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8.555705 - SCHUTZ: German Requiem / Seven Last Words of Christ
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Heinrich Schütz (1585-1672)
Musicalische Exequien • Die sieben Worte Jesu Christi
Die mit Tranen saen • So fahr ich hin zu Jesu Christ

Heinrich Schütz, der führende deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts lebte in einer der schwierigsten historischen Epochen der deutschen Geschichte. Er wurde 1585 in Köstritz in der Nähe von Gera geboren. Sein Vater war zunächst Stadtschreiber in Gera und siedelte dann als Gutsverwalter und Pächter des Gasthauses „Zum goldenen Kranich“ in das benachbarte Köstritz über; seine Mutter war die Tochter des Bürgermeisters von Gera. 1591 zog die Familie nach Weißenfels, wo sein Vater das großväterliche Erbteil, das „Gasthaus zum Schützen“ samt ausgedehnter Ländereien, übernahm und später Bürgermeister wurde. Der Landgraf Moritz von Hessen wurde auf die große musikalische Begabung des jungen Schütz aufmerksam und ließ ihn an der humanistischen Hofschule der Kasseler Residenz als Kapellknaben unterrichten. Schütz ging für kurze Zeit als Jura-Student nach Marburg, kehrte jedoch schon bald nach Kassel zurück. Dank eines dreijährigen Stipendiums des Landgrafen Moritz konnte Schütz nach Venedig gehen, um bei dem bereits hoch betagten Giovanni Gabriele zu studieren. Nachdem 1612 im vierten Lehrjahr, das von den Eltern finanziert wurde, Gabriele starb, kehrte Schütz nach Deutschland zurück. Obwohl seine Familie alles unternahm, um ihm eine Laufbahn als Musiker auszureden, trat Schütz in die Hofkapelle des Landgrafen ein. Allerdings hatte der Landgraf nur wenig Gelegenheit, sich an den Früchten des von ihm geförderten Komponisten zu erfreuen. 1615, in einer Zeit der Hoftrauer in Kassel, wurde Schütz vom Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen an die Hofkapelle von Dresden eingeladen. Er übernahm dort die Aufgaben eines Kapellmeisters, eine Stellung, die er ab 1619 auch offiziell bekleidete. Trotz wiederholter Versuche des Landgrafen Moritz, den Kurfürsten davon zu überzeugen, der Rückkehr Schützens nach Kassel zuzustimmen, blieb Schütz in Dresden.

In seiner langen musikalischen Laufbahn, die, sofern es sein Dienstherr erlaubte, auch Tatigkeiten an anderen Hofkapellen einschloss, unternahm Schütz mehrere Versuche, sich von seinen taglichen Pflichten am Dresdner Hof entbinden zu lassen. Dennoch war er gezwungen, in den Diensten von Johannes Georg I. bis zu dessen Tod im Jahr 1657 zu bleiben. Er leitete die Hofkapelle in einer Zeit auserster Not und Armut, in der der Dreisgjahrige Krieg wutete, in den auch Sachsen schlieslich hineingezogen wurde. Bei seiner Thronubernahme raumte der neue Kurfurst Johannes Georg II. den italienischen Musikern, die er beschaftigte, grosere Verantwortung ein und gewahrte Schütz die Pensionierung. Er durfte in seiner Heimatstadt Weisenfels wohnen, behielt jedoch seinen Titel als Oberkapellmeister. Da sich der Zustand der Kapelle allmahlich besserte, konnte Schütz auch weiterhin sinnvolle kompositorische Aufgaben ubernehmen. Daruber hinaus erfullte er Anfragen nach seinen Fahigkeiten, die von verschiedenen furstlichen Musikensembles ausgingen, mit denen er aus fruherer Zeit Verbindungen unterhielt. Er kehrte 1670 nach Dresden zuruck und verstarb dort 1672.

Schütz war als Komponist von groser Bedeutung, denn er verband die Tradition des italienischen Stils mit der Musik des protestantischen Deutschland. Der Grosteil seiner Musik umfasst geistliche Chorwerke, und in den vielen Kompositionen, die im Laufe seines ungewohnlichen langen kunstlerischen Schaffens entstanden, gelang ihm, wie Bach und Handel ein Jahrhundert spater, die Synthese von italienischen, niederlandischen und deutschen protestantischen Traditionen. Schütz schrieb seine Musikalische Exequien anlasslich des Begrabnisses des Grafen Heinrich Posthumus von Reuss am 4. Februar 1636 in Gera, der Heimatregion des Komponisten. Die Musik entstand offensichtlich nach den Wunschen des Grafen, der der Tradition folgte und die Beisetzungsfeierlichkeiten vor seinem Tod selbst festlegte. Das Werk wurde noch im selben Jahr veroffentlicht und mit einer Widmung in Versform an den Grafen versehen, der selbst ein talentierter Musiker war. Der erste der drei Satze tragt den Titel Concert in Form einer teutschen Begrabnis- Missa und ist fur sechs Sanger und Orgel angelegt. Diese Stimmen konnen unterstutzt werden durch weitere Sanger in den Abschnitten, die capella bezeichnet sind, und die im wesentlichen auf Choralen beruhen. Sie wechseln sich mit Abschnitten fur Solostimmen ab. Darauf folgt eine Motette fur acht Stimmen, zwei Chore, die auch ohne Begleitung aufgefuhrt werden konnen. Schlieslich gibt es eine Vertonung des Nunc dimittis in einem Satz fur zwei Chore, von denen der zweite den Text singt: Selig sind die Toten. Schütz erklart in seiner Einleitung, dass die Texte, die er in seinem Einleitungsabschnitt vertont und von denen der erste mit dem Kyrie eleison korrespondiert, identisch sind mit jenen, die der Graf auf seinem Sarkophag eingravieren lies. Die Worte fur die Motette wurden vom Fursten als Text fur seine Begrabnisrede ausgewahlt, und auch die Worte Nunc dimittis waren die Wahl des Grafen.

Die sieben Wortte unsers lieben Erlosers und Seeligmachers Jesu Christi so Er am Stamm des Heiligen Creutzes gesprochen stammen aus dem Jahr 1645. Zu Beginn der Partitur finden sich die Worte:

Lebstu der Weltt, so bistu todt, Und kranckst Christum mit Schmertzen, Stirbst'aber in seinen Wunden roth, So lebt er in deim Hertzen.

Das Werk ist die Vertonung traditioneller Texte, die aus den vier Evangelien gewonnen wurden. Es beginnt mit dem Introitus fur funf Stimmen und Basso continuo, der Vertonung der ersten Zeile eines Chorals, die jedoch die traditionelle Melodie vermeidet. Die folgende venezianische Symphonia ist fur funf Instrumente und Basso continuo gesetzt. Der Evangelist, eine Altstimme, singt das Rezitativ, auf das die Worte Christi folgen, die vom zweiten Tenor gesungen werden. Die Begleitung liefern zwei hohe Instrumente und Basso continuo, ein Verfahren, auf das die spateren Worte Christi folgen. Die Erzählung wird vom ersten und zweiten Tenor mit den Worten Christi an seine Mutter und an seinen Jünger Johannes fortgesetzt. Auf den ersten Tenor folgt im Verlauf der Erzählung der Sopran und führt zu den Worten der beiden Übeltäter, dem Alt zur Rechten und dem Bass zur Linken. Der Übeltäter zur Rechten wendet sich an Christus, der ihm das Himmelreich verspricht. Vier Stimmen leiten über zu Christus Ausruf „Eli, Eli, lama asabthani“, dessen Übersetzung von den vier Evangelisten angekündigt wird. Der Alt stellt die erzählerische Verbindung zu den Worten: „Mich dürstet“ her. Der Tenor berichtet von einem Soldaten, der Christus einen mit Essig getränkten Schwamm anbietet, der, eine Schwäche im Gedächtnis des Komponisten, zudem mit Ysopen gefüllt ist. (Ein Zweig von Ysop bei Evangelisten Johannes). Nach den letzten Worten von Christus beenden die vier Stimmen die Erzählung. Es folgt erneut eine Symphonia, die zu dem abschließenden Choral leitet, der, wie das gesamte Werk von einem Orgelcontinuo und reichem kontrapunktischen Stil begleitet wird.

Die fünfstimmige Vertonung der Verse aus dem Psalm XXVI Die mit Tränen säen, ist das zehnte der Werke, die 1648 in den Musicalia ad chorum sacrum oder Geistliche Chor Musik als Opus 11 veröffentlicht wurden. Das Werk wurde den Stadtvätern von Leipzig gewidmet und war teilweise gedacht als ein Beispiel für den älteren polyphonen Stil, insbesondere für den Chor von St. Thomas in Leipzig und die Thomasschule. Die enthaltenen Werke scheinen eine zeitgenössische Kontroverse zwischen Paul Sievert und Marco Scacchi widerzuspiegeln, aus der sich Schütz weitgehend herausgehalten hatte; Scacchi wurde von Sievert ein falscher Kontrapunkt vorgeworfen, eine angeblich italienische Schwäche. Schütz erinnerte sich natürlich nur zu gut an seine strenge italienische Ausbildung im Kontrapunkt und den modernen Stil unter Giovanni Gabrieli. Die ersten zwölf Motetten in der Sammlung sind für fünf Stimmen mit Basso continuo gesetzt. Die elfte, So fahr ich hin zu Jesu Christ, ist die Vertonung des fünften Verses des Begräbnis-Chorals Wenn mein Stündlein vorhanden ist.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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