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8.555411 - RAFF: Symphony No. 1, 'To the Fatherland'
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Joachim Raff (1822-1882)

Sinfonie Nr. 1 D-Dur „An das Vaterland" op. 96

Wie vergänglich musikalischer Ruf sein kann, zeigt die Reaktion der Nachwelt auf das Werk Joseph Joachim Raffs, der heute in erster Linie nur noch als Komponist des Salonstücks Cavatina und als Liszts Assistent in Weimar – kaum mehr als eine Fußnote in der Geschichte der sinfonischen Dichtung – in Erinnerung geblieben ist. Zu Lebzeiten erfreute er sich größerer Akzeptanz, und das zurecht, denn er war umfassend talentiert und vor allem ein Pädagoge von Format.

Raff wurde 1822 in Lachen am Züricher See geboren. Sein Vater war aus Württemberg in die Schweiz geflüchtet, um der Einberufung zur französischen Armee zu entgehen. Raff erhielt seine Schulausbildung in Wiesenstetten in Württemberg und bereitete sich am Jesuitengymnasium in Schwyz auf das Lehramt vor. Dort zeichnete er sich in den Fächern Latein, Deutsch und Mathematik aus. Anschließend nahm er eine Stelle als Lehrer an und erwarb sich im Selbststudium beträchtliche musikalische Fähigkeiten. Seine ersten Arbeiten sandte er an Mendelssohn, auf dessen Empfehlung der Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel 1844 eine Sammlung mit Klavierstücken Raffs druckte. Im selben Jahr beschloß der angehende Komponist, sein Glück in Zürich zu versuchen.

1845 lernte Raff Franz Liszt kennen, als er zu Fuß nach Basel gekommen war, um den großen Virtuosen spielen zu hören. Er begleitete ihn auf dessen Konzerttournee und ließ sich anschließend in Köln nieder, wo er durch Liszts Vermittlung als Kritiker und, weniger bedeutsam, in einer Musikalienhandlung arbeitete. Danach ging er nach Stuttgart, wo er Hans von Bülow begegnete, mit dem ihn in den folgenden Jahren eine enge Freundschaft verbinden sollte. Dort traf er auch mit Mendelssohn zusammen, der ihm anbot, sein Studium bei ihm in Leipzig fortzusetzen. Bülow nahm Raffs Concertstück für Klavier und Orchester in sein Repertoire auf und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung seines kompositorischen Rufs. Nachdem Mendelssohn 1847 gestorben war, trat Liszt erneut als Raffs Förderer auf und vermittelte ihm eine Stelle als Arrangeur bei einem Hamburger Musikverlag. Von dort ging Raff 1850 nach Weimar, wo Liszt in seiner Eigenschaft als Hofkapellmeister mit dem Aufbau eines Repertoires für sein Orchester und vor allem mit der Komposition seiner beachtlichen Reihe von sinfonischen Dichtungen beschäftigt war, in denen er eine Verbindung von Literatur und Musik anstrebte. In der Villa Altenburg, wo er wohnte und wo Hans von Bülow sich wenig später zu ihm gesellte, diente Raff dem Meister als Sekretär, Kopist und Faktotum und spielte, zumindest in der ersten Zeit, eine wichtige Rolle bei der Instrumentierung von Liszts Kompositionen. Offen bleibt, ob seine Funktion so bedeutend war, wie Raff sie in seiner Korrespondenz erscheinen ließ, als er z.B. in einem frühen Brief aus Weimar schrieb, er habe für Liszt Ordnung in dessen Concerto symphonique gebracht und müsse nun Ce qu’on entend sur la montagne instrumentieren und kopieren. Weiterhin behauptete er, daß die Instrumentierung des Prometheus überwiegend von ihm stamme und daß er selbige Dienste auch für die sinfonische Dichtung Tasso geleistet habe. Diese Aussagen wurden später übrigens vom Geiger Joseph Joachim bestätigt. Es stand außer Frage, daß Liszt Unterstützung benötigte, und Raff konnte ihm bei der Arbeit behilflich sein. So war Tasso, 1849 zu Goethes 100. Geburtstag entstanden, beispielsweise von August Conradi instrumentiert worden; Liszt war unzufrieden mit der Arbeit und betraute Raff mit dem Erstellen einer neuen Fassung, an der er seinerseits wiederum verschiedene Änderungen vornahm. Raffs Oper König Alfred wurde im selben Jahr in Weimar uraufgeführt; obwohl es zu drei Wiederholungen kam, war der Erfolg nur mäßig. Unzufrieden mit seiner subalternen Weimarer Funktion als einem von Liszts dienstbaren Geistern und unglücklich im Umgang mit Liszts blaublütiger Lebensgefährtin, der Gräfin Carolyne von Sayn-Wittgenstein, ging Raff 1856 nach Wiesbaden, wo König Alfred aufgeführt wurde und wo er, seit 1859 mit der

Weimarer Schauspielerin Doris Genast verheiratet, eine rege Kompositions- und Lehrtätigkeit entfaltete. Dieser schöpferischen Periode in Wiesbaden folgte 1877 die Ernennung zum Direktor des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt, an welches er die berühmte Pianistin Clara Schumann als (damals einziges weibliches) Mitglied des Lehrkörpers verpflichten konnte, als das Institut 1878 eröffnet wurde. Zwei Jahre später wurden weitere Dozentinnen an die Hochschule berufen, und es wurde sogar eine Klasse für Komponistinnen ins Leben gerufen, der ersten in Deutschland.

Von Raffs sechs Opern wurden vier nie aufgeführt. Wesentlich erfolgreicher war er dagegen mit seiner Orchester- und Kammermusik sowie mit seinem außergewöhnlich umfangreichen Klavierwerk. Der schiere Umfang seines Schaffens veranlaßte Wagner zur der zynischen Bemerkung, er selbst arbeite jetzt wie Raff oder Brahms – mit anderen Worten: wie ein Vielschreiber; was Wagner von den Werken zumindest des letzteren hielt, war kein Geheimnis. Einerseits gehörte Raff zur sog. Neudeutschen Schule eines Wagner und Liszt, zumindest was die eindeutig programmatischen Elemente in acht seiner elf numerierten Sinfonien betrifft; andererseits mutet sein Kompositionsstil eher akademisch an, indem er sich in seinen hervorragend instrumentierten Werken aller existierenden Formen sowie eines starken kontrapunktischen Elements bedient. Das wiedererwachte Interesse an Raffs Werken scheint die Vorwürfe der Trivialität und des Epigonentums zu widerlegen. Seine Musik hat noch immer etwas zu sagen und ist überdies bemerkenswert aufgrund des starken Einflusses, den sie auf Komponisten wie etwa Richard Strauss ausgeübt hat.

Die Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 96 trägt den Titel „An dasVaterland". Sie wurde 1859 nach dem Vorfrieden von Villafranca begonnen und 1861 vollendet. Eine aus Hiller, Reinecke, Ambros, Volkmann und Vincenz Lachner bestehende Jury verlieh ihr den Preis der Wiener Philharmonischen Gesellschaft. Im ersten Satz beschreibt Raff die verschiedenen Aspekte des deutschen Charakters – vom Optimismus des Beginns über Gedankentiefe und Aufrichtigkeit bis zur triumphierenden Widerstandskraft. Dieser Kopfsatz, der mit Wagnerschem Pathos anhebt, entwickelt sich gemäß formalen Bauprinzipien und wird von einem starken kontrapunktischen Element charakterisiert. Das Scherzo gibt den Hörnern Gelegenheit, den deutschen Wald und die dort lebenden Menschen darzustellen; von den Wiesen erklingt das Lied der jungen Mädchen und Burschen. Der langsame Satz beginnt mit einem tief empfundenen Thema und geht in der Beschreibung von Familie und Heim in Musik über, die von sanfter Lyrik geprägt ist und – mit Reminiszenzen an die vorausgegangenen Sätze – kontrapunktisch und dramatisch weiterentwickelt wird. Die Dramatik des vierten Satzes beinhaltet ein bekanntes patriotisches Lied, Reichardts Vertonung von Versen des glühenden Nationalisten Ernst Moritz Arndt, Was ist des Deutschen Vaterland?, in einem Appell zu nationaler Einheit, einem patriotischen Aufruf, bevor der Satz in düsterer Stimmung endet. Das abschließende Larghetto sostenuto ist ein Ausdruck der Trauer über die Sorgen Deutschlands, aber auch das Aufkeimen neuer Hoffnung, kulminierend in einem Gefühl des nationalen Triumphs. Trotz beträchtlicher Längen und offenkundiger Abschweifungen ist diese Sinfonie in ihrer Struktur, ihrem thematischen Material und ihrem gesamten Ausdruck von bemerkenswerter Einheitlichkeit.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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