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8.555270 - LUTOSLAWSKI, W.: Preludes and Fugue for Solo Strings / Postludes / Fanfares (Polish National Radio Symphony, Wit)
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Witold Lutoslawski wurde am 25. Januar 1913 geboren. Er verbrachte die Jahre des Ersten Weltkriegs in und um Moskau; in dieser Zeit verlor er seinen Vater und einen Onkel, beide wurden von den Bolschewisten wegen angeblicher konterrevolutionärer Tätigkeit hingerichtet. Nach seiner Rückkehr nach Warschau im Jahre 1919 lernte er Violine bei einer ehemaligen Schülerin von Joseph Joachim, ab 1927 studierte er Komposition bei Witold Maliszewski, einem Schüler von Rimski-Korsakow. Im Jahre 1933 gab er sein Mathematikstudium an der Universität Warschau auf und trat in das Konservatorium der Stadt ein. Die Uraufführung seiner Sinfonischen Variationen im Jahre 1939 markierte den Beginn seiner beruflichen Tätigkeit als Komponist. Seine Pläne, in Paris zu studieren, wurden durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zunichte gemacht. Er kämpfte als Offiziersanwärter gegen die Hitler-Wehrmacht, geriet in Gefangenschaft, konnte fliehen und schlug sich zu Fuß nach Warschau durch. Während der deutschen Besatzung trat er gemeinsam mit dem Komponisten Andrzej Panufnik als Klavierduo in Caféhäusern auf (nur hier war öffentliches Musizieren erlaubt) und war auch bei illegalen Konzerten beteiligt.

Nach dem Krieg konnte Lutoslawski seine Erste Sinfonie (Naxos 8.554283) vollenden, die er schon lange Zeit geplant hatte. Das Werk wurde bald nach der Uraufführung als „formalistisch" verurteilt und verboten. Die stalinistische Führung Polens schränkte die kompositorische Tätigkeit weitestgehend auf Volksmusikbearbeitungen und auf Werke für Kinder ein. Daß sich „Verständlichkeit" und moderne Orchestervirtuosität nicht ausschließen, bewies Lutoslawski in seinem Konzert für Orchester (Naxos 8.553779). Das kulturpolitische Tauwetter in den Jahren nach 1954 ermöglichte es ihm, freier zu experimentieren; zunächst mit seriellen Techniken in der Trauermusik (8.553202), später mit aleatorischen Verfahren in den Werken ab Jeux vénitiens (8.554283). Zu den großen Werken dieser Schaffensphase gehören der Liederzyklus Paroles tissées (8.554283) für Peter Pears und das Cellokonzert (8.553625) für Mstislaw Rostropowitsch.

Ab Mitte der siebziger Jahre erhält die Melodik einen neuen Stellenwert in der Musiksprache Lutoslawskis, beginnend mit Les espaces du sommeil für Bariton und Orchester (8.553423), die er für Dietrich Fischer-Dieskau komponierte. Seine Dritte Sinfonie (8.553423) beschäftigte ihn zehn Jahre lang, sie wurde 1983 vollendet und vom Chicago Symphony Orchestra unter Georg Solti uraufgeführt. Dieses Werk wurde bald zur meistaufgeführten Sinfonie des zeitgenössischen Repertoires und besiegelte Lutoslawskis Ruf als Komponist von Weltrang. Sein letztes großes Werk, die Vierte Sinfonie (8.553202), wurde 1993 in Los Angeles uraufgeführt. Am 7. Februar 1994 starb Lutoslawski nach kurzer Krankheit. Er wurde 81 Jahre alt.

Die Drei Postludien stehen an einem Wendepunkt im Schaffen Lutoslawskis. In diesen Stücken entwickelte er die seriell beeinflußte Harmonik der Trauermusik weiter und erreichte dabei eine Komplexität des Orchesterklangs, die ihn, der auf die Ordnung der Klänge größten Wert legte, immer weniger befriedigte. Die 1958 begonnene Arbeit an dem großen sinfonischen Zyklus (als solcher waren die Postludien ursprünglich geplant) wurde im Laufe des Jahres 1960 wieder eingestellt, Lutoslawski begann sich mit einer neuen Methode der Klangrealisierung zu beschäftigen, der kontrollierten Aleatorik. Die Skizzen für den vierten Satz fanden einige Jahre später im zweiten Satz der Zweiten Sinfonie (Naxos 8.553169) Verwendung. Aufführungen seiner Drei Postludien hat er selbst nie unterstützt, sie bleiben das am wenigsten gespielte seiner großen Werke. Zunächst wurde nur das Erste Postludium uraufgeführt, im Rahmen eines Konzerts zur 100-Jahr-Feier des Roten Kreuzes am 1. September 1963 in Genf; Ernest Ansermet dirigierte das Orchestre de la Suisse Romande. Alle drei Stücke erklangen erstmals am 8. Oktober 1965 in Kraków, gespielt von der Philharmonie der Stadt unter Henryk Czyz.

Lutoslawskis Präludien und Fuge für 13 Solostreicher (entstanden 1970-72) wurden durch das Kammerorchester des Rundfunks und Fernsehens Zagreb uraufgeführt, am 12. Oktober 1972 in Weiz bei Graz. In diesem Werk erreichen zwei Wesensmerkmale der Musik des „mittleren" Lutoslawski ihre vollkommenste Ausprägung: Zum einen die Gliederung großer Werke in einen „Einleitungssatz" und einen „Hauptsatz", wie sie seit dem Streichquartett aus dem Jahr 1964 zu beobachten ist, zum anderen der begrenzte, aber flexible Einsatz von Zufallsoperationen. Das Werk existiert in potentiell variabler Gestalt. Lutoslawski erklärte in seinem Vorwort zur Partitur, daß die sieben Präludien in beliebiger Reihenfolge (oder auch einzeln) aufgeführt werden können, mit oder ohne einer von drei vorgeschlagenen Kurzfassungen der Fuge. Die Präludien sind so komponiert, daß der Schluß eines jeden zum Anfang eines jeden paßt. Man kann ebensogut nur die Fuge spielen. Wenn das Werk jedoch vollständig aufgeführt wird (wie auf der vorliegenden CD), ist die Reihenfolge der Präludien, wie sie in der Partitur verzeichnet ist, verbindlich. Der Schluß eines jeden Präludiums geht nahtlos in den Anfang des folgenden über, aus dem letzten Präludium geht die Fuge hervor. In der Fuge gibt es keine Einzelthemen im traditionellen Sinne, an ihre Stelle treten Themenbündel. Das heißt, mehrere Instrumente spielen die gleiche Tonfolge, allerdings zeitlich nicht völlig übereinstimmend, ohne gemeinsames Metrum. Diese ad libitum gespielten Abschnitte sind harmonisch relativ statisch. Das Gegengewicht bilden die Episoden, die die einzelnen thematischen Abschnitte voneinander trennen, ähnlich den Zwischenspielen in der barocken Fuge. Sie werden dirigiert, exakte und schnelle Harmoniewechsel sind dadurch möglich. Diese Dualität von gemeinsamer Zeitaufteilung und aleatorischer Zergliederung zeitlicher Abläufe ist ein Grundpfeiler der mittleren Schaffensphase Lutoslawskis, die mit den Präludien und Fuge ihren Höhepunkt erreichte. In der Folgezeit suchte der Komponist nach Ausdrucksformen, in denen das Melodische wieder zum entscheidenden Faktor wird.

Der internationale Erfolg, den Lutoslawski in späteren Jahren genoß, spiegelt sich in einer Reihe von kleineren Gelegenheitswerken, die er im Auftrag verschiedener Ensembles oder Institutionen komponierte. Die Mini-Ouvertüre wurde am 11. März 1982 durch das Philip Jones Brass Ensemble uraufgeführt, im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen Luzern. Die Fanfare für Louisville entstand für den Festakt zur Verleihung des Grawemeyer-Preises für Komposition am 19. September 1986 (Lutoslawski war Mitglied der Jury), sie wurde vom Louisville Orchestra uraufgeführt. Am 11. Juni 1987 verlieh die Universität Cambridge die Ehrendoktorwürde an Lutoslawski, zu diesem Anlaß komponierte er die Fanfare für CUBE, für das Cambridge University Brass Ensemble. Das Präludium für G.S.M.D. wirkt wie eine Zusammenfassung der Orchestersprache des späten Lutoslawski. Es entstand anläßlich eines Aufenthalts des Komponisten an der Guildhall School of Music and Drama. Die Uraufführung fand am 11. Mai 1989 statt, Lutoslawski leitete das Guildhall Symphony Orchestra. Im gleichen Jahr folgte er einer Einladung der Universität Lancaster, am 11. Oktober 1989 erklang hier zum ersten Mal seine Fanfare für Lancaster.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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