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8.555740 - IVANOVS: Symphonies Nos. 8 and 20
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Jânis Ivanovs (1906-1983)

Jânis Ivanovs (1906-1983)

Sinfonie Nr. 8 h-Moll (1956) · Sinfonie Nr. 20 Es-Dur (1981)

 

Jânis Ivanovs gilt als der bedeutendste sinfonische Komponist Lettlands. Er wurde am 9. Oktober 1906 in der lettischen Kleinstadt Preili geboren und schloss 1931 sein Musikstudium am Staatskonservatorium in Riga ab, wo er bei Jâzeps Vîtols Komposition und bei Georg Schnéevoigt Dirigieren studierte. Nach dem Examen begann er seine langjährige Tätigkeit beim Lettischen Rundfunk, die schließlich zu seiner Berufung zum künstlerischen Direktor führte. 1944 trat er der Fakultät des Staatskonservatoriums bei, wo er ab 1955 als Professor lehrte. Seine Sinfonie Nr. 1 b-Moll komponierte Ivanovs im Jahr 1933. Leider sind Partitur und Orchesterstimmen dieses sinfonischen Erstlingswerks verschollen. 1936 wurden seine Bilder Lettgallens uraufgeführt. Es folgten die Sinfonie Nr. 2 d-Moll (1937) und die Sinfonie Nr. 3 f-Moll (1938); beide wurden vom Nationalen Sinfonieorchester Lettland unter der Leitung von Dmitry Yablonsky eingespielt (Marco Polo 8.223331). Diese frühen Werke, zu denen auch die sinfonische Dichtung Der Regenbogen von 1939 zählt, sind trotz ihrer Verwurzelung in lettischer Volksmusik im wesentlichen lyrische Kompositionen, in denen sich der Einfluss des Impressionismus und eines Skrjabin zeigt. In den Kriegsjahren schrieb Ivanovs seine Sinfonie Nr. 4 (Die Atlantis-Legende) (1941) und die Sinfonie Nr. 5 C-Dur (1945). Zusammen mit der Sinfonie Nr. 12 wurde sie für Marco Polo (8.223332) eingespielt. Sinfonie Nr. 6 (Der Lettgalle) von 1949 und Sinfonie Nr. 7 c-Moll zeigen Ivanovs’ Entwicklung hin zu einer reifen, eigenständigen Musiksprache, obwohl beide Werke noch stark von der Volksmusik Lettlands beeinflusst sind. Anlässlich seines 50. Geburtstages wurde Ivanovs’ Schaffen von sowjetischen und lettischen Kulturschaffenden gewürdigt. „Jânis Ivanovs’ Musik ist wie ein Gewitter, das die Luft mit seinen luziferischen Klängen reinigt. Seine Sinfonien gleichen griechischen Tragödien, erfüllt von Ekstase und Purifikation“, schrieb der lettische Komponist und Musikkritiker Margers Zârins.

 

Diese kraftvoll-dramatische Stimme ist in der Sinfonie Nr. 8 h-Moll von 1956 besonders evident. Der erste Satz verbreitet eine psychologisch-nachdenkliche Stimmung, die sich in strenger Farbgebung und einer konflikthaften Spannung äußert, nur gelegentlich gemildert durch eine schlichte, zärtlich-sanfte Melodie. Der zweite, scherzoartige Satz zeigt eine problemlose, humorvolle Weltsicht im freien Spiel der Natur. „Lebensbejahende Freude“ attestierte der Musikwissenschaftler und Ivanovs-Biograf Ludvigs Kârklins diesem Satz. Der dritte Satz ist von noblem Ernst und lyrisch im Sinne Bachs oder Händels. „Der leuchtende Idealismus des zweiten Satzes wird im dritten negiert“ (Kârklins). Im Finale, das dieses lyrisch-psychologische und dramatische Werk beschließt, wird der Kampf zwischen Freude und Ernst zugunsten einer kraftvollen Lebensbejahung entschieden.

 

Obwohl Ivanovs drei Streichquartette, verschiedene Vokal-, Klavier- und Kammermusikwerke, fünf sinfonische Dichtungen und drei Konzerte (je eines für Violoncello, Klavier und Violine) schrieb, sind es die 21 Sinfonien, die sein Schaffen definieren. Von 1960 bis zu seinem Tod im Jahr 1983 komponierte er dreizehn Sinfonien; die letzte, Sinfonie Nr. 21, hinterließ er als dreisätziges Fragment. In jedem Werk vermittelt er dem Hörer, den er direkt anzusprechen scheint, ein ungewöhnliches Gefühl von Intimität. Ivanovs’ melodische Gabe äußert sich in all seinen Werken; er sagte einmal, dass der melodische Gehalt das Wesen jeder seiner Kompositionen ausmache. Obwohl er sich schließlich von dem entfernte, was er selbst als „präzises, expressives und nationales Musikidiom“ bezeichnete, hörte er nie auf, sich vom Liedgut seiner lettgallischen Heimatprovinz im Südosten Lettlands inspirieren zu lassen. Für ihn war die Musik Lettgallens besonders wichtig, „weil sie sowohl slawische Schwermütigkeit als auch zarte Schönheit enthält“. Die Kennzeichen von Ivanovs’ musikalischer Handschrift sind Pathos, Farbe, Intensität, dramatische Intuition und eine außergewöhnliche Fähigkeit, kraftvolle Tongemälde zu schaffen. Noch zu Lebzeiten wurden ihm zahlreiche Ehrungen zuteil: Er war Präsident des lettischen Komponistenverbands und wurde 1956 mit den Titeln Volkskünstler der lettischen SSR (1956) und Volkskünstler der UdSSR (1965) ausgezeichnet.

 

Ivanovs’ letzte vollendete Sinfonie und gleichzeitig sein persönlichstes Werk war die Sinfonie Nr. 20 Es-Dur (1981). „Es sind Erinnerungen“, schrieb der Komponist. „Wenn man gewillt ist zu erfahren, was man heute ist, sollte man sich daran erinnern, was man war und welchen Weg man beschritten hat…“ Es handelt sich um ein tief tragisches Werk, eher Zyklus als Sinfonie. Die Visionen der Vergangenheit und der von Trauer erfüllte Gestus des ersten Satzes werden wiederholt von kraftvollen, an Beethoven erinnernden Orchesterrezitativen zurückgewiesen. „Diese Rezitative führen die musikalische Entwicklung zu einer ungestümen Suche nach Konflikten – zurückgenommene Klänge wie zur Bestätigung der tieferen Bedeutung des Kampfes und seines Platzes in der Ewigkeit“ (Kârklins). Der zweite Satz – ein erzählerisches Gedenken, absichtlich aus entfernter Sicht, aber hell und leuchtend – ist noch tragischer. In diesem Satz sieht Lârkins „den Gipfel des sinfonischen Glaubens von Lettgallens großem Musiker – das Lied der Lieder seiner Seele.“ Der dritte Satz, Menuetto:Reminiscenza, ist poetische Reflektion mit einem traurigen, bisweilen ironischen Lächeln. Das monolithische Finale ist von majestätischer Größe und ungestümer Kraft. In einer verallgemeinerten Bildsprache fängt der Komponist den raschen Puls seines Zeitalters ein. „Die Sinfonie scheint wie von einem goldenen Glanz überzogen. Textur und Klangfarbe erscheinen im gedämpften, gefilterten Sonnenlicht wie eine Skizze von Assoziationen, in denen sich die Welt der Ideen und Gefühle des Komponisten mit der Realität der Gegenwart vermischt“ (Kârkins).

 

Marina und Victor Ledin

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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