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8.555341 - ROSETTI: Bassoon Concertos
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Antonio Rosetti (c.1750-1792)


FaggottkonzerteUnter der Herrschaft ihres Fürsten Kraft Ernst (1748-1802) erlebte die Hofkapelle von Oettingen-Wallerstein im Nördlinger Ries zweimal eine weithin bewunderte Blüte: einmal gleich in den ersten Jahren seiner Regierungszeit ab 1773 - leider nur drei kurze Jahre, weil nach dem unerwartet frühen Tod der Fürstin der Witwer lange trauerte und keine Musik hören wollte -, dann wieder für längere Zeit ab 1780. Der Fürst hatte sich die in ganz Europa berühmt gewordene Mannheimer Hofkapelle zum Vorbild genommen und überall hervorragende und oft bekannte Instrumentalisten anwerben lassen: die Namensliste seiner Hofkapelle in den 70er und 80er Jahren und der durchreisenden Solisten in dieser Zeit liest sich wie ein "Who’s Who" der europäischen Musikwelt zu Haydns und Mozarts Zeiten. Das gilt besonders für die Hornisten der Hofkapelle in Wallerstein, von denen etwa Johann Türrschmidt (1725-1800), Johann Georg Nisle (1731-1788), Joseph Nagel (1751/52-1802) und Franz Zwierzina (1751-1825) damals zu den bekanntesten europäischen Virtuosen gehörten.

Als Antonio Rosetti (wahrscheinlich als Anton Rös[s]ler 1750 im böhmischen Leitmeritz geboren - seine ersten Lebensjahre liegen in historischem Dunkel) im Jahre 1773 in Wallerstein eine erste belegte Anstellung als Livréediener und Kontrabassist fand - von jetzt an nannte er sich nur noch mit seinem italianisierten Namen -, fand er also eine aus vielen sehr guten Musikern bestehende Hofkapelle vor, die bald als eines der besten Ensembles in Europa galt, wie zahlreiche Berichte belegen, und die in den 80er Jahren mit etwa 30 Musikern beachtlich stark besetzt war. Rosetti begann recht bald, für das Orchester und dessen Solisten, aber auch für auswärtige Auftraggeber Sinfonien, Konzerte und Kammermusik zu komponieren. Besonders für die Holz- und Blechbläser seiner Hofkapelle schrieb der 1785 zum Kapellmeister ernannte Rosetti Kammermusik, sowohl die immer beliebter werdende "Harmoniemusik" als auch andere instrumentale Kombinationen, darunter das nach unserem heutigen Kenntnisstand erste originale Bläserquintett der Musikgeschichte.

Mit dem Tode des Hofkapellmeisters Carl August Westenholz (1736-1789) am Hofe des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust ergab sich eine Vakanz, um die Rosetti sich bewarb, weil er gesundheitlich angeschlagen und auch mit den materiellen Bedingungen seiner Tätigkeit nicht mehr zufrieden war - der Fürst hatte wohl Schwierigkeiten, seine üppige Hofkapelle zu finanzieren, so daß Rosettis Bittbriefe um Erhöhung seiner Bezüge nichts fruchteten. Er erhielt die Stelle - sein Gehalt betrug nun mehr als das Dreifache der Wallersteiner Vergütung... Auch in Ludwigslust gab es mit 29 Musikern eine leistungsfähige Hofkapelle von ausgezeichnetem Ruf, daneben auch einen Chor von zwölf hauptamtlichen Hofsängern. Hier schrieb Rosetti neben Instrumentalwerken vor allem etliche großartige Chorwerke. Sein Ruf hatte sich inzwischen in ganz Europa verbreitet, überall wurden seine Kompositionen gespielt, häufig erklang sogar eher Musik aus seiner Feder als aus der von Mozart oder Haydn, mit deren Werken er durchaus vertraut war. Ein Requiem, das er 1776 in Wallerstein komponiert hatte, wurde neun Tage nach Mozarts Tod 1791 von der Stadt Prag zu Ehren des Verstorbenen mit 120 Mitwirkenden vor 4000 Zuhörern aufgeführt. Rosetti wurde von Friedrich Wilhelm II. von Preußen noch nach Berlin eingeladen, wo er Chorwerke aufführte, aber krank zurückkam und wenig später - erst 42jährig - am 30. Juni 1792 starb.

Zwar widmete sich Rosetti vor allem in seiner Wallersteiner Zeit besonders „seinen" Hornvirtuosen, für die er 13 Konzerte für ein Solohorn und sieben Konzerte für zwei Hörner komponierte. Aber auch andere Blasinstrumente inspirierten ihn - so sind etwa fünf Fagottkonzerte überliefert; zwei von ihnen - nämlich das in B-Dur (Murray C69) und das in F-Dur (Murray C75) - entstanden vermutlich noch in Wallerstein, die zwei anderen - beide in B-Dur (Murray C 73 und C74) - wohl später während seiner Tätigkeit in Ludwigslust; dort wirkte nämlich von 1788 bis 1793 ein berühmter Fagottist: Franz Anton Pfeiffer. Das fünfte Fagottkonzert - in Es-Dur (Murray C68) - findet sich als Manuskript in der Bibliothek von Thurn und Taxis, ist den vier hier vorgestellten aber an Erfindungsgabe und Ausarbeitung des Soloparts nicht ebenbürtig. Die Konzerte Murray C69, C73 und C75 sind hier erstmals auf CD eingespielt.

Das Manuskript zum B-Dur-Konzert (Murray C73), dem bekanntesten Fagottkonzert Rosettis, findet sich in einer Kopie des Oboisten und Fagottisten der Hofkapelle Ludwigslust F.C.W. Berwald (1775-1797) in der Schweriner Landesbibliothek (Nr. 4621); gedruckt erschien es 1965 im Simrock-Verlag. Der höchst kunstvoll ausgearbeitete Solopart beeindruckt im ersten Satz nach einer für Rosetti typischen großen Orchestereinleitung mit interessanten Modulationen und virtuosen Girlanden mit Triolen und Sechzehntel-Passagen. Im F-Dur-Mittelsatz darf sich das Fagott in zwei- oder dreitaktig lang ausgehaltenen Tönen schwärmerisch verträumt aussingen. Wie so oft beschließt Rosetti auch dieses Konzert mit einem kecken Rondo im 6/8-Takt.

Das bisher unveröffentlichte B-Dur-Konzert (Murray C69) wurde ebenfalls nach einer Kopie des erwähnten F.C.W. Berwald von dem Dirigenten Johannes Moesus und der Internationalen Rosetti-Gesellschaft (IRG) herausgegeben, der er als Präsident vorsteht. Der technisch recht anspruchsvolle Solopart des im Sonatensatz aufgebauten Kopfsatzes ist thematisch verwandt mit dem späteren B-Dur-Konzert (Murray C73); das Orchesterzwischenspiel überrascht mit seiner Länge. Der Es-Dur-Mittelsatz gibt dem Solisten in einem ruhigen 3/4-Takt Gelegenheit, schöne Kantilenen auszusingen. Der Schlußsatz, wieder ein B-Dur-Rondo, variiert sein Ohrwurmthema nicht nur in immer neuen Wendungen, sondern setzt erfindungs-reich und virtuos ausgearbeitete Gegenthemen dagegen. Die in den Partituren solcher Konzerte bei Rosetti und seinen Zeitgenossen neben zwei Hörnern regelmäßig vorgesehenen zwei Oboen werden in diesem Stück durch zwei Flöten ersetzt - eine auffällige Besonderheit.

Auch das - in einer selteneren Tonart stehende - F-Dur-Konzert (Murray C75) wurde bisher nicht veröffentlicht und gleichfalls von Johannes Moesus und der Internationalen Rosetti-Gesellschaft (IRG) herausgegeben. Das Manuskript dazu findet sich wieder in der Landesbibliothek Schwerin (Nr. 4620). Der Eingangssatz mit der ungewöhnlichen Vorgabe Allegro moderato beginnt schon im Tutti mit großen Intervallsprüngen und läßt das Solofagott mit virtuos ausgearbeiteten Sechzehntel- und Triolenläufen gleich die ganze Spannweite seiner Ausdrucksmöglichkeiten vorführen. Der Poco-Adagio-Mittelsatz in B-Dur schwelgt in langen Melodiebögen und führt das Fagott dabei bis in seine tiefste Lage. Für den kecken Rondo-Schlußsatz mit einem hübschen synkopierten Thema wählte Rosetti nicht - wie sonst - einen 6/8 -, sondern einen 2/4-Takt. Das Konzert wurde am 26. August 2001 in der St.-Niklas-Kathedrale in Prag unter Leitung von Johannes Moesus erstmals wiederaufgeführt.

Das vierte Fagottkonzert B-Dur (Murray C74) auf dieser CD findet sich als Manuskript ebenfalls in der Schweriner Landesbibliothek (Nr. 4622). Der Schott-Verlag hat 1955 das Werk in einer Ausgabe von Denis Stevens veröffentlicht (Nr. 10420). Der breit ausgearbeitete erste Satz vermittelt - getreu der Vorgabe Allegro spiritoso - abwechslungsreich mit vielen vertrackten Fagottläufen virtuose Spielfreude; diesem funkensprühenden Beginn folgt ein sehr schlicht gehaltener melodienseliger Mittelsatz in F-Dur; im Schlußsatz wird das hübsche, auch wieder virtuos ausgearbeitete 6/8-Rondo-Thema zweimal überraschend von einem kantablen Adagio-Einschub im 3/4-Takt unterbrochen.

Der Zeitsitte folgend, hat der Solist bei Sequenzwiederholungen, bei Themenüberleitungen und Eingängen eigene Auszierungen eingefügt. Alle Kadenzen stammen von dem Würzburger Professor Eberhard Buschmann, der vor allem durch seine langjährige Mitwirkung als Fagottist des berühmten Consortium Classicum bekannt wurde, für das er viele Originalmanuskripte spielfähig ausgearbeitet hat.

Diether Steppuhn


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