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8.555703 - HAYDN: String Quartets Op. 2, Nos. 3 and 5 / Op. 3, Nos. 1-2
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Joseph Haydn (1732-1809)

Joseph Haydn (1732-1809)

Streichquartette op. 2 Nr. 3 und 5

Streichquartette op. 3 Nr. 1 und 2 (Hoffstetter zugeschr.)

Die vier hier eingespielten Streichquartette gehören nach moderner Forschung nicht mehr zum offiziellen Haydnschen Werkkatalog. Bei den beiden Quartetten aus op. 2 handelt es sich um zweifelhafte Bearbeitungen authentischer Haydnscher Werke, und die Quartette

op. 3 gelten heute allgemein als Werke von Pater Roman Hoffstetter. Dass alle vier Kompositionen fast zwei Jahrhunderte lang als echte Haydn-Werke galten, ist nur einer von zahlreichen Beweisen für seine

phänomenale zeitgenössische Popularität als Kammermusikkomponist.

Haydns früheste Kompositionen für Streichquartett zählen zu den historisch bedeutsamsten Instrumentalwerken aller Zeiten. Mit diesen, aller Wahrscheinlichkeit nach in den späten 1750er Jahren entstandenen Stücken, schuf er ein vollkommen neues Genre, das bis zum heutigen Tag eine zentrale Position im Musikleben einnimmt. Nach Haydns eigener Aussage, überliefert von seinem frühen Biographen Griesinger, veranlasste ihn „ein rein zufälliger Umstand, sich an der Komposition von Quartetten zu versuchen. Ein gewisser Baron Fürnberg besaß ein Gut in Wienzierl in der Nähe von Wien; von Zeit zu Zeit lud er seinen Dorfpfarrer, seinen Gutsverwalter, Haydn und Albrechtsberger (ein Bruder des bekannten Kontrapunktisten, der Violoncello spielte) ein, um ein wenig zu Musik zu machen. Fürnberg bat Haydn, etwas zu schreiben, das von diesen Kunstfreunden gespielt werden konnte. Haydn, der damals achtzehn [sic] Jahre alt war, nahm den Vorschlag an und schuf so sein erstes Quartett, welches bei seinem Erscheinen sofort einen derart ungewöhnlichen Beifall fand, dass sich Haydn ermutigt sah, in diesem Genre fortzufahren." Obwohl sich Griesinger irrte, wenn er das erste Quartett auf

ca. 1750 datierte — 1757 scheint unter Berücksichtigung anderer Quellen wahrscheinlicher zu sein — erscheinen die Umstände von Komposition und Rezeption durchaus plausibel, denn im Laufe des folgenden Jahres komponierte Haydn mindestens neun oder zehn weitere Werke für Streichquartett.

Der Pariser Verleger La Chevardière gab 1764 zwei Sammlungen von sechs Haydn-Streichquartetten heraus. Bei einem dieser Werke, op. 1 Nr. 5, handelte es sich um eine Sinfonie (heute als ‚Sinfonie A’ bezeichnet), und op. 2 Nr. 3 und Nr. 5 sind inzwischen als zweifelhafte Bearbeitungen der Cassationen

Es-Dur (Hob.II:21) und D-Dur (Hob.II:22) identifiziert worden, deren Originalfassungen mit Hörnern und Streichern besetzt sind. Haydn selbst spielte keine Rolle bei der Veröffentlichung dieser Stücke. Eine Vielzahl von Manuskript-Kopien der frühen Quartette war im Umlauf, und La Chevardière basierte seine Editionen auf Quellen unbekannter Herkunft. Angesichts der Unvertrautheit des Verlegers mit Haydns Musik sowie der stilistischen und strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den Genres erscheint die Berücksichtigung der beiden Cassationen durchaus verständlich. Mit ihren lebhaften, fröhlichen Kopfsätzen, zwei Menuetten, die einen eleganten, lyrischen langsamen Satz einrahmen, und den spritzigen Finalsätzen waren diese Werke, eher als die neapolitanische Opernsinfonia oder die barocke Triosonate, die wahren Vorläufer von Haydns Quartetten. Die beiden hier eingespielten Quartette könnten bis 1760 entstanden sein — in einer Zeit also, als Haydn bereits ein erfahrener Instrumentalkomponist war. Obwohl es sich im Vergleich mit den Quartetten ab op. 20 um relativ bescheidene Werke handelt, sind sie dennoch trefflich komponiert und verraten die unverwechselbare Handschrift ihres Schöpfers. Die wundervollen langsamen Sätze mit ihren kantilenenartigen Partien für die 1. Violine sind von atemberaubender Wirkung, aber es sind vor allem die robusten Menuette und die quirligen Finalsätze, die bereits unmissverständlich auf Haydns spätere Größe vorausweisen.

Die Frage der Authentizität von Haydns so genannten Quartetten op. 3 beschäftigt die Musikwissenschaft seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Nahezu alle führenden Haydn-Forscher, von C.F. Pohl bis H.C. Robbins Landon, haben sich zu diesem Thema geäußert, aber die Schwierigkeit der Sachlage hat einen Konsens bisher verhindert. Zwar ist man sich weitgehend einig, dass Roman Hoffstetter (1742-1815) der Autor ist; die von Landon und Alan Tyson angeführte Argumentation ist jedoch keineswegs unumstößlich, denn es fehlen ganz einfach hieb- und stichfeste Beweise für die Autorschaft Hoffstetters.

Erst müsste der eindeutige Nachweis erbracht werden, dass sie von keinem anderen Komponisten stammen können — ein schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen angesichts der verfügbaren Quellen.

Es handelt sich also um ein Werkpaar, das von Haydn oder von Hoffstetter stammen könnte bzw. von keinem der beiden. Näheres zu diesem Thema enthält die Werkeinführung zur Schwester-CD dieser Aufnahme (Naxos 8.555704).

Auch die internen stilistischen Kriterien dieser Quartette stellen die Forschung vor Probleme, da diese Werke Musik enthalten, die sowohl typisch als auch atypisch für Haydn ist. Selbiges gilt für Hoffstetter, dessen Streichquartette im Hinblick auf seine mögliche Autorschaft der Quartette op. 3 eingehend untersucht worden sind. Reginald Barrett-Ayres, einer der Forscher, die Hoffstetters Quartette näher analysiert haben, entdeckt kaum Ähnlichkeiten zwischen seinen überlieferten Streichquartetten und den Werken des

op. 3. Zwar weisen sie eine gewisse stilistische Ähnlichkeit mit Haydns frühesten Quartetten auf; das gilt jedoch ebenfalls für die Werke einer Reihe anderer Komponisten, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts tätig waren. Als Werke sind sie zweifellos vollendet genug, um die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass ihr Komponist in der Lage gewesen wäre, die Quartette op. 3 zu schreiben. Gleichwohl gilt, dass keines dieser authentischen Quartette Hoffstetters den melodischen Charme und das sichere Stilgefühl beispielsweise der berühmten ‚Serenade‘ aus op. 3 Nr. 5 besitzt. Sollte Hoffstetter tatsächlich der Autor sein, dann wären die Quartette

op. 3 seine großartigsten Werke überhaupt.

In gewissem Sinne ist die Frage der Autorschaft, so faszinierend sie auch sein mag, mehr oder weniger irrelevant angesichts der Tatsache, dass jede Art von Musik ein Eigenleben führt. An den Quartetten op. 3 gibt es viel zu bewundern — egal, wer der Komponist war. Es sind elegante, sauber gearbeitete Werke mit lebendigen Ecksätzen, gefühlvoll-eleganten langsamen Sätzen und jenen schwungvollen, mitreißenden Menuetten, die zum Markenzeichen der österreichischen Musik dieser Periode wurden. Zwar mangelt es ihnen an komplexer thematischer Durchführungsarbeit, aber jeder Satz hat seine eigene innere Logik und musikalische Selbstverständlichkeit. Es handelt sich bei diesen Werken um veritable Quartette, nicht etwa um reduzierte Sinfonien — und ihr Komponist genießt hörbar den intimen Klang und die subtilen Gestaltungsmöglichkeiten der vier Instrumente. Der Kopfsatz des C-Dur-Quartetts, der die Satzbezeichnung Fantasia con Variazioni trägt, ist in dieser Hinsicht besonders ergiebig. Als Gruppe sind die Quartette op. 3, gemessen etwa an den großen Streichquartetten Haydns und Mozarts, eher unkompliziert, dafür bestechen sie aber durch ihre erfrischende Spielfreude. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Haydn in seinen späten Jahren durch diese frühen Werke blätterte und über ihre gelegentliche Naivität schmunzelte, ob er nun der Autor war oder nicht. Jedenfalls brauchte er sich nicht zu schämen,

sie als seine eigenen auszugeben.

Allan Badley

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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