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8.555058 - GUITAR MUSIC OF ARGENTINA, VOL. 1
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Pujol • Saúl • Ayala • Guastavino • Falú • Heinze
Gitarrenmusik aus Argentinien


Im Laufe der jüngeren Geschichte hat der südamerikanische Kontinent eine Reihe aufeinanderfolgender Ströme von Einwanderern aufgenommen. Zusammen mit der einheimischen Bevölkerung entstand auf diese Weise eine ethnisch mannigfaltige Gesellschaft, deren Kultur so reichhaltig wie vielfältig ist. Die seit ältesten Zeiten hier ansässigen einheimischen Bewohner, die spanischen und portugiesischen Conquistadores des sechzehnten Jahrhunderts, die afrikanischen Sklaven des siebzehnten sowie die italienischen, französischen und anderen europäischen Kolonialisten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts: sie alle befruchteten Südamerika mit ihren eigenen Gewohnheiten, ihrer Sprache, Religion und natürlich ihrer Musik. Die hier eingespielten Werke sind Ausdruck dieser in Argentinien existierenden kulturellen Strömungen. Dabei handelt es sich nicht um folkloristische Musik, sondern um das Spiegelbild der Einheit einer kulturellen Vielfalt.

Victor Villadangos


Máximo Diego Pujol wurde 1957 in Buenos Aires geboren und absolvierte sein Musikstudium am Conservatorio Provincial Juan José Castro. Seine Instrumentallehrer waren Alfredo Vicente Gascón, Horacio Ceballos, Liliana Ardissone und Miguel Angel Girollet. Außerdem studierte er Harmonielehre und Komposition bei Leónidas Arnedo. Als Instrumentalist ist er in ganz Argentinien sowie bei Gitarrenfestivals in Europa und Australien aufgetreten. Seine Kompositionen für Gitarre wurden bei Wettbewerben in Kolumbien und Frankreich sowie bei den Weltfestspielen in Martinique mit Preisen ausgezeichnet, und 1989 erhielt er den vom argentinischen Komponistenverband verliehenen Preis für den besten Komponisten klassischer Musik. Sein Werk ist deutlich von dem großen argentinischen Komponisten Astor Piazzolla beeinflußt. Wie bei Piazzolla ist auch bei Pujol der Tango die Basis seiner Werke, die sich durch Farbreichtum und reiche Melodik auszeichnen und die Ausdrucksmöglichkeiten der Gitarre voll ausschöpfen. Seine Tres Piezas Rioplatenses (Drei Stücke aus der Rio-Plata-Region) sind der Versuch, in einem einzigen Werk die drei unterschiedlichen musikalischen Genres zusammenzubringen, die ihren Ursprung in der Tiefebene des Rio Plata haben: tango, milonga und candombe. Die drei Stücke dieser im Stil einer kleinen Suite geschriebenen Komposition sind durch ein gemeinsames melodisches Element miteinander verbunden. Gewöhnlich gibt es keine Unterscheidung zwischen diesen Genres, und so wird der Terminus tango für alle musikalischen Ausdrucksformen der Rio-Plata-Region verwendet. Während der tango jedoch ein ursprünglich in der Stadt beheimateter Tanz von gemäßigtem Tempo ist, stammt der milonga aus ländlichen Gebieten und ist für seinen nachdenklichen, leicht melancholischen Charakter bekannt. Der candombe schließlich kommt aus Afrika und zeichnet sich durch rhythmische Vielfalt und vor allem durch vielfach verwendete Sykopierungen, Ostinati und Akzentverschiebungen aus.

Geboren 1957, schloß Narciso Saúl sein Musikstudium 1975 am Conservatorio Provincial Juan José Castro ab. Seit 1980 unterrichtet er am Seminar für Musiktherapie der Universidad del Salvador und seit 1988 am Conservatorio Municipal Manuel de Falla. Als Arrangeur, Komponist und Gitarrist des Tango-Ensembles Siglotreinta hat er an mehreren Schallplattenaufnahmen mitgewirkt und an acht Europatourneen teilgenommen. Er hat mit vielen bekannten Musikgruppen und Künstlern zusammengearbeitet und ist als Arrangeur und Komponist für Rundfunk, Fernsehen und Kurzfilme hervorgetreten. 1988 gründete er mit seinem Schüler Gustavo Eiriz das Gitarrenduo Saúl-Eiriz. Zusammen sind sie häufig in Buenos Aires aufgetreten und haben im September 1999 am 5. Guitarras del Mundo-Festival teilgenommen. Boulevard San Jorge entstand 1990 in Genf während einer Europatournee und verdankt seinen Titel dem Namen der Straße, in der der Komponist fast einen Monat lang wohnte. Ursprünglich hatte Saúl seinem Stück den Titel des offiziellen Straßennamens, Boulevard de Saint-Georges, gegeben, den er jedoch wenig später in einem Wort- und Sprachspiel im Gedenken an Jorge Luis Borges änderte, dessen sterbliche Überreste direkt vor seinem früheren Appartement beigesetzt sind und dem seine Komposition gewidmet ist. Das Stück ist auf einer einfachen Harmonie mit wenigen Akkorden aufgebaut und stellt eine klare, traurige Melodie vor, die an den Rhythmus und die Atmosphäre des Tangos erinnert.

Hector Ayala wurde am 11. April 1914 in Concordia in der Provinz Entre Ríos geboren. Er begann seine Karriere als Gitarrist in Buenos Aires und debütierte 1936 mit dem Gitarristen Roberto Grela als Begleiter verschiedener Tango- und Volkmusiksänger der Zeit. Später schloß er sich den sog. Escuadrones de Guitarra („Gitarrenschwadronen") an, Gruppen von dreißig bis vierzig Gitarristen, die von Abel Fleury zusammengestellt und geleitet wurden. In den fünfziger Jahren entfaltete er eine ausgedehnte Rundfunktätigkeit in Buenos Aires und wurde Mitglied eines von Aníbal Troillo geleiteten Tango-Quartetts, einem der großen revolutionären Interpreten des Tango-Genres. Als Komponist schrieb Ayala zahlreiche national-inspirierte Werke für Gitarre sowie eine Reihe didaktischer Methoden zum Erlernen des Instruments. Er starb am 12. März 1990 in Buenos Aires. Seine Serie Americana bringt verschiedene Genres aus sechs Ländern - Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay und Peru - zusammen, indem es auf deren reiche, unterschiedliche nationale Musiktraditionen zurückgreift.

Máximo Pujols Suite del Plata Nr. 1, im Stil einer barocken Tanzsuite, vereinigt Tänze aus der Rio-Plata-Ebene, die in Tempo und Gehalt kontrastieren und denen ein Präludium vorangestellt ist. Wie bei der Suite del Plata Nr. 2 handelt es sich auch hier um eine Auftragskomposition für die Orphée-Verlagsanstalt (Kolumbien-USA) und ist ein Versuch, die verschiedenen Musikgenres der Rio-Plata-Region in einem einzigen Stück zum Ausdruck zu bringen.

Carlos Guastavino wurde 1912 in Santa Fe geboren, damals eine kleine Stadt von ca. fünfzigtausend Einwohnern. Sein Vater hatte gehofft, daß sein Sohn einmal Chemiker werde würde, ließ ihn aber, als er Carlos’ frühes pianistisches Talent entdeckte, von einem deutschen Lehrer unterrichten. Im Alter von zwanzig Jahren ging Guastavino nach Buenos Aires, wo er Athos Palma kennenlernte, einen großartigen Lehrer und Menschen, der sein charakteristisches Talent förderte und sein Gefühl für die Musik Argentiniens weiterentwickelte. Guastavinos Sonata Nr. 1 entstand 1967 und ist seinem Bruder José Amadeo gewidmet. Ursprünglich wollte er das Stück dem argentinischen Gitarristen Roberto Lara widmen, aber kurz bevor er den ersten Satz vollendet hatte, nahm sich sein Bruder das Leben, vermutlich als Folge einer ernsthaften Erkrankung. Erschüttert von der Nachricht, kehrte er zu seiner Komposition zurück und schrieb als zweiten Satz eine Elegie für seinen Bruder, der selbst als Amateur Gitarre spielte und über traditionelle argentinische Melodien zu improvisieren pflegte.

Der Komponist und Gitarrist Juan Falú wurde 1948 in Tucumán geboren. Seit vielen Jahren ist er in Konzertsälen in ganz Argentinien zuhause und ist in mehr als zwanzig Ländern in Europa, Asien und Nord- und Südamerika aufgetreten. Er ist in über dreißig Aufnahmen als Solist, als Instrumentalpartner sowie als Gastkünstler zu hören; seine Titel Con la guitarra que tengo und Luz de giro wurden 1985/86 als Aufnahmen des Jahres prämiert. Falús Gitarrenkompositionen werden in aller Welt aufgeführt, vor allem in Argentinien, und wurden in Buenos Aires, Paris, Brüssel und San José (Costa Rica) herausgegeben. Er ist Leiter der Abteilung Formen und Rhythmen der argentinischen Musik am Conservatorio Municipal Manuel de Falla in Buenos Aires und Direktor solch bedeutender Musik- und Konzertserien wie Maestros del Alma und Guitarras del Mundo. Seine Tres Piezas enthalten die Volkstänze gato und chacarera. De la raíz a la copa (Von der Wurzel bis zum Wipfel) ist von einem Gedicht inspiriert, das eine Baummetapher verwendet, in welcher die Wurzel die Tradition und der Wipfel die Projektionen seiner selbst symbolisiert. Chacarera ututa entlehnt seinen Titel vom ututu, einer Eidechsenart in Quechua, einem in Nordargentinien beheimateten südamerikanischen Stamm (sowie dessen Sprache). Del buen riego (Von guter Bewässerung) ist, wie das erste Stück, in der Form des gato komponiert.

Walter Heinze ist ein aus Entre Ríos stammender argentinischer Gitarrist, Komponist und Lehrer. Er ist als Interpret seiner eigenen Werke in Argentinien und in ganz Südamerika sowie in Frankreich aufgetreten. Einige seiner Stücke sind von Gitarristen aus Argentinien und anderen Ländern eingespielt worden. Viele seiner ehemaligen Studenten, die an seinen Klassen an der Escuela de Música, Danza y Teatro in Paraná und am Instituto Superior de Música de la Universidad Nacional de Litoral in Santa Fe teilgenommen haben, sind heute bekannte Solisten oder Mitglieder musikalischer Ensembles in Argentinien und anderen Ländern. Die fünf unter dem Titel Concordancias zusammengestellten Stücke stammen aus dem Jahr 1996 - die ersten drei entstanden nach einer Begegnung mit Harold Gramatges in Havanna und die anderen beiden einen Monat später. Sie wurden im Februar 1997 von Victor Villadangos beim Gitarrenseminar in Colón, Entre Ríos, uraufgeführt. Das erste und vierte Stück sind Legatostudien, bedienen sich also dieser für die Gitarre so charakteristischen Spielart. Das zweite ist ein kurzes Lied, das dritte ein Tango mit Legatopartien im ersten Teil, und das fünfte eine Arpeggiostudie, die im zweiten Abschnitt eine pentatonische Tonleiter im Huayno-Rhythmus vorstellt.

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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