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8.555771 - KRAUS: Piano Music
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Joseph Martin Kraus (1756-1792)

Joseph Martin Kraus (1756-1792)

Sämtliche Werke für Clavier

 

Joseph Martin Kraus galt als einer der talentiertesten und ungewöhnlichsten Komponisten des achtzehnten Jahrhunderts. Geboren in Miltenburg am Main, erhielt er seine Ausbildung im nahe gelegenen Buchen und am Jesuiten-Gymnasium und Musikseminar in Mannheim, wo er deutsche Literatur und Musik studierte. Ein Studium der Rechte absolvierte er an den Universitäten Mainz und Erfurt sowie in Göttingen, wo er unter den Einfluss der letzten Vertreter des Göttinger Hainbundes, eines literarischen Sturm-und Drang-Kreises, geriet.

 

Im Jahr 1778 beschloss er, sich ganz der Musik zu widmen und sich um eine Anstellung am Hof des schwedischen Königs Gustav III. zu bewerben. Obwohl man ihm dort eine Position in Aussicht stellte, gelang es ihm nur unter größten Schwierigkeiten, sich die nötigen Verbindungen im Kulturleben Stockholms zu verschaffen, und die ersten beiden Jahre waren von großen Entbehrungen und dem Überwinden politischer Hindernisse gekennzeichnet. 1780 wurde er mit der Komposition eines Probewerks beauftragt, Proserpina, dessen Verse von Johan Kellgren auf einem Textentwurf des Königs basierten. Einer erfolgreichen Privataufführung in Ulriksdal im Jahre 1781 folgte seine Anstellung als stellvertretender Kapellmeister und 1782 eine vom König finanzierte Bildungsreise durch Europa, die ihn nach Deutschland, Österreich, Italien, England und Frankreich führte, wo er so bedeutenden Persönlichkeiten wie Gluck und Haydn begegnete.

 

1787 kehrte Kraus nach Stockholm zurück, wo er im darauffolgenden Jahr eine Anstellung als Erster Kapellmeister und Direktor des Curriculums an der Königlichen Musikakademie erhielt. In den nächsten Jahren erwarb er sich durch dirigentische Disziplin, seine kompositorischen Leistungen und seine pädagogischen Fähigkeiten einen hervorragenden Ruf in der schwedischen Hauptstadt. Er wurde Mitglied des literarischen Palmstedt-Kreises und trug entscheidend zum Aufstieg Stockholms zu einem der führenden europäischen Kulturzentren bei. Neun Monate nach dem tödlichen Attentat auf Gustav III. Starb Kraus im Alter von 36 Jahren an Tuberkulose.

 

Kraus war einer der innovativsten Komponisten des gesamten Jahrhunderts. In seinen frühen Studien lernte er den italienischen Stil der Mannheimer Schule, die kontrapunktische Strenge eines Franz Xaver Richter und Johann Sebastian Bach sowie den dramatischen Stil Carl Philipp Emanuel Bachs, Glucks und Grétrys. Er war ein vielseitig begabter Mann und tat sich auch als Theoretiker, Lehrer und – mit einer Gedichtsammlung und einer Tragödie – auch als Dichter hervor. Seine Abhandlung Etwas von und über Music fürs Jahr 1777 (Frankfurt 1778) ist eines der wenigen Beispiele der auf die Musik angewandten literarischen Sturm-und-Drang-Ästhetik. Sein kompositorischer Stil zeichnet sich durch unerwartete Elemente und durch Dramatik aus; es überrascht daher kaum, dass in seinen Werken fortschrittliche Stilmittel begegnen, die bereits die Musik des nächsten Jahrhunderts antizipieren.

 

Im Vergleich zu vielen seiner Zeitgenossen hinterließ Kraus nur relativ wenige Werke für Clavier. Überliefert sind lediglich sieben – zwei Sonaten, drei Variationszyklen und zwei kleinere Stücke, obwohl es Anhaltspunkte dafür gibt, dass er weitere Werke für dieses Instrument schrieb. So schickte er beispielsweise im März 1779 eine Sonate (VB 189) von Stockholm an die Mainzer Gräfin Ingenheim, vermutlich eine potentielle Gönnerin oder Freundin der Familie. Dieses Werk hatte eine beschwerliche Reise: im Juni wurde es Kraus seltsamerweise aus London zurückgeschickt, und bei der zweiten Sendung ging es verloren. Eine andere Sammlung von sechs Stücken (VB 206) wurde 1778 von einem holländischen Schiffskapitän gestohlen. Es ist jedoch möglich, dass es sich hierbei nicht um Clavierkompositionen gehandelt hat. Die überlieferten Werke beweisen aber, dass Kraus mit dem Instrument vertraut war und seine expressiven Möglichkeiten in einer Reihe von höchst individualistischen Werken ausnutzte. Obwohl er selbst kein studierter Pianist war, produzierte er sich wiederholt bei Soiréen des Palmstedt-Kreises oder im Freundeskreis mit eigenen bzw. fremden Werken auf dem Clavier. Anlässlich einer dieser Gelegenheiten vermerkte der spanische Botschafter Miranda in seinem Tagebuch: „Kraus spielte wie ein Engel.“

 

Das Rondo F-Dur (VB 191), entstanden zwischen 1778 und 1780 in Stockholm, ist eines von Kraus’ ältesten erhaltenen Solowerken für Tasteninstrument. Es wurde Anfang 1782 in Manuskriptform vom Wiener Verleger Johann Traeg verkauft. Die stilistischen Ähnlichkeiten mit den Werken C.Ph.E. Bachs zeigen dessen Einfluss in Bezug auf Verzierung, Wechsel von Intensität und Dynamik sowie in der freien Verwendung des thematischen Materials in jeder der vier Episoden oder Variationen. Das Hauptthema gibt sich sanft und lyrisch und gestattet die Auflösung der spannungsbildenden Kontraste, wodurch flüssige Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten gewährleistet sind.

 

Die dreisätzige Sonate Es-Dur (VB 195) ist in verschiedenen Gestalten erschienen: Sie erblickte zuerst als Sonate für Violine und Klavier 1785 in Paris die Welt, von wo sie nach Mitteilung des Kraus-Biographen Friedrich Schreiber als Geschenk an Maria Aloysia von Born, die Tochter des bekannten Wiener Freimaurers Ignaz von Born, geschickt wurde, den Kraus 1783 während seines Aufenthalts in der Donaustadt kennen gelernt hatte. Wenn man der Theorie des Musikforschers Hans Eppstein Glauben schenkt, basierte dieses Stück auf einer früheren Fassung für Soloclavier. Diese Fassung wurde jedenfalls zusammen mit der Sonate E-Dur, die später in dieser Einspielung vorgestellt wird, von einem Kraus-Freund, dem Stockholmer Verleger, Pianisten und Komponisten Olof Ahlström als eines der ersten Werke veröffentlicht, nachdem Kraus 1788 das königliche Privileg erhalten hatte. Es handelt sich hier um seine ‚klassischste’ Sonate, in deren erstem Satz besondere Aufmerksamkeit einer relativ konventionellen Formstruktur und der korrekten Balance von Gesanglichkeit und Virtuosität gilt. Besonders bemerkenswert ist eine fast beethovensche, parlando-artige Durchführung, aus der sich ein in entfernte Tonarten schweifender Abschnitt aus gebrochenen Akkorden im Zweier- und Dreiertakt entwickelt. Der zweite Satz besteht aus einer langen Variationsreihe über ein schlichtes, fließendes Thema. Die sieben Variationen zeichnen sich u.a. durch Expressivität und hohe technische Anforderungen aus. Die erste erinnert an österreichische Volksmusik, während die Variationen drei bis fünf aus einem Menuett-Paar bestehen, gefolgt von einem Larghetto in b-Moll und einem Adagio, dessen Thema als Inbegriff des Lyrismus gelten darf. Das Finale ist ein Schaustück, dessen virtuoses Feuerwerk immer wieder von Rallentandi unterbrochen wird. Die harmonischen Überraschungen des Durchführungsabschnitts wären selbst in einer Beethoven-Sonate nicht deplatziert. Das Werk endet schwungvoll-virtuos.

 

Das Scherzo con variazioni C-Dur (VB 193) ist eine ungewöhnliche Variationsreihe über ein äußerst einfaches, aus einer Folge von Horn-Quinten und Auflösungen bestehenden Thema, das später als Lied bekannt wurde. Es gilt als gesichert, dass diese Variationen 1785 in London entstanden, als Kraus an den zur einhundertsten Wiederkehr von Händels Geburtsjahr veranstalteten Feiern teilnahm. Später erschien es bei Ahlström und wurde zu einem Lieblingsstück schwedischer Pianisten. In London erschien es – mit einer amateuristisch hinzugefügten Violinbegleitung – sowohl unter Joseph Haydns als auch unter Pleyels Namen. Im gesamten Verlauf dieses Werks erforscht Kraus die nahezu unbegrenzte Vielfalt der Variationstechnik, wobei sowohl die Virtuosität als auch der musikalische Aspekt berücksichtigt werden. Besonders bemerkenswert sind die fünfte Variation, in der die Musik gleichermaßen trunken von einer seltsamen Molltonart zur anderen torkelt, die zehnte, die auf einem schottischen Motiv basiert, und die letzte mit ihrem fröhlichen Kehraus-Charakter.

 

Das extrem kurze Larghetto (VB 194) entstand vermutlich ca. 1787-1788 in Stockholm. Es gibt keinerlei Informationen über den Entstehungsanlass dieser schwungvollen Gavotte, aber es ist wahrscheinlich, dass das Thema als Ausgangspunkt für Variationen gedacht war.

 

Die Sonate E-Dur (VB 196) ist Kraus’ komplexestes und anspruchsvollstes Clavierwerk. Es wurde vermutlich 1788 speziell zur Veröffentlichung durch Ahlström geschrieben. Der ungewöhnliche Dreivierteltakt des Beginns und der weite thematische Schwung deuten bereits auf Beethoven voraus. Oktavparallelen und kraftvolle Themenvorstellungen verleihen dem Satz eine unerwartet fortschrittliche Kraft, während der Komponist frei und oft moduliert. Der zweite Satz besticht durch fließende Tempi und durch eine Expressivität, die von C.Ph.E. Bachs Fantasien inspiriert scheint, während Stil und Klang bereits auf spätere Komponisten wie etwa Chopin oder Liszt vorausweisen. Der Satz erforscht ein dunkles musikalisches Spektrum und kehrt nur gelegentlich mit kurzen, melodisch fließenden Abschnitten in die lyrische Welt des Klassizismus zurück. Das marschähnliche Thema des Finales leitet eine abschließende Variationsreihe ein, die sowohl musikalische Vielfalt als auch Virtuosität demonstriert. Besonders eindrucksvoll ist die Stelle, an der Kraus plötzlich zu einem zusammengesetzten Rhythmus wechselt, wodurch die Variationsmelodie zu einer seltsamen Gigue wird – ein humorvolles Gegengewicht zur virtuosen Bravour der vorausgegangenen Variation. Es folgt ein geisterhaftes Sostenuto, das dem berühmten Satz aus Beethovens Mondscheinsonate merkwürdig ähnelt. Schließlich kehrt das Marschthema zurück, gleichermaßen das Aufstellen der musikalischen Truppen nach einem abwechslungsreichen und schwierigen Marsch.

 

Den Schwedischen Tanz (VB 192) komponierte Kraus während seiner ersten zehn Jahre in Schweden, wahrscheinlich eher 1788 als 1778. Das Stück steht in C-Dur und besteht aus einer Reihe von drei kurzen Variationen über ein wiederkehrendes rhythmisches Tanzthema. Warum Kraus diesen Tanz schrieb, ist nicht bekannt, denn gewöhnlich interessierte er sich nicht für diese Art von nationalen Melodien. Möglicherweise wollte er aber mit seinem Rivalen, dem Abbé Vogler, konkurrieren, den er im Verdacht hatte, seine Position am schwedischen Hof zu untergraben. Vogler hatte sich nicht zuletzt mit seinen Transkriptionen von ‚Volksmelodien’ (einschließlich bizarrerweise einiger, deren Ursprungsländer er mit Grönland und China angab), hervorgetan und so könnte es durchaus sein, dass Kraus mit diesem Stück beweisen wollte, dass er ebenfalls in der Lage war, Ähnliches zu produzieren.

 

Das letzte Werk dieser Einspielung ist ein Menuett-Paar mit dem Titel Zwei neue kuriose Minuetten (VB 190). Nach der einzig erhaltenen Quelle entstand es 1780 als musikalischer Spaß, den Kraus an J.S. Bachs Biographen Johann Nikolaus Forkel adressierte, mit dem er während seiner Göttinger Zeit die Vorzüge der alten Musik diskutiert hatte. Es handelt sich hier um ironische Seitenhiebe auf Bach. Das erste Menuett ist eine Parodie eines Stücks aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, einschließlich seltsamer Chromatismen und rhythmischer Wendungen. Das zweite Menuett ist ein musikalischer Spass über die Arbeit eines inkompetenten Komponisten (eine direkte Anspielung auf Forkel). Das c-Moll-Stück schwankt plötzlich mit einer Reihe von wiederholten Achtelnoten zur Dominante der parallelen Durtonart. Indem sich der Komponist realisiert, dass er zur falschen Tonart moduliert hat, bedient er sich einer seltsamen Terzfolge, um die Tonalität wieder in die korrekte Richtung zu zerren. Die deplatzierten Oktaven und die rhythmische Unstimmigkeit des Schlusses sind genau kalkuliert, um den Adressaten zu ärgern und den Hörer zu belustigen.

 

Bertil van Boer

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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