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8.555699 - BUSONI, F.: Piano Music, Vol. 2 (Harden) - Bach - Chaccone / Variations and Fugue on Chopin's Prelude in C Minor
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Ferruccio Busoni (1866-1924)

Bach-Busoni: Chaconne in d-Moll, B33

Busoni: Etude en forme de variations, K206

Anhang zu Siegfried Ochs 'Kommt ein Vogel geflogen', K222

Tema con variazioni in C, K6

Inno Variatio, K16

Variationen und Fuge in freier Form über Fr. Chopins c-Moll Präludium, K213

Dante Michelangeli Benvenuto Ferrucio Busoni wurde 1866 in der Nähe von Florenz geboren. Er war der einzige Sohn eines italienischen Klarinettisten und einer Pianistin deutscher Abstammung. Dank seiner phantastischen Begabung spielte Busoni mit acht Jahren sein erstes öffentliches Konzert, gefolgt von regelmäßigen Auftritten als Pianist. Im darauffolgenden Jahr zog er nach Wien und folgte dann dem Rat von Johannes Brahms, nach Leipzig zu gehen. Dort studierte er bei Carl Reinecke, um schließlich in Helsinki und Moskau zu unterrichten. Bis zur Jahrhundertwende widmete sich Busoni in erster Linie der Konzertbühne, danach beschäftigte er sich vermehrt - wenn auch nicht ausschließlich - mit der Komposition. Abgesehen von der Züricher Zeit während des ersten Weltkriegs lebte Busoni von 1894 bis zu seinem Tod im Jahre 1924 in Berlin.

Im Kern ihres Wesens ist Busonis Musik eine Synthese aus der Wärme und Melodienfreudigkeit der Italiener mit dem Intellekt und der Formstrenge der deutschen Tradition. Obwohl Busoni zu Lebzeiten von der Fachwelt hoch geschätzt wurde, blieb sein Werk nur auserwählten Kennern vergönnt, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Seine Tonsprache war weder von Natur aus konservativ noch progressiv. Ihre harmonischen und tonalen Erneuerungen gehen mit einem grundlegend neuen schöpferischen Ansatz zur musikalischen Vergangenheit einher, welcher erst vor einigen Jahrzehnten gängiger wurde.

Busoni war ein rastloser Geist, ein origineller Pianist und zukunftsweisender Komponist, der in erster Linie für sein eigenes Instrument, das Klavier schrieb. Sowohl das kompositorische Schaffen als auch Busonis Repertoire als Konzertpianist sind von Johann Sebastian Bachs Werk und Geist durchdrungen. Busonis intensive Auseinandersetzung mit dem barocken Altmeister findet nicht nur in der Polyphonie seiner eigenen Kompositionen Ausdruck, sondern kulminiert schließlich in Busonis 1918 veröffentlichter Ausgabe der Bachschen Klavierwerke. Wenngleich sich Busoni in seinem Spätwerk von schlichten Arrangements der Bachwerke zugunsten freierer Interpretationen abwandte, sind doch auch die frühesten Werke dieser Art von der starken Persönlichkeit des Künstlers Busoni geprägt.

Zu den technisch und ästhetisch glänzenden Transkriptionen Busonis zählt seine Bearbeitung von Bachs Chaconne in d-Molì aus der Partita für Solovioline Nr.2, BWV 1004. Als eine der früheren Werke ihrer Art entstand diese Transkription im Jahre 1892 auf der ersten Amerikareise des Meisters. Die Klarheit der Stimmführung in Bachs Geigenwerk schlägt sich in der Fassung Busonis in einem kunstvollen, durch Brahms und Liszt inspirierten Klaviersatz nieder. Der Steigerungseffekt der dynamischen Abstufungen durch die Variationen hindurch greift bereits auf die an Bach anknüpfenden Werke aus Busonis Reifezeit voraus.

Das Jahr 1883 bedeutete ein Wendepunkt in Busonis Leben. Vor kurzem in Wien angekommen, lernte er Johannes Brahms kennen, dessen Musik nachhaltig auf seine eigenen Kompositionen einwirkte. Busoni kehrte nun vom barocken, klassischen und frühromantischen Modell ab zugunsten einer moderneren Tonsprache, welche die zeitgenössischen Strömungen einfing. Dieser Stilwandel manifestiert sich zum ersten Mal in seinen Six Etudes (Sechs Etüden) Op.16, welche im darauffolgenden Jahr veröffentlicht wurden. Die folgenden vier, im selben Jahr entstandenen Etudes deuten möglicherweise auf Busonis Absicht hin, den Zyklus auf 24 Werke auszudehnen. Etude en forme de variations (Etüde in Variationenform) wurde als einziges dieSer Stücke als Op.17 veröffentlicht. Es setzt den markanten Klavierstil des vorhergehenden Opus fort, in welchem sich die durch die Orgel inspirierten Akkorde der linken Hand vom polyphonen Stimmengeflecht der rechten abheben. Dem ernsten Thema folgen acht Variationen, deren Ausdrucksgehalt sich vom Grotesken bis zum Elegischen erstreckt. Das Werk gipfelt in einem Finale, welches Bach, den Altmeister des Barocks, heraufbeschwört.

Im Anschluss an seine zwei Jahre in Wien ging Busoni nach Leipzig, wo er unter anderen Komponisten auch Delius, Grieg und Mahler kennenlernte. Auch hier verbrachte er zwei Jahre, in welche seine ersten veröffentlichten Bachtranskriptionen fallen wie auch seine Variationen über Kommt ein Vogel geflogen - eine Kuriosität des einmal nicht so respektvollen Komponisten. Busoni hatte sich zu diesem Werk durch die Parodie des Chormeisters Siegfried Ochs anregen lassen, welche unter dem Titel Ein deutsches Volkslied „Kommt ein Vogel geflogen", für Klavier humorvoll und im Stile alter und moderner Meister arrangiert veröffentlicht wurde. Busoni wartete anschließend mit seinen eigenen Fünf Variationen über Kommt ein Vogel geflogen im Stile berühmter Meister auf. Die dem Kinderlied folgenden Variationen parodieren Schumann (insbesondere seine Kinderszenen), Mendelssohn, Chopin (Mazurka), Wagner (Nibelungen) und Scarlatti. Dieses raffinierte und humorvolle Stück blieb bis 1987 unveröffentlicht.

Die beiden folgenden Stücke stammen aus Busonis Kindheit. Mit sieben Jahren komponierte dieser Thema und Variationen in C-Dur, das sechste Opus seiner Werkliste der Zeit. Das einnehmende Thema wird in der linken Hand vorgestellt, gefolgt von zwei Variationen und einem Finale, welches die Handschrift der frühen Variationssätze Beethovens trägt.

Die Immo Variationen aus der Feder des Achtjährigen sind als Opus 12 derselben Werkliste eingetragen. In drei, ohne Unterbrechung durchkomponierten Variationen angelegt, heben sich diese Variationen von denen des vorhergehenden Jahres durch einen technisch anspruchsvolleren Klaviersatz ab, der dennoch die Schubertsche Schlichtheit des Themas gewahrt.

Nur elf Jahre später präsentierte Busoni, ein begnadeter Pianist, seine Variationen und Fuge in freier Form über Chopins Prélude in c-Moll, Op.22, mit welchen er sich zweifellos zu den verführerischen Hexenkünsten des pianistischen Virtuosentums bekannte. Im Trend einer Zeit liegend, welche die Bravour des Instrumentalisten um ihrer selbst willen feierte, lieferte Busoni hier das romantische Pendant zu der eher klassisch geprägten Pianistik der zwanzig Jahre älteren Händel Variationen von Brahms. 37 Jahre später erschienen Busoni seine eigenen Variationen zu tollkühn und ausladend, und er arbeitete sie der Ästhetik seiner Reifezeit entsprechend für die Veröffentlichung seiner Klavierübung in eine drastisch verkürzte Version um. Bei der vorliegenden Einspielung handelt es sich jedoch um die ursprüngliche Fassung des Neunzehnjährigen.

Bei dem Thema zu Busonis Variationen handelt es sich um Chopins Prélude Nr.20 in c-Moll des aus 24 Préludes bestehenden Opus 28. Dieser kurze aber um so eindrucksvollere Choral setzt volltönig an, um dann immer leiser werdend, langsam auszuklingen. Die folgenden Variationen Busonis fassen die facettenreichen künstlerischen und pianistischen Ausdrucksmöglichkeiten ihres Komponisten zusammen, von der perfektionierten Polyphonie Bachscher Art in der achten Variation bis hin zur freischwebenden Harmonik eines Liszt in der Elften, vom improvisatorischen Charakter der Neunten bis hin zur stimmungsvollen Poetik in der Vierzehnten. Chopins Klangwelt berührt Busoni in den feinsinnigen Nuancen der introvertierten sechsten Variation, und zu Bach kehrt er in der Neunzehnten zurück. Diese gipfelt in einer Fuge, die mit allen Kunstgriffen der barocken Polyphonie gekrönt ist. Busoni gibt Chopin das letzte Wort, indem er das Werk mit der letzten Phrase des Préludes in c-Moll ausklingen lässt, nicht jedoch ohne diese in wuchtiges Finale zu verwandeln.

Deutsche Fassung E.G.


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