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8.555295 - MUSIC FOR GLASS HARMONICA
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Die Glasharmonika

Das Prinzip, Gläser in verschiedenen Tonhöhen zum Klingen zu bringen, indem man sie mit mehr oder weniger Wasser füllt und mit einem Hämmerchen in Schwingungen versetzt, war schon bei den alten Persern, Chinesen (shui chan), Japanern und Arabern (erste Erwähnung des tusut im Jahre 1406) bekannt. 1743 wurde diese alte Spieltechnik durch den Iren Richard Puckeridge revolutioniert, der die brillante Idee hatte, die Gläser auf eine Ebene zu stellen und mit wasserbenetzten Fingern über die Ränder zu streichen. Benjamin Franklin sah diese „angelic organ", wie das Instrument damals hieß (später „musical glasses" oder auch „seraphim"), das auch vom Komponisten Christoph Willibald Gluck gespielt wurde, zuerst bei einem Konzert des englischen Virtuosen Delaval. Fasziniert von dem „sanften und reinen Klang des Glasspiels", begann Franklin mit der Modifizierung des Instruments, um den Tonumfang zu vergrößern. In einem Brief an den Turiner Wissenschaftler Giovanni Battista Beccaria erklärte er, welche Verbesserungen er vorgenommen hatte. Wegen seines harmonischen Klangs nannte er das neue Instrument „Armonica"; es bestand aus eigens zu diesem Zweck geblasenen Gläsern von verschiedenem Durchmesser, jeweils einem Halbton entsprechend, so daß das Füllen mit Wasser entfallen konnte. Diese Gläser wurden nun in chromatischer Anordnung mittels einer horizontal durch sie geführten Achse ineinander geschoben, ohne daß sie sich dabei berührten, wobei die Rotation von einem Pedal mit Treibriemen betrieben wurde. Auf diese Weise wurde nicht nur das Spielen von komplexen Akkorden, sondern auch von virtuoseren Passagen ermöglicht. Zahlreiche von der Glasharmonika abgeleitete Instrumente sind seitdem gebaut worden: das Melodion, die Eumelia, der Clavizylinder, die Transponierharmonika, der Sticcardo pastorale, die Spirafina, das Instrument de Parnasse, die Glasharfe, die Clavierharmonika von Tobias Schmidt, der auch die erste Guillotine baute, das Uranion, die Hydrodaktulopsychicharmonica u.a. Von Beginn an erfreute sich die Glasharmonika großer Beliebtheit; es entstanden an die vierhundert Werke für dieses Instrument, von denen einige leider verschollen sind, und in einem Zeitraum von siebzig Jahren wurden ca. viertausend Exemplare gebaut.

An der Glasharmonika schieden sich jedoch auch die Geister: sie wurde entweder geliebt oder gehaßt. Laut Paganini besaß sie „eine himmlische Stimme", Thomas Jefferson behauptete, sie sei „das größte der Musikwelt in diesem Jahrhundert gemachte Geschenk". Goethe, Mozart, Jean Paul, Hasse und Théophile Gautier gehörten zu ihren Bewunderern. Ein Musikinstrumentenlexikon beschrieb den Klang als „von beinahe himmlischer Sanftheit", der jedoch auch „Krämpfe verursachen" könne . In J.M. Rogers 1803 erschienenem Traité des effets de la musique sur le corps humain (Abhandlung über die Auswirkungen von Musik auf den menschlichen Körper) heißt es: „ihr melancholisches Timbre stürzt uns in Niedergeschlagenheit … in einem Maße, daß selbst der stärkste Mann ihr nicht eine Stunde zuhören kann, ohne in Ohnmacht zu fallen".

Tatsächlich erlebten einige Glasharmonikaspieler ihr Lebensende in Nervenheilanstalten, unter ihnen eine der berühmtesten, Marianne Davies. Man sah in dem Instrument die Ursache von allerlei Übel wie Nervenkrankheiten, Familienproblemen, Frühgeburten, tödlichen Anfällen, Schüttelkrämpfen usw. In einer deutschen Stadt war sie aus Gesundheitsgründen und wegen Störung der öffentlichen Ordnung (ein Kind war während eines Konzerts gestorben) sogar verboten. Franz Anton Mesmer, ein wegen seiner Magnettherapien (Mesmerismus) und Hypnosebehandlungen bekannter, in Wien praktizierender Arzt, setzte die Glasharmonika als Teil seines Heilverfahrens ein. Es wurde berichtet, daß er Wien verlassen mußte, nachdem die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis ihr Sehvermögen nur auf Kosten ihrer seelischen Gesundheit vorübergehend zurückgewann. Vorkommnisse bzw. Gerüchte solcher Art besiegelten schließlich das Ende der Glasharmonika, die noch 1829 als Modeinstrument der Wohnzimmer und Salons galt.

Obwohl Karl Leopold Röllig im späten 18. Jahrhundert mit einer Tastatur für die Glasharmonika experimentierte, um die durch das Reiben der Finger gegen die Glasränder bedingte Verletzungsgefahr auszuschließen, zeigten nur noch wenige Komponisten Interesse an dem Instrument. Das zunehmende Klangvolumen des Orchesters schreckte Musiker davon ab, ein so zerbrechliches Instrument mit einem derart ätherischen Klang einzusetzen. Doch es gab zwei rühmliche Ausnahmen: 1835 komponierte Donizetti einen Glasharmonikapart (alsbald von zwei Flöten ersetzt) für die Wahnsinnsszene seiner Oper Lucia di Lammermoor. Bei dem hier eingespielten Part handelt es sich um die im Manuskript durchgestrichene Originalfassung. Auch Richard Strauss erinnerte sich im vierten Akt seiner 1919 in Wien uraufgeführten Oper Die Frau ohne Schatten an dieses Instrument. Es ist das Verdienst des deutschen Musikers Bruno Hoffmann, der übrigens nicht die eigentliche Glasharmonika, sondern eine Glasharfe (auf einem Resonanzboden angebrachte Glasglocken) spielte, sowie des deutschstämmigen Glasbläsers Gerhard Finkenbeiner, der sich in der Nähe von Boston in den Vereinigten Staaten niedergelassen hatte, daß eine neue Generation von Interpreten, Komponisten und Instrumentenbauern die Glasharmonika seit 1982 neu entdeckt hat.

Beim Bau der Glasharmonika verwendeten Finkenbeiner (1930-1999) und sein Assistent Tim Nickerson Quarzglas in der Form eines länglichen Zylinders, erhitzt auf 1700 Grad Celsius, geblasen und sodann in Kugeln und danach in Halbkugeln geschnitten, wodurch zwei Schalen entstehen. Abschließend folgt der Prozeß der Stimmung, indem die Glasschalen in Fluorwasserstoffsäure getaucht werden, um ihre Stärke zu regulieren. Im 18. Jahrhundert verwendete man Glas mit vierzigprozentigem Bleigehalt; die Schalen wurden geschliffen und gestimmt mit einem Schmirgelschleifstein: je kleiner der Durchmesser, desto höher der Ton. Gelegentlich wurden auch die sieben Farben des Regenbogens zur Kennzeichnung der einzelnen diatonischen Stufen sowie schwarz für die Halbtöne benutzt. Finkenbeiner und sein Compagnon verwenden transparentes Glas mit Goldrändern an den Glasschalen, welche den schwarzen Tasten der Klaviatur entsprechen, wie es bereits Röllig im 18. Jahrhundert praktiziert hatte.

Die Glasharmonika gehört zur Familie der autophonen angestrichenen Instrumente. Die Gläser beginnen nach dem Prinzip der Entspannung zu vibrieren: wenn der Finger die Schale anstreicht, entsteht ein abwechselndes Berühren und Loslassen. Dies erzeugt eine Reihe von Impulsen, welche die Schale in Schwingungen versetzen. Das Phänomen ist komplex und verlangt vom Glasbläsermeister ein Höchstmaß an Fähigkeit, um dem Instrument einen eigenen Charakter zu geben. Verschiedene Parameter, die den Ton, den Modus und die harmonische Zusammensetzung der einzelnen Schalen beeinflussen, spielen dabei eine Rolle. Zwei Schalen, auf denen dieselbe Note erklingt, haben folglich ein unterschiedliches Timbre, je nach Form, verwendetem Material, Stärke, Größe und eventuellen Materialfehlern.

Man sagt, daß Klänge und Geräusche in engem Zusammenhang stehen mit der jeweiligen Zeitepoche. Es wäre interessant zu erfahren, welchen Umständen die Glasharmonika das wiedererwachte Interesse im 20. Jahrhundert verdankt und die Begeisterung, die sie, nicht zuletzt als Folge neuer Forderungen von Musikwissenschaftlern und Ausführenden nach Authentizität, ausgelöst hat. Alles in allem sollten wir es vielleicht bei den Worten Lucia di Lammermoors bewenden lassen, wenn sie singt:„Un’ armonia celeste, di, non ascolti" (Sag, hörst du nicht diese himmlische Harmonie?).

Die Geschichte der Armonica, um Franklins Namen für dieses Instrument zu benutzen, ist eng verbunden mit einer Reihe von Komponisten, deren Lebensläufe sich berührten. Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800), ein Freund von Reichardt, widmete sich hauptsächlich der Komposition von Vokalwerken; während seiner Zeit in Kopenhagen begründete er das dänische Lied. Sein Largo, entstanden 1799 in Berlin, ist eines seiner wenigen Instrumentalstücke.

Johann Julius Sontag von Holt Sombach, geboren 1962, ist ein besonderer Fall, schreibt er doch ausschließlich in einem bewußt klassischen, aber gleichwohl persönlichen Stil. Sowohl das Adagio für Glasharmonika und Streichquartett aus seiner Fantaisie Concertante als auch Fantaisie, Allemande und 2ème Menuet aus seiner 1ère Suite entstanden nach seiner ersten Begegnung mit Thomas Bloch im Jahre 1996.

Johann Friedrich Reichardt (1752-1814) trat wie Mozart bereits als Kind durch Konzertreisen in Erscheinung, auf denen er sich als Geiger und Klavierspieler produzierte. Zu seinen späteren Freunden gehörten Schulz, Jean Paul (1763-1825) und Goethe (1749-1832). Wie diese widmete er der Glasharmonika mehrere Seiten. Er fühlte sich sowohl zur Klassik als auch zur Romantik hingezogen; der Mittelsatz seines Rondeau weist zuweilen auf Schumann voraus. Die Verwendung des Violoncellos als Soloinstrument scheint seinen Ursprung darin zu haben, daß Reichardt zwischen 1775 und 1795 als Kapellmeister am Hof des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. wirkte, der ein begeisterter Cellospieler war.

Wie sein Freund Reichardt erhielt auch Johann Gottlieb Naumann (1741-1801) Kompositionsaufträge von Friedrich Wilhelm II. Er schrieb eine Reihe von Stücken für die Glasharmonika, darunter zwei Sammlungen von je 6 sonates qui peuvent aussi servir pour le Pianoforte (6 Sonaten, die auch auf dem Fortepiano gespielt werden können) aus den Jahren 1786 bzw. 1792. Naumann war ein Schüler von Johann Adolf Hasse (1699-1783), der selber eine Kantate mit dem Titel l’Armonica auf einen Text von Pietro Metastasio (1698-1782) für hohe Gesangsstimme, Glasharmonika und Orchester schrieb, und von Padre Martini (1706-1784), der bereits den jungen Mozart in Bologna unterrichtet hatte. In Dresden wurde er 1765 zum Kammermusiker und 1776 zum Kapellmeister ernannt. Wie Schulz wurde auch er in Dänemark verehrt; er verbrachte, nach einem Aufenthalt in Italien, mehrere Jahre in Schweden.

1789 dirigierte Naumann eine seiner eigenen Messen in der Dresdner Hofkirche. Mozart, der sich zu dieser Zeit in Dresden aufhielt, besuchte die Aufführung, fand aber für das Werk keine guten Worte. Mozart begann sich bereits 1773 für die Glasharmonika zu interessieren, als er die Virtuosin Marianne Davies (1743 oder 44 – ca. 1818) hörte, die Schwester der Sängerin Cecilia Davies. Für beide hatte Hasse seine Kantate l’Armonica geschrieben. Im gleichen Jahr lernte er den berühmten Arzt und Magnetiseur Anton Mesmer kennen (1734-1814) kennen, der zur Beruhigung seiner Patienten die Glasharmonika zu spielen pflegte. Mozarts Vater Leopold erwähnt in einem Brief aus Wien an die Familie in Salzburg, daß auch Wolfgang auf der Glasharmonika gespielt habe und er sich solch ein Instrument wünsche. Aber erst in seinem Todesjahr 1791 sollte Mozart eine Skizze und zwei vollständige Werke für das Instrument schreiben, nämlich für die erblindete Glasharmonikaspielerin Marianne Kirchgessner (1770-1808). Die erste öffentliche Aufführung seines letzten Kammermusikwerks, Adagio und Rondo KV 617, bei der Mozart selbst den Violapart übernahm, fand am 19. August in Wien statt.

Ludwig von Beethoven (1770-1827) komponierte lediglich ein einziges kurzes Werk für Glasharmonika, und zwar im Jahre 1815, als sich sein Gesundheitszustand zu verschlechtern begann. Es handelt sich um das dritte von vier Stücken (einem Soldatenchor, einer Romanze für Gesangsstimme und Harfe, dem Melodram für Glasharmonika und Gesangsstimme und einem orchestralen Trauermarsch, der Bearbeitung eines Klaviersonatensatzes), geschrieben als Zwischenaktmusik für Friedrich Dunkers Schauspiel Leonore Prohaska. Eine Zeitlang kursierte das Gerücht, daß die Glasharmonika die Verschlechterung von Beethovens Gesundheitszustand beschleunigt habe, denn in seinem Körper fand sich eine erhöhte Bleikonzentration.

Karl Leopold Röllig (ca. 1754-1804), ein weiterer Freund Naumanns, erkrankte hingegen tatsächlich an dem Bleigehalt der Kristallgläser in der Glasharmonika, der er den Großteil seines Lebens widmete, sowohl als Komponist, als Interpret und als Erfinder neuer Varianten des Instruments. Er konnte, wie er selbst sagte, nicht ahnen, daß das Objekt seines Glücks sich als der Grund seines Unglücks erweisen sollte. 1784, fünf Jahre vor der Komposition seiner Kleinen Tonstücke (1789), erfand er eine Glasharmonika mit Tastatur, um den direkten Kontakt mit dem Glas zu vermeiden.

David August von Apell (1754-1832) begann seine berufliche Laufbahn als Angestellter im Finanzamt seiner Geburtsstadt Kassel. Später etablierte er sich als Komponist und Dirigent und lernte mit Sicherheit auch Naumann und Mozart kennen. Er war Ehrenmitglied der Bologneser Accademia Filarmonica und der Königlichen Musikakademie Stockholm. Wie Hasse bei seiner Kantate l’Armonica arbeitete auch Apell mit Metastasio zusammen, nämlich ein Jahr bevor er seine dem bayerischen Kurfürsten Maximilian gewidmete Kantate Il trionfo della Musica (1787) schrieb.

Gaetano Donizetti (1797-1848) studierte ebenfalls in Bologna. Von den über siebzig Opern, die er hinterließ, wurde Lucia di Lammermoor eine der bekanntesten, nicht zuletzt aufgrund der berühmten Wahnsinnsszene. In der Opernpraxis wird der Part der Glasharmonika üblicherweise von zwei Flöten gespielt, da das Instrument zur Zeit der Komposition bereits aus der Mode gekommen war. Man kann sich die Gründe des Komponisten für die Wahl eines Instruments vorstellen, das verschiedene Interpreten in den Wahnsinn getrieben haben soll. Der Klang der Glasharmonika verstärkt Lucias Halluzinationen, wenn sie – nach der unseligen Heirat und dem Mord an ihrem Gatten – im Wahn ihre Hochzeit mit dem geliebten Edgardo erlebt, dem Todfeind ihres Bruders Enrico.

Thomas Bloch (geboren 1962), komponierte ein Werk, dessen Vokalpart einen außergewöhnlichen Sängertyp verlangt: eine kastratenähnliche Stimme, die aber gleichzeitig über ein Baritonregister verfügt. In Sancta Maria (1998) wird die in der Barockoper gebräuchliche Form von Rezitativ und Arie wiederbelebt. Das Werk ist dem Meister-Glasbläser Gerhard Finkenbeiner (1930-1999) gewidmet, dem wir die Wiedergeburt der Glasharmonika im 20. Jahrhundert verdanken. Beim Absturz seines Flugzeugs verünglückte er tödlich, und sein Leichnam wurde nie gefunden. Das Stück ist ebenfalls Fabricio di Falco (geboren 1974) gewidmet, dem Sopranisten, mit dem Thomas Bloch oft als Duo musiziert. Dank des Multitrack-Verfahrens konnten die vier Vokalparts nacheinander aufgenommen werden. Dieses abschließende Werk soll einen Bogen spannen von der Blütezeit der Glasharmonika bis zu ihrer Wiedergeburt. Es ist gedacht als Anreiz für heutige Komponisten, dem Beispiel ihrer Vorgänger zu folgen.

Thomas Bloch

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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