About this Recording
8.555047 - SCARLATTI, D.: Keyboard Sonatas (Complete), Vol. 3
English  French  German 

Domenico Scarlatti (1685-1757)
Gesamtwerk der Klaviersonaten, Band 3

 

Domenico Scarlatti wurde 1685, im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel geboren. Er war der Sohn Alessandro Scarlattis, eines einflußreichen Musikers, der in Neapel eine neue Opernschule mitbegründet hatte. Ebenfalls in seiner Geburtsstadt Neapel wurde Domenico bereits mit sechzehn Jahren Organist und Komponist der königlichen Kapelle. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Venedig wurde Scarlatti 1709 Kapellmeister der polnischen Königin Maria Casimira, welche in Rom im Exil lebte. Dort ließ er sich auf ein öffentliches Wettspiel mit Händel ein, aus welchem Händel als der bessere Organist und Scarlatti als der bessere Cembalist hervortrat. Durch seine Bekanntschaft mit dem portugiesischen Gesandten in Rom gelangte Scarlatti 1720 nach Lissabon, wo er die Kinder der Königsfamilie, darunter die Infantin Maria Barbara unterrichtete. Als diese 1729 den spanischen Thronfolger Ferdinand heiratete, folgte ihr Scarlatti mit an den spanischen Hof zunächst nach Sevilla, dann nach Madrid, wo er sich erst 1738 eine eigene Wohnung nahm. Der Komponist blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1757 in Spanien.

Scarlattis Umzug nach Spanien im Jahre 1729 setzte den Auftakt zu einem Stilwandel der folgenden Jahre. Hatte sich der Komponist bis dahin in erster Linie durch Vokalmusik hervorgetan, welche sich stilistisch am Werk seines Vaters sowie seiner Zeitgenossen orientierte, so befaßte er sich als Klavierlehrer Maria Barbaras ausgiebig mit dem Cembalo, ein Instrument auf welchem er musikalisches Neuland betrat und Glänzendes leistete. Mit seinen 550 bekannten Sonaten für dieses Tasteninstrument legte er nicht nur den Grundstein zu einem zukunftsweisenden Genre, sondern formulierte auch zum ersten Mal seine persönliche Tonsprache, deren Spritzigkeit, Sinnlichkeit und Anmut ohne Vergleich dastehen. Weit entfernt vom Pathos des ausklingenden Hochbarock, durchdringt Scarlattis Werk eine Geisteshaltung, welche sich an den sinnlichen Freuden der Kunst orientiert. So warnte er im Vorwort seiner Essercizi genannten Sonaten den Spieler etwa vor der Suche nach einem tiefgründigen Sinn (profondo intendimento). Vielmehr solle er in diesen Stücken den raffinierten Scherz der Kunst (lo scherzo ingegnoso dell'Arte) aufspüren. Neu ist in diesen zweifellos raffinierten Sonaten die Behandlung des Instruments, indem jeder musikalische Einfall hier nicht - wie bei so vielen Komponisten der Zeit - vom Vorbild der Singstimme ausgeht sondern allein aus dem Wesen des Tasteninstruments geboren ist. Die klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten seines Instruments erforschte Scarlatti wie kein Komponist vor ihm. Er entlockte ihm neue Klangwelten und Effekte, welche seinen Zeitgenossen im Vergleich zu allem bisher Gehörten als wahre Zauberei erscheinen mußte. Das Gleiche gilt für die neuartige Spieltechnik, welche vom Spieler ein hohes Maß an Geschicklichkeit verlangt. In der Tat sollte es nach Scarlatti beinahe hundert Jahre dauern, bis ein Chopin oder Liszt den Rahmen sowohl der virtuosen als auch der klanglichen Möglichkeiten des Klaviers im selben Maße sprengte.

Scarlattis Sonaten sind zum Teil in Manuskripten aus dem 18. Jahrhundert erhalten, von denen einige aus der Notensammlung der Königin Maria Barbara stammen. Diese hatte die Manuskripte möglicherweise dem berühmten Kastraten Farinelli vermacht, welcher zur selben Zeit wie Scarlatti am spanischen Hof und später in Venedig wirkte. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten wurden mehrere Sammlungen seiner Sonaten veröffentlicht. Darunter befand sich eine Gruppe von 30 Sonaten, welche 1738 entweder in Venedig oder London erschien sowie eine Sammlung von 42 Sonaten, welche Thomas Roseingrave im darauffolgenden Jahr in London herausgab. Diese schloß dreißig der bereits im Vorjahr erschienenen Sonaten ein. In jüngerer Zeit gab Alessandro Longo ein neues Ordnungssystem für Scarlattis Sonaten unter der Bezeichnung L. heraus, gefolgt im Jahre 1953 von der Ausgabe des amerikanischen Cembalisten Ralph Kirkpatrick(K.). Das nochmals neuere Ordnungssystem Giorgio Pestellis (P.) beruht auf neueren stilistischen Untersuchungen.

Scarlattis Sonate in G-Dur, K.201/L.498/P.252 entstammt dem zweiten von fünfzehn, in Venedig vorliegenden Manuskriptbänden, welcher mit 1752 datiert ist. Der Mittelteil des mit vivo überschrieben Werks schlägt mit neuem Material zwar kontrastreiche Töne an, bleibt der Lebhaftigkeit des Hauptteils aber treu. Die Sonate in d-Moll, K.10/L.370/P.66 taucht zum ersten Mal in der oben erwähnten Sammlung des Jahres 1738 auf. Sie soll presto gespielt werden und trägt mit ihrem rasanten und feurigen Laufwerk die unverkennbare Handschrift des glänzenden Cembalisten Scarlatti. Im Vergleich zu anderen, zeitgleichen wie auch späteren italienischen Komponisten benützte Scarlatti eine große Anzahl an Tonarten. In der Tat schrieb er Sonaten für 21 der insgesamt 24 Tonarten. Seltener kommt dabei die Tonart H-Dur vor, und auch die Sonate in H-Dur, K.261/L.148/P.300 weicht bald nach ihrem Beginn auf eine andere Tonart aus. Aus dem vierten Band der venezianischen Manuskripte von 1753 stammend, imitiert diese Sonate mit ihren eindringlichen Tonwiederholungen den Klang der spanischen Gitarre. Die Sonate in B-Dur, K.70/L.50/P.21 ist einem der fünfzehn in Venedig vorliegenden Manuskriptbände erhalten. Wenngleich dieser Band aus dem Jahre 1742 stammt, vermutet Giorgio Pestelli, daß Scarlatti die Sonate bereits früher komponiert hatte, und zwar entweder vor 1709 in Venedig oder auch in der anschließenden Lebensphase in Rom. Die Sonate in d- Moll, K.444/L.420/P.441 stammt aus der venezianischen Manuskriptsammlung von 1755 und die folgende Sonate in a-Moll, K.54/L.241/P.147 aus der von 1742. Diese Daten geben lediglich Aufschluß über die Fertigstellung der Abschrift, nicht jedoch über das eigentliche Kompositionsjahr. In einem Manuskriptband des Jahres 1757 ist die folgende Sonate in A-Dur, K.537/L.293/P.541 erhalten, deren unregelmäßig auf die Stimmen verteilte Akzente den Anschein der Polyrhythmik erwecken. Die Sonate in fis-Moll, K.447/L.294/P.191, welche zunächst in streng polyphoner Schreibweise ansetzt, stammt aus dem Manuskriptband von 1755. In der Sammlung von 1742 dagegen liegt die Sonate in E-Dur, K.46/L.25/P.179 vor, deren plötzliche dramatische Pausen so typisch für Scarlattis Tonsprache sind.

Die aus der 1753 angefertigten Manuskriptsammlung stammende Sonate in A-Dur, K.212/L.135/P.155 weist im Laufe des Stückes Umspielungen auf, welche den spanischen Flamenco heraufbeschwören. Die folgende Sonate in e-Moll, K.203/L.380/P.96, charakteristisch durch ihre ungewöhnlich asymmetrischen Synkopen, entstammt einer aus 463 Sonaten bestehenden Manuskriptsammlung, welche vermutlich 1752 am spanischen Hofe kopiert wurde und in Parma erhalten ist. Sowohl die Sonate in G-Dur, K.105/L.204/P.90, welche mit Anspielungen an das Akkordschlagen der Gitarre durchsetzt ist, als auch die wesentlich dramatischer gehaltene Sonate in c-Moll, K.126/L.402/P.128 stammen aus dem Manuskriptband von 1749. Die Sonate in F-Dur, K.525/L.188/P.529, welche schon mit dem spanischen Tanz Buleria verglichen wurde, stammt aus dem Manuskriptband von 1757 und die folgende Sonate in f-Moll, K.69/L.382/P.42, deren polyphone Struktur für den Komponisten eher ungewöhnlich ist, aus der Sammlung von 1742. In der Sonate in D-Dur, K.119/L.415/P.217 aus dem Band von 1749 fließen viele der pianistischen Kunstgriffe zusammen, welche so charakteristisch für Scarlattis Cembalomusik sind. Dazu gehören etwa die brillianten Läufe, Verzierungen, Tonwiederholungen sowie die dynamischen Steigerungen durch allmähliches Verdicken der Akkorde wie auch die hier und da vernehmbaren Anklänge an die spanische Gitarrenmusik.

Deutsche Fassung: E. Grant.


Close the window