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8.555410 - GRECHANINOV: Symphonies Nos. 1 and 2
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Alexander Tichonowitsch Gretschaninow (1864 - 1956)

Sinfonie Nr. 1 h-Moll op. 6

Sinfonie Nr. 2 A-Dur op. 27 „Pastorale"

Alexander Tichonowitsch Gretschaninow wurde 1864 als Sohn eines wenig kunstsinnigen Kaufmanns geboren. Während seiner Schulzeit sang er als Solist im Kirchenchor, und im Alter von 14 Jahren begann er, von seiner Schwägerin ermuntert, Klavierstunden zu nehmen. Trotz des Widerstands seines Vaters trat er 1881 am Moskauer Konservatorium in die Klavierklasse des Tschaikowski-Freundes Nikolai Kaschkin ein. 1885 wurde er Schüler von Wassili Safonow und studierte darüber hinaus Komposition bei Sergej Tanejew und Formenlehre bei Anton Arensky. Seine Laufbahn als Komponist begann 1889 mit der Vertonung eines Gedichts von Lermotow.

Gretschaninow verließ 1890 das Moskauer Konservatorium und zog nach St. Petersburg. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, sein Studium am dortigen Konservatorium unter Rimski-Korsakow fortzusetzen. Seinen ersten Erfolg hatte er 1892 mit der Aufführung seiner Konzert-Ouvertüre, und 1894 gewann er mit seinem ersten Streichquartett den ersten Preis beim Beljajew-Kammermusik-Wettbewerb. In den folgenden Jahren lehrte er Klavier in St. Petersburg und Moskau. In Moskau entdeckte er sein Interesse an der Musik der ethnischen Minderheiten und arbeitete in der Musikabteilung der Ethnographischen Gesellschaft der Moskauer Universität. Darüber hinaus schrieb er eine beachtliche Anzahl von Kindermusikstücken. In Anerkennung seiner Dienste für die Kirchenmusik erhielt er seit 1910 durch den Zaren eine jährliche Pension, obwohl die spätere Verwendung von Instrumenten in liturgischen Kompositionen ihre Verwendung in der Kirche unmöglich machte. Die Februarrevolution des Jahres 1917 setzte seiner Kirchenpension jedoch ein Ende, und die unsicheren Zukunftsaussichten veranlassten Gretschaninow, ins westeuropäische Ausland, zunächst nach London und Prag, zu gehen. 1925 zog er nach Paris, emigrierte jedoch bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 in die Vereinigten Staaten von Amerika, die er schon bei einer Reihe anderer Gelegenheiten und Konzert-Tourneen besucht hatte. Er wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger und starb 10 Jahre später in New York.

Gretschaninows Musik für Kinder, seine Arrangements von Liedern der Minderheiten der Sowjetunion sowie seine liturgische Musik haben in den letzten Jahren bei den Kritikern große Anerkennung gefunden. Wenig Aufmerksamkeit wurde bisher jedoch seinen größeren Orchesterkompositionen geschenkt. Wie Rimski-Korsakow vertrat die nachfolgende Generation die Ansicht, dass die technischen Aspekte im Werk Anton Rubinsteins wie auch in den Werken vieler junger zeitgenössischer Komponisten, die an den neu gegründeten Konservatorien in St. Petersburg und Moskau ausgebildet worden waren, unzureichend wären. Dieses Unvermögen trug für einige Kritiker kosmopolitische oder deutsche Züge und war geprägt von angeblichen bourgeoisen Tendenzen.

Gerade diese Eigenschaften weisen auch Struktur und Orchestrierung von Gretschaninows Erster Sinfonie in auf, die darüber hinaus aber eindeutig russisch geprägte Themen verwendet. Dennoch lässt das Werk die modische primitive Rohheit der stümperhaften Nationalisten vermissen. Gleich zu Beginn erklingt in den tiefen Streichern ein hübsches russisches Thema, auf das ein sanft kontrastierendes zweites Thema antwortet. Im langsamen Satz wird das Hauptthema von den Celli und den Kontrabässen vorgestellt, während im G-Dur Scherzo zunächst die Bratschen den lebhaften Rhythmus des Satzes anstimmen, bevor in den Violinen das Hauptthema anklingt, zu dem später Kontraste in Tonart und Stimmung hinzutreten. Das Finale beginnt mit triumphalem H-Dur. Auf eine kurze, emphatische Einleitung folgt ein leichteres Thema, das unverbindlich in den Streichern vorgestellt wird, jedoch an Intensität zunimmt. Mit einem ansprechenden Schluss endet diese durchaus reizvolle Sinfonie.

Gretschianows Zweite Sinfonie wurde 1909 beendet. In den folgenden Jahren entstanden noch drei weitere Sinfonien, die vierte wurde 1942 in Amerika vorgestellt, die fünfte bei einem Philadelphia Jugend-Konzert 1946. Die Zweite Sinfonie weist einen substantielleren Umfang auf als ihre Vorgängerin, und man kann in ihren Harmonien mitunter zeitgenössische westeuropäische Einflüsse registrieren. Der erste Satz trägt den Titel Pastorale und beginnt in der Tonart a-Moll mit einer geheimnisvollen Figur, die langsam einen sanfteren, lyrischen Charakter annimmt, bis sie von einem zweiten Thema im Horn, einer durch und durch russischen Melodie, abgelöst wird. Das vorgestellte Material bildet die Grundlage für die folgende Entwicklung einer sehr russisch gefärbten Pastorale. Der langsame Satz wechselt zur Tonart cis-Moll, und die Klarinetten präsentieren über einer synkopierten Begleitung in den zweiten Violinen und Bratschen das lyrische erste Thema, während das Horn einen romantischen Unterton beisteuert. In einer Art, die Rachmaninow alle Ehre machen würde, führt der Satz zu einem zweiten Thema in den Bratschen. Das Scherzo schlägt bereits mit den ersten Takten der Bratschen eine gänzlich andere Stimmung an und wechselt in die Tonart D-Dur. Das erste Trio stellt eine kontrastierende Oboen-Melodie in H-Dur vor, während das zweite Trio mit einem Thema in den Violinen, das zunächst in den Streichern begleitet wird, zu g-Moll wechselt. Beide Trios bieten die Gelegenheit für einen Ausflug in russische Gefilde. Das Finale, ein äußerst abwechslungsreicher Satz, scheint sich noch weiter von der Ausgangstonart zu entfernen. Hier, wie schon in der ganzen Sinfonie, behandelt Gretschaninow das Orchester mit großer Souveränität und verwendet die Holzbläser in der typisch russischen Weise, die er von Rimski-Korsakow in St. Petersburg gelernt hatte. Die Sinfonie ist ein interessanter und reizvoller Beitrag zum Orchesterrepertoire.

Keith Anderson

Übersetzung: Peter Noelke


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