt im abschließenden Rondo in Heiterkeit um. Besonders interessant ist die mittlere Episode mit drei- und vierstimmigen Akkorden im Violoncello.

Die sechs Quartette aus dem Jahr 1780 werden von Boccherini als opus 32 und opera grande bezeichnet, sie sind um 1782 bei Artaria in Wien als opus 33 erschienen. Wie die meisten Werke Boccherinis wurden sie auch in Paris gedruckt, im Jahre 1785. Das Streichquartett Es-Dur op.32 Nr.1 beginnt mit einem anmutigen Satz, der, wie so oft bei Boccherini, von kurzen, wiederholten Figuren geprägt ist. Genau dieses musikalische Merkmal führte offensichtlich zur Entlassung Boccherinis aus seinen Diensten am spanischen Hof. Der Prinz von Asturien, der selbst die erste Violine spielte, nahm scheinbar Anstoß an der mehrfach wiederholten Figur do-si (oder JA-WA) und nannte Boccherinis Musik „unsinnig". Der Komponist entgegnete darauf, es könne nur Ignoranz sein, wenn man die neuartigen harmonische Effekte nicht bemerkt, die mit dieser Wiederholung einhergehen. Der erste Satz ist in dreiteiliger Sonatenform komponiert, ihm folgt ein reizvolles Menuett mit Trio. Der langsame Satz in c-Moll dringt in dramatische Bereiche vor, die Spannung löst sich im abschließenden Allegro vivace assai.

Das zweite der sechs Quartette, das Streichquartett e-Moll op.32 Nr.2, beginnt mit einem Largo sostenuto, dessen dunklere Färbung bereits durch die Wahl der Tonart vorherbestimmt ist. Ein Nebengedanke, der von dem üblichen Tonartwechsel begleitet wird, hellt die Stimmung auf. Boccherini verbindet den langsamen Satz mit dem E-Dur-Menuett. An der Stelle, wo das Menuett erwartungsgemäß wiederholt wird, schließt sich ein Larghetto in Moll an. Das Quartett endet mit einem Rondo in E-Dur, dessen Zwischenepisoden - eine in der Art einer Musette, eine mit höheren Anforderungen an das Violoncello - für einen kontrastreichen Verlauf sorgen.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


Close the window