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8.555710 - PROKOFIEV, S.: Alexander Nevsky / Pushkiniana (Russian State Symphony, Yablonsky)
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Sergej Prokofjew (1891-1953)

Sergej Prokofjew (1891-1953)

Alexander Newski

Bereits mit seinem ersten reifen Bühnenwerk, der Oper Der Spieler (1917), war deutlich geworden, dass Sergej Prokofjews dramatischem Denken ein tiefes Gespür für cineastische Wirkungen inne wohnte. Bei seinem letzten Besuch in den USA 1938 hatte er die Technik des Filme-Machens, wie sie in den Filmstudios von Hollywood vorherrschte, mit der Absicht studiert, seine gewonnen Einblicke auf die sowjetische Filmproduktion zu übertragen. Nachdem er in die Sowjetunion zurückgekehrt war, konnte er seine Vorstellungen in die Praxis umsetzen, als ihn Sergej Eisenstein (1898-1948) zur Zusammenarbeit an Alexander Newski einlud. Das Werk schritt geschwind voran, und die Übereinstimmung der kreativen Vorstellungen des Komponisten und des Regisseurs bot die Möglichkeit, dass die Musik für jede Sequenz mit einem Minimum an vorheriger Planung geschrieben wurde und auch später kaum überarbeitet werden musste.

            Die Dramatisierung des im 13. Jahrhundert spielenden Konflikts zwischen dem russischen Volk und deutschen Eindringlingen traf den Nerv der Zeit und rief in der Sowjetunion heftige Reaktionen hervor, denn der Krieg mit Hilter-Deutschland schien zu dieser Zeit schon unvermeidlich. Der Film selbst wurde weltweit als ein Meisterwerk des Kinos gefeiert und gehört noch heute zu den Klassikern des Mediums. 1939 arrangierte Prokofjew die Musik zu einer Kantate für konzertante Aufführungen. In dieser Fassung wurde Alexander Newski am 17. Mai in Moskau uraufgeführt und galt schon kurz darauf als eines der populärsten Chormusikwerke des Jahrhunderts.

            Die Kantate besteht aus sieben Abschnitten, die eng an den Verlauf des Films angelehnt sind.

 

I - Russland unter dem Joch der Mongolen

Die Last der Unterdrückung wird von schneidenden Streicherklängen und getragenen Holzbläsern bildhaft geschildert. Vorsätzliche Mikrophon-Verzerrungen, die bereits in der originalen Filmmusik vorgesehen waren, verleihen der Musik zusätzlich einen rauen Klang.

 

II - Lied über Alexander Newski

Männerstimmen erinnern an den Sieg über schwedische Soldaten an den Ufern des Flusses Newa und die Entschlossenheit des russischen Volkes, ihr Heimatland gegen die fremden Eindringlinge zu verteidigen.

 

III - Die Kreuzritter in Pskow

Der Gesang der Deutschordensritter ruft die Unterwerfung des russischen Volkes hervor, untermalt von dissonanten Blechbläsern und von flehenden Streichern im kontrastierenden Mittelteil.

 

IV - Erhebt Euch, Menschen Russlands!

Mit Glockenklängen und martialischem Chorgesang wird das russische Volk aufgerufen, zu den Waffen zu greifen und sein Vaterland zu verteidigen. Es folgt ein sanfterer, expressiverer Abschnitt des Gedenkens und der Erinnerung.

 

V - Die Schlacht auf dem Eis

Nachdem die Eiswüste der folgenden Schlachtenszene prägnant von den Streichern geschildert wurde, beschreiben stampfende Rhythmen in den tiefen Streichern und Blechbläsern die anrückenden deutschen Horden. Der lateinische Gesang kehrt zurück sowie auch eine Reihe der Motive, die schon zuvor in der Kantate wie auch in der originalen Filmmusik zu hören waren. Die Bläserfanfaren aus dem vorhergehenden Satz markieren den Gegenangriff der Russen, und ein Scherzo-ähnlicher Abschnitt, der kunstvoll aus verschiedenen Fragmenten der Filmmusik zusammen gefügt ist, schildert die wachsende Intensität der Schlacht. Eine Mark erschütternde Marsch-Episode beschreibt den russischen Sieg und den schrecklichen Verlust so vieler Leben; der Schluss enthält Anklänge an das Newski-Lied, und Ruhe senkt sich auf den Ort des blutigen Schauspiels.

 

VI - Das Totenfeld

In diesem emotionalen Kernstück des Films wie auch der Kantate wandert eine einsame Frau, Mezzo-Sopran, über das stille Schlachtfeld auf der Suche nach ihrem Bräutigam. Sie besingt elegisch die gefallenen Kämpfer und bedenkt mit feierlichen Reden die Lebenden.

 

VII - Einzug Alexanders in Pskow

Das Newski-Lied erklingt triumphierend, als das Finale, das die Heimkehr der Helden schildert, sich zu einem Tableau aus Liedern und Tänzen ausweitet; es greift erneut auf Material aus früheren Sätzen zurück und verherrlicht Russlands ruhmreichen Sieg. Trommel- und Glockenschläge begleiten den jubelnden Freudengesang, mit dem das Werk endet.

 

            1937, ein Jahr nach Prokofjews Rückkehr in die Sowjetunion, wurde zwei weiteren wichtigen Ereignissen gedacht: dem dreißigsten Jahrestag der Bolschewistischen Revolution und der 100. Wiederkehr des Todestages des russischen Dichters Alexander Puschkin. Angeregt durch das Puschkin-Jubiläum widmete sich Prokofieff drei größeren Projekten: Bühnen-Fassungen von Eugen Onegin und Boris Godunow sowie einer Film-Fassung von Pique Dame. Zwar wurde letztendlich keines der drei Projekte jemals realisiert, doch verwendete der Komponist, einfallsreich wie war, die Musik in einer Reihe bedeutender Kompositionen der nächsten zehn Jahre. Im Rahmen einer weit reichenden Rehabilitierung des Schaffens Prokofjews in den 1960er Jahren stellte der Dirigent Gennady Roschdeswensky unter dem Titel Pushkiniana eine Suite zusammen, deren Sätze aus diesen nicht realisierten Projekten gewonnen wurden.

            Da der geplante Film niemals gedreht wurde, ist es unmöglich, die Filmmusik zu Pique Dame so zu rekonstruieren, wie sie Prokofjew vorgeschwebt haben mag. Die Auszüge, die von Roschdeswensky ausgewählt wurden, sind ein Beleg für das Einfühlungsvermögen des Komponisten für die beiden Hauptfiguren Hermann und Liza, die eine geheimnisvoll und rastlos, die andere elegant und geistreich. Darauf folgt eine Polonaise, die die Ballszene beschreibt, die den Höhepunkt des Dramas bildet.

            Prokofjew erinnert sich in seiner Autobiographie, dass es das Eugen Onegin Projekt war, das ihn am meisten interessierte. Die geplante Produktion am Moskauer Kammertheater war nach einem Beschluss des Komitees für Künstlerische Angelegenheiten durchgefallen. Die Partitur war erstmals 1980 vollständig auf BBC Radio 3 zu hören. Die Auszüge, die von Gennady Roschdeswensky ausgewählt und zusammen gestellt werden, stammen aus dem Divertissement, das den großen Ball bei den Larins  beschreibt: ein sanft, gemessenes Menuett, eine lebhafte Polka mit einem stimmungsvollerem Mittelteil und eine Mazurka, deren Charakter abwechselnd einnehmend und klagend ist.

            Die neuartige Musik zu Boris Godunow wurde ins Archiv verbannt, als der Direktor Wsewolod Meyerhold mit den Autoritäten in Konflikt geriet, und blieb bis zu einer Moskauer Produktion 1957 unaufgeführt. Die Polonaise porträtiert den raffinierten Gauner in der Brunnen-Szene mit Musik, die an ähnliche Bühnen-Musiken aus den Opern von Glinka und Tschaikowsky erinnert.

            Ein besseres Schicksal widerfuhr Prokofjews Bühnenmusik zu Radolows Produktion von Shakespeares Hamlet, die am 15. Mai 1938 in Leningrad herauskam. Von den zehn Nummern, aus denen die Partitur besteht, beschwört Der Geist von Hamlets Vater das Erscheinen des Geistes in geheimnisvollen und zornentbrannten Farben herauf.

            Verglichen mit dem Erfolg von Alexander Newski war Prokofjews und Eisensteins Zusammenarbeit bei Iwan der Schreckliche ein Misserfolg. Der erste Teil dieser historischen Chronik erschien im Januar 1945, der zweite Teil folgte gegen Ende des Jahres. Jedoch setzte Stalins wachsendes Misstrauen, das sich vor allem gegen die Darstellung des Zaren, mit dem er sich identifizierte, dem Projekt ein vorzeitiges Ende. Der dritte Teil blieb bei Eisensteins Tod Fragment. Der Tanz des Oprischnik, ist eine bildhafte Beschreibung des skrupellosen Leibwächters, der Iwans Beschlüsse buchstabengetreu ausführt.

 

Richard Whitehouse

Detsche Fassung: Peter Noelke


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