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8.555075 - CARISSIMI: Mass for Three Voices / 6 Motets
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Giacomo Carissimi (1605-1674)

Missa a tre • Motetten

Giacomo Carissimi wurde 1605 in Marino, einer Kleinstadt etwas außerhalb von Rom, geboren. Er begann seine berufliche Laufbahn im Jahre 1623 als Chorsänger und Organist in Tivoli. In den Jahren 1628/29 war er zunächst Organist, später maestro di cappella am Dom San Ruffino in Assisi. Schließlich folgte er dem Ruf des Rektors des Collegio Germanico Hungarico in Rom und wurde maestro di cappella an der Basilika Sant’ Apollinare, die zum Collegio gehörte. Hier blieb er für den Rest seines Lebens. Die Basilika Sant’ Apollinare war zu dieser Zeit bereits ein bedeutendes Zentrum der liturgischen Musik, und die Anwesenheit Jacomos (so wird Carissimi in den Archiven genannt) verlieh ihrem Ansehen weitere Größe. Carissimi lehrte Musik am Collegio und gab Privatstunden. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Kerll, Baudrexel, Bernhard und Charpentier. Daneben beteiligte er sich an den musikalischen Aktivitäten der Bruderschaft Santissimo Crocifisso. Im Laufe der Jahre erhielt er zahlreiche Angebote von verschiedenen Seiten, beispielsweise hätte er Hofkapellmeister des Erzherzogs Leopold Wilhelm in Brüssel werden können oder der Nachfolger von Claudio Monteverdi am Markusdom in Venedig. Er ließ alle Versuche, ihn aus Rom abzuwerben, unbeachtet, einzig das Angebot Königin Christinas von Schweden nahm er an und wurde 1656, neben seiner Tätigkeit in Rom, ihr maestro di cappella da camera. Giacomo Carissimi starb am 12. Januar 1674 und wurde in seiner geliebten Basilika Sant’ Apollinare beigesetzt.

Carissimis Begabung wurde von seinen Zeitgenossen bald erkannt; ganz Europa bewunderte ihn. Ein solcher Erfolg war allerdings seinen handschriftlichen Kompositionen, die er nach seinem Tod dem Collegio hinterließ, nicht beschieden: Verleih, Versand, Verkauf und Drucklegung seiner Musik wurde von Papst Clemens X. verboten. Heute sind fast alle seiner Originalhandschriften verschollen. Eine Ursache mag darin liegen, daß Rom zweimal durch die Franzosen stark zerstört worden war. Die Handschriften, die erhalten geblieben sind, sind keine Autographe, sondern Abschriften, die von Carissimis Studenten zu Aufführungszwecken angefertigt worden waren. Alle Manuskripte, die vom Consortium Carissimi (den Interpreten der vorliegenden Chorwerke) redigiert worden sind, sind also an sich schon Abschriften. Sie enthalten so gut wie keine Hinweise darauf, wo und unter welchen Umständen die Werke aufgeführt worden sind. Man kann nur anhand der vertonten Texte versuchen, Rückschlüsse zu ziehen.

Carissimis Beziehungen zur Bruderschaft Santissimo Crocifisso, die von 1568 bis 1725 existierte, sind bereits erwähnt worden. Im Oratorium dieses Ordens (Oratorium im ursprünglichen Sinne als Betsaal) fanden regelmäßig Aufführungen geistlicher Musik statt - eine Tradition, die für die heute als „Oratorium" bekannte musikalische Gattung von grundlegender Bedeutung war. Das Oratorium dieser Zeit bestand aus Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament und einer Predigt, dazwischen erklang Vokal- und Instrumentalmusik - von einfachen Lauden (Lobgesänge), die bereits im 16. Jahrhundert von Filippo Neri in die Andachtsübungen des Klosters Santa Maria in Vallicella eingeführt worden sind, bis hin zu kunstvoller und komplexer gearbeiteten Motetten. Für die Musik in den Oratorien sorgten Berufsmusiker und Komponisten, die mit den Ideen der katholischen Gegenreformation sympathisierten. Diese Künstler schufen nicht nur wundervolle Musik, sondern eine Musik, die den Hörer erbaut, indem sie ihm den Inhalt der Texte, das Wort Gottes, nahebringt.

Die Missa a tre (Messe zu drei Stimmen) ist ein hervorragendes Beispiel für Carissimis Genialität in der Vertonung des Meßordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei). Mit diesen drei Stimmen und einer einfachen Generalbaßbegleitung gelang es ihm, den Text der Liturgie mit Leben zu erfüllen. Er verwendete auf die Vokalsoli wie auf die gleichrhythmischen oder kontrapunktisch verwobenen Sätze all sein Genie - im Ergebnis hat er eine Komposition geschaffen, die im 17. Jahrhundert einzig dasteht. Diese Vielfalt der musikalischen Stile zeichnet auch seine kunstvollen Motetten und seine großartigen Oratorien aus. Das Agnus Dei der vorliegenden Messe endet im Manuskript mit nur einem miserere. Diese Version haben wir (das Consortium Carissimi) beibehalten; wir haben allerdings eine Instrumental-strophe hinzugefügt und wiederholen das Agnus Dei noch einmal, endend mit den Worten dona nobis pacem.

Die vorliegende Aufnahme wird durch sechs charakteristische Beispiele für Carissimis Motetten vervollständigt, die für das gleiche Stimmenensemble wie die Messe geschrieben worden sind. Ob diese Motetten zu den Gottesdiensten in Sant’ Apollinare oder zu den Andachtsübungen im Oratorio del Crocifisso erklungen sind, ist schwer zu sagen. Der kompositorische Stil und die ausschließliche Verwendung von Bibeltexten läßt zweiteres vermuten.

Das Consortium Carissimi und der Stimmton

Das Consortium Carissimi besteht hauptsächlich aus Männerstimmen und wird von Originalinstrumenten begleitet. Seit seiner Gründung durch Vittorio Zanon und Garrick Comeaux im Jahre 1996 widmet es sich der „Ausgrabung" und Aufführung der lange Zeit vergessenen Musik des römischen Frühbarock (der sogenannten „römischen Schule"). Als wir uns entschieden hatten, die vorliegenden Werke aufzunehmen, galt es zunächst das Problem der Notenschlüssel in den einzelnen handschriftlichen Gesangsstimmen zu lösen. Des weiteren haben wir uns auf den Stimmton 390 Hertz festgelegt, um den gesanglichen Charakter jeder Stimme zu erhalten und ein möglichst exaktes historisches und musikalisches Bild zu vermitteln (der Maßstab, den wir an alle unsere Aufführungen legen). Im Rom des 17. Jahrhunderts gab es variable Stimmungen, die in zwei Kategorien unterteilt waren (die vokale lag gewöhnlich einen Ton tiefer als heute üblich). Wir glauben, daß wir mit unserer Wahl die Aufführungspraxis der damaligen Zeit getroffen haben, und daß wir die Schönheiten und stilistischen Finessen dieser Kompositionen erhalten konnten. Unser Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der geistlichen Musik, vor allem auf Motetten und Oratorien, und wir versuchen stets eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Hörer direkt vom Inhalt der Texte angesprochen fühlt. Das Consortium Carissimi setzt sich aus hervorragenden Sängern und Instrumentalisten zusammen. Die Konzerte und Workshops des Consortiums ernteten viel Lob und Anerkennung von seiten der Kritiker, des Publikums und interessierter Studenten. Unser besonderer Dank gilt Professor Andrew V. Jones, der uns mit seinen Erkenntnissen bezüglich der Authentizität der vorliegenden Motetten geholfen hat, auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben.

Garrick Comeaux

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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