About this Recording
8.555717 - VILLA-LOBOS, H.: Piano Music, Vol. 4 (Rubinsky) - Bachianas Brasileiras No. 4 / Children's Carnival
English  German 

Heitor Villa-Lobos (1887-1959)

Heitor Villa-Lobos (1887-1959)

Klaviermusik • 4

 

Seit den 1940er Jahren gilt Heitor Villa-Lobos als einer der einflussreichsten brasilianischen Künstler aller Zeiten. Seine Rolle als Botschafter der brasilianischen und lateinamerikanischen Kultur wurde von Kritikern und Komponistenkollegen in Europa und den Vereinigten Staaten anerkannt, während seine Reputation durch eine Reihe internationaler Preise und Ehrentitel noch unterstrichen wurde. Kein anderer brasilianischer Komponist hat es jemals zu einer vergleichbaren weltweiten Anerkennung gebracht.

 

Die vorliegende Einspielung bietet wie bereits die bislang erschienenen Folgen einen umfassenden Überblick über die von Villa-Lobos in seiner Klaviermusik verwendeten Genres und Stilrichtungen: in erster Linie sind es Charakterstücke, entweder Einzelwerke oder zu Suiten gebündelt. Sie lassen eine überraschende Vielfalt an Formen erkennen, obwohl Stücke, die demselben Genre angehören, häufig eine ähnliche Formungsstruktur aufweisen, die nicht nur die Art des musikalischen Materials, sondern auch die Dimension der jeweiligen Komposition beeinflusst. Diese 4. Folge enthält drei Einzelwerke und vier zyklische Suiten.

 

Das Poema Singelo ist ein besonders schönes, wenngleich nicht sehr bekanntes Werk. Villa-Lobos komponierte es in Form eines Walzers zwischen 1938 (dem in seinem Werkverzeichnis angegebenen Datum) und 1942 (dem in der vollendeten Partitur eingetragenen Datum). Vermutlich handelt es sich – wie auch bei anderen seiner Werke – um ein geschätztes Vollendungsdatum, während er noch an der Komposition arbeitete oder vielleicht noch nicht einmal mit der Arbeit begonnen hatte. Die Struktur enthält Rondo-Elemente, die einem größeren ABACA-Muster untergeordnet sind, aber innerhalb der einzelnen Abschnitte gibt es genügend Variation, um dem Ganzen einen rhapsodischen und improvisatorischen Charakter zu verleihen. Die schlichte Melodie, auf der die drei äußeren Abschnitte basieren, ist das musikalische Hauptelement, dem das Stück seinen Titel verdankt; im C-Abschnitt lockern Humor und spielerische Leichtigkeit die musikalische Struktur auf, während die Brillanz der Klavierfigurationen den Walzercharakter des Beginns allmählich verdrängen. Der B-Abschnitt ist vor allem aufgrund seines romantischen Überschwangs beachtenswert – er ist gewissermaßen eine Liebeserklärung an Arminda, die Partnerin des Komponisten, der das Stück gewidmet ist. Vom Umfang und der Gefühlstiefe her ist das Poema Singelo mit den Impressões Seresteiras aus dem Ciclo Brasileiro vergleichbar (Naxos 8.555286).

 

A Fiandeira von 1921 gehörte zu den von Villa-Lobos bei der Woche der Modernen Kunst 1922 vorgestellten Werken. Es ist eine pianistische Tour de force, wobei der die Bewegung eines Spinnrads simulierende Abschnitt auf einer ingeniösen, ungemein suggestiven chromatischen Figur basiert. Aus der flüchtigen Textur, die aus der unentwegten Bewegung entsteht, steigt eine lyrische Melodie von großer Schlichtheit empor, die zweifellos den Gesang des Mädchen am Spinnrad darstellen soll.

 

Valsa Romântica gehört zu einem Typus der Salonmusik, der sich im Brasilien des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute. Es handelt sich um eine absolut transparente Komposition, sowohl in der allgemeinen Formgebung als auch im Ausdruckscharakter. Das Stück wird von einer unerschütterlichen metrischen Regelmäßigkeit beherrscht, wobei die Schlichtheit des Kompositionsverfahrens in scharfem Gegensatz zu den vielfältigen Klanglandschaften der anderen Stücke dieser Einspielung steht,

 

Vom allgemeinen Charakter her ähneln die Simples Coletânea der Suite Floral aus Folge 3. Bei beiden Werke handelt es sich um Triptycha aus selbständigen Charakterstücken, die keinen inneren Zusammenhang bilden und vermutlich aus herausgeberischen Gründen gebündelt würden. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich von Sammlungen wie den Bachianas Brasileiras Nr. 4, die von einem einheitlichen Konzept zusammengehalten werden, entweder durch ihren Charakter, durch außermusikalische Bezüge oder durch die Kompositionstechnik. Die drei Stücke der Simples Coletânea (Valsa Mística, Num Berço Encantado und Rhodante) entstanden 1917, 1918 und 1919. Sie vermitteln einen umfassenden Eindruck von Villa-Lobos’ musikalischer Sprache vor seiner Zeit in Europa, und in ihnen lassen sich bereits Elemente der europäischen Avantgarde des ersten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts ausmachen, gefiltert durch die Ästhetik des Impressionismus. Die anerkannte Modernität dieser Werke wurde noch dadurch unterstrichen, dass auch Valsa Mística und Rhodante zu den Werken von Villa-Lobos gehörten, die bei der Woche der Modernen Kunst zur Aufführung gelangten. Valsa Mística basiert auf einer fragmentarischen Melodie. Num Berço Encantado besticht durch eine einfallsreiche, komplexe rhythmische Struktur, basierend auf alternierenden, einen asymmetrischen rhythmischen Prozess bewirkenden Metren, obwohl einer der Abschnitte mittels regelmäßiger rhythmischer Muster das Schaukeln einer Wiege suggeriert. Die vorherrschende rhythmische Asymmetrie des Stücks wird durch das Fehlen eines tonalen Zentrums noch verstärkt. Rhodante besitzt eine ungewöhnliche, auf einer einzelnen Note aufgebaute Melodie, sowie aus der Ganztonleiter abgeleitete Motive. Zu diesem Stück ließ sich Villa-Lobos von der Lyrik des französischen Symbolisten Albert Samain (1858-1900) inspirieren.

 

Bachianas Brasileiras Nr. 4 gehört zu einer Gruppe von neun Werken für verschiedene Instrumente und Vokalbesetzungen, geschrieben zwischen 1930 und 1945 mit der Absicht, die Kompositionstechnik eines Johann Sebastian Bach mit traditionellen brasilianischen Folkore-Elementen zu einer Synthese zu verschmelzen. Neben den Chôros gehören die Bachianas Brasileiras ohne Frage zu Villa-Lobos’ bedeutendsten Werken. Am bekanntesten wurden die Bachianas Brasileiras Nr. 5 für Sopran und acht Violoncelli; sie begründeten seinen internationalen Ruf und erfreuen sich größerer Popularität als jedes andere Werk eines lateinamerikanischen Komponisten. Villa-Lobos begeisterte sich bereits in seiner Kindheit für die Musik Johann Sebastian Bachs, die für ihn die Quelle der Volksmusik aller Kulturen darstellte. Seine Tante Zizinha spielte ihm oft aus dem Wohltemperierten Klavier vor, und in seiner späteren Karriere transkribierte er sogar einige der Stücke aus diesem Monumentalwerk für verschiedene Besetzungen. Eines der durchgehend in all seinen Bachianas verwendeten Verfahren basiert auf der Folge des Quintenzirkels, wobei die Septime eines Akkords zur Terz des folgenden Akkords aufgelöst wird usw.; dadurch entsteht eine Reihe von Beziehungen, durch welche die Struktur eines Werks zusammengehalten wird. Es handelt sich dabei um einen Kompositionsprozess, wie man ihm nicht nur in Bachs Werken, sondern auch bei anderen Barockkomponisten wie Vivaldi oder Rameau begegnet. Seine Funktion hinsichtlich der Schaffung von harmonischer Kohärenz entspricht derjenigen der Sequenz beim Erreichen von melodischer Einheitlichkeit, einem weiteren Merkmal der Barockmusik, der sich Villa-Lobos bedient. Auch die barocke Technik der Imitation findet sich in verschiedenen brasilianischen Musikgenres – ein Umstand, der Villa-Lobos zweifellos eine größere Flexibilität bei der Synthese beider Musikidiome ermöglichte. Zu anderen gemeinsamen Merkmalen gehören die Verwendung von Ostinato-Figuren, Orgelpunkten und des moto perpetuo.

 

Die Bachianas Brasileiras Nr. 4, komponiert zwischen 1930 und 1941, bestehen aus vier Stücken – Prelúdio (1941), Coral: Canto to Sertão (1941), Ária: Cantiga (1935) und Dansa: Miudinho (1930). Die Originalfassung ist für Klavier, daneben existiert eine vom Komponisten 1941 erstellte Fassung für Orchester. Das Prelúdio ist das abstrakteste der vier Stücke; sein nüchterner, meditativer Charakter erinnert an die Erhabenheit der barocken Sarabande. In den drei folgenden Stücken stellt Villa-Lobos einen direkten Bezug zur traditionellen brasilianischen Musik her, einschließlich der Folklore-Melodie, die die Grundlage des gesamten thematischen Materials der Ária bildet, da sie im Verlauf des gesamten Stücks in verschiedenen Gestalten und rhythmischen Strukturen neu formuliert wird. In Coral erklingt der monotone, an Hammerschläge auf einen Amboss erinnernde ‚Gesang’ des im brasilianischen Regenwald beheimateten Araponga-Vogels. Villa-Lobos erreicht diesen Effekt durch scharf abgesetzte, in regelmäßigen Abständen über das Stück verteilte Töne. Die Monotonie des Araponga-Gesangs wird durch ein beharrliches B-Dur erzielt, das erst in der Coda verlassen wird. Villa-Lobos’ Vortragsanweisung für die Akkorde des letzten Abschnitts („wie eine Orgel“) soll den Nachhall des Klangs in einer Kathedrale andeuten – erzeilt durch das Halten der Tasten, ohne dass die Hämmer die Saiten berühren, sodass die tiefen Noten die Akkordtöne durch Vibration mitschwingen lassen. Der Untertitel Miudinho in Dansa bezieht sich auf die kleinen Schritte, wie sie für eine Form des Samba im Südosten Brasiliens charakteristisch sind. Das Stück ist als lebhaftes moto perpetuo geschrieben, wobei unregelmäßige Akzente eine rhythmische Struktur von großer Dynamik und kinetischer Energie erzeugen, zusätzlich verstärkt durch die Brillanz des Klavierparts.

 

Auf Villa-Lobos’ Einfühlungsvermögen in die Welt der Kinder ist vielfach hingewiesen worden. Zu seinen Klavierwerken gehören denn auch verschiedene Sammlungen, die entweder für Kinder bestimmt waren oder von ihnen inspiriert worden sind. Zwei davon sind hier aufgenommen: Carnaval das Crianças von 1919-20 und Francette et Piá von 1928. Obwohl beide Sammlungen einige Kompositionstechniken gemeinsam haben, ist die erste mit ihren in sich abgeschlossenen Vignetten merklich komplexer und technisch anspruchsvoller als die zweite mit ihrer zusammenhängenden Geschichte von dem brasilianischen Jungen Piá und und dem französischen Mädchen Francette. Carnaval das Crianças widmete Villa-Lobos seinen Enkelkindern, während Francette et Piá vom Verleger Max Eschig für die Kinder in Marguerite Longs Klavierklasse in Auftrag gegeben wurde. Interessanterweise treten die regionalen und universalen Dimensionen dieser ästhetischen Perspektive auf eine zärtliche Art und Weise im Untertitel der Suite Francette et Piá hervor: „Die Geschichte eines kleinen Indianerjungen aus Brasilien, der nach Frankreich ging und dort einem französischen Mädchen begegnete“. Das letzte Stück ist jeweils für Klavier zu vier Händen – in Carnaval zur Betonung des im Titel A Folia de um Bloco Infantil (Die Fröhlichkeit einer Kinderband) implizierten Gemeinschaftsgefühls, und in Francette, um die Begegnung das Wiedersehen der beiden Hauptpersonen und ihr zukünftiges Glück auszudrücken. 1929 komponierte Villa-Lobos einen Orchesterpart für Carnaval das Crianças, wobei die originalen Klavierfassungen unverändert blieben und durch Orchesterzwischenspiele unter dem Titel Momoprecoce miteinander verbunden wurden.

 

James Melo

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 


Close the window