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8.555491 - RAFF: Symphonies Nos. 3 and 10
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Joachim Raff (1822-1882)

Joachim Raff (1822-1882)

Sinfonie Nr. 10 f-Moll op. 213 „Zur Herbstzeit" • Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 153 „Im Walde"

Wie vergänglich musikalischer Ruf sein kann, zeigt die Reaktion der Nachwelt auf das Werk Joseph Joachim Raffs, der heute in erster Linie nur noch als Komponist des Salonstücks Cavatina und als Liszts Assistent in Weimar — kaum mehr als eine Fußnote in der Geschichte der Sinfonischen Dichtung — in Erinnerung geblieben ist. Zu Lebzeiten erfreute er sich größerer Akzeptanz, und das zu Recht, denn er war umfassend talentiert und vor allem ein Pädagoge von Format.

Raff wurde 1822 in Lachen am Züricher See geboren. Sein Vater war aus Württemberg in die Schweiz geflüchtet, um der Einberufung zur französischen Armee zu entgehen. Raff erhielt seine Schulausbildung in Wiesenstetten in Württemberg und bereitete sich am Jesuitengymnasium in Schwyz auf das Lehramt vor. Dort zeichnete er sich in den Fächern Latein, Deutsch und Mathematik aus. Anschließend nahm er eine Stelle als Lehrer an und erwarb im Selbststudium beträchtliche musikalische Kenntnisse. Seine ersten Arbeiten sandte er an Mendelssohn, auf dessen Empfehlung der Leipziger Verlag Breitkopf

& Härtel 1844 eine Sammlung mit Klavierstücken Raffs druckte. Im selben Jahr beschloss der angehende Komponist, sein Glück in Zürich zu versuchen.

1845 lernte Raff Franz Liszt kennen, als er zu Fuß nach Basel gereist war, um den großen Virtuosen spielen zu hören. Als Belohnung durfte er ihn auf seiner Konzerttournee begleiten und ließ sich anschließend in Köln nieder, wo er durch Liszts Vermittlung als

Kritiker und — weniger spektakulär — in einer Musikalienhandlung arbeitete. Von dort führte ihn sein Weg nach Stuttgart, wo er Hans von Bülow begegnete, mit dem ihn in den folgenden Jahren eine enge Freundschaft verband. In Stuttgart traf er auch mit Mendelssohn zusammen, der ihm anbot, sein Studium bei ihm in Leipzig fortzusetzen. Bülow nahm Raffs Concertstück für Klavier und Orchester in sein Repertoire auf und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung seines kompositorischen Rufs. Nach Mendelssohns Tod im Jahre 1847 trat Liszt erneut als Raffs Förderer in Erscheinung und vermittelte ihm eine Stelle als Arrangeur bei einem Hamburger Musikverlag.

Von dort ging Raff 1850 nach Weimar, wo Liszt in seiner Eigenschaft als Hofkapellmeister mit dem Aufbau eines Repertoires für sein Orchester und vor allem mit der Komposition seiner beachtlichen Reihe von Sinfonischen Dichtungen beschäftigt war, in denen er eine Verbindung von Literatur und Musik anstrebte. In der Villa Altenburg, wo er wohnte und wo Hans von Bülow sich wenig später zu ihm gesellte, diente Raff dem Meister als Sekretär, Kopist und Faktotum; er spielte, zumindest in der ersten Zeit, eine wichtige Rolle bei der Instrumentierung von Liszts Kompositionen. Offen bleibt, ob seine Funktion so bedeutend war, wie Raff sie in seiner Korrespondenz erscheinen ließ, als er z.B. in einem frühen Brief aus Weimar schrieb, er habe für Liszt Ordnung in dessen Concerto symphonique gebracht und müsse nun Ce qu’on entend sur la montagne instrumentieren und kopieren. Weiterhin behauptete er, dass die Instrumentierung des Prometheus überwiegend von ihm stamme und er selbige Dienste auch für die Sinfonische Dichtung Tasso geleistet habe. Diese Aussagen wurden später übrigens vom Geiger Joseph Joachim bestätigt.

Es stand außer Frage, dass Liszt Unterstützung benötigte, und Raff konnte ihm bei der Arbeit behilflich sein. So war Tasso, 1849 zu Goethes 100. Geburtstag entstanden, beispielsweise von August Conradi instrumentiert worden; Liszt war unzufrieden mit der Arbeit und betraute Raff mit dem Erstellen einer neuen Fassung, an der er seinerseits wiederum verschiedene Änderungen vornahm. Raffs Oper König Alfred wurde im selben Jahr in Weimar uraufgeführt; obwohl es zu drei Wiederholungen kam, war der Erfolg nur mäßig.

Unzufrieden mit seiner subalternen Weimarer Funktion als einer von Liszts dienstbaren Geistern und unglücklich im Umgang mit dessen blaublütiger Lebensgefährtin, der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein, ging Raff 1856 nach Wiesbaden,

wo König Alfred aufgeführt wurde und wo er, seit 1859 mit der Weimarer Schauspielerin Doris Genast verheiratet, eine rege Kompositions- und Lehrtätigkeit entfaltete. Dieser schöpferischen Periode in Wiesbaden folgte 1877 die Ernennung zum Direktor des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt, an welches er die berühmte Pianistin Clara Schumann als (damals einziges weibliches) Mitglied des Lehrkörpers verpflichten konnte, als das Institut 1878 eröffnet wurde. Zwei Jahre später wurden weitere Dozentinnen an die Hochschule berufen, und es wurde sogar eine Klasse für Komponistinnen ins Leben gerufen, der ersten in Deutschland. Raff blieb in Frankfurt bis zu seinem Tod im Jahr 1882.

Von Raffs sechs Opern wurden vier nie aufgeführt. Wesentlich erfolgreicher war er dagegen mit seiner Orchester- und Kammermusik sowie mit seinem außergewöhnlich umfangreichen Klavierwerk. Der schiere Umfang seines Schaffens veranlasste Wagner zur der spöttischen Bemerkung, er selbst arbeite jetzt wie Raff oder Brahms — mit anderen Worten: wie ein Vielschreiber; was Wagner von den Werken zumindest des Letzteren hielt, war ein offenes Geheimnis. Einerseits gehörte Raff zur sog. Neudeutschen Schule eines Wagner und Liszt, zumindest was die eindeutig programmatischen Elemente in acht seiner elf nummerierten Sinfonien betrifft; andererseits mutet sein Kompositionsstil eher akademisch an, indem er sich in seinen hervorragend instrumentierten Werken

aller existierender Formen sowie eines starken kontrapunktischen Elements bedient. Das wiedererwachte Interesse an Raffs Werken scheint die Vorwürfe der Trivialität und des Epigonentums zu widerlegen. Seine Musik hat noch immer etwas zu sagen und ist überdies bemerkenswert aufgrund des starken Einflusses, den sie auf Komponisten wie etwa Richard Strauss ausgeübt hat.

Die dritte von insgesamt elf Sinfonien — sie trägt den Untertitel Im Walde — entstand 1869 und war ein beträchtlicher Erfolg. In Wiesbaden, wo er sich nach dem Weggang von Weimar niedergelassen hatte, fühlte sich Raff endlich aller Sorgen entbunden und konnte sich ganz seinem kompositorischen Schaffen widmen. Die „Waldsinfonie" war denn auch eines der wichtigsten Resultate dieser Periode seines Lebens und galt lange Zeit als sein eigentliches Opus summum. Die viersätzige Struktur des Werks verbirgt sich hinter einem dreiteiligen Rahmen. Der erste Teil, Am Tage, spiegelt Eindrücke und Empfindungen wider, die die Natur des Waldes hervorruft. Der zweite Teil, der einen langsamen Satz und das Gegenstück eines Scherzos enthält, bewegt sich auf das Tagesende zu, In der Dämmerung — mit der Träumerei und dem sich anschließenden Tanz der Dryaden im Geiste Mendelssohns. Der dritte Teil, Nachts, hat ein expliziteres Programm: Auf die Stille der Nacht folgt die Wilde Jagd der germanischen Mythologie, angeführt von Wotan und der winterlichen Frau Holle. Die Sinfonie endet triumphal mit dem Morgengrauen.

Seine Zehnte Sinfonie, Zur Herbstzeit, schrieb Raff im Jahre 1879 nach seinem Umzug nach Frankfurt —

zu einer Zeit, als er sich mit mehreren großformatigen Werken beschäftigte. In ihrer Struktur der Tradition verpflichtet, verrät die Sinfonie das ihr zugrunde liegende Programm anhand der deskriptiven Titel ihrer Sätze. Sie gehört zu der Gruppe von Raffs letzten Sinfonien, die die vier Jahreszeiten zum Thema haben: Nr. 8 Frühlingsklänge, Nr. 9 Im Sommer, die hier vorliegende Nr. 10 sowie Nr. 11 Der Winter, Raffs letztes sinfonisches Werk. Gleich zu Beginn zeichnet der Komponist die herbstlichen Nebel und die milde Stimmung der Fruchtbarkeit der Natur. Geisterhafte Trommeln und Kontrabässe leiten den spukhaften Tanz des zweiten Satzes ein: einen geheimnisvollen Walzer, der für einen Augenblick von einem Choral verdrängt wird. Es folgt eine ausgedehnte Elegie des ausklingenden Jahres und eine abschließende Jagd, die mit typischen Klängen anhebt, aber stellenweise auch Ruhepunkte enthält.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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