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8.555321 - OHGURI: Violin Concerto / Phantasy on Osaka Folk Tunes / Legend
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Hiroshi Ohguri (1918-1982)

Hiroshi Ohguri (1918-1982)

Violonkonzert • Fantasie über Volksmelodien aus Osaka • Legende für Orchester

Rhapsodie über Kinderreime aus Osaka
Hiroshi Ohguri war einer der führenden Komponisten in Osaka, der zentralen Metropole im Westen Japans. Er wurde dort nicht nur geboren und ausgebildet, sondern er verkörperte in seiner Musik auch die Kultur und die Traditionen dieser Stadt. Osaka liegt ca. vierhundert Kilometer westlich von Tokio. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug erreicht man die Hauptstadt in zweieinhalb und mit dem Flugzeug in einer Stunde. Östlich der Stadt liegt Kyoto, die einstige Hauptstadt Japans, wo die Kaiser vom achten bis zum neunzehnten Jahrhundert residierten, während im Westen die Hafenstadt Kobe liegt. Osaka, das wie Kobe an der Küste liegt, entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum und diente praktisch als Hauptstadt, als Hideyoshi Toyotomi, der mächtigste Samurai seiner Zeit, dort in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein riesiges Schloss bauen ließ. Nach Hideyoshis Tod wurde sein Sohn Hideyori von Ieyasu Tokugawa besiegt, worauf sich das Zentrum der Macht nach Edo, dem heutigen Tokio, verlagerte, dem Sitz der Tokugawas. Seitdem hat sich Osaka hauptsächlich zu einer Handelsmetropole entwickelt, als Gegenpol zur Hauptstadt Tokio, dem Sitz der kaiserlichen Familie seit dem späten neunzehnten Jahrhundert.

In diesem Kontext entwickelte Osaka seine eigene, von Tokio unabhängige Kultur. Die Bevölkerung spricht einen eigenen Dialekt. Osaka-ben, dessen Intonation, Betonung und Vokabular sich von der Sprache Tokios, der Stadt der Shoguns, Samurais und Bürokraten, wesentlich unterscheidet, Osaka-ben ist flexibler, freundlicher und — als Handelssprache — in einigen Fällen auch mehrdeutiger. Die Kaufleute bedienen sich einer anderen Art der Kommunikation: während man in Tokio traditionell seine Gefühle verbirgt und eher wortkarg ist, sind die Menschen in Osaka redseliger, lebendiger und in ihrem Ausdruck voller Nuancen, obwohl auch sie ihre wahren Gedanken nicht sofort verraten. Wenn die Japaner allgemein als wortkarg gelten, so ist dies auf den Eindruck zurückzuführen, den die Tokioter vermitteln — ganz anders die Einwohner Osakas.

Die Sprachkultur Osakas, die von der Redseligkeit ihrer Bewohner charakterisiert wird, zeitigte einzigartige künstlerische Stilrichtungen. Das Kabuki Osakas (Kamigata-Kabuki) ist wortreicher als in Tokio sowie konzis und realistisch im Ausdruck. Gidayu, ein rezitativartiges Puppenspiel, Bunraku, Kamigata-Rakugo, Kamigata-Manzai und Shochiku-Shin-Kigeki enthalten alle mehr Dialog und werden in der Osaka-ben-Mundart aufgeführt, mit all ihren spezifischen Intonationen und ihrem eigenen Vokabular.

Ohguri wurde in eine im Stadtteil Senba, dem Handelszentrum Osakas ansässige Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater war ein Amateur-Gidayu-Spieler. Umgeben von diesen traditionellen Klängen wuchs Ohguri auf. 1931 kam er mit europäischer Musik in Berührung, als er Schüler der im südlichen Teil Osakas gelegenen Ton’noji-Handelsschule wurde. Dort schloss er sich als Hornist dem Bläserensemble an. Doch das Spielen eines Instruments genügte ihm nicht, und so begann er sich im Selbsstudium die Grundlagen der Komposition beizubringen. Als Ohguri 1936 sein Schulexamen ablegte, hatte er bereits so große Fortschritte gemacht, dass seine Stücke vom Bläserensemble der Schule aufgeführt wurden. Traditionsgemäß arbeitete er nach seinem Schulabschluss im elterlichen Geschäft, anstatt ein Studium zu beginnen. Schließlich trieb ihn seine Musikbegeisterung aber doch nach Tokio; dort studierte er Horn und begann 1941 seine Berufslaufbahn im Tokyo Symphony Orchestra, dem heutigen Tokyo Philharmonic Symphony Orchestra, das damals von Manfred Gurlitt geleitet wurde. Während er in diesem Orchester zahlreiche klassische europäische Werke spielte, begann er sich gleichzeitig für Werke von zeitgenössischen japanischen Komponisten wie Akira Ifukube, Fumio Hayasaka und Urato Watanabe zu interessieren.

Im Jahre 1946 wurde Ohguri 1. Hornist des Japan Symphony Orchestra, dem heutigen NHK Symphony Orchestra. 1949 ging er nach Osaka zurück, wo er Mitglied des Kansai Symphony Orchestra wurde, das seit 1960 den Namen Osaka Philharmonic Orchestra trägt und das für die hier vorliegende Einspielung verpflichtet wurde. In diesem Orchester spielte er bis 1966. Das Kansai Symphony Orchestra wurde 1947 von dem Dirigenten Takashi Asahina (1908-2001) gegründet; es war das erste Berufsorchester in Osaka. Asahina, einer der führenden japanischen Dirigenten, hatte bei Emmanuel Metter studiert, einem Schüler Glasunows, und schulte das Orchester von seiner Gründung an; er blieb dem Klangkörper bis zu seinem Tode als künstlerischer Direktor verbunden. Daneben trat er als Gastdirigent bei den Berliner Philharmonikern und beim Chicago Symphony Orchestra auf. Ohguri und Asahina verband eines enges Vertrauensverhältnis.

Neben seinem Orchesterdienst betätigte sich Ohguri weiterhin als Komponist. 1955 wurde seine Oper Akai Jinbaori (Die rote Kampfjacke), eine japanische Adaptation von Pedro Antonio de Alarcóns Dreispitz, dem Thema von Fallas Ballett, unter der Leitung von Asahina in Osaka uraufgeführt. Es war ein großer Erfolg. Fantasy on Osaka Folktunes (Fantasie über Volksmelodien aus Osaka), komponiert für Asahina im darauf folgenden Jahr, wurde ebenfalls mit Beifall aufgenommen. Danach schrieb er zahlreiche Orchesterwerke für das Kansai Symphony Orchestra, gewissermaßen als dessen Hauskomponist. Für Rundfunk und Fernsehen entstanden Opern, Kantaten, Musicals, Ballette sowie Chor- und Kammermusikwerke. Weiterhin komponierte Ohguri Stücke für Mandolinenorchester und für traditionelle japanische Instrumente sowie Musik für Bläserensemble. Neben den hier eingespielten Kompositionen zählen zu seinen Hauptwerken die Oper Meoto-Zenzai (Ein wunderbares Paar), das Konzert für Orchester, uraufgeführt von der Weimarischen Staatskapelle unter Asahina, Jigoku-Hen (Verklärung in der Hölle), ein Ballett nach Ryunosuke Akutagawas Roman, Flight (Flug), Asahina zu seinem vierzigjährigen Dirigentenjubiläum gewidmet, und Kamen-Genso (Maskenfantasie) für Bläserensemble. Die meisten dieser Werke spiegeln den Klang des Osaka-ben wider und verwenden Volkslieder und Kinderreime aus der Umgebung Osakas, buddhistische und shintoistische Musik, traditionelle Klänge der japanischen Musik wie Noh, Kyogen, Kabuki und Bunraku sowie Anklänge an national inspirierte Musik wie die von Bartók, Kodály, Khatchaturian und von japanischen Komponisten derselben Generation. Die starke Verbindung von Ohguris Musik zur Kultur seiner Heimat hat der Legende Vorschub geleistet, seine Stücke könnten nur von Musikern und Ensembles aus Osaka stilgerecht interpretiert werden. Tatsächlich sind seine „redseligen", von ruhelosen Akzenten geprägten Allegro-Sätze erfüllt vom Geist Osakas.

Ohguris Violinkonzert entstand 1963 als Auftragswerk für Mainichi Hoso (Rundfunkanstalt Mainichi) in Osaka und wurde am 28. November desselben Jahres vom Osaka Philharmonic Orchestra unter Asahina und dem Solisten Hisako Tsuji uraufgeführt. Das Werk besteht aus drei Sätzen. Der erste, Allegro, steht in Sonatensatzform. Die Solovioline spielt das kraftvolle erste Thema über einem Trommelrhythmus — ein Anklang an die typische Shinto-Festmusik. Danach setzt das Orchester ein, und die Musik steigert sich, bis eine scherzoähnliche Episode in den Bläsern ein volksliedhaftes zweites Thema in der Solovioline vorbereitet — eine geschickte Mischung aus typisch japanischer Pentatonik, Inaka-bushi und Miyako-bushi. Die Durchführung, die mit demselben Trommel-Rhythmus beginnt, bearbeitet hauptsächlich das Hauptthema in einer dichten musikalischen Textur. Die Reprise und die atemberaubende Coda werden ebenfalls von der Trommel eingeleitet. Nach Aussage des Komponisten ist das Hauptmerkmal des Satzes der Rhythmus, nicht die beiden Themen. Der zweite Satz, Lento, besteht aus Variationen über das alte Kinderlied Ongoku, das ursprünglich ein Lied für das buddhistische Ura-Bon’E-Ritual war, in dem sich Mädchen in einer Reihe aufstellen und dieses Lied als Gebet für die Seelenruhe der Toten sangen. Der Satz spiegelt den Charakter des Liedes wider und wird von der meditativen Stimmung einer Trauerfeier beherrscht. Das Hauptthema erscheint in den ersten zwölf Takten; es folgen acht kurze Variationen, deren dritte und vierte nur vom Orchester gespielt werden. Die dritte Variation beginnt langsam und ernst in den gedämpften Blechbläsern, die vierte wird vom Xylophon eingeleitet. Der dritte Satz, Allegro vivace, ist ein wilder Tanz in Rondo-Form und basiert auf dem Awa-Odori-Rhythmus, einem traditionellen Tanz aus dem Tokushima-Distrikt (früher Awa) in Shikoku auf dem gegenüberliegenden Ufer der Bucht von Osaka. Vermutlich handelt es sich um einen ursprünglich in Osaka populären Tanz, den die Kaufleute aus Tokushima im späten achtzehnten Jahrhundert in ihrem Distrikt heimisch machten. Für Ohguri muss es ein ganz natürlicher Rhythmus gewesen sein.

Die Rhapody on Osaka Nursery Rhymes (Rhapsodie über Kinderreime aus Osaka) wurde 1979 aus Anlass des dreißigjährigen Bestehens des Musikvereins Osaka Shin-On komponiert und erlebte ihre Uraufführung am 24. November desselben Jahres durch das Osaka Philharmonic Orchestra unter Yuzo Toxama. Das Werk ist vierteilig. Der erste Teil ist ein festlich gestimmtes Vorspiel. Eine westliche Fanfate alterniert mit heimischer Musik, Norito, inspiriert von Shinto-Reimen, die vom Priester als Ritual rezitiert werden — eine Mischung also aus Altem und Neuem. Der zweite Teil ist ein lebhaftes Allegro, das auf zwei Kinderreimen, Botan-ni-Karajishi (Päonie und Löwe) und Tenjin-san-no-Kago (Tenjin-Sans Korb) basiert. Erster, in dem die Melodie zuerst in der Klarinette erscheint, ist ein Abzählreim und war in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Osaka und ganz Japan beliebt. Tenjin-san-no-Kagi ist ebenfalls ein Abzählreim, der als Wiegenlied gesungen wird. Der Titel bezieht sich auf den Tenma-Tenjin-Schrein in Osaka und den historischen Aristokraten Michizane Sugawara, der dort als Gott angebetet wird. Die Melodie wird zunächst von Oboe und Klarinette vorgestellt, begleitet vom Glockenspiel. Das Hauptmaterial des dritten Teils, Andante, ist Tenma-no-Ichi, ein traditionelles Wiegenlied mit vielen Varianten, das überall in Osaka bekannt ist. Im vierten Teil, Finale, taucht das Material aller voraufgegangenen Teile wieder auf und wird zu einem brillanten Schluss geführt.

Legend for Orchestra (Legende für Orchester) entstand zum fünfzehnjährigen Bestehen der Sinfonischen Bläserkapelle von Osaka und wurde am 26. September 1973 von diesem Ensemble unter der Leitung von Keisaku Nagano uraufgeführt. Später bearbeitete Ohguri das Stück auf Wunsch Asahinas für Sinfonieorchester. Die Orchesterfassung erklang erstmals am 8. Januar 1978; Asahina dirigierte das Osaka Philharmonic Orchestra. Es handelt sich bei diesem Stück um eine sinfonische Dichtung über eine bekannte Episode aus der japanischen Mythologie. Der Sonnengott Amaterasu herrscht über den Himmel. Sein jüngerer Bruder Susano, der auf der Erde lebt, besucht ihn. Susano ist ein wilder Gott, der im Himmel für Aufruhr sorgte. Aus Wut schließt sich Amaterasu in einem Felsen ein, worauf sich die Welt in Finsternis hüllt. Die Musik beschreibt zunächst die Dunkelheit. Danach beratschlagen die verwirrten Götter, was zu tun sei. Der kluge Gott Omoikane findet einen Ausweg: Ein Hahn kündigt den Morgen an (Trompete und Posaune krähen über Triangel und Becken), die Göttin Ame-no-Uzume tanzt nackt, und alle Götter schließen sich in einem exotischen Tanz an. Amaterasu wundert sich, was draußen in der Finsternis geschieht (Flöte und Klarinette spielen seinen Monolog). Auf Omoikanes Befehl wird das Fest noch ausgelassener (Wiederkehr des Tanzes). Sobald der ungeduldige Amaterasu das Felstor nur einen Spalt weit öffnet, bricht der kräftige Gott Tajikara es weit auf. Das Licht kehrt strahlend in die Welt zurück, und die Musik endet in feierlichem Jubel.

Die Fantasy on Osaka Folk Tunes (Fantasie über Volksmelodien aus Osaka) aus dem Jahr 1955 wurde am 28. Mai 1956 vom Kansai Symphony Orchestra unter Takashi Asahina uraufgeführt. Kurz darauf stellte Asahina das Stück mit dem Wiener Tonkünstlerorchester in Berlin vor. Es wurde zu einem großen Erfolg, und Asahina dirigierte es häufig, sowohl in Japan als auch in Europa. 1970 revidierte Ohguri das Werk und bearbeitete es 1974 für Bläserensemble. In dieser Fassung wurde es in ganz Japan populär. Die Fantasie beginnt mit einer Andante-Einleitung, die auf Kagura (shintoistischer Musik für feierliche Rituale) und Goeika (buddhistischen Gebeten) basiert. Im anschließenden Allegro erscheinen nacheinander drei Themen. Das erste basiert auf einem fröhlichen Rhythmus, Danjiri-Bayashi, der bei dem im Tenma-Tenjin-Schrein veranstalteten Sommerfest erklingt. Tenjin-Matsuri ist das größte Sommerfest in Osaka und ein sogar im Kabuki zitiertes Symbol seiner Identität. Danjiri ist ein großer, hölzerner Karren, der mit verschiedenen religiösen Dekorationen geschmückt wird und auf dem verschiedene Personen traditionelle Instrumente spielen. Der Wagen wird während des Festivals durch die ganze Stadt gezogen. Im Tenjin-Matsuri werden zahlreiche Chanchikis (Gongs) an dem Wagen befestigt, welche mittels aus Geweihen hergestellten Schlegeln angeschlagen werden. In diesem Stück verwendet Ohguri die Chanchikis und den charakteristischen Rhythmus. Das zweite Thema, vorgestellt von Flöte und Englisch-Horn, klingt wie das Lied einer Geisha. Das dritte zitiert eine beim Shishi-Mai (Löwentanz) erklingende Musik; dieser Tanz wird beim Sommerfest des Ikukunitama-Schreins im südlichen Teil Osakas aufgeführt. Eine Piccoloflöte spielt die Melodie. Shishi-Mai kam in alten Zeiten aus China nach Japan. Der Löwe gilt als ein Tier, das die Fähigkeit besitzt, böse Geister auszutreiben. Nach der Vorstellung der drei Themen beruhigt sich die Musik für einen Augenblick, nimmt dann aber einen zunehmend wilderen Charakter an, der die exotisch-ausgelassene Atmosphäre der in Osaka veranstalteten Sommerfeste beschwört.

Morihide Katayama

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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