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8.555355 - Date with the Devil (Samuel Ramey)
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Stelldichein mit dem Teufel

Seit langem spielt der Teufel auf der Theater- und der Opernbühne eine Hauptrolle. In den Mysterienspielen des Mittelalters bedrohte er die Sterblichen, in der Welt der romantischen Oper brachte er Helden und Heldinnen in Schwierigkeiten. Vor allem das 19. Jahrhundert war von der Figur des Teufels fasziniert: Man sah in ihm die diabolische Inspiration eines Paganini oder Liszt - und natürlich war er auch einer der Protagonisten der Faust-Legende.

Dr. Faustus mag der Gestalt des Wissenschaftlers und Experimentators Paracelsus nachempfunden sein. Die erste literarische Manifestation war das 1587 erschienene Volksbuch "Historia von Dr. Johann Fausten", das vor den Gefahren intellektueller Spekulation warnte. Hier fand Christopher Marlowe die Anregung zu seinem Schauspiel, in dem die ursprüngliche Geschichte getreulich bewahrt ist: Der gute Doktor tauscht seine Seele gegen Jugend und Sinnenfreuden ein. Im nächsten Jahrhundert gewinnt der Teufel in Miltons Paradise Lost eine heroische Statur, um dann wieder weniger doppeldeutig in Goethes großer Dichtung aufzutreten, die viele musikalische Werke nach sich gezogen hat.

Von Goethe ließ sich beispielsweise Hector Berlioz zu seinen Acht Szenen aus Faust inspirieren: Nachdem der Tragödie erster Teil 1827 in der französischen Übersetzung von Gérard de Nerval erschienen war, machte sich Berlioz sogleich an die Vertonung, die 1829 abgeschlossen war. Sechzehn Jahre später wandte sich Berlioz erneut dem Thema zu: Er revidierte die Partitur der Acht Szenen und übernahm sie in seine dramatische Legende La damnation de Faust (Faust Verdammung), die er als opéra de concert bezeichnete, die sich aber auch szenisch darstellen läßt. Den Text der Damnatian adaptierte Almire Gandonnière gemeinsam mit dem Komponisten nach der Nerval-Übersetzung, und das neue Werk wurde im Dezember 1846 an der Pariser Opéra-Comique konzertant uraufgeführt. Die erste szenische Darbietung fand 1893 in Monte Carlo statt. Vorübergehend spielte Berlioz mit dem Gedanken, ein neues Libretto zu einem Méphistrophélè, schreiben zu lassen; der Plan wurde allerdings nicht verwirklicht.

Im Februar 1846 präsentierte Hector Berlioz dem (Buda)Pester Publikum eine neue Komposition, mit der er sich unmittelbar auf den ungarischen Patriotismus bezog, der damals einen neuen Gipfel der Begeisterung erreichte. Man hatte ihm geraten, eine bekannte patriotische Melodie zu verwenden, und mit sicherer Hand schrieb er seinen Rákóczy-Marsch. Dieser Satz ging dann in das Werk ein, an dem er damals in jeder freien Minute arbeitete - sowohl während der Konzertreisen durch Deutschland und Österreich als auch in den Monaten nach der Heimkehr Zunächst finden wir Faust in Ungarn, und dieses Szenario erlaubte die Übernahme des Marsches. Im zweiten Teil des Werkes ist Faust wieder jung. Mephisto weicht nicht mehr von seiner Seite, wohl wissend, daß Fausts Verdammung eine endgültige sein wird. In Auerbachs Keller in Leipzig unterhält Mephisto die Studenten mit dem "Flohlied" (Une puce gentille), das unverändert aus den Acht Szenen übernommen wurde. Im dritten Teil der Damnation macht Faust Margarethe den Hof; dazwischen singt Mephisto seine Sérénade.

In Giacomo Meyerbeers Robert le Diable (Robert der Teufel) geht es um eine andere Art der Teufelei. Das 1831 an der Pariser Opéra uraufgeführte Werk geht auf einer Legende aus der Normandie zurück. Herzog Robert wird von seinem Freund Bertram zum Bösen verführt. Der dritte Akt der Grand Opéra spielt in einer wilden, rauhen und nebligen Felscngegend; Bertram beschwört die Nonnen eines verfallenen Klosters, aus ihren Gräbern heraufzusteigen: Mit ihm zusammen sollen sie den Titelhelden durch sinnliche Versprechungen dazu bringen, daß Robert einen Wunderzweig an sich bringt, ein Opfer, das ihn wieder mit seiner geliebten Isabelle vereinen soll. Am Ende der Oper wird Bertram, der Roberts Mutter verführt hat und somit Roberts leiblicher Vater ist, von der Erde verschlunge. Robert hingegen findet seine Geliebte Isabelle wieder.

Nikolaus Lenau hat die Legende in seinem 1835 veröffentlichten, einige Jahre später revidierten Faust ganz anders behandeil. Hier sagt sich der Titelheld am Ende von Mephisto los, bevor er sich das Leben nimmt. Der große Komponist und Pianist Franz Liszt ließ sich von dieser Dichtung zu zwei Episoden anregen, deren zweite gemeinhin als Erster Mephisto-Walzer bekannt ist Bei einem Tanz in der Dorfschenke spielt Mephisto auf der Fiedel, bevor er die Paare zu deren Lustbarkeiten in den Wald führt.

Als Librettist erfreut sich Arrigo Boito großen Ansehens - schließlich lieferte er die Texte zu den Verdi-Opern Simon Boccanegra, Otello und Falstaff. Der Komponist mußte länger auf seine Anerkennung warten. Seine Oper Mefistofele nach Goethes Faust wurde bei der Uraufführung 1868 nicht gut aufgenommen. Revisionen und neuerliche Aufführungen durch versiertere Ensembles in den Jahrcn 1875 und 1876 brachten eine andere Resonanz. Im Vorspiel im Himmel wettet Mephisto, daß er die Seele des Faust für sich gewinnen kann (Ave Signor), und der Allmächtige nimmt die Herausforderung an. Während der alte Gelehrte Faust in seinem Studierzimmer liest, stört ihn ein Fremder, der von sich sagt, er sei der Geist der stets verneint (Son lo spirto ehe nega sempre tutto). Mephisto hat Faust inzwischen seine Jugend wiedergegeben und befindet sich mit ihm auf dem Brocken im Harz, wo die Hexen eben ihre Walpurgisnacht feiern. Er nimmt eine gläserne Kugel und spricht in Ecco iI mondo (Das ist die Welt) davon wie hohl und wertlos die Welt sei. Dann läßt er die Kugel fallen. Während sich der Tanz der Hexen zu größter Wut steigert, läßt er Faust eine Vision erleben, in der das Mädchen mit einem blutioen Halsband zu sehen ist.

ETA Hoffmann war ein Mann von vielen Talenten. Einen großen Teil seines recht kurzen Lebens widmete er sich der Musik; dann wandte er sich der Schriftstellerei zu. In seiner Oper Les Contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen) benutzte Jacques Offenbach ein Schauspiel, das nach einigen Geschichten des Gespenster-Hoffmann verfaßt worden war. Sowohl in dem Theaterstück als auch in der 1881 in Paris uraufgeführten Oper tritt der Dichter selbst als Liebhaber in Erscheinung: Zunächst erliegt er dem Automaten Olympia, den der alte Dr. Coppelius bebaut hat, dann der todgeweihten Sängerin Antonia und schließlich in Venedig der flatterhaften Giulietta. Mittelpunkt aller Niederlagen, die Hoffmann erleben muß, ist der Baß: Erst einmal ist er Dr. Coppelius, der Erfinder der Puppe Olympia; dann als Zauberer Dapertutto in Venedig die treibende Kraft hinter Giulietta, die das Spiegelbild - und damit die Seele - ihrer jeweiligen Geliebten einfangen und ihm überlassen muß; und schlieftlich der Quacksalber Dr. Mirakel, der Antonias Tod herbeiführt. Dapertutto ködert seine "Gehilfin" mit dem Versprechen auf funkelnde Diamanten (Scintille, diamant!). Die berühmte Burcarolle, die oft als selbständiges Orchesterstück anfgeführt wird, beschreibt das vcnezianische Szenario.

Im Jahre 1859 kam Charles Gounods Oper Faust am Pariser Théâtre Lyrique heraus. Auch diese wohl populärste Umsetzung der Goethe-Dichtung basiert auf der Nerval-Übersetzung, die bereits im Zusammenhang mit Berlioz' Damnation erwähnt wurde. Im ersten Akt der Oper hat Mephisto den alten Gelehrten in einen jungen Edelmann verwandelt; im zweiten befinden sich die Weggefährten im Kreise junger Männer bei einem Zechgelage Mephisto unterhält die Gesellschaft mit dem blasphemischen Lied Le veau d’or (Das goldene Kalb); dann bricht ein Streit aus, in dem er seine diabolischen Fähigkeiten offenbart. Faust hat Margarethe verführt. Seit ihr Kind gehoren wurde, meiden sie die Nachbarn. Außerdem muß sie annehmen, daß sie der Geliebte verlassen hat. Ihr Bruder Valentin kehrt aus dem Krieg zurück und stürzt empört ins Haus, indessen Mephisto im Freien eine Serenade singt, die das Ständchen parodiert, mit dem Faust im vorigen Aufzug Margarethe den Hof gemacht hatte.

Als der russische Impresario Serge Diaghilew bei Igor Strawinsky die Musik zu dem Ballett Der Feuervogel bestellte, bot sich diesem die erste grofte Möglichkeit, sich einen Namen in der Musikwelt zu machen. Partitur enthält eine Danse infernale, in dem sich der Zauberer und sein Gefolge noch einmal gegen den Untergang auflehnen. Erneut wandte sich Igor Strawinsky dem Bösen zu, als er seine Geschichte vom Soldaten komponierte. Und noch einmal betrat der Teufel die Bühne - in der neoklassizistischen, 1951 in Venedig uraufgeführten Oper The Rake 's Progress. Hier heiftt der Verführer Nick Shadow, und er hat sich zum Ziel gesetzt, den gut veranlagten Tom Rakewell ins Irrenhaus zu bringen Das Libretto von W.H. Auden und Chester Kallman geht auf die Bilderfolge "Das Leben eines Wüstlings" von William Hogarth zurück. Tom läßt sich davon überzeugen, daß er seine geliebte Anne Trulove verlassen und sein Glück in London suchen sole. Auf der Suche nach neuen Sinnenreizen und bemüht, seine Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen zu zeigen, läßt er sich von seinem Diener und Gefährten Nick Shadow dazu verleiten. die bärtige Baba, genannt Türkenbab, zu heiraten. Erst nach Ablauf eines Jahres und eines Tages verlangt Shadow seinen Lohn: Um Mitternacht offenbart er Tom aufeinem Friedhof seine wahre Identität - und ais Bezahlung die Seele des "Wüstlings". Jetzt liegt alles daran, daß Tom die drei Karten richtig rät, die Nick Shadow ihm präsentiert. Tom gibt dreimal die richtige Antwort. Shadow ist geschlagen und versehwindet durch das Grab, das für sein Opfer schon vorbereitet war. Dabei aber raubt er Tom den Verstand.


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