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8.555763 - LUTOSLAWSKI, W.: Double Concerto for Oboe and Harp / Dance Preludes / Chain I (Polish National Radio Symphony, Wit)
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Witold Lutoslawski (1913-1994)

Witold Lutoslawski (1913-1994)

Orchesterwerke, Folge 8

 

Es mag verlockend erscheinen, die vorliegenden Werke als Beispiele für die „leichtere”, „unterhaltendere” Seite der Musik Lutoslawskis zu bezeichnen. Tatsächlich aber nimmt jedes der fünf Werke einen besonderen Platz in seinem Schaffen ein. Die Tänzerischen Präludien sind eine Art Postskriptum zum Konzert für Orchester [Naxos 8.553779], dem Höhepunkt einer Phase, in der sich Lutoslawski mit der Volksmusik auseinandersetzte, ja auseinandersetzen musste. Das Doppelkonzert und, in kleinerem Maßstab, das Grave lösen viele der kompositorischen Probleme, mit denen der Komponist in den 1970er Jahren gerungen hat; ohne diese Werke wäre die groß angelegte Dritte Sinfonie [Naxos 8.553423] nicht möglich gewesen. In der Folgezeit suchte Lutoslawski nach neuen Wegen, seiner Musik Geschlossenheit zu verleihen; Chain I ist das erste von drei Stücken, in denen melodische Kontinuität im Vordergrund steht. Die Acht Kinderlieder schließlich zeigen Lutoslawskis positive Herangehensweise an die Prinzipien und Vorgaben der stalinistischen Kulturpolitik jener Zeit; sie stehen in der Tradition der volksliednahen Lieder eines Janác˘ek, Bartók oder Strawinsky.

 

Die Tänzerischen Präludien, Lutoslawskis „Abschied von der Folklore”, wie er sie selbst einmal bezeichnete, wurden ursprünglich für Klarinette und Klavier komponiert, im Jahre 1954. Die orchestrierte Fassung entstand ein Jahr später (im Jahre 1959 sollte noch eine Bearbeitung für Kammerensemble folgen), wurde aber erst im Jahre 1963 im Rahmen des Aldeburgh Festivals uraufgeführt, durch Gervase de Peyer (Klarinette) und das English Chamber Orchestra unter der Leitung von Benjamin Britten. Das erste Stück Allegro molto bringt ein munteres Thema im Soloinstrument, dezent begleitet vom Orchester. Das Andantino ist eine schwermütige Elegie, mit einem deutlich an Bartók gemahnenden Nebengedanken als Kontrast. Das Allegro giocoso erinnert, vor allem was den effektvollen Einsatz von Klavier und kleiner Trommel betrifft, an das Capriccio notturno aus dem Konzert für Orchester, das Lutoslawski kurz vorher vollendet hatte. Das Andante beginnt verhalten im Klavier und in den tiefen Streichern (ähnlich der Passacaglia aus dem Konzert), darüber entfaltet sich im Soloinstrument eine elegische Melodie, die am Ende des Stückes sowohl klanglich als auch emotional in der Schwebe bleibt. Die Auflösung bringt das lebhafte Allegro molto mit seinem volksliedartigen Thema und seiner synkopierten Begleitung; es endet mit einem witzigen „Knalleffekt”.

 

Das Doppelkonzert entstand im Auftrag des Schweizer Dirigenten Paul Sacher, des großen Förderers der neuen Musik, für den Oboenvirtuosen Heinz Holliger, auf dessen Wunsch hin eine obligate Harfenstimme für seine Frau Ursula in das Werk einbezogen wurde. Das Doppelkonzert wurde im Jahre 1980 vollendet und im August des Jahres durch das Ehepaar Holliger und das Collegium Musicum unter Paul Sacher uraufgeführt. Das Orchester besteht aus zwei Schlagzeugern und zwölf Streichern, die, obwohl die Anzahl vergrößert werden kann, wenn es der Aufführungsort erfordert, vom Komponisten als ein Ensemble von Solisten behandelt werden.

 

Das Rapsodico beginnt mit schwärmenden, schwirrenden Strukturen der Streicher, aus denen Oboe und Harfe mit einem eleganten Duett hervortreten. Dieser Wechsel zwischen den beiden musikalischen „Typen” wird immer lebhafter weitergeführt, bis eine schroffe Geste des Schlagzeugs beide in einem hochgradig spannungsvollen Appassionato zusammenführt. Der Abschnitt gipfelt in der Wiederkehr der schwärmenden Streicher und einem Ausbruch des Schlagzeugs; die Soloinstrumente bleiben allein zurück, um den Satz stockend, unsicher zu beenden.

 

Der zweite Satz Dolente beginnt mit einem Crescendo der gezupften Streicher, auf dessen Höhepunkt Oboe und Harfe mit einem klanglich sparsamen, aber dennoch ausdrucksvollen Dialog einsetzen. Ein ähnlicher Wechselprozess wie im ersten Satz beginnt, der weiter intensiviert wird, bis die Soloinstrumente durch zarte Akkorde des Marimbaphons in träumerische Bereiche geleitet werden. Nach einer kurzen Konfrontation mit dem Schlagzeug werden die Soloinstrumente gegen die immer höher aufsteigenden Streicher geführt, deren Crescendo unmittelbar zum Finale Marziale e grotesco überleitet.

 

Dieses beginnt als Geschwindmarsch für Oboe und Xylophon gegen die pirouettierenden Streicher, bevor die Harfe mit ihrem humoristischen Dialog mit den Glissandi der Streicher in den Vordergrund tritt. Mit den schrillen Tönen der Oboe, die durch magische Orchesterklänge kontrastiert werden, ist der Zentralabschnitt des Satzes erreicht. Ihm folgt eine Kadenz der Soloinstrumente, gipfelnd in der Wiederkehr der Streichergeste des Beginns und einer Reprise des Marsches, nun für Oboe, Harfe und Schlagzeug. Die Streicher setzen wieder ein mit einer noch dichter gearbeiteten Variante des „Schwärmens” vom Beginn des Konzertes, das nun seinem kurz angebundenen, entschlossenen Ende entgegeneilt.

 

Das Grave, untertitelt Metamorphosen für Violoncello und Klavier, entstand zum Gedenken an den polnischen Musikwissenschaftler und Kritiker Stefan Jarocinski (1912-1980) und wurde im April 1981 in Warschau uraufgeführt. Im folgenden Jahr bearbeitete Lutoslawski das Stück für dreizehn Solostreicher; diese Fassung erklang zum ersten Mal im August 1982 beim Festival Estival in Paris. Jarocinski war berühmt für seine Arbeiten über die Musik Debussys, vor allem über Pelléas und Mélisande, und so beginnt Lutoslawski seine Hommage mit einem Zitat aus der Waldszene, mit der Debussys Oper beginnt. Der ernste Dialog zwischen Violoncello und den übrigen Streichern kulminiert in einem heftigen rhythmischen Schlagabtausch, bevor eine verhaltene Kadenz das Stück seinem geisterhaften, ambivalenten Ende entgegenführt.

 

Nach der Vollendung seiner Dritten Sinfonie im Jahre 1983 suchte Lutoslawski nach einem neuen Ansatz, um seiner Musik formale Kontinuität zu verleihen, und entwickelte das von ihm so bezeichnete „Ketten-” (chain) Verfahren, bei dem die musikalischen Gedanken ineinander greifen, in der Weise, dass das Ende des einen mit dem Beginn des anderen überlagert wird, die Grenzen also bewusst verschleiert werden. Drei solcher Kompositionen entstanden in den nächsten drei Jahren; Chain 1 war ein Auftragswerk von Michael Vyner für die vierzehn Musiker der London Sinfonietta und wurde im Juli 1983 in London uraufgeführt. Drei Abschnitte sind erkennbar: Zunächst eine Folge kapriziöser Gesten für die Instrumente, die sowohl solistisch als auch als Mitglieder des Ensembles agieren; anschließend die Verschmelzung dieser Gesten zu immer weiträumigeren melodischen Linien (vor allem für Violoncello, Flöte, Violine und Trompete) und immer volleren Klangstrukturen, gipfelnd in einer dichten Akkordfolge und endend mit Tamtam- und Beckenschlägen; und schließlich ein kurzer Abschnitt, in dem die Spannungen gelöst und die Klangstrukturen ausgedünnt werden, wie man es von vielen seiner früheren Kompositionen her kennt.

 

In der Zeit von 1947 bis 1959 hat Lutoslawski 45 Kinderlieder komponiert; nicht aus bloßer Anpassung an die Richtlinien des sozialistischen Realismus, sondern vielmehr in der Absicht, einem gesellschaftlichen Bedürfnis zu entsprechen. Die vorliegenden Acht Kinderlieder entstanden nach Texten des polnischen Dichters Julian Tuwim (1894-1953). Die ersten beiden stammen aus dem Jahr 1948. Die verspätete Nachtigall ist ein scherzhaftes Wiegenlied, während dem nicht weniger humorvollen Über Herrn Tralalinski ein Nonsens-Gedicht zu Grunde liegt. Die übrigen sechs Lieder entstanden im Jahre 1947. Den kecken Rhythmen des Tanzes folgen zwei melancholischere Lieder, Jahr und Mühe und Kätzchen, die ihr Gegenstück in der flotteren Gangart von Hier kommt Grezs erhalten. Kleiner Fluss zeigt Lutoslawskis melodische Begabung, die er auch in den Walzern, Tangos und Foxtrotts unter Beweis gestellt hat, die er in den 1950er und frühen 1960er Jahren komponiert hat, unter dem Pseudonym „Derwid”. Vogelgeschwätz schließlich rundet die Liederfolge ab, in einer ausgelassenen Stimmung, die ganz natürlich wirkt.

 

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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