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8.555376 - MYASKOVSKY: Symphonies Nos. 24 and 25
English  German 

Nikolai Jakowlewitsch Miaskowski (1881-1950)
Sinfonie Nr. 24 in f-Moll, op. 63
Sinfonie Nr. 25 in Des-Dur, op. 69


Bemerkenswert viele russische Komponisten älterer Zeiten begannen ihr Berufsleben als Militärs. In einigen Fällen wurden uns dadurch Anekdoten überliefert; eine von ihnen beschreibt, wie Rimskij-Korsakow vom Klipper Almas in die Ostsee fiel. In manchen anderen Fällen sind die Berichte gar tragisch. Als Oberleutnant der Pioniere erlitt Nikolai Miaskowski eine ernsthafte Kriegsneurose, nachdem er bei einigen der erbittertsten Kämpfe an der Ostfront im ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war. Er wurde nach Hause geschickt, aber die Folgen waren für den Rest seines Lebens erkennbar.

Miaskowski wurde 1881 in einer Festung geboren, Nowo-Georgiewsk bei Warschau, wo sein Vater als Offizier diente. Er fing an einer Kadettenschule an und war bereits Oberleutnant, als er im Alter von 25 Jahren sein Studium am Petersburger Konservatorium begann. Seine wichtigsten Lehrer waren Anatolij Ljadow und Nikolaj Rimskij-Korsakow, wodurch ihm eine denkbar solide Kompositionstechnik gewährleistet wurde. Einer seiner Kommilitonen war der zehn Jahre jüngere Prokofjew. Sie feierten im gleichen Konzert ihr Debüt als Komponisten; sie waren eng befreundet, und Miaskowski erfand sogar zahlreiche Titel für Werke seines jungen Kollegen. 1911 absolvierte Miaskowski die Schlußprüfung, aber mitten in einer verheißungsvollen musikalischen Karriere mußte er beim Ausbruch des ersten Weltkrieges abermals zur Armee gehen. Nach der erwähnten Kriegsneurose übersiedelte er bald nach Moskau, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. 1921 wurde er Professor für Komposition am Moskauer Konservatorium.

Miaskowskis musikalischer Stil war niemals ultra-modern, sondern kann irgendwo zwischen den großen russischen Romantikern und dem Stil seines Kommilitonen Prokofjew eingereiht werden. Es ist also völlig absurd, daß er zu den Komponisten gehörte, die 1948 von der sowjetischen KP scharf kritisiert wurden. Ihr Dekret enthielt viele unbestimmte Ausdrücke, aber es war deutlich, daß das Zentralkomitee wollte, daß die Komponisten eine Musik schreiben sollten, die den Kumpels im Donbass und den usbekischen Bauern leicht verständlich sein sollte, nicht nur dem Konzertpublikum in Moskau, Leningrad und Kiew. Die ungerechte Kritik beschleunigte vermutlich Miaskowskis Tod im Jahre 1950 und es wurde ihm somit nicht vergönnt, die ebene Zahl von dreißig Sinfonien zu erreichen; allerdings reichen 27 aus, um ihn als einen der größten Sinfoniker des vergangenen Jahrhunderts hervorzuheben. Er komponierte auch Werke vieler anderer musikalischer Gattungen, ausgenommen Oper und Ballett.

Wie die meisten Sowjetkomponisten wurde Miaskowski während des zweiten Weltkrieges evakuiert, und es war daher in der kirgisischen Hauptstadt Frunse, daß ihn im September 1942 die Nachricht vom Tode Wladimir Derschanowskijs erreichte. Dies war ein schwerer Schlag, denn er hatte mit diesem hervorragenden Musikwissenschaftler und Herausgeber der Zeitschrift Musyka nicht nur viele Jahre zusammengearbeitet (er schrieb u.a. zahlreiche Artikel für die Zeitschrift), sondern sie waren auch enge Freunde geworden, und es war daher natürlich, daß er seine Sinfonie Nr. 24 in f-Moll, Op. 63, dem Andenken an Derschanowskij widmete. Im Dezember durfte er nach Moskau zurückkehren, und im März 1943 begann er, die Sinfonie zu entwerfen. Nach wenigen Tagen erreichte ihn die Nachricht von Rachmaninows Tod, was ebenfalls seine Stimmung während der folgenden Monate beeinflußt haben dürfte. Am 24. August vermerkte er in seinem Tagebuch, daß er die Orchestration vollendet hatte, und die Partitur wurde Jewgenij Mrawinskij übergeben, der am

8. Dezember im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums die Uraufführung dirigierte.

Wer aufgrund der geschilderten Umstände glaubt, die Sinfonie sei eine Art Klagelied, irrt. Sie ist eher ein stark dramatisches Werk. Der erste und dritte der drei Sätze (beide sind in Sonatenform geschrieben) beginnen sogar mit Fanfaren, die von den Blechbläsern gespielt werden. Die russische Musikwissenschaftlerin Soja Gulinskaja nannte den ersten Satz, Allegro deciso, eine „heroische Ballade“, und bereits der erste Takt weist eine trotzige Stimmung auf, die im breiten Seitenthema zwar abgeschwächt aber dennoch nach wie vor präsent ist. Erst nach der Durchführung, gegen Ende des Satzes, wird die Atmosphäre lichter und es erscheinen einige Zeichen der Resigniertheit. Als wäre die Dramatik bereits im ersten Satz verbraucht worden, wirkt das langsame Molto sostenuto relativ zurückhaltend; das Gefühl von Trauer entsteht durch die ständige Wiederkehr des tragischen Themas in verschiedenartiger Orchestrierung und Dynamik; in den letzten Takten bringt eine unerwartete Wendung in die Durtonart ein plötzliches Licht am Horizont. Das Finale, Allegro appassionato, basiert auf einer abgeänderten Form des erwähnten Nebenthemas des ersten Satzes, aus welcher eine Reihe von Höhepunkten aufgebaut wird, aber die Intensität nimmt allmählich ab, bis die Sinfonie schließlich in der Ruhe eines erhabenen F-Durs endet.

Die Sinfonie Nr. 25 in Des-Dur, op. 69, ist Miaskowskis erstes großes orchestrales Nachkriegs-werk. Erst ein Jahr nach dem Waffenstillstand begann er die Kompositionsarbeit, denn seine Gesundheit hatte sich erheblich verschlechtert, weswegen er inzwischen einige Zeit an einem Kurort verbracht hatte. Die ersten Skizzen wurden im Sommer 1946 geschrieben, und am 6. März 1947 dirigierte Aleksandr Gauk das Staatliche Sinfonieorchester der UdSSR bei der Uraufführung, die mit beträchtlichem Erfolg im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums stattfand. Das Werk wurde Lewon Atowmjan gewidmet, einem Komponisten-kollegen armenischer Herkunft, der später mit dem Regime schwere Probleme haben sollte, und nur durch Schostakowitschs Fürsprache gerettet werden konnte. 1949 unternahm Miaskowski gewisse Revisionen der Partitur.

Im Jahre 1946 war das allgemeine Klima für die sowjetischen Komponisten noch relativ gut. Während des Krieges war ihnen ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit gestattet gewesen, und jetzt hatte die Partei noch nicht ganz die Versuche der Vorkriegszeit wieder aufgenommen, die Künste zu kontrollieren. Es ist aber nicht sehr wahrscheinlich, daß Miaskowski die Sinfonie nach dem Jahr des Konflikts 1948 wesentlich anders komponiert hätte: bereits in der vorliegenden Form weicht sie nicht wesentlich von den von der Staatsführung akzeptierten Idealen ab.

Der größte Unterschied im Vergleich mit den meisten anderen Sinfonien ist, daß dieses Werk mit einem langsamen Satz beginnt, Adagio. Statt der traditionsgemäß beim ersten Satz einer Sinfonie verwendeten Sonatenform gibt es hier Variationen über ein typisch russisches Thema, das von sowjetischen Kommentatoren als episches Porträt des Vaterlandes betrachtet wurde. Der zweite Satz, Moderato, ist ebenfalls ziemlich lyrisch, obwohl bewegter, und typisch für die etwas leichtere Stimmung ist das plötzliche Erscheinen eines Walzerthemas. Die gesamte Dramatik des dreisätzigen Werkes wird ins Finale konzentriert, Allegro impetuoso, mit einem plötzlichen, kraftvollen Drang nach vorne, bis zum beeindruckenden Schluß, vom abermaligen Erscheinen des Themas aus dem ersten Satz gekrönt.

Per Skans


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