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8.555351 - YASHIRO: Piano Concerto / Symphony
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Akio Yashiro (1929-1976)

Akio Yashiro (1929-1976)

Klavierkonzert • Sinfonie „Indem sie der Zukunft den Rücken kehrten, suchten sie immer wieder in der Vergangenheit nach Modellen. Da sie jedoch mit den alten Mustern nie zufrieden waren, bemühten sie sich, diese zu ordnen und sie nach den Gesichtspunkten der Gegenwart zu vereinheitlichen — mit dem Ergebnis, dass ihre Arbeit sich zu einer Reihe von Werken kristallisierte, die von großer Kultiviertheit und unübertroffener Perfektion waren", schrieb Akio Yashiro über Glasunow und Dukas. In gewisser Hinsicht trifft dies auch auf ihn selbst zu. Er war ein Komponist, der die nach dem Zweiten Weltkrieg aufkommende Tendenz, mit avantgardistischen Experimenten in die Zukunft zu blicken, strikt ablehnte und es stattdessen vorzog, aus der Vergangenheit zu lernen. Was er hingegen gelten ließ, war der Stil der unmittelbaren Nachkriegszeit bis hin zu Messiaen. Nichts beschreibt seine Position anschaulicher als eine Episode aus dem Jahr 1962, als John Cage Japan besuchte und Yashiro dessen ‘performance’ mehrmals mit Zwischenrufen wie „Das ist keine Musik" kommentierte.

Akio Yashiro wurde am 10. September 1929 in Tokio geboren. Sein Sater war Kunsthistoriker, die Mutter Pianistin. Yashiro erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von fünf Jahren; als Zehnjähriger studierte er bereits Komposition bei Saburo Moroi. Ab 1943 war der Modernist Qunihiko Hashimoto sein Lehrer, der ihn mit den Werken Debussys, Ravels und Strawinskys vertraut machte. 1945 ging Yashiro an die Tokioter Musikschule, wo er sein Studium bei Hashimoto fortsetzte. 1946, nachdem dieser wegen seiner Kriegsaktivitäten von seinem Posten enthoben worden war, wurden Tomojiro Ikenouchi und Akira Ifukube seine Professoren. Daneben nahm er Unterricht bei dem Pianisten Leonid Kreutzer. Nach dem Examen setzte er seine Studien am Pariser Conservatoire fort, wo Nadia Boulanger, Tony Aubin, Henri Challan, Noël-Gallon und Olivier Messiaen zu seinen Lehrern gehörten. Seine dortige Abschlussarbeit war ein Streichquartett, die einzige Komposition aus dieser Zeit.

1956 kehrte Yashiro nach Japan zurück, wo er hauptsächlich Musik für Dokumentar- und Spielfilme schrieb, während er sich gleichzeitig an der Musikfakultät der Universität für Schöne Künste und Musik (der früheren Musikschule) um junge Kompositionstalente des Landes kümmerte. Die beiden hier eingespielten Werke waren neben einem Cellokonzert, einer Sonate für Flöte und Klavier und einer Klaviersonate die einzigen Kompositionen, die er nach seiner Rückkehr nach Japan komponierte. Zusammen mit Werken aus seiner frühen Periode, dem Streichquartett, einer Violinsonate, einem Klaviertrio und anderen Stücken sind sie nach wie vor fester Bestandteil des japanischen Konzertrepertoires. Akio Yashiro starb am 9. April 1976 an einem Herzschlag.

Yashiros Klavierkonzert ist ein Auftragswerk für den japanischen Rundfunk- und Fernsehsender NHK. Komponiert zwischen 1964 und 1967, wurde es am

5. November 1967 mit dem Solisten Hiroko Nakamura und dem NHK Symphony Orchestra unter Hiroshi Wakasugi uraufgeführt. Seither gehört das Werk zu den bekanntesten japanischen Kompositionen und wurde mehrfach auch im Westen aufgeführt, u.a. von Jean Martinon, Jean Fournet und Michael Gielen.

Das Klavierkonzert besteht aus drei Sätzen, deren erster die Bezeichnung Allegro animato trägt und in freier Sonatensatzform angelegt ist. Gleich einer Beschwörung beginnt das Klavier abrupt mit dem Hauptthema in unregelmäßigem Zeitmaß, begleitet von Vibraphon und Streichern und wiederholt unterbrochen von chromatisch absteigenden Noten der Blechbläser. Es folgt eine kraftvolle, kadenzartige Passage des Klaviers; danach stellt die Flöte den meditativen ersten Teil des zweiten Themas vor, gefolgt vom zweiten, klageähnlichen Teil, das vom Soloinstrument im Stil einer Kadenz gespielt wird. In der Durchführung wird in erster Linie das Hauptthema verarbeitet; dies geschieht jedoch nur flüchtig, sodass der Eindruck entsteht, als diene dieser Abschnitt lediglich als Introduktion der Reprise. Der erste Teil dieser Reprise verarbeitet das Hauptthema mit zunehmender Intensität, bis es einen Höhepunkt erreicht. Im zweiten Teil der Reprise erscheinen als Reminiszenz die kraftvolle, kadenzartige Passage sowie die zweite Themengruppe. Der zweite Satz ist Allegro misterioso überschrieben. Das rhythmische Muster von sieben Noten in drei

C-Dur-Takten wird 43mal mit einer an Ravels Bolero gemahnenden Hartnäckigkeit wiederholt. Nun erscheint das Motiv des zweiten Teils des Nebenthemas aus dem ersten Satz und treibt die Musik zu einem Höhepunkt, bevor sie allmählich an Intensität verliert und langsam verklingt. Der dritte Satz, Allegro - Andante - Vivace molto capriccioso, ist in freier Rondoform gestaltet. Ein eloquentes, äußerst kraftvoll vorangetriebenes Motiv und eine humorvolle, vom gedämpften Blech gespielte, aufsteigende Passage werden zuerst vorgestellt, aber das Hauptmerkmal des Satzes ist die kernige, kadenzähnliche Klavierpassage, die darauf folgt. Das Konzert wird mit diesen Motiven sowie mit Anklängen an das Material der vorangegangenen Sätze zu einem brillanten Schluss geführt.

Yashiros Sinfonie entstand zwischen Januar und Mai 1958 als Auftragswerk für das Japan Philharmonic Symphony Orchestra, das im Juni desselben Jahres unter Akeo Watanabe auch die Uraufführung spielte. Bei der europäischen Erstaufführung im Jahre 1963 dirigierte Charles Brück das Orchestre de l’O.R.T.F.

Die Sinfonie besteht aus vier Sätzen, die mittels wiederkehrender Motive zu einem organisch gefügten Ganzen verschmelzen. Der erste Satz, Adagio - Moderato, ist ein mit seinem mystischen Gestus an Florent Schmitt und den frühen Strawinsky erinnerndes Prélude. Einer hypnotisierenden Introduktion in den Streichern folgen unmittelbar das von den Blechbläsern und tiefen Streichern vorgestellte erste und das von der Klarinette gespielte zweite Motiv. Beide werden einer Entwicklung unterzogen, bevor in den Blechbläsern das dritte Motiv erklingt. Der zweite Satz, Scherzo, mit der Tempobezeichnung Vivace, wird im gesamten Verlauf durch ein einheitliches, unregelmäßiges rhythmisches Muster (6/8 + 2/8 + 6/8) charakterisiert. Der dritte, Lento überschriebene Satz ist eine Sonatensatz-Variation mit zwei Themen. Englisch-Horn und Bassflöte stellen das vom ersten und dritten Motiv abgeleitete Hauptthema vor. Das Thema wird vom Vibraphon begleitet und von den Holzbläsern zu einer Variation entwickelt. Danach spielen Celesta und Streicher das mystische zweite Thema, das mit der Variation des ersten Themas kombiniert wird. Es folgen in den Blechbläsern Fragmente des dritten thematischen Elements. Die von häufigen Schlagzeugeinwürfen unterbrochene, erweiterte Variation des zweiten Themas erreicht einen Höhepunkt und sinkt danach zurück. Es ist eine Variation, die an den Stil eines Messiaen denken lässt. Schließlich werden das dritte Motiv und das erste Thema dieses Satzes sowie die das zweite Thema begleitenden Einwürfe des Schlagzeugs in Erinnerung gerufen. Die Variation dient als Reprise und Coda der Sonatenform. Der vierte Satz, Adagio - Allegro energico, ist in Sonatensatzform mit Introduktion gestaltet. Die tieferen Holzbläser stellen das erste Motiv vor; zwei Piccoloflöten spielen wiederholt eine Melodie, die das traditionelle japanische Kagura-bayashi suggeriert; anschließend kündigen Piccoloflöten und Fagotte das Thema des Hauptabschnitts an. Im folgenden Allegro wird das erste Thema sofort in den Streichern vorgestellt; die Melodie ist vom ersten und zweiten Motiv abgeleitet. Das zweite Thema in Piccoloflöte und Kontrafagott adaptiert das Material in Halbton-, Quint- und Septim-Intervallen und ist mit den drei Motiven eng verwandt. Danach erscheinen die beiden Themen des Satzes mit den sich durch das ganze Werk ziehenden Hauptmotiven in Kombination und bringen die Sinfonie zu einem glänzenden Abschluss.

Morihide Katayam

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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