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8.555791 - MUSIC FOR SOLO HARP
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Musik für Soloharfe

Im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte kam die Harfe, eines der ältesten Musikinstrumente überhaupt, zu einem immer größeren Vorrat an chromatischen Tönen und Tonarten. Über die Doppelharfe des späten 16. Jahrhunderts und die Tripelharfe führte der Weg zunächst zur einfachen Pedalharfe des 18. Jahrhunderts, deren tonartliche Möglichkeiten trotz einer deutlichen Verbesserung noch immer begrenzt waren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte dann Erard die Doppelpedalharfe mit ihren sieben Pedalen, die es nunmehr erlaubte, jeden einzelnen Ton der auf ces gestimmten diatonischen Leiter um einen oder zwei Halbtöne zu erhöhen. Die vorliegende Veröffentlichung enthält Werke für einfache Pedalharfe und solche für Doppelpedalharfe, zu deren wichtigsten Pionieren der in England geborene Musiker Elias Parish Alvars gehörte.

Um 1845 komponierte Franz Liszt drei Lieder mit dem Titel Liebesträume, die er später für Klavier einrichtete. Das dritte dieser Werke entstand auf das Lied O lieb’, o lieb’ so lang du lieben kannst, in dem sich der zeitweilig aus politischen Gründen verbannte Ferdinand von Freiligrath mit der Vergänglichkeit der Liebe auseinandersetzte. Die Harfentranskription stammt von der französischen Harfenistin Henriette Renié, die schon als Zwölfjährige den Premier Prix des Pariser Konservatoriums erhielt und im Laufe ihrer großen Karriere etliche französische Komponisten inspirierte, für die Harfe zu schreiben.

Gaëtano Donizettis Oper Lucia di Lammermoor geht auf Sir Walter Scotts Roman The Bride of Lammermoor zurück. Auf hinterlistige Weise wird die Titelheldin durch ihre Familie dazu gebracht, einen ungeliebten Mann zu heiraten, den sie dann während der Hochzeitsnacht im Wahnsinn ermordet. Im ersten Akt der Oper verläßt Lucia mit ihrer Dienerin Alisa das Schloß, um in höchster Erregung bei dem Springbrunnen im Park auf ihren wahren Geliebten Edgardo zu warten. Das Harfensolo ist eine kunstvolle Arbeit des Deutschen Heinrich Zahel, der einen großen Teil seines Lebens als Soloharfenist des Kaiserlichen Balletts von St. Petersburg und als Professor am dortigen Konservatorium zubrachte.

Der 1804 in Novospasskoye bei Smolensk geborene Mikhail Glinka war einer der Pioniere der russischen Nationalromantik, der - wie einige seiner Nachfolger - keine systematische Musikausbildung genossen hatte und auch nicht über jenen Professionalismus verfügte, den die Brüder Anton und Nikolai Rubinstein später den russischen Musikern bieten konnten. Als Glinka 1828 sein Nocturne in Es-dur für Harfe schrieb, hatte er sich bereits die Komposition einer Oper vorgenommen, die dann acht Jahre später nach Studien in Deutschland als Ein Leben für den Zaren Gestalt annahm. Das Nocturne ist ein bezauberndes Beispiel für die Charakterstücke der damaligen Salonmusik.

Der österreichische Komponist Hugo Reinhold wurde 1854 in Wien geboren. Er war zunächst Chorist in der Hofkapelle. Dann studierte er am Wiener Konservatorium unter anderem bei Anton Bruckner, Otto Dessoff und Julius Epstein. Er war ein ausgesprochen fruchtbarer Komponist, dessen Schaffen allerdings heute weitestgehend vernachlässigt wird. Das anspruchsvolle und attraktive Impromptu op. 28 Nr. 3 verlangt vom Spieler einiges an technischer Virtuosität.

Seinen zweiten Etüdenzyklus hat Frédéric Chopin Franz Liszts Lebensgefährtin, der Gräfin Marie d’Agoult gewidmet. Die erste Etüde des 1836 erschienenen Werkes erhielt wegen seiner Arpeggio-Figuren den Spitznamen Äolsharfe. Die vorliegende Einrichtung für Harfe stammt von dem Komponisten und Harfenisten Wilhelm Posse, der vor allem in Berlin wirkte. Neben anderen Harfentranskriptionen hinterließ er auch die Übertragung dreier Chopin- Etüden sowie der Liebesträume und Consolations, zu denen ihn Franz Liszt selbst ermutigt hatte.

Mit sechs seiner Claviersonaten hat Franz Anton Rosetti, der um 1750 im böhmischen Litomeÿrÿice unter dem Namen Rösler geboren wurde, auch dem Harfenrepertoire nützliche Beiträge geliefert. Nachdem er seine musikalische Laufbahn als Kontrabassist begonnen hatte, wurde er zunächst Kapellmeister von Wallerstein und dann beim Herzog von Mecklenburg-Schwerin. Er genoß seinerzeit großes Ansehen, was beispielsweise daraus ersichtlich ist, daß er 1791 aus Prag den Auftrag erhielt, ein Requiem für Mozart zu verfassen. Die hier eingespielte dreisätzige Sonate mit ihrem abschließenden französischen Rondeau bewegt sich im damals geläufigen Stil des früheren Haydn.

Der vorzügliche Komponist und Geiger Louis Spohr wurde 1805 Kapellmeister in Gotha. Hier heiratete er ein Jahr später die Harfenistin Dorette Scheidler, die dann zwischen 1813 und 1815 am Theater an der Wien tätig war, indessen ihr Ehemann das dortige Orchester leitete. Bis 1821 unternahmen die Eheleute gemeinsame Konzertreisen. Dann ließen sie sich in Kassel nieder, wo Spohr während der nächsten 37 Jahre als Kapellmeister wirkte. Seine Harfenkompositionen entstanden vor allem in der Zeit des gemeinsamen Konzertierens und sind für die einfache Pedalharfe geschrieben, da Frau Spohr (sie starb 1834) das inzwischen entwickelte Instrument von Erard nicht benutzte. Die Fantasie op. 35 stammt aus den ersten Jahren der gemeinsamen Konzertreisen und wurde 1807 in Leipzig von der Kritik ganz besonders gefeiert.

Wilhelm Posse wurde 1852 als Sohn eines Militärkapellmeisters in Bromberg geboren und erfuhr seine frühe musikalische Ausbildung durch seinen Vater. Als Harfenist war er zunächst Autodidakt. Dann nahm er Stunden bei dem Parish Alvars-Schüler Louis Grimm, dem Ersten Harfenisten der Königlichen Musik in Berlin. Auch Posse war später an der Königlichen Kapelle zu Berlin tätig; außerdem unterrichtete er an der Berliner Musikhochschule. Seine Ratschläge hinsichtlich des Harfenspiels waren Komponisten wie Richard Strauss willkommen, und er genoß die besondere Wertschätzung von Franz Liszt. Posse war einer der ersten Virtuosen, die eine Harfe der amerikanischen Firma Lyon & Healy spielte: Dieses Instrument war eine Weiterentwicklung der Erard-Harfe und auf die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen in Amerika zugeschnitten.

Der Harfenist Elias Parish Alvars wurde 1808 als Nachkomme jüdischer Vorfahren im englischen Teignmouth geboren. Schon 1823 unternahm er seine erste Deutschland-Tournee. Er hatte in London bei Erards Protégé François Joseph Dizi sowie bei Nicholas Charles Bochsa studiert, der sich an der Themse niedergelassen hatte, nachdem er in Frankreich wegen Urkundenfälschung verurteilt worden war. Später ließ er sich von Bochsas Schüler Théodore Labarre ausbilden. Schauplatz seiner Karriere war vor allem die Donaumetropole Wien, wo er als Kaiserlicher Kammermusiker angestellt war und die technischen Möglichkeiten des Harfenspiels weiterentwickelte. Einige der größten Komponisten wie Mendelssohn, Berlioz und Liszt bewunderten und schätzten ihn. Von seinen beinahe 100 veröffentlichten Werken sind die meisten für die Harfe geschrieben, wobei zu erwähnen ist, daß er seine kompositorischen Fähigkeiten bei Bruckners Lehrer Simon Sechter und bei Iganz von Seyfried in Wien vertieft hatte. Seine Serenade ist ein wirkungsvoller Beitrag zum Harfenrepertoire.

Un sospiro (Ein Seufzer) ist die dritte von drei Konzertetüden, die Franz Liszt 1849 seinem Vetter Eduard widmete. Die programmatischen Titel kamen erst bei einer späteren Veröffentlichung hinzu. Mit seinen als armonioso quasi arpa bezeichneten Arpeggien lädt Un sospiro förmlich zu Transkriptionen ein. Das virtuose Harfenarrangement stammt von Henriette Renié.

Keith Anderson

Übersetzung: Eckhardt van den Hoogen


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